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INTERVIEW

„Menschen mit grünem Blut“

Dr. Antje von Dewitz, stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und Geschäftsführerin der Vaude Sport GmbH & Co. KG, über den Klimastreik, die Gemeinwohl-Ökonomie und die Venue-Suche zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises.

tw: Am 20. September 2019 haben Sie die Arbeit niedergelegt und sind in den Klimastreik getreten. Wieso das?
Dr. Antje von Dewitz: Wir haben unsere Mitarbeiter eingeladen, mit uns gemeinsam während der Arbeitszeit an der Demo im benachbarten Friedrichshafen teilzunehmen. Dahinter steht unsere Überzeugung, dass Unternehmen Verantwortung für die negativen Folgen ihres wirtschaftlichen Handelns übernehmen sollten. Um die Unternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen, sind entsprechende politische Rahmenbedingungen, wie z.B. eine Klimasteuer erforderlich. Wir haben am Klimastreik teilgenommen, um dieser Haltung Ausdruck zu verleihen und um den Jugendlichen Anerkennung zu zollen, die sich seit Monaten dafür auf der Straße einsetzen und damit einen noch nie dagewesenen Bewusstseinswandel eingeleitet haben.

Nicht erst seit Greta Thunberg und Fridays For Future (FFF) ist klar, dass wir auf Kosten unserer Kinder leben: Wir essen zu viel Fleisch, steigen zu oft ins Auto oder Flugzeug. Klimaberichte wie der aktuelle IPCC-Report sprechen eine recht deutliche Sprache zu der Art, wie wir leben – und doch fühlen sich viele nicht angesprochen. Wie kommt das?
Bisher fühlten sich viele davon noch nicht unmittelbar betroffen, das Thema war und ist für viele fern und zu abstrakt. Darin liegt genau der Verdienst der FFF, denn wenn die eigenen Kinder und Enkel auf die Straße gehen, macht das die Familien auch betroffen. Wenn es Menschen leichter gemacht wird mitzumachen, wie etwa bei dem Thema ohne Plastik zu leben, sieht man, welche Sogwirkung das entfaltet. Wir nehmen dies auch in unserer Kantine wahr, wo mittlerweile zwei Drittel der Mitarbeiter vegetarische Gerichte essen, einfach weil es schmeckt. Das wäre anfangs nicht vorstellbar gewesen.

Vaude stellt Bergsportausrüstung her. Eine intakte Natur und Bergwelt sind quasi Ihre Geschäftsgrundlage – erklären Sie deshalb Nachhaltigkeit zur Chefsache?
Als Outdoor-Ausrüster hatten wir von Anfang an Menschen mit grünem Blut im Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit eingesetzt haben. Das war also eine günstige Ausgangssituation. Aber unabhängig von dem, was ich als Unternehmen produziere, ist meine Überzeugung, dass es schlicht der unternehmerischen Verantwortung entspricht, nicht auf Kosten von Mensch und Natur zu wirtschaften.
     

Als nachhaltige Marke haben Sie Mehrkosten für umweltfreundliche Materialien sowie einen ressourcenschonenden Herstellungsprozess mit fairen Arbeitsbedingungen. Rechnet sich das?
Es rechnet sich nicht aufs einzelne Produkt. Die Mehrkosten lassen sich nicht eins zu eins an den Kunden weitergeben, denn wir sind dadurch ja nicht plötzlich auf einem anderen Markt tätig. Wir setzen jedoch beispielsweise vergleichsweise weniger Geld für Marketing ein. Im Ganzen gesehen rechnet es sich für uns. Wir haben uns in den letzten Jahren zu einer Marke des Vertrauens entwickelt und wachsen überdurchschnittlich im Vergleich zum Umsatz in der europäischen Outdoor-Branche.

Sie haben sich mit den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen befasst und füllen diese mit Leben. Haben Sie ein Beispiel?
Wir begreifen uns als Teil der globalen Gemeinschaft und verstehen die nachhaltigen Entwicklungsziele als eine bereichernde Perspektive zur Weiterentwicklung und Beurteilung unserer Unternehmenstätigkeiten. Alle Ziele sind miteinander verknüpft, wir betrachten sie gleichermaßen und integrieren sie in unsere Unternehmensstrategie. Etwa das Ziel Nummer 5, die Gleichstellung der Geschlechter: Wir sichern Chancengleichheit über die Vaude-Gehaltssystematik, flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle und ein eigenes Kinderhaus für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. 66% unserer Mitarbeiter und 41% unserer Führungskräfte sind Frauen. Momentan bauen wir ein Diversity Management auf. Im Rahmen unseres Organisationsentwicklungs-Prozesses sensibilisieren wir für Diversität und feiern den Deutschen Diversity-Tag. In unserer Lieferkette fordern wir von unseren Produzenten, dass niemand aufgrund seines Geschlechts diskriminiert wird. Arbeitsverhältnisse müssen auf dem Grundsatz der Gleichbehandlung und Chancengleichheit basieren. Dies gilt für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter und die Lohnpolitik ebenso wie für Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen. Vaude-Mitarbeiter vor Ort in den Produktionsländern und die Fair Wear Foundation überprüfen das regelmäßig.
   
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Dr. Antje von Dewitz: Nicht auf Kosten von Mensch und Natur wirtschaften!
FOTO: VAUDE

ZUR PERSON

Dr. Antje von Dewitz ist stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und Geschäftsführerin der Vaude Sport GmbH & Co. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ist eine der größten Stiftungen in Europa. Sie fördert innovative beispielhafte Projekte zum Umweltschutz. Vaude zählt zu Europas führenden Outdoor-Ausstattern. Das Familienunternehmen mit Sitz in Tettnang (Bodenseeregion) beschäftigt 500 Mitarbeiter. 1974 von Albrecht von Dewitz gegründet hat Antje von Dewitz 2009 die Geschäftsführung von ihrem Vater übernommen und das Thema Nachhaltigkeit in den drei Geschäftsbereichen Mountain Sports, Bike Sports und Packs & Bags konsequent in den Vordergrund gerückt, davon zeugt der Nachhaltigkeitsbericht auf der Website. www.vaude.com

Sie sind ein Fan und ein Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie. Was ist das?
Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Initiative, die sich für ein Umdenken in der Wirtschaft zugunsten des Gemeinwohls einsetzt. Eine Gemeinwohl-Bilanz misst unternehmerischen Erfolg nicht nur an ökonomischen, sondern auch an ökologischen und sozialen Faktoren. Unternehmen werden also nicht nur nach ihrem finanziellen Erfolg bewertet, sondern auch daran, inwieweit sie Verantwortung für Mensch und Umwelt übernehmen und die wahren Kosten für ihre Produkte berücksichtigen. Das Ergebnis der Bilanzierung wird veröffentlicht. Daran lässt sich der Beitrag, den das Unternehmen für das Gemeinwohl leistet, klar erkennen, messen und auch vergleichen. Wenn diese Art der Bewertung in unserem Wirtschaftssystem verankert wäre, würden globale Herausforderungen wie die Klimaerwärmung einen ganz anderen Stellenwert in unserer Welt erhalten.

Engagieren Sie sich deshalb – um dem Thema Umweltschutz und Klimawandel mehr Gehör zu verschaffen – als Stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU)?
Ja klar, denn von dort aus können Impulse gesetzt werden für die Förderung von umweltfreundlichen Technologien oder Bildungsangeboten.

Der Deutsche Umweltpreis 2019 geht an die Bodenwissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Kögel-Knabner und den Reinigungsmittel-Unternehmer Reinhard Schneider. Wieso braucht es diesen Preis?
Es ist ein hoch dotierter Umweltpreis, der traditionell vom Bundespräsidenten verliehen wird. Dadurch wird ein starker Fokus auf Themen gelenkt wie z.B. auf die Frage, welche Bedeutung Böden und ihre Art der Nutzung für unser Klima haben. Dadurch können also Themen nach vorne gebracht werden, die sonst wenig Gehör bekommen.
    

 
Zur Verleihung des Deutschen Umweltpreises in Mannheim sind 1.200 Gäste aus ganz Deutschland angereist. Ist das umweltfreundlich?
Das hängt ja von der Art der Anreise ab. Mannheim ist von ganz Deutschland aus gut per Zug erreichbar. In bin aus Tettnang mit dem Zug angereist und hoffe, dass die Gäste diese Gelegenheit der Anreise auch genutzt haben.

Was rechtfertigt diesen Aufwand?
Bei der Umweltpreisverleihung steht das Thema Umwelt- und Klimaschutz im Mittelpunkt und erhält eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Die Veranstaltung hat Signalwirkung. Es haben 1.200 Gäste teilgenommen, die die Botschaft als Multiplikatoren nach außen tragen. Dadurch kann ein solches Event viel Mut und Hoffnung transportieren und positive Effekte bewirken.

Was tut die Deutsche Bundesstiftung Umwelt als Veranstalter für die Klimabilanz ihrer Tagungen und Events?
Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt reduziert bei ihren Veranstaltungen den Energieverbrauch so weit, wie es geht. Dies umfasst die eigenen Gebäude, die Veranstaltungstechnik, die Materialien und das Catering. Das DBU-eigene Zentrum für Umweltkommunikation verbraucht nur 28 kWh/m2a. Das neue DBU-Naturerbe-Gebäude, in dem die DBU-eigenen Ausstellungen präsentiert werden, ist ein Plusenergie- Gebäude und erzeugt mehr Energie als es verbraucht. Bei der Veranstaltungstechnik werden nur energiesparende Geräte eingesetzt. Bei den Materialien wird auf Mehrfachverwendung und Recycling geachtet. So wird ausschließlich Recyclingpapier mit dem „Blauen Engel“ verwendet und für die Messestände und Bühnen werden Teppichfliesen eingesetzt, die seit über zehn Jahren immer wieder genutzt werden. Beim Catering steht vegetarische oder vegane Kost im Vordergrund. Fleisch wird sparsam angeboten. Eine Reihe von Veranstaltungen wird vollständig vegan oder vegetarisch gecatert. Die Stromversorgung der DBU-eigenen Gebäude erfolgt über ein eigenes Blockheizkraftwerk und eine Photovoltaikanlage. Der fehlende Strom wird über einen Ökostromtarif der Stadtwerke bezogen. Bei großen Veranstaltungen an anderen Orten wird eine regenerative Energieversorgung verlangt. Zudem kümmern wir uns um die Anreise der Gäste und bieten ein Veranstaltungsticket der Deutschen Bahn an.
   
„Es entspricht der unternehmerischen Verantwortung, nicht auf Kosten von Mensch und Natur zu wirtschaften.“
Dr. Antje von Dewitz


Und Vaude?
Wir veranstalten beispielsweise unsere internationalen Vertriebs-Events als Green Meetings, d. h. als Veranstaltungen, die besonderes Augenmerk auf Ressourcenschonung legen. Mit vielen aufeinander abgestimmten Maßnahmen werden die Auswirkungen auf unsere Umwelt so gering wie möglich gehalten. Dazu gehört auch, dass wir großen Wert darauf legen, dass möglichst alle Teilnehmer klimafreundlich anreisen. Dafür organisieren wir eine gemeinsame Anfahrt mit dem Rad, Fahrgemeinschaften et cetera.

Gerade sucht die DBU die Tagungsorte für die Vergabe der Deutschen Umweltpreise in den Jahren 2023 bis 2028. Welche Bedingungen müssen diese erfüllen?
Die DBU fördert nicht nur umweltfreundliche Projekte, sondern will auch alle eigenen Aktivitäten möglichst umweltverträglich gestalten. Das gilt auch für die Verleihung des Deutschen Umweltpreises. Ziel ist es, bei der Auswahl der Veranstaltungsorte den Gästen, die ja vielfach vergleichbare Veranstaltungen in den eigenen Einrichtungen durchführen und damit gute Multiplikatoren sind, glaubhaft darlegen zu können, dass nachhaltiges Veranstaltungsmanagement ein bedeutsames Thema ist. Dazu ist es wichtig, dass die Durchführung des Deutschen Umweltpreises als ein ernst genommenes und in die Praxis integriertes Anliegen wahrgenommen wird. Die DBU ermutigt Veranstaltungshäuser mit einem nachhaltigen Veranstaltungsmanagement, sich als Gastgeber zu bewerben. Die Besonderheit bei dieser Ausschreibung ist, dass das Budget genannt wird und die Vergabe nach dem besten Konzept für ein nachhaltiges Veranstaltungsmanagement erfolgt. Dabei werden einige Mindestkriterien genannt, wie 100% Ökostrom, die Beteiligung an der Selbstverpflichtung „fairpflichtet“ oder ein ökologisches Gesamtkonzept. 25 eingegangene Bewerbungen zeigen, dass dies auf großes Interesse gestoßen ist.

Nehmen wir einmal an, Sie riefen den ersten „Sustainable Vaude Summit" ins Leben. Wie sähe der aus?
An so einem Konzept feilen wir tatsächlich gerade, also noch keine spruchreifen Auskünfte…
KERSTIN WÜNSCH
„Wenn die eigenen Kinder und Enkel auf die Straße gehen, macht das die Familien auch betroffen.“
Dr. Antje von Dewitz
„Ein Event wie die Umweltpreisverleihung kann Mut und Hoffnung transportieren.“
Dr. Antje von Dewitz
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