So schnell wie möglich! Image 1

KOLUMNE

So schnell wie möglich!

W
enige Begriffe prägen den Zeitgeist der Beschleunigung mehr als ASAP… as soon as possible! Wie oft haben wir diese Aufforderung schon gelesen, ignoriert oder versucht umzusetzen? In seiner Verkürzung und Ambivalenz strahlt die Dringlichkeit aus jedem Buchstaben A - S - A - P. Im Zeitalter der Klimakrise vergeht kein Tag, an dem der Widerspruch zwischen den ergriffenen Maßnahmen und der Notwendigkeit mehr zu tun, wächst. Politik und Wirtschaft sind nicht in der Lage oder willens, ihr Handeln auf die Geschwindigkeit der Anforderungen zu bringen, die der Raubbau an der Natur mit sich bringt. So schnell wie möglich, das ist die Ausrede des 21. Jahrhunderts. Mit der Verwendung von ASAP bin ich Opfer und Täter zugleich. Denn wer definiert die Parameter? Wer sagt, was „soon“, also bald, und was „possible“, möglich, ist? Die GROSSBUCHSTABEN schreien die Leser*innen an. Man möchte fast von Einschüchterung sprechen.

ASAP steht für eine neue Dringlichkeit in unserem Leben. Im beruflichen Kontext ist diese Phrase so überbeansprucht, dass sie sofort negative Emotionen und inneren Widerstand auslöst. Wir denken nicht mehr nach, wir reagieren nur noch. Oder ignorieren sie. In unserem Alltag haben wir ASAP bereits so sehr internalisiert, dass wir es nicht mehr zu formulieren brauchen. Es ist immer da, wir sind immer da. Alles ist sofort und jederzeit abrufbar – Informationen, Musik, Filme. Mit Livevideos, Snapchat und Stories streamen wir unser Leben quasi in Echtzeit ins Internet. Ohne auch nur eine Sekunde über die Nachhaltigkeit nachzudenken. Wir sind aufgebracht, wenn das Internet mal langsamer lädt als normal und fühlen uns geradezu hilflos, wenn wir auch nur für kurze Zeit keinen Empfang haben. Wir fühlen uns zurückgewiesen, wenn Freunde nicht sofort auf unsere Nachrichten antworten. Wir lassen uns mehr und mehr von unseren Gefühlen leiten und bestimmen. Was wird aus uns Menschen, wenn wir nicht mehr nachdenken, sondern nur noch reagieren? Wie wirkt sich das auf unser Leben aus? Wie auf unsere Beziehungen? Wie wollen wir damit umgehen? Und wollen wir das alles überhaupt?
           
So schnell wie möglich! Image 2
FOTO: REPUBLICA, GREGOR FISCHER
Andreas Gebhard ist Geschäftsführer und Mitgründer der re:publica in Berlin, mit über 10.000 Teilnehmern Deutschlands größte Konferenz für die digitale Gesellschaft. Als Kolumnist der tw tagungswirtschaft schreibt er als Veranstalter, was ihn gerade beschäftigt.

Diese Dringlichkeit lässt uns abstumpfen. Oft jedoch ist ASAP nicht ASAP genug, wenn die Zeit als kostbarstes Gut und wertvollste Ressource gegen aktuelle Entwicklungen läuft. Die Welt ist durch die Digitalisierung bequemer geworden, doch die Geschwindigkeit macht der Gesellschaft zunehmend zu schaffen. Nämlich dort, wo sie gefordert ist und nicht eingehalten wird. Und dort, wo sie aufgrund von Zeitmangel zu Ungenauigkeit führt. Durch die ständige Nutzung neuer, zunächst scheinbar ressourcenschonender und flexibilitätsbringender Technologien, passen wir uns dieser Dynamik an und erbringen im Dauerbetrieb in einer immer engeren Taktung Leistung. Wir leben mehr denn je im Jetzt und denken oft nicht an die Konsequenzen für uns, unsere Daten, unsere Umwelt und die uns nachfolgenden Generationen.

Für uns Veranstalter*innen ergibt sich daraus eine vollkommen neue Verantwortung! Wir bringen Menschen in einem kurzen Zeitraum zusammen und wollen diese Zeit so effizient wie möglich nutzen. Die Kunst liegt für uns darin, das richtige Maß zu finden. Unsere Aufgabe liegt also in der Schaffung einer neuen Balance. Wir müssen unseren Gästen so viel wie möglich in kürzester Zeit vermitteln – ohne sie zu überfordern. Das Motto der re:publica 2020? Sie ahnen es: ASAP!
„Wir leben im Jetzt und denken oft nicht an die Konsequenzen.“
Andreas Gebhard,
CEO und Mitgründer re:publica
Datenschutz