INTERVIEW

„Verbände haben Konjunktur“

Wolfgang Lietzau, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement e.V. (DGVM), über Verbände als verlässliche Partner, Digitalisierung und die Einladung zum Deutschen Verbändekongress an einen der „neuen Weltenherrscher“ aus dem Silicon Valley.

tw: Als US-Präsident Donald Trump das Pariser Klimaabkommen kippt, melden sich nicht nur Umweltverbände zu Wort. „Der Ausstieg der USA aus dem Klimaschutzabkommen von Paris ist schlecht für den globalen Klimaschutz und für die Wettbewerbsfähigkeit Europas“, warnt Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Welche Rolle spielen Verbände in turbulenten Zeiten wie diesen?
Wolfgang Lietzau:
Eine ganz besonders wichtige und diese wird in naher und ferner Zukunft noch wichtiger: Verbände sind für die Öffentlichkeit, für Politik und Medien zuverlässige und repräsentative Ansprechpartner ihrer Berufsgruppe oder Branche bzw. ihres Handlungsfeldes. Sie relativieren überdrehte Darstellungen, bringen Fakten statt Vermutungen und sind seit jeher Lieferant zuverlässig erhobener Daten. Denn in Zeiten von politischem Populismus, Twitter-Meinungsmache und Fake- News brauchen die Medien verlässliche Informationen und repräsentative Meinungen.

Wolfgang Lietzau: Verbände sind Dienstleister für ihre Mitglieder.
FOTO: TW, KERSTIN WÜNSCH

Mit welchen drei Herausforderungen kämpfen Verbände in diesen Tagen?
Diese Frage wird mir oft gestellt, und es fällt mir zunehmend schwerer sie zu beantworten. Immer wieder liest man „Verbände sind auf dem absteigenden Ast“ oder „leiden an mangelnder Akzeptanz“. Das ist Blödsinn und entbehrt jeder empirischen Grundlage. Hier schreibt offenbar einer vom anderen ab. Fakt ist: Verbände haben Konjunktur und sind gefragt – in erster Linie als Dienstleister für ihre Mitglieder und nicht als Besitzstandswahrer ihrer Stakeholder, so wie das im letzten Jahrhundert noch war. Verbände bestehen in Zukunft meines Erachtens auch eher dann, wenn sie einen allgemeinen gesellschaftspolitischen Anspruch haben und nicht nur eng formulierte Partikularinteressen vertreten. Das gilt sowohl für die typischen Wirtschaftsverbände als auch für NGOs. Eine große Herausforderung, vor der sicher alle Verbände stehen, ist die Bewältigung der digitalen Transformation. Das bedeutet, dass Verbände intern die Voraussetzung schaffen müssen, sich personell und technisch auf den Wandel einzustellen.

Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang denn Veranstaltungen?
Menschen möchten sich persönlich treffen, kennenlernen und austauschen – trotz Facebook, Twitter und Instagram und obwohl es Webinare und auch virtuelle Kongresse gibt. Das ist der Grund, weshalb Veranstaltungen für Verbände weiter an Wichtigkeit gewinnen. Die Zahl der Veranstaltungen, die von Verbänden ausgerichtet werden, steigt stark an. Auch im Verbändereport tragen wir dem Trend Rechnung, zum Beispiel mit der Verbändereport- Sonderausgabe „Der Verband als Veranstalter“, die im Mai erschienen ist und dem zweiten Infotag Verband & Tagung, der gerade in Berlin über die Bühne gegangen ist.



Was müssen Destinationen und Dienstleister wissen, wenn sie sich um Verbandstagungen bewerben?
Es gibt Verbände, die haben eine sehr professionelle Veranstaltungsabteilung – ich kenne Verbände, da ist die Veranstaltungsabteilung mit 50 und mehr Personen besetzt und die führen jährlich über tausend Veranstaltungen durch – die muss man selten an die Hand nehmen. Beim Gros der Verbände ist das Event-Management beim Geschäftsstellen- Team angedockt, die kümmern sich normalerweise um das Mitglieder- und Gremien-Management und sind eben keine Event-Profis. Je mehr Arbeit ich als Destination diesem Team abnehmen kann, desto größer die Chance als Tagungsort den Zuschlag zu kriegen.

VERBAND DER VERBÄNDE

Die Deutsche Gesellschaft für Verbandsmanagement (DGVM) ist die größte Querschnittsorganisation für hauptamtlich geführte Verbände in Deutschland. Die DGVM hat 390 institutionelle Mitglieder, die wiederum rund 2.000 Verbände mit über 1,4 Mio. Mitgliedern vereinen. Sie unterstützt Führungskräfte und Mitarbeiter der Verbände in der täglichen Praxis, liefert neue Impulse und Ideen. Als „Verband für Verbände“ stellt die DGVM den Nutzen verbandlicher Interessenvertretung gegenüber der Öffentlichkeit, den Medien und der Politik sowie anderen Meinungsbildnern dar. 
www.dgvm.de, www.verbaende.com

Sie besuchen die eine oder andere Tagung Ihrer Mitglieder. Welche hat Sie zuletzt beeindruckt?
Der Deutsche Ingenieurtag 2017. Seit rund 16 Jahren besuche ich den alle zwei Jahre stattfindenden Kongress des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Er brilliert mit hervorragenden Speakern zu stets aktuellen Themen. Und obwohl die Formate eher konservativ sind – also eher Frontalvorträge als Fishbowl – herrscht hier eine tolle Mitmach- und Dabeisein-Atmosphäre.

Nächstes Jahr im Frühjahr steht der nächste Deutsche Verbändekongress an. Wen laden Sie als Keynote-Speaker ein, wenn Raum, Zeit und Geld kein Thema sind?
Auch wir werden uns stärker mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf Verbände und Organisationen befassen. Hier würde ich mir zwei Keynote- Speaker wünschen, die einerseits die philosophisch- ethische Dimension betrachten, Richard David Precht und Drogerie-Gründer Götz Werner (Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen), und andererseits einen der neuen Weltenherrscher – wie die FAZ einmal schrieb – aus dem Silicon Valley. Da ist mir jeder recht.  KERSTIN WÜNSCH
 
"Die Zahl der Veranstaltungen, die Verbände ausrichten, steigt stark an."

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