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RESILIENZ

„Nichts bleibt wie zuvor“

Die Corona-Pandemie und die globale Kettenreaktion vieler Staaten sind neu und unbekannt. Das verunsichert. Die Angst vor Ansteckung wechselt sich ab mit der Angst vor Arbeitslosigkeit. Allen voran in der Veranstaltungsindustrie, die die Einschränkung sozialer Kontakte schwer trifft. Resilienz oder psychische Widerstandsfähigkeit ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch einen dynamischen Anpassungsprozess als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.

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OVID-19 verändert die Welt, wie wir sie kennen. Die Coronakrise wirkt sich tiefgreifend auf unsere Gesellschaft und Wirtschaft aus. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus folgen zwei Mustern: der Einschränkung unserer Bewegung und Begegnung. Geschlossene Grenzen, unterbundene Mobilität und unterbrochene Wirtschaftskreisläufe führen uns die Verletzlichkeit der Globalisierung und von Veranstaltungen vor und führen uns in eine Weltwirtschaftskrise. Der Internationale Weltwährungsfonds prognostiziert einen Rückgang der Weltwirtschaft um drei Prozent. Mit nie da gewesenen Rettungsschirmen versuchen die Regierungen aller Länder die Wirtschaft zu stützen, 1,2 Billionen Euro sind es in Deutschland, wo bislang 10,1 Mio. Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit sind, das ist jeder vierte Erwerbstätige.

„Die Corona-Pandemie ist für unsere Generation ohne Beispiel. Nach über zehn Jahren stetigen Wirtschaftswachstums, zunehmender Internationalisierung und steigendem Wohlstand in fast allen Teilen der Welt steht das Wirtschaftsleben nahezu still“, schreibt Dr. Stefan Rief. In seinem Gastbeitrag „Nichts bleibt wie zuvor“ auf der neuen Informationsplattform www.eventcrisis.org betrachtet er die Veranstaltungsbranche in der Post-Corona-Epoche. Rief leitet den Forschungsbereich Organisationsentwicklung und Arbeitsgestaltung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart und forscht mit dem German Convention Bureau (GCB) am Projekt „Future Meeting Space“. Deshalb weiß er, wie sehr Business Events wegen ihrer Abhängigkeit vom persönlichen Austausch betroffen sind. Rief: „Niemand kann im Moment seriös voraussagen, wann die Pandemie überwunden ist oder wie schnell und umfassend sich Wirtschaft und Gesellschaft davon erholen werden.“ Sicher scheint ihm: „Für die MICE-Branche beginnt danach eine neue Zeitrechnung.“

Nur: in welcher Zeit werden sich Veranstalter und ihre Dienstleister nach Corona wiederfinden? „Wir werden ein Jahrzehnt der ökonomischen Resilienz erleben“, vermutet Harry Gatterer. Selbst wenn jetzt das schnelle Zurück zum alten Spiel befeuert werde, komme es nach Ansicht des Zukunftsforschers auf lange Sicht zu einer Wandlung „weg von einer kurzfristigen Profitorientierung, hin zu einer langfristigen Überlebensorientierung“. Der Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Frankfurt glaubt, dass wir ein Wirtschaftssystem erleben werden, das aufwendiger sein wird, dafür aber resilienter. „Weniger anfällig zu sein, wird in Zukunft einen höheren Stellenwert bekommen, ebenso wie der Beitrag, den ein Unternehmen für die Gesellschaft leistet: People, Planet, Profit ist der Orientierungsrahmen einer neuen Wirtschaft.“
         

In seinem Whitepaper „Die Wirtschaft nach Corona“ beschreibt das Zukunftsinstitut drei Phasen der Erneuerung: In Phase eins „Die Welt vor Corona: Let it go“ erleben wir eine gigantische Dekonstruktion des Alltags mitsamt seinen wirtschaftlichen Wechselbeziehungen. Es wird sichtbarer, was die Welt zusammenhält – und was nicht. In Phase zwei „Fenster der Möglichkeiten: Now or never“ wird für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg die Frage der erfolgreichen Adaption und Anpassung entscheidend sein. In Phase drei „Adaption und neue Modelle: Manything goes“ ende das klassische Effizienzdenken, da es sich nur auf endliche Spiele und Engpässe beziehe. Auf die Effizienz folgt die Resilienz.

Resilienz ist die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung psychischer Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen. Die Pandemie ist so ein Ereignis und bringt eine große Verunsicherung mit sich. Unser gesamtes Leben ändert sich, und das erfordert einen enormen Anpassungsprozess an die neuen Umstände. Viele Menschen fühlen sich überfordert und empfinden Angst, weil gewohnte Muster aufbrechen und es neuer Bewältigungsstrategien bedarf. „Es ist normal, sich angesichts der aktuellen Situation ängstlich, traurig, unsicher oder wütend zu fühlen. Heute kann noch keiner mit Gewissheit sagen, wann wir die Pandemie überwunden haben werden. Aber sicher ist, dass die Krise überwunden werden wird“, sagt Prof. Dr. Thomas Rigotti im Interview. Rigotti ist Leiter der Forschungsgruppe „Resilienz im Arbeitskontext“ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR).

Sein Institut forscht und informiert, wie Resilienz uns helfen kann, Krisen durchzustehen und ganz konkret über den Umgang mit psychischen Belastungen während der Coronakrise („Welche Möglichkeiten helfen mir, mich psychisch besser zu fühlen?“). Ein Ratschlag ist: „Akzeptanz und Zuversicht: Eine annehmende Haltung zu entwickeln, ermöglicht Ihnen Energie für andere Bereiche freizusetzen und sich schrittweise von belastenden Gedanken zu lösen. Denken Sie daran, dass auch in der Vergangenheit Gesellschaften Krisen bewältigen konnten und wieder zur ‚Normalität‘ übergegangen sind.“

Um Menschen in der Coronakrise bei Bewältigung ihrer persönlichen Stressoren und der Stärkung ihrer individuellen Resilienz in Zeiten von COVID-19 zu unterstützen, bietet das LIR ein kostenloses Training an: „Auf Kurs bleiben kompakt“. Menschen, die erfolgreich mit Stressoren umgehen, indem sie neue Stärken und Kompetenzen und damit Lebensperspektiven entwickeln, werden widerstandsfähig(er) in zukünftigen Krisen sein. Belastbarkeit entsteht dabei nicht durch die Unempfindlichkeit gegen Stress, sondern einen aktiven und dynamischen Anpassungsprozess.
     
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Thorben Grosser: Wir können still unser Schicksal erleiden oder unsere Expertise an die neue Realität anpassen.
FOTO: ZEUS

„Keine Veranstaltung – keine Veranstaltungs-App“, bringt Thorben Grosser seine neue Situation auf den Punkt. Dem General Manager Europe des Event-App-Entwicklers Eventmobi ist klar: „Wir können entweder still unser Schicksal erleiden oder unsere Expertise an die neue Realität anpassen. Viele Kunden müssen jetzt auf virtuelle Veranstaltungen umsatteln, aber kaum jemand hat sich in den vergangenen Jahren ernsthaft damit beschäftigt.“ Hier kommt seine Expertise ins Spiel: Viele Features seiner Apps wie Interaktion und Gamification fehlen auf den Plattformen, die Tagungsplaner nutzen. Diese Lösungen offeriert die neue „EventMobi’s End-to-End Event Management Platform“. Die Zeit, die durch das Nichtreisen entsteht, nutzt Grosser: Privat lernt er, wie er Messer schleift und übt sich im Bauen von Modellen für 3D-Druck, beruflich arbeitet er sich in das Thema Live-Broadcasting ein und experimentiert mit Möglichkeiten, die die Moral seines Team auch in der Isolation aufrechterhalten.

„Resilienz auf Teamebene oder Organisationsebene ist nicht einfach nur die Summe der Resilienz der einzelnen Mitglieder“, weiß Resilienzforscher Rigotti. „Eine resiliente Organisation überlebt und gedeiht in wirtschaftlich schwierigen und volatilen Zeiten.“ Resiliente Organisationen antizipieren künftige Entwicklungen, identifizieren Gefährdungen außer- und innerhalb ihrer Organisation, reagieren auf unvorhergesehene Ereignisse und lernen daraus. So werden sie widerstandsfähig gegenüber Störungen und Veränderungen, sind handlungs- und anpassungsfähig in Krisen. Mit Resilienz als Unternehmensziel beschäftigt sich die Norm BS 65000:2014 der British Standards Institution. Resilienz-Management umfasst dabei alle Maßnahmen, die die Belastbarkeit einer Organisation stärken. Ein Managementthema ist Resilienz in der VUCA-Arbeitswelt (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) geworden.
   
Messe Frankfurt

„Für uns sind dies schwierige Zeiten. Wir müssen die Gelegenheit nutzen, um zu lernen und für die Zukunft zu planen“, sagt Carina Bauer, CEO der IMEX Group. Mit der Absage ihrer Messe IMEX in Frankfurt erlebt sie eine steile Lernkurve. Dabei überwältigt sie die Unterstützung ihrer (Geschäfts-)Partner. „Wir müssen uns in der Krise gegenseitig unterstützen, beruflich wie persönlich“, weiß sie. Ebenso, dass Corona kein Sprint ist, sondern ein Marathon. „Stay resilient!“, rät Bauer. In den letzten Wochen hat sie viel über sich gelernt, etwa dass sie und ihr Team widerstandsfähig sind. In wenigen Wochen stellen sie die virtuelle IMEX auf die Beine. Der „#PlanetIMEX“ kombiniert Weiterbildung und Netzwerken mit Wohlbefinden und mentaler Gesundheit. In der Session „How resilient are you?” lernen die Teilnehmer, was Resilienz ist, und wie sie Widerstandsfähigkeit entwickeln und Strategien für den Lockdown und danach.

Resilienz attestiert die Professional Convention Management Association (PCMA) ihren Mitgliedern in ihrem „COVID-19 Survey“. Meeting Professionals seien in der Lage, eine Zukunft zu denken, in der virtuelle Veranstaltungen ein wichtiger Teil von Wissensaustausch und Vernetzung sind, und Veranstaltungen zu planen, ohne Sorgen um die Verbreitung von Viren. Unterstützend bietet die PCMA Webinare an wie „Stay Resilient: You Can Do Anything For a Year“. In vier Schritten lernen die Teilnehmer, wie sie über sich hinauswachsen können: Flexibility – be ready to pivot, adjust, and reinvent; Acceptance – you have not done anything wrong; Calm – worry is like being on a rocking chair, back and forth movements without any advancement; Empathy – show me your poodle, not your pool (I may have lost my job).

Um als Organisation im Lockdown widerstandsfähig zu bleiben, stellt Petra Bierwirth, Geschäftsführerin von Bierwirth & Kluth Hotel Management, ihren Hotels Resilienz-Coach Dr. Eva Brand mit Coachings zur Seite. Das auf Hotelentwicklung und -betreibung spezialisierte Unternehmen gibt für alle Betriebe Challenges aus, z.B. werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegte Kilometer addiert. Auf einer Deutschlandkarte werden über die absolvierten Kilometer alle Hotels wie das Courtyard by Marriott Hamburg City, das Moxy Frankfurt Eastoder das München Airport Marriott Hotel imaginär „besucht“. Die jeweiligen Direktor*innen begrüßen alle Mitarbeiter*innen und schicken Motivationsgrüße aus ihren Häusern.
              
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13.000+ Teilnehmer*innen schalten sich zu zum ersten virtuellen Global Meetings Industry Day (GMID).
FOTO: Screenshot

Virtuelle Motivationsgrüße senden zum Global Meetings Industry Day (GMID) am 14. April 2020 mehr als 13.000 Teilnehmer*innen um die Welt. 6.000 von ihnen antworten auf die Frage zu Events nach der Pandemie und für zwei Drittel sind das hybride Events. Gerade bei hybriden Formaten sieht Forschungsleiter Rief zahlreiche Chancen, denn unsere Art der Kommunikation verändere sich und damit das „Ökosystem MICE“, wie er es nennt. Entscheidend für den Erfolg sei „die vorbehaltlose Auseinandersetzung mit den Kunden- und Teilnehmerbedürfnissen, „denn sie entscheiden letztlich, wofür sie in Zukunft ihre Zeit aufwenden – und das werden sie deutlich bewusster tun“, so Rief. Er beobachtet, wie Millionen Menschen gerade in einem Crash-Kurs von zu Hause aus lernen mit virtuellen Werkzeugen umzugehen. Sie erleben quasi eine Überladung des Trends „Bring your own device“ (BYOD). Eben noch Nischen-Tools tauschen sich Arbeitnehmer*innen plötzlich wie selbstverständlich über Zoom, Slack oder Microsofts Teams aus. Allein bei Zoom sind die Nutzerzahlen von zehn Millionen im Januar auf 200 Millionen im April explodiert.

So kommt das eine zum anderen, beispielsweise in Baden-Württemberg, wo wie in anderen Bundesländern bis Ende August Großveranstaltungen untersagt sind. In der Landeshauptstadt Stuttgart hat sich deshalb die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) zusammengetan mit der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart (IHK), der Handwerkskammer Region Stuttgart (HWK), der Messe Stuttgart, der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten: Ihre neue Kooperationsbörse b2b.region-stuttgart.de bringt Unternehmen in Kontakt, die aufgrund der Corona-Pandemie Produkte und Dienstleistungen anbieten oder suchen. Stefan Lohnert, Geschäftsführer Messe Stuttgart, sagt: „Wir hoffen und wünschen, dass sich viele Mitmacher finden, mittelfristig auch über den aktuellen, eindeutigen ‚Notbedarf‘ hinaus“.
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Seit 11. Mai 2020 dient die Halle 26 der Messe Berlin als Coronabehandlungszentrum an der Jafféstraße (CBZ).
FOTO: Messe Berlin

Den Notbedarf decken Messe- und Kongresshallen auch ab, indem sie vorrübergehend als Notkrankenhäuser zur Behandlung von COVID-19 Patienten bereitstehen. Beispiele sind das Jacob K. Javits Convention Center in New York, das Vancouver Convention Center, das Excel London, die Messen IFEMA Madrid, Antwerp Expo und die Messe Wien. Zuletzt, am 11. Mai 2020 ist in der Halle 26 der Messe Berlin das „Corona-Behandlungszentrum an der Jafféstraße (CBZ)“ eröffnet worden. Das Behandlungszentrum mit 500 Betten ist ein Projekt der Senatsverwaltung für Gesundheit und eine Erweiterung bereits in der Diskussion. „Darüber entscheidet die Senatsverwaltung, und das hängt natürlich von der Entwicklung der Krise ab“, informiert Emanuel Höger, Pressesprecher der Messe Berlin. „Wir als Messe Berlin rechnen aber damit, dass das CBZ mindestens bis Jahresende aufrechterhalten wird.“


Als größte Herausforderung für die Belegschaft beschreibt Höger den Umgang mit der Unsicherheit und die Frage, wann und wie wieder Messen und Kongresse durchgeführt werden können. „Die Messe Berlin hat sich schon vor der Coronakrise der Stärkung unserer Resilienz gewidmet. Nun profitieren wir davon“. Angeboten werden beispielsweise Resilienz-Trainings, aufgehängt ist das Thema Resilienz in der Personalentwicklung und im Gesundheitsmanagement. Um Krisen einzuordnen, empfiehlt sich neben dem Blick nach vorne der Blick zurück, in die Geschichte. Die Messe Berlin ist ein bewegtes Kapitel in der Geschichte der deutschen Hauptstadt. Sie beginnt mit der ersten Gewerbeausstellung 1822 und hat in 200 Jahren viele Krisen überstanden. 1943 werden im Zweiten Weltkrieg das Messegelände und die Deutschlandhalle weitgehend zerstört und der Funkturm schwer beschädigt. 1946 ist der Beginn des Wiederaufbaus des Messegeländes, ein Jahr später folgt die erste Ausstellung unter dem Funkturm nach dem Krieg: „Werte unter Trümmern“.
Kerstin Wünsch

#StrongTogether in Monaco

#StrongTogether heißt die Destinationskampagne der Tagungs- und Tourismusindustrie in Monaco. Unterstützt wird sie von Fürst Albert und der Regierung. Angesichts der Coronakrise ist die Kampagne ein Zeichen der Solidarität und Resilienz, aus der am 25. März 2020 die Bewegung #StrongTogether hervorgegangen ist. Die Botschaft wird von der monegassischen Regierung ebenso verbreitet wie von Institutionen, Partnern und Unternehmen. Beispielsweise druckt die Stiftung Prinzessin Charlene von Monaco #StrongTogether auf Schutzmasken für die den Bewohnern Monacos, die arbeiten müssen, um deren Engagement im Kampf gegen die Pandemie deutlich zu machen. Auf der Website steht: “We’re all in this together – these efforts reflect our mental strength. We began this movement together: it is already part of our community’s history, and those hopeful words – shared by our fellow citizens on social media, on banners, on masks, on buildings, on buses and more – express the full extent of our need for collective action: our need to resist, and to fight together.” https://www.montecarlosbm.com/en/inspiration/strong-together




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