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RESILIENZFORSCHER

„Versuchen Sie, die Situation als Herausforderung anzunehmen“

Prof. Dr. Thomas Rigotti, Leiter der Forschungsgruppe „Resilienz im Arbeitskontext“ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) und Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, über die Unsicherheit in der Coronakrise, resiliente Organisationen, Solidarität und gegenseitige Unterstützung.

tw: Der Coronavirus bestimmt unser Leben und verändert unsere Welt, unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Das macht den Menschen Sorgen. Ihnen auch?
Prof. Dr. Thomas Rigotti: Ich bin sehr dankbar, einen sicheren Job zu haben und gemeinsam mit meiner Familie diese Zeit verbringen zu können, auch wenn es nicht immer einfach ist, Arbeitszeiten und Zeit mit den Kindern zu vereinbaren. Sorgen mache ich mir vor allem um drei Gruppen: Alte und pflegebedürftige Menschen, nicht nur wegen des gesundheitlichen Risikos durch eine Infektion, sondern auch in Bezug auf Folgen der sozialen Isolation, insbesondere da diese Gruppe auch meist nicht die digitalen Möglichkeiten des Kontakts nutzen können; Kinder und Jugendliche, die im Elternhaus wenig Unterstützung in der schulischen Bildung bekommen und Selbständige, dabei u.a. Inhaberinnen und Inhaber von Kunst-, Kultur- und Gastronomiebetrieben. Auch stelle ich mir dabei die Frage, ob wir nach Überwindung der Pandemie noch die gleiche Vielfalt des Kulturangebotes, kleine Buchläden, Kneipen, Restaurants, Kleinkunstbühnen, Programm-Kinos, etc. vorfinden werden.

Die Coronakrise ist allgegenwärtig, ihre Entwicklung und ihr Ende sind nicht absehbar. Das bringt eine große Unsicherheit mit sich. Wie können wir einen Umgang mit dieser Situation finden?
Es ist normal, sich angesichts der aktuellen Situation ängstlich, traurig, unsicher oder wütend zu fühlen. Heute kann noch keiner mit Gewissheit sagen, wann wir die Pandemie überwunden haben werden. Aber sicher ist, dass die Krise überwunden werden wird. Versuchen Sie die Situation als Herausforderung anzunehmen. Es ist wichtig, informiert zu bleiben, man muss aber nicht ununterbrochen den Nachrichten folgen. Am Tag würde ich maximal 20 bis 30 Minuten einplanen, um sich bei seriösen Quellen über aktuelle Entwicklungen zu informieren. Wichtig ist auch, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten und sich per Telefon, Briefen und Videokonferenzen auch außerhalb der formalen Arbeitsmeetings mit anderen auszutauschen. Auch konkrete Pläne für die Zeit nach den Einschränkungen können helfen.

Resilienz ist für viele ein Fremdwort, aber immer öfter zu hören. Was ist Resilienz?
Unter Resilienz kann die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung psychischer Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen verstanden werden. Früher wurde Resilienz vor allem als eine stabile Persönlichkeitseigenschaft aufgefasst. Wir lernen nun aber mehr und mehr über die Mechanismen und die Rolle von resilienzförderlichen Umweltfaktoren.

Was können Menschen tun, um ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken?
Die gute Nachricht ist, dass eine resiliente Reaktion auf Herausforderungen und stressreiche Ereignisse eher die Regel als die Ausnahme darstellt und dass Resilienz auch aufgebaut und trainiert werden kann. Wichtig ist mir dabei auch immer zu betonen, dass es nicht um eine Selbstoptimierung geht, sondern vielmehr um ein gemeinsames Gestalten von Umweltbedingungen und persönlichen Einstellungen, Kompetenzen und einem erweiterten Repertoire im Umgang mit Krisen. Und dazu zählt auch die Frage, welchen Einfluss kann ich auf stressauslösende Faktoren nehmen und wie kann ich durch andere dabei unterstützt werden?
     
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Prof. Dr. Thomas Rigotti: Es geht nicht um Selbstoptimierung geht, sondern vielmehr um ein gemeinsames Gestalten von Umweltbedingungen.
FOTO: Prof. Dr. Thomas Rigotti

Und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wie schaffen sie etwa den Spagat zwischen Home-Office und Home-Schooling? Wichtig ist es hier, neue Routinen zu etablieren. Besprechen Sie mit den Kindern offen die aktuelle Situation und versuchen Sie gemeinsame Regeln zu etablieren. Planen Sie Zeiten ein, in denen Sie Ihre volle Aufmerksamkeit den Kindern schenken, anstatt zu versuchen alles gleichzeitig zu tun und erbeten Sie im Gegenzug, dass diese sich auch zu bestimmten Zeiten alleine beschäftigen. Je nach Alter der Kinder wird das mehr oder weniger gut funktionieren. Daher ist es auch wichtig, im Team und mit der Führungskraft individuelle Regeln auszuhandeln, zu welchen Zeiten am Tag gearbeitet werden kann und Sie erreichbar sind. Viele erleben das Arbeiten im Home-Office auch als effektiver als vor Ort im Betrieb. Teilweise wird die Situation auch als Entschleunigung wahrgenommen. Morgens müssen nicht alle zu einer bestimmten Zeit fertig sein und man spart sich die Zeit für den Arbeitsweg. Versuchen Sie auch diese positiven Aspekte zu würdigen.
                      
Psychische Anforderungen der modernen Arbeitswelt

Wie reagieren Beschäftigte und Unternehmen auf die psychischen Anforderungen der modernen Arbeitswelt? Prof. Dr. Thomas Rigotti stellt auf der Fachtagung „Management von Belastungen bei digitalen Formen der Zusammenarbeit“ am 21. März 2019 in Göttingen aktuelle Forschungsergebnisse vor.
          

Manche Unternehmen und Organisationen werden die Krise überstehen, andere nicht. Was macht den Unterschied und welche Rolle könnte Resilienz dabei spielen? Resilienz auf Teamebene oder Organisationsebene ist nicht einfach nur die Summe der Resilienz der einzelnen Mitglieder. Eine resiliente Organisation überlebt und gedeiht in wirtschaftlich schwierigen und volatilen Zeiten. Sie geht erfolgreich mit Störungen und Gefährdungen um und kehrt zügig zu einem dynamischen, aber stabilen Status zurück, in dem sie die Ziele der Produktivität und Wirtschaftlichkeit wiedererlangt. Das bedeutet, dass eine resiliente Organisation sich ständig an die sich verändernden Anforderungen im Unternehmensumfeld anpassen kann. Maßgeblich wird sein, ob Umsatzeinbußen kompensiert oder durch Rücklagen soweit aufgefangen werden können, dass die Wiederaufnahme eines regulären Betriebes möglich ist.

Leere Gästezimmer, leere Tagungsräume –  der Lockdown und die schrittweisen Lockerungen treffen unter anderen die Hotellerie besonders hart. Wie kommen jene mental durch die Krise, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen?Die Sorge um den Arbeitsplatz oder das eigene Geschäft sind nachvollziehbar. Gehen Sie am besten gemeinsam mit anderen verschiedene Szenarien durch und machen Sie konkrete Pläne. Was konkret bereitet Ihnen Sorge? Welche Unterstützungsangebote gibt es? Gibt es kreative Lösungen zur Überbrückung? Schließen Sie sich mit anderen in ähnlichen Situationen zusammen und unterstützen Sie sich gegenseitig. Ich bin überzeugt, dass sich Solidarität und gegenseitige Unterstützung langfristig mehr auszahlen werden, als Konkurrenzdenken und Alleingänge.

Im Arbeitskontext der Tagungsbranche spielen Kontakte und Begegnungen eine zentrale Rolle. Etwas, das derzeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt eine Möglichkeit resilient gegenüber Faktoren zu sein, die wir selbst nicht beeinflussen können?Die eingeführten Kontaktbeschränkungen sind trotz aller Begleitprobleme prinzipiell sinnvoll und wichtig, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, und auch bei schrittweisen Lockerungen werden wir noch eine Weile auf die Einhaltung von sozialen Regeln besonders achten müssen. Die Konzentration sollte auf jene Aspekte gelegt werden, die planbar und kontrollierbar sind. Können alternative Angebote zu Präsenzveranstaltungen angeboten werden? Das Ausstellen von Gutscheinen kann finanzielle Engpässe überbrücken helfen. Welche öffentlichen Fördermöglichkeiten gibt es, z.B. Kurzarbeit und Kredite? Aus der Wirtschaftskrise konnten insbesondere jene Organisationen gestärkt hervorgehen, welche die Zeit zur Weiterbildung der Belegschaft nutzten. 

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Rigotti ist Leiter der Forschungsgruppe „Resilienz im Arbeitskontext“ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) und Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Arbeitsgruppe befasst sich mit Mechanismen der Resilienz im Lebensumfeld der Erwerbsarbeit mit dem Ziel, kontextuelle, individuelle sowie prozessuale Aspekte zu identifizieren, welche einen Einfluss auf die Wirkung von arbeitsbezogenen Stressoren nehmen. Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, in dem Neurobiologen, Physiker, Mediziner und Psychologen interdisziplinär das Phänomen der Resilienz erforschen, d.h. die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung psychischer Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen. https://lir-mainz.de

Ihr Leibniz-Institut für Resilienzforschung ist Mitveranstalter des 6th International Symposium on Resilience Research am 23. und 24. September 2020 in Mainz. Wie wäre es für Sie als Forscher, wenn Ihr Symposium nicht oder nur virtuell stattfände?
Viele wissenschaftliche Konferenzen in diesem Jahr – bis in den Herbst hinein – wurden bereits abgesagt. Das ist sehr bedauerlich. Denn Konferenzen sind im Jahresablauf eine willkommene Abwechslung und bedeutsam für den wissenschaftlichen Austausch. Je nach Größe der Tagung stoßen virtuelle Formate schnell an ihre Grenzen und können vor allem den wichtigen informellen Austausch in den Vortragspausen und an den Abenden nicht wirklich ersetzen. Wie alle, freuen sich daher auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Zeit, wenn persönliche Treffen wieder möglich sein werden. Verglichen mit den möglichen Auswirkungen auf Arbeitsplätze und natürlich auch den gesundheitlichen Risiken, ist die Absage oder Verschiebung wissenschaftlicher Konferenzen aber sicher nicht die gesellschaftlich dringendste Herausforderung.

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Prof. Dr. Thomas Rigotti und seine Kolleg*innen halten regelmäßig Vorträge zum Thema Resilienz.
FOTO: Prof. Dr. Thomas Rigotti

Halten Sie und Ihre Kollegeninnen und Kollegen auf Anfrage Vorträge auf Konferenzen oder Web-Conferences?
Ich halte regelmäßig Vorträge zu unterschiedlichen Themen rund um die Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Gesundheit, sowohl für Wirtschaftsunternehmen, als auch öffentliche Einrichtungen oder gemeinnützige Vereine. In der jetzigen Situation sind hier natürlich auch Online-Formate denkbar. Gerne kann auch das Leibniz-Institut für Resilienzforschung kontaktiert werden (https://lir-mainz.de/vortraege), um ein Thema für eine bestimmte Zielgruppe und Veranstaltung abzusprechen.

Nehmen wir an, Sie dürften sich in der aktuellen Situation ein Publikum, ein Thema und einen Ort aussuchen. Worüber möchten Sie vor wem und wo sprechen?
Ich freue mich darauf, wenn der persönliche Kontakt zu den Studierenden in Lehrveranstaltungen wieder möglich wird. Mit den verschiedenen virtuellen Lernformaten können wir die Zeit ganz gut überbrücken, aber diese ersetzen nicht den persönlichen Kontakt und die Interaktionsmöglichkeiten in einem Seminar. Ansonsten ist mir wichtig, dass ich in einem Vortrag oder Workshop den Teilnehmenden etwas Neues vermitteln kann, was sie auch mit Ihrem Alltag verbinden können, ganz egal ob im Publikum zum Beispiel Vorstandvorsitzende, Politiker/innen, Pflegekräfte oder Selbständige sitzen.
Kerstin Wünsch
„Es ist normal, sich angesichts der aktuellen Situation ängstlich, traurig, unsicher oder wütend zu fühlen.“
Prof. Dr. Thomas Rigotti,
Resilienzforscher am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR)
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