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INTERVIEW

Nur wer sich wandelt, bleibt stark

Dr. Martin Koers, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA), über die Neuausrichtung der IAA, die Mobilität der Zukunft und die persönliche Mobilitätswende.

tw: Klimawandel, Fridays for Future & Co. Die Jugend lassen die Autos stehen. Haben Sie Angst um die Zukunft der Automobilindustrie?
Dr. Martin Koers: Überhaupt nicht. Auch wir stehen zum Pariser Klimaschutzabkommen und arbeiten intensiv an der CO2-Reduktion. Auf der anderen Seite wollen die Menschen individuelle Mobilität. Auch junge Menschen wollen und müssen mobil sein. Wir sollten differenzieren. In Städten lässt die Bindung ans eigene Auto sicher etwas nach. Stattdessen steigt dort die Beliebtheit von Mikromobilitätsangeboten oder der Sharing Economy – bei der im Übrigen deutsche Hersteller Marktführer sind. Auf dem Land ist der Bedarf nach dem eigenen Pkw unverändert hoch, die Kunden suchen hier verstärkt nach alternativen Antriebstechnologien – die bieten wir an.

Die IAA präsentiert sich 2019 als „internationale Plattform für die Mobilitätswende“. Steht diese Wende tatsächlich bevor?
Alternative Antriebe, Digitalisierung in Form automatisierter oder vernetzter Fahrzeuge, die Sharing Economy – wir befinden uns mittendrin. Die IAA ist die international führende Mobilitätsplattform und ein Spiegelbild dieser Veränderungen. Sie bildet Mobilität in all ihren Facetten ab, zeigt neueste Trends und Technologien. Wir wollen diesen Wandel für die Besucher mit allen Sinnen erfahrbar machen; sie sollen sie fühlen, sehen, anfassen, diskutieren. Die Diskussion über die Mobilität der Zukunft wollen wir mit allen Teilnehmern der Gesellschaft – von der jungen Familie über den Single in der Großstadt ohne eigenes Auto, vom Petrol Head bis hin zum Kritiker von Umweltorganisationen oder Teilnehmern der „Fridays for Future“-Bewegung – führen und vorantreiben.

Wie sieht sie denn aus, diese Wende?
Es gibt nicht die eine Lösung und damit auch keinen Königsweg. Die Zukunft der Mobilität ist stattdessen multimodal. Jeder Verkehrsträger und jede neue Technologie haben ihre eigenen Vorteile und Stärken. Der Schienenverkehr kann große Personengruppen schnell und komfortabel über große Distanzen transportieren, Elektro- und Hybridantriebe sind unabdingbar für emissionsarme urbane Mobilität, die Sharing-Economy flexibilisiert das starre System ÖPNV mit festen Abfahrtszeiten und -orten. Wasserstoff bietet sich für die Logistik auf der Langstrecke an. Dazu können wir mit neuen Technologien digitale und effiziente Verkehrsinfrastrukturen aufbauen und beispielsweise den Verkehrsfluss in Städten besser managen. Es geht darum, die Stärken der verschiedenen Konzepte und Innovationen clever miteinander zu verknüpfen.

     
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Steht die Mobilitätswende tatsächlich bevor? „Wir befinden uns mittendrin“, sagt VDA-Geschäftsführer Dr. Martin Koers.
FOTO: VDA

ZUR PERSON

Dr. Martin Koers ist Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Der VDA ist Veranstalter der IAA, die sich 2019 neu aufstellt als „Plattform, auf der die Zukunft der Mobilität neu erlebbar wird“. Die neue IAA ist in die vier Formate Exhibition, Conference, Experience und Career aufgeteilt und hat zudem ein neues Corporate Design, das den Wandel visuell unterstreicht. Die Transformation der Automobilindustrie – Elektromobilität, Digitalisierung, vernetztes und automatisiertes Fahren, Sharing-Modelle – ist auch verknüpft mit einer Transformation der Automobilmessen. Diese Herausforderung nimmt die IAA offensiv an und positioniert sich als „die international führende Mobilitätsplattform“. www.vda.de

Können künftige Mobilitätslösungen Antworten auf Fragen zum Thema Klimawandel, Smart Cities oder Demografie geben?
Mit Sicherheit, sie sind Teil der Lösung.


Welche spannenden neuen Lösungen werden in Frankfurt vorgestellt?
Ob Hersteller, Zulieferer, Startups oder IT-Unternehmen: Sie alle wollen in Frankfurt die Mobilität von heute und in der Zukunft so sicher und emissionsfrei wie möglich gestalten. Die Unternehmen präsentieren dementsprechend neueste Modelle mit Plug-in-Hybrid oder batterie-elektrischem Antrieb. Gleichzeitig werden innovative Geschäftsmodelle und serienreife Technologien für das automatisierte und vernetzte Fahren sowie digitale Cockpit-Lösungen gezeigt.

Die IAA erfindet sich neu. Was hat Sie bewogen, die Ausrichtung der IAA zu ändern?
Nur wer sich wandelt, bleibt stark. Die gesamte Automobilindustrie transformiert sich und auch das gesamtgesellschaftliche Verständnis von Mobilität wandelt sich stärker denn je. Die IAA greift diese Entwicklungen als international führende Mobilitätsplattform auf und setzt sie um. Wir haben dabei den Anspruch, Mobilität nicht abzubilden, sondern auch mitzugestalten. Denn Mobilität ist mehr als die Frage, wie wir von A nach B kommen. Wir denken die klassische Ausstellung weiter und schaffen eine Plattform, die inspiriert und präsentiert. Mit den vier Formaten IAA Conference, IAA Exhibition, IAA Experience und IAA Career bildet die IAA die gesamte Wertschöpfungskette der Mobilität ab. Wir wollen gestalten und den Begriff Automobil neu denken – hin zur herausfordernden, multidimensionalen Automobility und deren Relevanz für Politik, Gesellschaft und Individuum. Dieses Ziel erreichen wir mit einem aktiven, emotionalen sowie involvierendem Erlebnis. Die IAA ist nicht mehr das größte Autohaus Europas, sondern das Schaufenster für die Mobilität der Zukunft.

    


Die Cebit hat ebenfalls einen Wandel vollzogen. Leider wurde die Messe nach ihrer Premiere als Festival abgesetzt. Was tun Sie, damit das der IAA nicht passiert?
Der Wunsch der Besucher nach Interaktion auf Veranstaltungen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Zeiten einseitiger Messekommunikation sind längst vorbei. Erlebnischarakter bedeutet, dass die IAA-Besucher in Frankfurt die Mobilität der Zukunft testen und erleben, erstmals Weltneuheiten sehen, mit Ausstellern in den Dialog treten, mit Vordenkern, Entscheidern und Innovatoren der Mobilität debattieren können. Wir schaffen auf der Plattform IAA ein Ökosystem für die Mobilität von morgen und bringen die wichtigsten Player aus Automotive, Tech, Startups und Politik zusammen. Und wir werden den Diskurs über die neue Mobilität mit der Gesellschaft führen und vorantreiben. Dies erreichen wir mit einem aktiven, emotionalen sowie involvierendem Erlebnis. Wir entwickeln unseren Markenkern weiter zu einer Diskussions- und Demonstrationsplattform.

Sie teilen die IAA 2019 in vier Schwerpunkte auf: Conference, Exhibition, Experience und Career. Wie ist die Gewichtung und warum diese vier Themen?
Mobilität ist Grundlage moderner, arbeitsteiliger Gesellschaften – sie öffnet Horizonte und bringt Menschen zusammen. Wir haben den Anspruch, die neue Mobilität der Gesellschaft auf allen Ebenen näher zu bringen. Dies erreichen wir am besten mit den vier Formaten. Mit der Conference diskutieren und erörtern wir unter dem Motto „Beyond Mobility“ alle Facetten der Mobilität mit Innovatoren und Entscheidern von Mobility-, Tech- und Digitalunternehmen, aber auch mit Kritikern; auf der Exhibition können Besucher Weltneuheiten, technische Lösungen der Klima- und Umweltpolitik sowie Trends der Mobilität sehen; im Rahmen der Experience fühlen, erleben und testen Besucher Angebote wie die E-Mobilität, Mikromobilität oder Offroad live; und auf der Career bringen wir die Mobilität einer neuen Generation näher, indem wir Mobilitätsinteressierte mit den Entscheidern der Branche zusammenbringen und vernetzen. Die Bedürfnisse der Menschen an die neue Mobilität sind vielfältig – eine reine Ausstellung kann das nicht leisten.
          
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Die IAA will 2019 die wichtigsten Player aus Automotive, Tech, Startups und Politik zusammenbringen.
FOTO: IAA

Kritiker werfen der IAA – und indirekt auch der deutschen Automobilbranche – vor, neue Entwicklungen zu verschlafen. Was entgegnen Sie?
Jeder, der diese falsche Vermutung hegt, kann sich auf der IAA vom Gegenteil überzeugen. Die IAA hat bereits 2011 als erste Automobilmesse eine eigene Halle für das Ökosystem der Elektromobilität geschaffen. 2015 haben wir mit der New Mobility World (NMW) eine weitere Benchmark gesetzt – mit großem Erfolg. Gleiches gilt für die Automobilindustrie. Unser E-Marktanteil in Deutschland liegt bei rund 50 Prozent. Überdies sind die deutschen Hersteller und Zulieferer führend bei Patenten für vernetzte und automatisierte Fahrzeugtechnologien. Bis 2023 verfünffachen die deutschen Hersteller ihr Angebot an Elektromodellen auf über 150. In den nächsten drei Jahren investieren wir in die Elektromobilität 40 Milliarden Euro. Natürlich spüren wir den Druck, den Digitalunternehmen mit ihrem technischen Knowhow auf diese Branche ausüben. Dafür sind deutsche Automobilunternehmen weltweit führend in Großserienfertigung, bei Premium und Design, Langzeitqualität des Produkts und der Ingenieurskunst. Angesichts dessen sind der Diskurs und die Debatte um die Zukunft der Mobilität auf Plattformen wie der IAA wichtiger denn je.

Statt einer reinen Ausstellung hat Mercedes 2017 auf der IAA die „me Convention“ ins Leben gerufen. Waren Sie dort und wie war Ihr Eindruck?
Die me Convention war bereits 2017 sehr erfolgreich – und wird 2019 wieder auf der IAA stattfinden. Wir freuen uns sehr darüber und sehen dies als sinnvolle Ergänzung, insbesondere wenn es um die gesellschaftspolitischen Aspekte geht.

Welche Konferenz(en) haben Sie besucht, um sich für „die neue IAA“ inspirieren zu lassen?
Natürlich beobachten wir das Umfeld. Formate wie SXSW, CES oder die LA Auto Show versuchen, ein aktivierendes, emotionales und interaktives Ereignis zu schaffen. Die Richtung ist erkennbar: Aus einer Produktmesse wird eine Plattform. Wir nehmen manches auf, gehen aber unseren eigenen Weg. Wir sind überzeugt: Nur die IAA zeigt die Mobilität in all ihren Facetten.

Wie sieht Ihre persönliche Mobilitätswende aus?
Ich nutze für jeden Anlass das effizienteste Verkehrsmittel. In Berlin Mitte ist das fast immer das Fahrrad, für die Fahrt von Berlin nach Hamburg steige ich in den ICE – aber ich bin auch ein begeisterter Autofahrer. Die Sharing-Angebote nehme ich gerne in Anspruch – vor allem in Städten wie Berlin.
CHRISTIAN FUNK
„Die Diskussion über die Mobilität der Zukunft wollen wir mit allen Teilnehmern der Gesellschaft führen.“
Dr. Martin Koers,
Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA)
„Die IAA ist nicht mehr das größte Autohaus Europas, sondern das Schaufenster für die Mobilität der Zukunft.“
Dr. Martin Koers,
Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA)
„Ich nutze für jeden Anlass das effizientes Verkehrsmittel. In Berlin Mitte ist das fast immer das Fahrrad.“
Dr. Martin Koers,
Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA)
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