Editorial

„Wir brauchen den Austausch. Dringend!“

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u Veranstaltungen, die ich nicht einschätzen kann, gehe ich gerne etwas früher hin. Die Demonstration „#Unteilbar – Solidarität statt Ausgrenzung“ in Berlin ist so eine. Ich streiche um die 450 Gruppen herum, die sich am Alexanderplatz aufstellen. Lese ihre Schilder, höre ihre Gespräche. Hier und da frage ich mich: Will ich mich vor deren Karren spannen lassen? Die Antwort geben mir die vielen Menschen wie Sie und ich: Es kommen immer mehr. Und mehr. Am Ende sind wir 242.000. Wir kennen uns nicht, doch das gemeinsame Anliegen eint uns: Für eine offene und freie Gesellschaft und gegen Rassismus. Wir sind sehr viele und sehr verschieden und fühlen uns doch zugehörig – anders als vor Fernsehern oder auf Facebook. Das tut gut. Und das können nur Veranstaltungen.

„Wir brauchen den Austausch. Dringend!“, sagt Dr. Ralf Schulze im Interview. „Nur im persönlichen Gespräch kann ich erkennen, dass mein Gegenüber – egal ob Ausländer, oder eher rechts eingestellt – im Zweifel mehr mit mir gemeinsam hat, als das was uns vielleicht äußerlich trennt.“ Der Geschäftsführer der C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren hat leidvoll erfahren müssen, wie die internationale Presse nach den Ausschreitungen Rechtsextremer in Chemnitz seine Stadt und Sachsen ins Visier nimmt: „Es ist beunruhigend, wenn ein rechter Mob in den Straßen einer Stadt randaliert. Doch aus offenkundigen historischen Gründen sind solche Szenen in Deutschland besonders erschreckend.“ (The Guardian)

Zur Management Fachtagung 2018 des EVVC – Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren tritt Schulze mit seiner Session „Öffentliche Diskussionsforen und Bürgerbeteiligung“ die Flucht nach vorne an. Genau darum geht es bei Veranstaltungen: Mit Menschen in den Dialog treten, sie am Diskurs teilhaben lassen. Dabei müssen uns Fakten leiten nicht Fake News, Argument und Gegenargument die Grundlage der Verständigung sein, getragen von Menschlichkeit und Vielfalt, Toleranz und Respekt.

Nach den Ereignissen in Chemnitz müssen wir Stellung beziehen und Haltung zeigen. Ilona Jarabek macht das. Die EVVC-Präsidentin spricht sich deutlich für eine tolerante und vielfältige Gesellschaft aus. Das hat uns beeindruckt. So sehr, dass wir unsere Titelgeschichte umgeworfen und Köpfen aus der Kongresswirtschaft das Wort erteilt haben. Dabei geht es uns nicht nur um unsere Gesinnung: Vielfalt, Offenheit und Toleranz sind schlicht die Geschäftsgrundlage des globalen Veranstaltungsmarktes. Dafür gehe ich auch auf die Straße.
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KERSTIN WÜNSCH
Chefredakteurin
tw tagungswirtschaft
wuensch@tw-media.com

FOTO: DFV MEDIENGRUPPE
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