too long; didn’t read Image 1

KOMMUNIKATION

too long; didn’t read

Die re:publica setzt sich 2019 mit ihrem Motto tl;dr für die Kraft von Wissen und gegen den Trend der kurzen Aufmerksamkeitsspannen ein. Wie Veranstalter damit umgehen können, darauf geben Forschung und Wissenschaft eindeutige Antworten.

B
erlin im Mai, es ist re:publica. Wer die Station betritt, trifft als erstes auf den bekanntesten Wal der Welt: Moby Dick. Der Klassiker von Herman Melville ist auf einer gigantischen Papierrolle gedruckt, die durch die gesamte Location der Konferenz läuft. Die Kunstinstallation unterstreicht das diesjährige Motto der re:publica: tl;dr. Internetsprech für too long, didn’t read: Jeder kennt zumindest oberflächlich oder durch Verfilmungen die Geschichte rund um Kapitän Ahab und seine Jagd nach dem weißen Wal, nicht jeder hingegen hat den 900-Seiten-Wälzer mit seinen weitschweifenden Ausführungen über die Welt des Walfangs Anfang des 19. Jahrhunderts wirklich gelesen. Too long, didn’t read halt.

Die Veranstalter Deutschlands größter und wichtigster Digitalkonferenz rund um Andreas Gebhard, Markus Beckedahl und das Ehepaar Tanja und Johnny Haeusler wählen das Thema, weil sie die Notwendigkeit und Dringlichkeit sehen, Themen kritisch zu hinterfragen, die polarisieren, die Gesellschaft spalten – oder auch vereinen. „Dieses Motto ist ein Weckruf an die politische Debattenkultur – eben nicht nur im Netz, sondern ganz allgemein“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung am 6. Mai 2019. tl;dr bestimmt die Debatte und den Diskurs in Berlin. Es geht um die Kraft von Wissen, um Kontroverse und um eine Gesellschaft, in der sich gerade fundamental etwas ändert.
         

„Der Konsum von Wissen und Informationen in der Gesellschaft hat sich massiv geändert. Über Digitalisierung und Mobile Advices braucht man da gar nicht zu sprechen“, sagt Dr. Christina Buttler von der Veranstaltungsagentur MCI Deutschland und hebt in diesem Kontext einen weiteren Aspekt hervor: „Die damit einhergehende wesentlich geringere Aufmerksamkeitsspanne, die wir alle noch bereit sind, zu gewähren. Dieses Phänomen sehe ich ausdrücklich nicht nur bei den Millennials, wir alle sind völlig unabhängig vom Alter davon tangiert.“ Buttler, die sich bei MCI als Director Experience Development mit der Konzeption von Tagungen und mit der Entwicklung neuer Formate befasst, sieht daraus resultierend eine Veränderung im Bereich der Veranstaltungen: „Wir verkürzen die Phasen des Wissensinputs in Form von Vorträgen und intensivieren die Phasen der partizipativen Erarbeitung von Wissen. Community Building, Festivalisation, Disruption sind weitere Gestaltungselemente. Und natürlich Networking, das wir aus dem Umfeld von Small Talk geholt haben, um den Charakter von ,work‘ zu betonen.“

Dass sich der Konsum von Wissen und die Aufmerksamkeitsspanne bei Menschen verändert, ist in den Augen von Autorin und Spezialistin auf dem Gebiet der angewandten Gehirnforschung, Dr. Katharina Turecek, ein dynamischer Prozess. „Das hängt primär mit der Digitalisierung zusammen.“ Die Kommunikation habe sich durch die neuen Medien verändert und damit auch die Masse und auch die Geschwindigkeit, in der kommuniziert wird. Das Smartphone sei mit seinen Push-Benachrichtigungen, E-Mails, Social- Media, Neuigkeiten oder privaten Nachrichten, inzwischen allgegenwärtig. Und darin liegt – auch für Veranstaltungen – ein Risiko: „Das Maß an Ablenkungen ist doch bereits voll“, sagt Turecek.
     
too long; didn’t read Image 2
tl;dr? Moby Dick. Der Klassiker von Herman Melville läuft zur re:publica auf einer riesigen Papierrolle (hier im Rücken des Besuchers) durch die gesamte Station Berlin.
FOTO: RE:PUBLICA, JAN ZAPPNER (CC BY-SA 2.0)

Aus Sicht der Gehirnforschung gebe es zwei Einschränkungen: „Wir Menschen können nicht an zwei Dinge gleichzeitig denken. Wir können zwei Dinge gleichzeitig tun, beispielsweise Auto fahren und das Radio bedienen, weil wir gewisse Handlungen automatisiert haben. Sobald zwei Dinge unsere Aufmerksamkeit erfordern, funktioniert Multitasking schon nicht mehr“, erklärt die Kognitionswissenschaftlerin. Das Gehirn vollziehe einen sogenannten Attention Switch und verlagere seine Konzentration immer nur auf eine Sache. Die andere Einschränkung sei, dass wir zu viele Informationen gar nicht aufnehmen können. „Eine kritische Masse an Informationen und das besagte Aufmerksamkeitsproblem bringen uns an unsere kognitiven Grenzen.“

Die Medizinerin empfiehlt Veranstaltern etwa kürzere Settings, um die Aufmerksamkeitsspanne der Besucher nicht zu überfordern, das Maß an zusätzlichen Ablenkungen wie Online-Votings zu reduzieren, individuelle Auswahlmöglichkeiten zu geben, ein gewisses Maß an Bewegung einfließen zu lassen und genau zu planen, ob Wissen oder Fertigkeiten vermittelt werden sollen, da hierfür verschiedene Lernstrategien zielführend seien: Für das Wissen reiche es oft aus, Dinge zu lesen, zu hören, diese gegebenenfalls mit vorhandenem Wissen zu verknüpfen und schließlich theoretisch wiederholen zu können. „Wenn es aber um Fähigkeiten geht, muss man für das, was man können möchte, eine Tat üben und wiederholen. Für das Können braucht es das Tun.“

Viele von Tureceks Ausführungen decken sich mit den Erfahrungen von Hermann Hanser, der mit seiner Veranstaltungsagentur CPO Hanser Service seit über 35 Jahren Kongresse organisiert. „In weiten Teilen der Leute unter 40 Jahren hat sich die Kultur durch die sozialen Medien sehr verändert“, ist er überzeugt. Als Professional Congress Organizer stellt er auch bei wissenschaftlichen Kongressen einen gewissen Wandel fest: „Das Bedürfnis nach Austausch und Diskussion wird nicht nur größer, es wird sogar stärker eingefordert. Und das in neuen Formen. Nicht mehr die alte Form ,Meet the Expert‘. Hierauf müssen die Veranstalter eingehen.“
   

Der Entwicklung der sinkenden Aufmerksamkeitsspanne könne durch zusätzliche neue Formate des Wissensaustausches und der Anwendung bereits bekannter didaktischer Kenntnisse begegnet werden: „Der Mensch hat sich in seinen Fähigkeiten des Lernens nicht grundlegend geändert. Man muss als Veranstalter diese Kenntnisse anwenden und nicht den Ablauf von Veranstaltungen dem Zufall überlassen. Man wird dabei sehr differenzieren müssen.“ Hanser wendet bei den von ihm organisierten Konferenzen verschiedene Konzepte an, damit Besucher „aktiv“ zuhören: „Die Teilnehmer müssen beim Wissenstransfer beteiligt werden, sich in jeder Phase mit einbringen können. Die technischen Möglichkeiten helfen dabei, zum Beispiel bereits während eines Vortrages jederzeit Fragen stellen zu können“, sagt er. Er empfiehlt offene Veranstaltungsformate, moderierte Pro- und Kontra-Debatten, Co-Working Areas für Workshops und legt Veranstaltungsplanern einen Grundsatz ans Herz: „Qualitativ und nicht quantitativ organisieren. Es kommt immer auf die Professionalität an, nicht auf das Postulat von Veranstaltungen.“
                  
too long; didn’t read Image 3
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Ein Weckruf an die politische Debattenkultur.
FOTO: RE:PUBLICA, STEFANIE LOOS (CC BY-SA 2.0)

Dr. Christina Buttler von MCI Germany bewertet die sich aktuell verändernden Ansprüche von Teilnehmern, die sich zunehmend als Teilgeber, also als Mitgestalter des Events begreifen, als sehr positiv. Sie rät Veranstaltungsplanern, diese Parameter ernst zu nehmen und in das Design eines Events hin zum „Angebot einer echten Experience für die Teilnehmer“ einzubeziehen: „Kurze Wissensimpulse, verschiedenartige Wissensimpulse, interaktive Formate zur gemeinsamen Erarbeitung von Wissen, Mitgestaltung von Themen und Content, entspannte Möglichkeiten zu Begegnung und Dialog“, sind aus ihrer Sicht geeignete Tools für die Konzeption einer Veranstaltung, die den „heutigen Ansprüchen“ an Wissensvermittlung, Einbindung der Teilnehmer und gegenseitigen Erfahrungsaustauschs genüge.

Diese Mischung an Formaten, die die besagten Ansprüche der Teilnehmer berücksichtigt, ist Forschungsobjekt in der Meetingindustrie. Das „micelab: bodensee“ beispielsweise, eine interaktive Weiterbildungsplattform für Veranstalter der beiden Netzwerke „BodenseeMeeting“ und „Der Kongress tanzt“, setzt bei seinen verschiedenen Forschungsund Lern-Modulen seit drei Jahren stets den Menschen in den Mittelpunkt und geht der Frage nach, wie „lebendige Veranstaltungen“ gelingen. „Wir haben uns vom reinen Vermarktungs-Netzwerk zum Knowhow- Träger für eine lebendige Begegnungskultur in der Tagungsbranche entwickelt“, sagt Gerhard Stübe von Kongresskultur Bregenz und einer der „Köpfe“ – so bezeichnen sich die Mitglieder des Netzwerks – des micelab. „Neben nützlichen Erkenntnissen für die Branche hat das Projekt sehr viel Vertrauen gebracht und unser Netzwerk gefestigt.“ In den Forschungsmodulen „micelab:explorer“ lieferten bisher vierzig Fachleute aus verschiedenen Disziplinen Impulse zu Themen wie „Angst und Vertrauen“, „Eros und Resonanz“ und „Ich und Wir“. „Kaum jemand in der Veranstaltungsbranche erforscht existenzielle Themen des Menschseins und bezieht es darauf, wie Veranstaltungen lebendiger und effektiver werden können“, sagt Journalist Michael Gleich, einer der Kuratoren des Netzwerks.
   

Das German Convention Bureau (GCB) und der Europäische Verband der Veranstaltungscentren (EVVC) forschen gemeinsam mit dem Fraunhofer- Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO im „Future Meeting Space“ nach Entwicklungen in der Veranstaltungsbranche. Die zweite Forschungsphase drehte sich um die unterschiedlichen Teilnehmertypen einer Veranstaltung. Basierend auf einer knapp ein Jahr andauernden Online-Umfrage identifizierten die Forschungspartner anhand von soziodemografischen Fakten sowie einer Reihe von Indizes geclustert sechs Typen von Teilnehmenden: Sie unterscheiden sich im Grad der Technikaffinität und im Kommunikationsverhalten, sind mehr oder weniger stark karriereorientiert und auf jeweils unterschiedlichen Ebenen in ihrer Organisation zu finden. Aus den Umfragedaten ergaben sich zudem wichtige Erfolgsfaktoren: Teilnehmende sind dann mit einer Veranstaltung zufrieden, wenn sie neues, im Arbeitsalltag umsetzbares Wissen erwerben konnten und wenn die Veranstaltung sie überrascht oder Veränderungen angestoßen hat. Dies berücksichtigt, gibt der Future Meeting Space konkrete Handlungsempfehlungen: Dazu zählt die gezielte Unterstützung beispielsweise stillerer oder wenig technikaffiner Teilnehmender ebenso wie Tipps für ein Veranstaltungsdesign, bei dem der zeitliche Aufwand im Verhältnis zum Nutzen steht. Empfohlen werden zudem der Einsatz neuartiger, innovativer Formate und Technologien sowie Visualisierungshilfen und interaktive Formate, um die Wissensvermittlung zu unterstützen.

too long; didn’t read Image 4
„Ich hatte mal eine Telefonrechnung über 197 D-Mark.“ Kommunikation heute, die Twitterlesung zur re:publica.
FOTO: RE:PUBLICA, JAN MICHALKO (CC BY-SA 2.0)

Eine Zielgruppe, die stellvertretend für den modernen Veranstaltungsbesucher mit all seinen Stärken und Schwächen steht, sind die Millennials. „Die Gruppe der Millennials hat für uns eine enorme Bedeutung. Sie sind die Entscheider von Morgen und bereits heute in vielen Unternehmensbereichen wichtige Meinungsmacher. Sie sind also die zukünftigen Einkäufer“, sagt Julia Uherek, Bereichsleiterin Consumer Goods Fairs bei der Messe Frankfurt. „Millennials sind zumeist gebildet und informiert, immer auf der Suche nach interessanten Inhalten, die sie unterhalten und weiterbringen. Der Content, mit dem man diese Zielgruppe anspricht, muss Mehrwert bieten, neugierig und im besten Fall Spaß machen“, sagt Uherek. „Das reicht aber noch nicht, denn die Inhalte müssen ,snackable‘ sein – also leicht zugänglich, flexibel konsumierbar, gut aufbereitet und vor allem kompakt.“ Auf die Frage, wie Veranstaltungen an die Anforderungen der Millennials angepasst werden müssten, erklärt Uherek: „Das kommt ganz auf die Veranstaltung an, aber generell macht es keinen Sinn, bisher erfolgreiche Konzepte über den Haufen zu werfen und aus jeder Veranstaltung ein Festival zu machen. Mehr Eventcharakter ist gut, aber Messen sind und bleiben ein Ort, um Business zu machen.“ Mit dem richtigen Mix könne man Millennials aber begeistern. „Hier funktionieren Formate gut, bei denen sich die Teilnehmer vernetzen können und zusätzliches, gut aufbereitetes und schnell konsumierbares Wissen bringen“, schließt die Bereichsleiterin der Messe Frankfurt.

Bei aller Kürze und „Snackability“ gibt Hermann Hanser eines zu bedenken: „Wissenstransfer benötigt immer Tiefe.“ Grundsätzlich? „Nein, grundsätzlich nicht. Oder ja, weil es so viele schlechte Konferenzen gibt?“, fügt er fragend hinzu. Das ist die re:publica sicher nicht. Wer in der Station die gesamte Installation abgelaufen ist, hat Moby Dick vermutlich immer noch nicht gelesen, dafür ist der Text einfach zu lang. Dass die Kommunikation in Berlin aber dennoch funktioniert, dürfte an der Tiefe liegen. Eine beruhigende Erkenntnis.
CHRISTIAN FUNK
          
www.re-publica.com/dewww.mci-deutschland.com/de-dewww.cpo-hanser.comwww.messefrankfurt.comwww.micelab-bodensee.com/dewww.future-meeting-space.de
„In weiten Teilen der Leute unter 40 Jahren hat sich die Kultur durch die sozialen Medien sehr verändert.“
Hermann Hanser,
CPO Hanser Service
Datenschutz