CHAOS COMMUNICATION CONGRESS (34C3)

What the Hack!?

Der Kongress des Chaos Computer Club (CCC) ist in vielerlei Hinsicht anders. 15.000 Menschen treffen sich, um zu hacken, zu feiern, zu diskutieren und einfach zu machen. Christian Funk war live mit dabei und berichtet von seinen Eindrücken.

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wei Tage nach Weihnachten ist es im ICE nach Leipzig wohltuend ruhig. Der Zug ist nicht einmal zur Hälfte besetzt, die Passagiere wirken entspannt. Ich unterhalte mich mit einer Dame, die ihre Enkel über die Feiertage in Hessen besucht hat. Als sich ein Mann mit knallrot lackierten Fingernägeln zu uns setzt, verdreht die Dame kopfschüttelnd ihre Augen. Ich muss schmunzeln. Während die meisten Reisenden nach einem Besuch bei ihren Familien wieder nach Hause zurückkehren, befinde ich mich auf dem Weg zum Chaos Communication Congress (34C3), der zwischen 27. und 30. Dezember 2017 in der Messe und Congress Center Leipzig steigt.


Zwei Sitzreihen weiter vorne sitzt ein Hipster mit Bart, der seit Stunden auf seinen Laptop starrt. Der Mann scheint das gleiche Ziel wie ich zu haben, kombiniere ich scharf. Schließlich heißt der Veranstalter Chaos Computer Club (CCC) und der 34C3 ist das größte Hackertreffen Europas. Doch der Mann mit Bart und Laptop bleibt im Zug sitzen, als ich aussteige.

Auf dem Weg zum Messegelände begegnen mir tatsächlich ein paar Stereotype: Nerds mit Hornbrille, Bartträger, dicke Männer im grellen Strickpullover… Aber im Großen und Ganzen unterscheidet sich das Publikum nicht sonderlich von dem anderer Kongresse, nur der Männeranteil ist sichtbar höher. Anders wird es allerdings auf dem Kongress selbst. Zunächst darf ich mich, obwohl ich akkreditiert bin, nicht alleine über das Gelände bewegen. „Wir kennen Dich ja gar nicht“, erklärt mir ein Mann freundlich im Pressezentrum. Dafür teilt er mir einen „Presseengel“ zu. Sebastian, IT-Entwickler bei einem Dienstleistungsunternehmen von Beruf, wird mit mir gleich eine ausgedehnte Führung vornehmen. „Dein Handy musst Du leider in der Hosentasche lassen“, erklärt er mir. Ich soll nicht eigenständig Fotos machen. „Wir schützen die Privatsphäre unserer Besucher. Viele wollen hier nicht fotografiert werden“, erklärt er mir. Läge eine Liste, in die die Teilnehmer ihre Namen eintragen müssten, stünden dort Namen wie Jon Snow, Aayla Secura oder Lara Croft. „Du kannst Gegenstände aufnehmen, aber falls Du ungefragt Personen fotografierst, wird der eine oder andere ungehalten. Am besten die Leute immer erst ansprechen.“

Das jährliche Treffen des CCC, der internationalen Hackerszene, von Technikfreunden, Bloggern, ITSpezialisten und Aktivisten dreht sich genauso um Cyber Security,


Datenschutz,


Online-Banking


oder Technik-Gadgets wie um gesellschaftspolitische Themen. Wie beispielsweise eben Privatsphäre. Es gibt 120 Vorträge. Obwohl die meisten Besucher aus Deutschland kommen, ist das Vortragsprogramm in weiten Teilen auf Englisch. „Wir wollen für alle Besucher zugänglich sein.“ Wie ich im Laufe des Tages lerne, gilt das Inklusionsgebot nicht nur für die Vorträge, die übrigens auch per Livestream übertragen werden. Auf der vereinseigenen Medienseite bleiben die Aufzeichnungen auch nach der Veranstaltung zugänglich.

Daneben gibt es unzählige Workshops. Das Programm wird permanent angepasst und aktualisiert, ähnlich wie im Barcamp entstehen Workshops spontan, erklärt mir Sebastian, als wir den Rundgang beginnen. Während wir die erste Halle betreten, lerne ich, dass „hacken“ ungefähr so viel bedeutet wie basteln oder tüfteln. Denn auf den spontan und in Eigenregie erstellten „Ständen“ – mal ein paar zusammengerückte Bierzelt-Garnituren, mal eine Zeltinstallation, mal ein umgewandelter Campingwagen – wird gebastelt, was das Zeug hält. Da hängen Hacker gemeinsam vor Bildschirmen und programmieren gemeinsam eine neue Software, dort wird gelötet (man kann nämlich auch Hardware hacken), hier wird an einem Kostüm gebastelt, in einer dunklen Ecke wird an einer Leuchtinstallation getüftelt. „Genau das ist hacken“, sagt mein Führer lachend, als er meine Unkenntnis bemerkt.

Das Vortragsprogramm setzt sich mit den zu erwartenden – die Hackerszene wird traditionell politisch eher links verortet – Themen auseinander: es geht um Sicherheitsrisiken beim Online-Banking, bei Stromtankstellen oder bei künstlicher Intelligenz, die Erpressungssoftware Wannacry, Spionage, WIFI-Lücken, die netzpolitische Lage in Ländern wie China, Nordkorea oder Saudi-Arabien oder die Wahlsoftware, die bei der Bundestagswahl zum Einsatz kam. „Elementare Grundsätze der IT-Sicherheit werden in dieser Software nicht beachtet. Die Menge an Angriffsmöglichkeiten und die Schwere der Schwachstellen übertraf unsere schlimmsten Befürchtungen“, sagte CCC-Sprecher Linus Neumann bereits vor den Wahlen. „Es ist einfach nicht das richtige Bundestagswahljahrtausend, um in Fragen der ITSicherheit bei Wahlen ein Auge zuzudrücken.“ Zu den Speakern zählen der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar oder Grünen-Ikone Hans-Christian Ströbele. Rund um die Vorträge wird leidenschaftlich diskutiert und gestritten, sich ausgetauscht und voneinander gelernt. Eine beeindruckende Szenerie.

Nur das Genie beherrscht das Chaos? Ein ganz normaler Anblick auf dem 34C3 in Leipzig.
FOTO: YVES SORGE, FLICKR

Als wir weiterlaufen, fallen mir immer mehr Besonderheiten auf. An einer Ecke haben sich zwei Aktivisten eine eigene kleine Wohnung gebaut – zweistöckig – in der sie für die Dauer des 34C3 leben und ihnen die anderen Besucher dabei zusehen können. Wir kommen an einer begehbaren Tastatur vorbei oder an einer abgesteckten Rennstrecke, auf der gerade zwei Jugendliche auf selbstgebastelten Kastenfahrzeugen um die Wette fahren. Als ich die Gefährte staunend betrachte, bemerke ich ein Zischen. „Das war die Rohrpost“, sagt Sebastian und zeigt zur Decke. Die komplette Halle ist von einem Geflecht aus Rohren durchzogen. Auch das haben Hacker einfach mal spontan aufgebaut, um sich Nachrichten oder eben den einen oder anderen Hack wie Kleinstgeräte von einem Ende der Halle zum anderen zu schicken.

Mir fällt noch ein scheinbar vom Boden an die Decke fließender Wasserfall auf, als wir plötzlich im Kindergarten stehen. „Wir kümmern uns eben darum, dass der Nachwuchs rechtzeitig an das Hackertum herangeführt wird.“ Während die Kleinsten mit überdimensional großen Legosteinen eine Höhle bauen, Trampolin springen oder auf einem mal wieder spontan aufgebauten Spielplatz herumtollen, lernen andere Kinder gerade, wie man mit einem Lötkolben umgeht und Platinen verbindet. Bierzeltgarnituren sind voll besetzt, es dampft und leuchtet an jeder Ecke und vor einem großen Bildschirm erklärt ein Teilnehmer Jugendlichen gerade, wie man bestimmte Sicherheitssperren umgehen kann. Nebendran gibt es eine Einführung in einfaches Programmieren. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

„Das, worauf wir eigentlich am meisten stolz sind, ist die Tatsache, dass alles, was Du hier siehst, in Eigenregie und ohne einen vorgefertigten Plan entsteht“, sagt Sebastian. „Wir treffen uns, jeder hat etwas dabei, und dann wird gebaut und gebastelt.“ Die Helfer sind zum größten Teil ehrenamtlich hier. „Wir haben knapp 2.000 freiwillige Helfer, wenn man alles hinzuzählt. Wer etwas beitragen kann, tut es. Ich bin heute Presseengel, andere kümmern sich um den Einlass bei Vorträgen, andere bereiten die Vorträge für den Webcast vor, wieder andere geben ein Tutorial. Wir begreifen uns als Teil einer Community.“ Diese Community baut nicht nur den Kongress in Eigenregie auf und stemmt die Organisation, sie verlegt auch kilometerlange Glasfaserleitungen, bastelt für den Kongress ein eigenes Telefonnetz und installiert sich mit 4x100 Gigabit das – mit Abstand – schnellste Messe-Internet der Welt. Die sich als Gemeinschaft verstehenden Kongressgäste haben das Motto des 34C3 verinnerlicht: #Tuwat.

„VERANSTALTUNGSORGANISATION KOMPLETT NEU DENKEN“

FOTO: LEIPZIGER MESSE
FOTO: LEIPZIGER MESSE
André Kaldenhoff, Geschäftsbereichsleiter Kongresse beim Congress Center Leipzig über die Besonderheiten und Herausforderungen der 34C3.

tw: Unterscheidet sich der 34C3 von anderen Kongressen?
André Kaldenhoff:
Absolut. Zwar haben Community-Events, wie der 34C3 einer ist, immer einen hohen Ehrenamtanteil, hier war es aber tatsächlich außergewöhnlich. Selbst den Abbau und die Endreinigung der Gebäude haben die Veranstalter selbst in die Hand genommen. Es war beeindruckend, wie professionell organisiert die Veranstaltung mit über 15.000 Gästen abgelaufen ist. Dafür, dass der Verein Chaos Computer Club (CCC) heißt, herrscht sehr viel Struktur. Was zudem außergewöhnlich war: Es waren extrem freundliche, dankbare Gäste und es war eine ausnehmend positive und konstruktive Zusammenarbeit. Das erste mal gedacht, „das hier ist anders als sonst“, habe ich bei der Site Inspection mit über 40 Leuten. Zum einen merkt man, wie hoch die Anteilnahme an Dingen innerhalb dieser Organisation ist, zum anderen, dass einige Entscheidungen demokratisch getroffen werden müssen.

Was war die größte Herausforderung für Sie als Gastgeber?
Zunächst der Zeitpunkt. Die Leipziger Messe hat in der Woche nach Weihnachten Betriebsruhe. Mit den etwa 60 Mitarbeitern, die über den Zeitraum hinweg vor Ort sein mussten – und die Veranstaltung ging im Prinzip vier Tage rund um die Uhr –, hatten wir daher einen hohen Abstimmungsaufwand. Dazu mussten wir das Thema Veranstaltungsorganisation komplett neu denken. Der Veranstalter hat so viele Helfer und eigene Teams für beispielsweise Sicherheit, medizinische Versorgung oder Logistik, dass er auch sehr viel selbst geleistet hat. Darauf mussten wir uns erst einmal einlassen. Für diese sensiblen Bereiche haben wir dann 24 Stunden besetzte Schnittstellen eingerichtet. Die Harmonisierung und die Kommunikation haben aber hervorragend funktioniert. Herausfordernd war auch der öffentliche Nahverkehr. Die Peak- Zeit war – und das zwischen den Jahren – zwischen 1 und 4 Uhr nachts. Das musste mit den Leipziger Verkehrsbetrieben erst einmal organisiert sein.

Wie kam es überhaupt, dass der Kongress nach Leipzig gekommen ist?
Wir hatten über die Leipziger Hacker-Szene schon einmal Kontakt, als der Kongress vor sechs Jahren aus Berlin nach Hamburg gezogen ist. Jetzt, als die Veranstalter wegen des Umbaus des Congress Center Hamburg zum Umzug gezwungen waren, konnten wir den Kontakt wieder aufleben lassen. Letztlich hat vermutlich das Gesamtpaket aus Destination und Veranstaltungs-Location und unsere Fähigkeit, uns auf die Bedürfnisse des CCC einzulassen, den Ausschlag gegeben.

Was haben Sie für sich mitgenommen?
Wir haben als Organisation einiges gelernt. Dass man vielleicht offener sein muss und auch die eigenen seit Jahren gültigen und funktionierenden Prozesse hinterfragen muss. Das hat der CCC nämlich getan und die gesamte Organisation hat hervorragend funktioniert. Beeindruckt hat mich, dass Mitmachen hier groß geschrieben wird. Alle Helfer wollen Teil einer erfolgreichen Veranstaltung sein, das war schön zu beobachten. Überrascht hat mich die Tiefe, mit der politische und gesellschaftliche Themen behandelt und diskutiert wurden. Mein emotionales Highlight war aber die Reaktion von Hans-Christian Ströbele, als er sich von der starken Aufmerksamkeit und dem Zuspruch zu seinem Vortrag überrascht zeigte und erklärte: „Viele Jahre dachte ich, ich kämpfe alleine!“ Das war großartig zu sehen. 
CHRISTIAN FUNK




Rund 15.000 Besucher über die vier Tage zeugen von einem ausgeprägten Bedürfnis von Menschen, die viel Zeit vor einem Computer verbringen und häufig virtuelle Bekanntschaften pflegen, sich auch – oder gerade – von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Der 34C3 ist in der Tat viel mehr als ein Kongress, es ist ein Happening. Am lebendigsten wird es in den Abendstunden, wenn es an allen Ecken und leuchtet und flimmert, wie zum Beispiel in der „LED-Gateway“, die das Atrium mit einer der Messehallen verbindet, und kurzerhand mit LED-Schläuchen verziert wird. Der Kongress läuft während der vier Tage durchgehend. Es wird auch nachts gehackt, es steigen spontane Parties, die obligatorische Mate-Bar ist immer besetzt. Apropos Mate: Dieses Klischee ist keines. Ist man Hacker, trinkt man Mate. Ich probiere auf Anraten Sebastians, fühle mich schnell fit, allerdings auch reif für die Toilette, wo die nächste Überraschung auf mich wartet: Unisex-Toiletten, also ausschließlich. „Wie gesagt, wir wollen für alle zugänglich sein. Das schließt auch diejenigen ein, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Weil es am praktischsten ist, haben wir einfach alle Toiletten mit ,Unisex‘ gekennzeichnet.“ „Einfach gemacht“ höre ich an diesem Tag immer wieder.

2017 findet der 34C3 erstmals in Leipzig statt. Wegen der Sanierung des Congress Center Hamburg (CCH) musste ein neues Zuhause für die Veranstaltung gefunden werden. Im CCH hatte der jährliche Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC) seit 2012 seine Heimat. Die Suche nach einer neuen Location fiel den Veranstaltern nicht leicht: Die hohen Teilnehmerzahlen und besonderen Anforderungen an Technik, Säle, Workshop-Räume und Flächen zum Feiern und Flanieren bringen viele Kongresszentren an ihre Grenzen. Selbst das CCH hätte nicht mehr als die 12.000 Teilnehmer des 33C3 aufnehmen können. „Zwar wollen wir nicht um jeden Preis expandieren, aber die Erweiterung unseres Kulturraums war und ist uns ein wichtiges Anliegen. In den vergangenen Jahren war es schmerzlich, Interessenten an der Tür abweisen zu müssen“, sagt Dirk Engling, Sprecher des CCC. Mit der Ausrichtung in Leipzig zeigen sich die Veranstalter zufrieden.

„Ich bin auch begeistert“, erklärt mir Sebastian. Das Team von der Messe Leipzig hat uns alle Freiheiten gelassen, wir konnten uns absolut austoben. Das Ergebnis siehst Du ja.“ Das tue ich. Als wir wieder zur Empfangshalle laufen und wir ein riesiges Plastik- Einhorn passieren, sehe ich eine Frau mit einem zweiten Paar real wirkende Ohren. Ich frage erst gar nicht, doch Sebastian sagt schlicht „Body-Hacker“. Kurz vor dem Pressezentrum klingelt Sebastians Handy – „ein Hickup, da muss ich gerade mal helfen“, sagt er und verschwindet. Meine Führung ist zu Ende. Kurz bevor ich die Heimreise antrete, lasse ich noch einmal den Blick durch die unglaubliche Szenerie gleiten. Und was springt mir ins Auge? Der Mann mit den roten Fingernägeln… CHRISTIAN FUNK
 

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15.000 Besucher: Der 34C3 ist die größte Hackerkonferenz in Europa.

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