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GLEICHBERECHTIGUNG

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ls Emmeline Pankhurst Ende des 19. Jahrhunderts rauchend durch die Straßen von London zog, brach sie wild entschlossen gleich zwei große Tabus. Erstens war Rauchen in der Öffentlichkeit für Frauen damals verboten. Zweitens demonstrierte sie für die Einführung des Frauenwahlrechts, zu jener Zeit eine Ungeheuerlichkeit. Doch Pankhurst kämpfte hart und unerschrocken. Mehrfach wurde sie verhaftet, trat im Gefängnis in den Hungerstreik. Letztlich mit Erfolg. Nach jahrelangen, zähen Auseinandersetzungen beschloss Großbritannien im November 1918 das Frauenwahlrecht. Die von Pankhurst 1903 gegründete Women’s Social and Political Union (auch „Suffragettes“ genannt) hatte gesiegt.
    
Mit derart harten Bandagen müssen Frauen heute nicht mehr um ihre Rechte kämpfen. Doch das ist nur auf den ersten Blick eine Entwarnung. Vieles läuft Anfang des 21. Jahrhunderts schlichtweg subtiler ab. Tradierte Rollenbilder und Strukturen sind nur schwer zu durchbrechen. Vor allem im Berufsleben sind die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau nach wie vor groß. In Deutschland beispielsweise sind nur 71 Prozent aller erwerbsfähigen Frauen berufstätig, davon aber 46 Prozent in Teilzeit. Bei den Männern liegt die Erwerbsquote bei 82 Prozent, davon elf Prozent in Teilzeit. Nahezu zementiert scheint gleichermaßen die Tatsache, dass Frauen weniger verdienen als Männer.
Das unbereinigte Gender Pay Gap (Durchschnittsverdienst über alle Erwerbstätigen ohne Berücksichtigung von Beruf, Arbeitsverhältnis etc.) liegt 2019 weltweit immer noch bei 37 Prozent.
In Deutschland beträgt es 21 Prozent, in Großbritannien 30 Prozent.

Das liegt natürlich auch an den unterschiedlichen Karrierestufen. In Deutschland etwa sind nur 26 Prozent der Führungskräfte auf erster Ebene weiblich. In Lettland haben 46 Prozent der Frauen eine Führungsposition, in Luxemburg nur 19 Prozent. Von 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland haben 110 keine einzige Frau im Vorstand. Wohin man auch schaut – es ist überall noch viel zu viel Luft nach oben. Und das rund um den Globus.  

     
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Vor gut 100 Jahren gingen Emmeline Pankhurst (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen in London für das Wahlrecht von Frauen auf die Straße.
FOTO: GETTY IMAGES

Sheryl Sandberg, Co-Chefin beim US-Konzern Facebook, hat schon 2013 in ihrem Buch „Lean in“ die Frauen selbst aufgefordert, ihre Rechte lautstark einzufordern. In einem Handelsblatt-Interview sagte sie jetzt: „Es ist nicht nur richtig, es ist auch klug, für Gleichberechtigung zu sorgen. Denn es ist offensichtlich, dass vielfältig besetzte Teams erfolgreicher sind.“ Das ist jedoch nur ein kleiner Aspekt, der für mehr Diversität steht. Es gibt noch weitaus gewichtigere. So hat die Weltbank kürzlich berechnet, dass die Weltwirtschaft durch das Gender Pay Gap ein gigantisches Vermögen verliert. „Die Welt lässt rund 160 Billionen US-Dollar einfach so liegen, wenn wir die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen nicht beseitigen“, sagt Kristalina Georgieva, seit 2017 CEO der Weltbank. Länder verlören im Schnitt 14 Prozent ihrer Wirtschaftskraft nur aufgrund der Geschlechterungleichheit, so Georgieva. Emmeline Pankhurst hätte für derart knallharte Argumente für mehr Gleichberechtigung damals in London sicherlich viel gegeben.
     
Und heute wäre die toughe Britin vermutlich gerne mal Speakerin beim Weltwirtschaftsforum (WEF).
Dort nämlich hat man 2018 „Frauenförderung“ zu einem der vier Megatrends für die Zukunft der Arbeit erklärt. Paolo Gallo, Senior Advisor des WEF, ist überzeugt, „dass die Zukunft den Frauen gehört, weil sie genau die Fähigkeiten haben, die in der vierten industriellen Revolution gebraucht werden.“ Gleichzeitig aber bescheinigt das Weltwirtschaftsforum vielen Ländern, darunter auch Deutschland, kaum noch Fortschritte in Sachen Gleichbehandlung. Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, warnt: „Mehr denn je können es Gesellschaften sich nicht leisten, auf die Fähigkeiten, Ideen und Perspektiven der Hälfte der Menschheit zu verzichten.“

Zu diesem Schluss kommen auch ein Jahr zuvor die Delegierten des G20-Gipfels in Hamburg und rufen die internationale Business Women Leaders Task Force (BWLTF) ins Leben. Als Deutschlands Repräsentantin beruft das Bundeskanzleramt Dr. Martina Niemann, Vice President Lufthansa HR Management. Seither ist sie eine gefragte Rednerin, etwa auf der „She Means Business“-Konferenz am 20. Mai im Rahmen der IMEX 2019. In ihrem Vortrag „Getting to equal is not a ‚women-only subject‘“ spricht Niemann über die Teilhabe von Frauen an der Wirtschaft und das Bekenntnis des Lufthansa-Konzerns zu mehr Vielfalt, Chancengleichheit und der Förderung von Frauen.

     

„MILLENIALS SIND EINE ILLOYALE GENERATION“

Dr. Steffi Burkhart: Der Female-Shift ist längst ein Megatrend.FOTO: DR. STEFFI BURKHART
Dr. Steffi Burkhart: Der Female-Shift ist längst ein Megatrend.
FOTO: DR. STEFFI BURKHART
Warum „datenbasiertes Verhaltensdesign“ immer wichtiger wird, erklärt Dr. Steffi Burkhart, Human Capital Evangelist und Keynote Speakerin auf dem International Festival of Brand Experience 2019.

tw: Frauenförderung braucht auch starke Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen. Kämpfen junge und ältere Frauen eigentlich für das Gleiche?
Dr. Steffi Burkhart: Wir als junge Generation stehen in der Verantwortung, die Diskussionen und Forderungen weiterzuführen, die in den Generationen zuvor begonnen wurden.

Wie gut schätzen Sie die Karrierechancen für Frauen der Gen Y (heute 20 bis 40-Jährige) und Gen Z (heute 6 bis 20-Jährige) ein?
Der Female-Shift ist längst ein Megatrend und ich bin fest davon überzeugt, dass die Karrierechancen für Frauen der Gen Y und Gen Z in den nächsten 20 Jahren gut sind. Dabei ist es für junge Frauen jedoch auch wichtig, dass sie gut supportet werden. Vor ein paar Wochen hat mir die HR-Abteilung eines international agierenden deutschen Konzerns in einem Briefing-Gespräch mitgeteilt: „Wenn wir es nicht schaffen, mehr Frauen in Führungspositionen zu befördern, bekommen wir von unserem CEO eine Frauenquote aufgedrückt.“ Ich finde, eine starke Ansage der Konzernspitze. Meine persönliche Meinung ist: Wir werden künftig noch eine viel höhere Aussteigerquote talentierter Frauen erleben. Denn wir Millennials sind eine eher illoyale und ungeduldige Generation. Und wenn wir das Bedürfnis haben, woanders ein besseres Arbeitsumfeld zu finden, um uns besser entwickeln oder mehr Wirkkraft entfalten zu können, dann sind wir ganz schnell weg. Eine Realität, der sich Unternehmen im „War-for-Talents- Zeitalter“ stellen sollten.

Sie plädieren für „datenbasiertes Verhaltensdesign“, um Frauen gezielt zu fördern und zu rekrutieren. Was meinen Sie damit?
Die Schweizer Verhaltensökonomin Iris Bohnet bringt es auf den Punkt: „Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Spielregeln.“ Es geht nicht darum, Frauen im Denken und Handeln an die Männer-Monokulturen anzupassen, sondern die Umstände, durch die Verhaltensweisen entstehen und Entscheidungen getroffen werden. Einige Unternehmen haben dies bereits verstanden und Spielregeln verändert. Wichtige Werkzeuge dabei sind: Blindverfahren, Datenanalyse in Echtzeit und andere digitale Entscheidungshilfen, die die Dominanz der Intuition abmildern und zu bewussteren Entscheidungen führen. Gutes Verhaltensdesign beginnt mit analysierten Daten. Daher mein Appell an Unternehmen: Schaffen Sie Experimentierraum für Verhaltensdesigner, um die richtigen Signale zu finden und bessere Entscheidungen anzustoßen.
ANJA STURM
      


Aufwind verleiht dem Thema der demografische Wandel: Bis 2030 werden in Deutschland rund acht Millionen Nachwuchskräfte fehlen. Umso wichtiger ist es, den Talentpool der Führungsebenen auf 100 Prozent auszuweiten, statt sich auf nur 50 Prozent des Talentpools zu fokussieren – nämlich die männliche Seite. Dazu findet in ihrer Keynote „Support the Girls – in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft“ Dr. Steffi Burkhart, Human Capital Evangelist, deutliche Worte beim International Festival of Brand Experience 2019. Auf den War for Talents sind viele Unternehmen nicht vorbereitet.

Doch wie sieht es in der Veranstaltungsbranche aus? Auch hier ist das Gap zwischen Männern und Frauen groß. Zwar sind hier rund 80 Prozent der Mitarbeiter Frauen, doch nur 20 Prozent der Führungskräfte. Laut der internationalen Umfrage „Frauen in der Eventindustrie“ von tw tagungswirtschaft, m+a report und der IMEX Gruppe zum Weltfrauentag 2017 fühlen sich nur drei von zehn Frauen beim Gehalt gleichbehandelt. Nur vier von zehn glauben, dass sie die selben Perspektiven haben wie ihre männlichen Kollegen. Eine Frauenquote lehnen allerdings knapp 49 Prozent ab.

Natascha Hoffner, Geschäftsführerin Messe Rocks und Veranstalterin der herCareer, einer Leitmesse für weibliche Karriereplanung in München, ist leidenschaftliche Verfechterin der Frauenrechte. Sie sagt: „Wenn uns die Gleichstellung wirklich wichtig ist, müssen wir endlich handeln. Ich bin da voll und ganz bei der Soziologin Jutta Allmendinger, die zur Umsetzung von Chancengleichheit fordert, dass man bei Führungspositionen nicht mehr auf Vollzeit plus Überstunden setzen sollte, weil geteilte Führung funktioniert, effizient ist und auch besser für die Beschäftigten sein kann.“ Zudem müssten die Löhne in Männer- und Frauenbranchen angeglichen werden, das Ehegattensplitting müsse weg, bezahlte und unbezahlte Arbeit von Männern und Frauen sollte sich entsprechen und die Kinderbetreuung weiter ausgebaut werden. Kurzum: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft müssen endlich die Rahmenbedingungen schaffen, damit echte berufliche Gleichberechtigung möglich wird.
     
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FOTO: CATHERINE TRAUTMANN
     
“I am speaking at the ‘She Means Business’ conference, because intentions are not enough. We need laws to support equality between women and men. Despite the progress of parity, misogyny still exists and the fight for women’s rights must continue.”
Catherine Trautmann, Vice-Présidente, Eurometropole de Strasbourg, French politician, member of the European Parliament 1989–1997 and 2004–2014 and the first female mayor of Strasbourg in 1989, re-elected in 1995.

Ja und nein, findet Ilona Jarabek. Auch die Frauen selbst müssten ihr Denken und Handeln ändern. Jarabek hat – wie Hoffner – Karriere in der Veranstaltungsindustrie gemacht. Seit 2007 ist sie Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck sowie seit 2018 die erste Präsidentin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC) in 60 Jahren. „Uns Frauen stehen leider allzuoft tradierte Denkmuster im Weg. Viele trauen sich eine Führungsposition einfach nicht zu“, glaubt sie. Ihr Rat: „Einfach machen und dann alles weitere einfordern. Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht.“

Ein zentraler Punkt für das berufliche Weiterkommen von Frauen ist zudem das Netzwerken. Einzelkämpferinnen kommen nur selten ans Ziel. In der Wirtschaft gibt es mittlerweile viele gute Beispiele für erfolgreiche Frauenbünde. Einer der bekanntesten ist der 2015 gegründete Merton-Kreis. Mitgründerin Tina Müller, damals Marketingvorstand bei Opel, seit Ende 2017 Vorsitzende der Geschäftsführung bei Douglas, kommentierte den Merton-Kreis einmal mit den Worten: „Wir Führungsfrauen tun das, was unsere männlichen Kollegen seit Jahrhunderten tun: Wir netzwerken.“ Und sie helfen sich damit gegenseitig auf die Sprünge. HerCareer-Chefin Hoffner sagt: „Wenn Frauen es ganz nach oben schaffen wollen, müssen sie akzeptieren, dass sie bis zu einem gewissen Grad nach den Regeln der Männer spielen müssen.“ In der Folge aber, wenn sie oben angekommen sind, sollten sie weiteren Frauen die Türen öffnen.

Ob Netzwerke, Messen, Branchenveranstaltungen oder Frauenkongresse – nur wer sich austauscht, kann lernen. Nur wer sich zeigt, kann gesehen werden. Auch das ist ein Spielfeld, das Frauen zunehmend als Karrierepusher nutzen. Die Zeiten, in denen Rednerinnen rar waren, ändern sich. Hoffner. „Natürlich kenne ich die Argumentation. Von Veranstaltern hört man oft: ,Wir würden ja gern, aber wir finden keine Frau, die zu diesem Thema auf die Bühne geht.‘ Ich kann Ihnen sagen, dass wir mit der herCareer inzwischen über 400 Role Models, Insiderinnen und Expertinnen pro Veranstaltung platzieren.“ Auch EVVC-Präsidentin Jarabek findet Netzwerken ganz entscheidend: „Ich habe so viel von Frauen gelernt. Es ist wichtig, sich gegenseitig zu fördern.“ Jarabeks Appell: „Bildet euch gut aus. Vernetzt euch. Und seid selbstbewusst.“ Emmeline Pankhurst hätte es nicht besser formulieren können.
ANJA STURM
Das unbereinigte Gender Pay Gap liegt 2019 weltweit bei 37 Prozent.

RIGHTS OF WOMEN - A TIMELINE

1791: The Frenchwoman Olympe de Gouges writes the "Declaration of the rights of women and citizens".

1893: New Zealand is the first self-governing colony to introduce universal women's suffrage.

1903: Emmeline Pankhurst founds in Manchester the Women's Social and Political Union (later also called "the Suffragettes"), a radical bourgeois women's movement that demands, among other things, "Votes for women".

1907: First international socialist women's congress in Stuttgart. Socialist women around Clara Zetkin demand universal women's suffrage for Germany.

1913: 3,900 female students, or 4.3% of all students, study at all universities in Germany.

1914: New date set for International Women's Day: 8 March.

1918: Voting rights for women decided in Germany.

1948: United Nations Universal Declaration of Human Rights includes principle of non-discrimination based on sex.

1949: Formal equality of men and women in Germany. Article 3 of the Basic Law reads: "Men and women are equal".

1975: First World Women's Conference in Mexico City

1977: The "housewife marriage" in Germany is abolished. Women are allowed to work without the husband's permission.

1979: United Nations General Assembly in New York adopts the Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women (CEDAW).

1980: The law "equal pay for all" is passed in the FRG.

2005: Angela Merkel becomes first Chancellor in Germany.

2015: Women's quota for Dax companies decided. From 2016, the 30 listed companies in Germany will have a women's quota of 30% for supervisory board members.

2017: In Latvia 46% of women work in management positions, in the European Union the average is 34%, in Germany 29% and in Luxembourg 19%. • 2017: 71% of women of working age work in Germany, 46% of them part-time.

2018: 13% of board members in Dax 30 companies are women. In 110 out of 160 German stock exchange companies, no woman is a member of the executive board.

2019: Proportion of women in the German Bundestag drops to 31%.

2019: The gender pay gap worldwide is 37% lower for women than for men. In the USA the gender pay gap is 18%, in Yemen 70%, in the EU on average 16%, in Great Britain 30%, in Germany 21%, in Sweden 13% and in Romania 5%.
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