(DIGITAL) LEADERSHIP

Wissensarbeiter

Der Umbau von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft stellt unsere Konzepte von Arbeit auf den Kopf. Führungskräfte begeben sich auf Augenhöhe mit ihren Mitarbeitern. Doch das gelingt nur dem, der sich selbst kennt und den Gegenüber. Das braucht Zeit.

I
m Hamburger Savoy Filmtheater geht das Licht aus, Gespräche verstummen. In der Stille machen sich auf der Leinwand riesige Buchstaben breit: „97 Prozent halten sich selbst für eine gute Führungskraft.“ (Gallup Engagement Index Deutschland) Das Publikum im Saal lacht. Dabei sitzen nicht wenige Führungskräfte in den ausverkauften Reihen im Preview des Kinofilms zum Kulturwandel in der Arbeitswelt „Die Stille Revolution“. Der Dokumentarfilm von Regisseur Kristian Gründling nach einer Vision von Bodo Janssen fragt nach dem Sinn unternehmerischen Handelns und nach dem Menschen. Seine Antwort ist ein radikaler Kulturwandel in der Arbeitswelt am Beispiel des Unternehmens Upstalsboom.


Die Rollen sind neben Geschäftsführer Bodo Janssen und seinen Mitarbeitern, den „Upstalsboomern“, interdisziplinär besetzt, u.a. mit Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, Sozialphilosoph Frithjof Bergmann, Benediktinermönch Anselm Grün und Peter Bostelmann, Director SAP Global Mindfulness Practice. Jeder Protagonist leistet seinen Beitrag zum Kulturwandel in der Arbeitswelt. Sie blicken zurück ins Industriezeitalter, als Menschen an den Maschinen zu funktionieren hatten und Führung über Belohnung und Bestrafung erfolgte, und nach vorne: Wie sieht Führung im 21. Jahrhundert in Wissensgesellschaft aus? „Menschen müssen selbst mitdenken, sich organisieren und eigenen Sinn entwickeln“, befindet Wolf Lotter von Brand eins. Das Bild der Führungskraft ändere sich. Es ginge nicht mehr darum der Klügste zu sein, sondern darum, die Klügsten um sich scharen und den Menschen helfen, sich zu entfalten.

Arbeiten 4.0 wird auf der re:publica gelebt: Alle begegnen sich auf dem Festival für die digitale Gesellschaft in Berlin offen, tauschen sich aus und bilden Netzwerke. Wer arbeiten muss, arbeitet halt.
FOTO: RE:PUBLICA, JAN MICHALKO (CC BY-SA 2.0)

Diese Einsicht ist Chef Janssen nicht von selbst gekommen. Es sind seine Mitarbeiter, die ihn 2010 in einer vernichtenden Befragung zum Umdenken zwingen. Der Betriebswirt legt seine Management- Bücher beiseite und besucht über ein Jahr lang regelmäßig ein Kloster. „Zuzugeben, dass man bedürftig ist, ist schwer – gerade für Führungskräfte“, weiß Pater Anselm Grün. „Viele sehnen sich nach Stille, doch in der Stille kommen verdrängte Bedürfnisse hoch, das ist schmerzhaft.“ In seinen Seminaren erlebt der Benediktinermönch, dass sich viele Führungskräfte selbst nicht gut kennen. Sie haben nur Instrumente des Führens kennengelernt. Pater Anselm ist überzeugt: „Führen kann nur, wer der eigenen Seele begegnet.“

Bodo Janssen begibt sich seither mit seinen Mitarbeitern an den Konferenztisch. Gemeinsam entwickeln sie ein Leitbild und eine Unternehmenskultur für Upstalsboom. Wertschätzung und Achtsamkeit sind Werte, die Anna Heuer aus dem Bereich MICE Sales im Film hervorhebt. „Es ist schön, wenn man wertgeschätzt wird.“ Janssen erklärt: „Das Prinzip, mit dem wir diesen Weg beschritten haben, lässt sich mit ‚Wertschöpfung durch Wertschätzung‘ gut beschreiben.“ Selbst wenn er nicht mehr (nur) auf Zahlen sieht, beeindruckt seine Bilanz: Die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigt auf 80 Prozent, die Zahl der Bewerbungen um 500 Prozent, der Krankenstand sinkt von acht auf drei Prozent. In drei Jahren verdoppeln sich die Umsätze.


Im Preview-Publikum sitzt Alexander Birken. Nach der Filmvorstellung nimmt der Vorstandsvorsitzende der Otto Group zur Diskussion auf dem Podium Platz. Offen berichtet er über den so genannten „Kulturwandel 4.0“ in seinem Unternehmen. Ausgelöst hatte ihn die Erkenntnis, dass die mit der digitalen Transformation verbundene Dynamik und die sich kontinuierlich verändernden Kundenbedürfnisse ein ganz neues, agileres Denken und Handeln erfordern: „Wir wussten, dass wir uns anders aufstellen und die Otto Group – und genauso uns selbst – verändern müssen, wenn wir auch in Zukunft am Markt bestehen wollen.“ Es galt und gilt, bisherige Geschäftsprozesse zu hinterfragen, hierarchische Barrieren abzubauen und ein neues Wir-Gefühl zu schaffen. Alexander Birken: „Der erste Schritt war, sich im Vorstand über ein neues Miteinander auszutauschen, also tatsächlich bei sich selbst anzufangen.“

Annett Polaszewski- Plath, Eventbrite: Gefragt sind Führungskräfte, die mit Empathie und Diplomatie begeistern – Qualitäten, die vor allem Frauen zugeschrieben werden.
FOTO: EVENTBRITE

„Ich möchte die Mitarbeiter so führen, dass sie keinen Chef mehr brauchen“, postuliert Sebastian Schmidt, Direktor des Hotels Deichgraf, Upstalsboom. Für Sara Parr ist der Hoteldirektor ein Best Practice für ihren Vortrag auf der BOE 2018. Den Deputy Director Marketing & Strategy / Content Marketing & Digital Channels beim German Convention Bureau (GCB) beschäftigt das Thema „New Work“, ein alternatives Arbeitsmodell als Gegenentwurf zum Kapitalismus. Entworfen hat es der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann und die Kreativität und Persönlichkeit des Mitarbeiters in den Vordergrund gerückt. Für Parr ist „New Work“ mehr als ein Buzzword. Schließlich geht es um die digitale Transformation und die Arbeitswelt 4.0 und somit die Diskussion über das Arbeiten von morgen – damit müsse sich die Tagungsindustrie besser früher als später auseinandersetzen.

Wie das German Convention Bureau will das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Dialog anregen. Es ruft das „Wissenschaftsjahr 2018 – Arbeitswelten der Zukunft“


aus und alle in der Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur Tätigen auf, sich bei Diskussionsrunden, Filmvorführungen und Mitmach-Aktionen an der Frage zu beteiligen, die alle betrifft: Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Bedeutet das „Digital Age“, die vierte industrielle Revolution, doch den größten Wandel der Arbeitswelt seit der ersten industriellen Revolution: Es bilden sich Netzwerke, verbunden durch Kollaboration, interdisziplinäre Teams und neue Denkmuster. Eine junge Generation von Wissensarbeitern fordert Flexibilität und Entfaltung. Wie sich die Logik des Arbeitsmarktes umkehrt, macht Thomas Sattelberger, Personalvorstand a.D. Telekom, im Film „Die stille Revolution“ deutlich: Damals passten sich die Menschen an die Firmen an, heute passen sich die Unternehmen an die Talente an.

„Wir wissen, dass die oft als verwöhnt gescholtene Generation Y will nicht mehr so arbeiten will wie ihre Eltern: Sie wollen nicht nur als Arbeitnehmer, sondern auch als Menschen ernst genommen werden. Ihr Job muss nicht nur fair bezahlt sein, sondern auch Spaß machen, Sinn stiften“, bemerkt Annett Polaszewski-Plath. Für die General Managerin Germany Eventbrite erfordert das Führungskräfte, die nicht nur auf Pflichterfüllung setzen, sondern ihre Kollegen mit Empathie und Diplomatie begeistern können. „Qualitäten, die vor allem Frauen zugeschrieben werden“, so Polaszewski-Plath. „Das ist eine riesige Chance für weibliche Führungskräfte an den Hebeln der Macht – vor allem in Unternehmen mit vergleichsweise jungen Mitarbeitern.“

„MUT IST DER TREIBSTOFF DES HANDELNS“

FOTO: AXICA, THOMAS RAFALZYK
FOTO: AXICA, THOMAS RAFALZYK
Marc Mundstock, Geschäftsführer des Axica Kongress- und Tagungszentrums am Pariser Platz in Berlin.

tw:Wie kommt es, dass der Preview zum Kinofilm „Die stille Revolution“ mit anschließender Diskussion in Berlin in der Axica stattgefunden hat?
Marc Mundstock:
Ich habe das Buch „Die stille Revolution – Führen mit Sinn und Menschlichkeit“ von Bodo Janssen gelesen, sein Seminar besucht und den Kontakt hergestellt. Uns fixen solche Themen an. Wir halten sie für so wichtig, dass wir gerne unsere Gäste daran teilhaben lassen wollen und die Axica als Ort der Begegnung bereitstellen.

Sie beschäftigt folglich das Thema Kulturwandel in der Arbeitswelt und neue Unternehmensführung?
Ja, das Thema beschäftigt mich sehr – es ist derzeit in aller Munde. Besonders spannend finde ich, dass Bodo Janssen es als Revolution beschreibt. Vielleicht ist es zum ersten Mal in der Geschichte der Arbeitswelt, dass Veränderungen nicht – wie in der industriellen Revolution von oben und wie zu Zeiten der Arbeitskämpfe von unten erzwungen werden. Sondern gemeinsam, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer Fragen stellen und Antworten finden. Aus der Sicht einer kleinen Firma mit 37 Mitarbeitern wünsche ich mir diese Intelligenz und Mündigkeit sehr. Vernetztes Denken, vernetztes Handeln, vernetzter Erfolg. Mut ist der Treibstoff des Handelns.

Seit fünf Jahren führen Sie die Axica und ihre Mitarbeiter. Hat sich Ihr Führungsstil angesichts der Digitalisierung und des demografischen Wandels verändert?
Ja, ich habe mich verändert und meinen Stil entwickelt. Die Verantwortung für Menschen verändert einen. Digitalisierung oder demografischer Wandel sind weniger Antrieb für meinen veränderten Führungsstil, sondern der Mensch. Jeder Mitarbeiter ist verschieden, in dem wie er geführt werden möchte oder muss. Jeder hat gewisse Talente. Die Aufgabe ist, mit dem Team ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich jeder einbringen kann und jeder den anderen wertschätzt. Da bin ich wieder bei dem Thema der Revolution, beim Wandel in der Arbeitswelt. Es liegt nicht nur am Unternehmer, sondern an der Bereitschaft der Mitarbeiter, diesen Wandel mitzugestalten. Freiräume, die die Führungskraft gibt, müssen genutzt werden. Das bedingt Handeln und die Übernahme von Verantwortung – und da liegt noch viel Arbeit vor uns.
KERSTIN WÜNSCH




Das dämmert den Digital Media Women (DMW). Nicht nur in Berlin, wie mit der Friedrich-Naumann- Stiftung, laden sie zur Lesung „Netzwerk schlägt Hierarchie“ ein. Die Autorin ist Christiane Brandes- Visbeck, ein DMW-Mitglied. Digital Leadership hat nach ihrer Ansicht nichts damit zu tun, wie digital oder analog ein Unternehmen ist, es ist vielmehr eine neue Art der Führung. Ein Digital Leader führt nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe, er baut Brücken zwischen Hierarchie und Netzwerkorganisation und pflegt eine positive Fehlerkultur. Das erfordert Offenheit und den Mut, Verantwortung und Herrschaftswissen abzugeben sowie einen kontrollierten Kontrollverlust zu akzeptieren. Dass das Unternehmen umtreibt, bestätigt Tobias Wittich, Gründer und Geschäftsführer von „The Place Berlin“. Corporates buchen seine Location mit Café und großem Hinterzimmer für 100 Personen, um drei Themen zu besprechen: Digitale Disruption, Digital Entrepreneurial Mindset und New Ways of Working.


Ob „New„, bzw. „Digital Leadership“ oder „Führung 4.0“: Die sogenannte VUKA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) fordert andere Führungsmodelle. Dass „Business as usual“ keine Option mehr ist, wissen die Betroffenen und wählen „Leading in an Era of Rising Uncertainty and Greater Complexity“ als Leitthema für ihre Annual Wharton Leadership Conference 2017 und fragen sich: „What makes a leader?“ Deborah Brecher, Accenture Strategy, rät in ihrem Vortrag zur vierten industriellen Revolution, sich von der hierarchischen Organisation zu verabschieden. „Unsere Arbeit verändert sich, unsere Mitarbeiter verändern sich, die Art und Weise, wie Arbeit erledigt wird, verändert sich. Und was die Arbeit ist, verändert sich.“ Das Tempo der Veränderungen vor Augen fragt sie: „Was macht das mit uns als Führungskräfte?“

Wie organisatorische Transformation gehen kann, demonstriert Diane Gherson, Chief Human Resources Officer bei IBM. Das Unternehmen strukturiert um auf flache Hierarchien und gründet kleine unternehmerische Gruppen. IBM bildet 165.000 Mitarbeiter in agilen Methoden aus und richtet ein Areal in der Größe von 161 Fußballfeldern als „agilen“ Arbeitsraum zur Förderung der Zusammenarbeit ein. Ghersons Fazit: „Technologie wird neu definiert, aber wir als Führungskräfte müssen uns auch neu definieren.“ Bei allen technischen Tools reicht auf der Leadership Conference ein Handzeichen, um die Lage zu beschreiben. „Wie viele von Ihnen arbeiten in einer klassischen hierarchischen Organisation?“, fragt Deborah Brechers. Viele Hände gehen hoch. Sie bemerkt: „Okay. We’re kissing that goodbye!“ Und begrüßen den Kulturwandel in der Arbeitswelt.  KERSTIN WÜNSCH
 

www.die-stille-revolution.dewww.wissenschaftsjahr.dehttps://events.wharton.upenn.edu/leadership-conference
„Führen kann nur, wer der eigenen Seele begegnet.“
Pater Anselm Grün
„Ich möchte die Mitarbeiter so führen, dass sie keinen Chef mehr brauchen.“
Sebastian Schmidt, Hoteldirektor Hotel Deichgraf, Upstalsboom
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