INTERVIEW

Maschinen wissen, was Menschen wollen

Frank Thelen, Investor der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“, unterstützt mit seiner Risikokapital-Firma „Freigeist“ die Event-Management-Plattform „Doo“. Diese setzt Künstliche Intelligenz (KI) ein, um Veranstaltungen persönlicher zu machen.

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an kennt Sie als Investor der Mytaxi-App, Sie unterstützen einen Science-Fiction-inspirierten Elektroflieger… Wieso investieren Sie in die Event-Management-Plattform „Doo“?
Bei Freigeist investieren wir in erster Linie in Gründerpersönlichkeiten mit Visionen und dem Anspruch an sich selbst, diese umzusetzen. Bei „Doo“ kommt hinzu, dass die Gründer sich in einem sehr spannenden Markt befinden, bei dem noch reichlich Platz für Innovation ist. Im Vergleich zum Online-Marketing hat Event-Marketing noch einiges aufzuholen. Das zeigt nicht nur das Potenzial, sondern gibt uns als Investoren auch eine Idee, wohin die Reise gehen kann. Doo setzt außerdem auf neue Technologien wie Machine-Learning, womit wir bereits bei 42Reports und Lilium sehr gute Erfahrungen gemacht haben.

Kommt hier künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz?
Auch wenn Doo hier noch am Anfang steht, sind sie bereits Vorreiter auf ihrem Markt: Sie nutzen KI beim Scoring von Teilnehmerdaten und bei der Mustererkennung und Clustering von Segmenten. Außerdem bindet Doo über die Plattform Drittanbieter ein, die mit Hilfe von Machine-Learning neue Technologien ermöglichen, zum Beispiel Gesichtserkennung, Chatbots oder intelligentes Matchmaking im Networking.

Was können Maschinen dabei besser als Menschen?
In Echtzeit hunderttausende von Datensätzen exakt bearbeiten. Auch nur kleinere Abweichungen werden durch die Mustererkennung identifiziert. Die Maschine spart also nicht nur Zeit, sondern ist auch exakter.

Sie verwerten also Daten, um die Attendee Journey zu verbessern. Sind durch die neue Datenschutz-Grundverordnung die Möglichkeiten hinsichtlich etwa Matchmaking oder Marketing nicht begrenzt?
Wir müssen uns mit dem Thema bei fast allen unseren Investments auseinandersetzen. Die neue Datenschutz-Grundverordnung macht die Regeln der Datenverarbeitung nicht per se strenger, sie gibt vielmehr dem Nutzer mehr Rechte und bestraft Firmen deutlich härter bei Verstößen. Solange wir aber allen Nutzern transparent machen, wie wir die Daten verwenden und ihre Zustimmung einholen, besteht hier kein Problem. Allerdings müssen wir uns als Deutsche und Europäer bewusst sein, dass ein deutlich strengeres Datenschutzgesetz, was nur einseitig greift, dem Standort einen Wettbewerbsnachteil verpasst. Ja, die EU will auch Firmen, die außerhalb der EU ansässig sind, in die Pflicht nehmen, aber jedes Mitgliedsland wird dies anders handhaben. Am Ende werden Google und Co. daraus wieder Vorteile gegenüber unseren Tech-Firmen entstehen.

FOTO: FREIGEIST CAPITAL

ZUR PERSON

Frank Thelen ist Unternehmensgründer, Tech-Investor und TV-Persönlichkeit. Seit 1994 gründet und leitet er technologie- und design-getriebene Unternehmen. Er ist Gründer und CEO der Risikokapital-Firma Freigeist Capital.
www.freigeist.com

Sehen Sie in einem Geschäft, das die Begegnung und den Austausch von Menschen fördert, weitere Einsatzmöglichkeiten von KI außer bei der Organisation im Vorfeld?
Unbedingt. Das Stichwort ist Personalisierung. Nicht nur Millennials wollen auf sie abgestimmte Angebote und im Mittelpunkt stehen. Durch immer härter werdende Konkurrenz in globalen Märkten, gerade bei Marketing-Events und Messen, werden nur die Anbieter erfolgreich sein, die ihre Kunden wirklich happy machen. Dazu muss ich als Veranstalter genau verstehen, was mein Teilnehmer will. Und das geht nur über valide Daten. Erst durch intelligente Sensorik und Analytics, werden wir in der Lage sein, maßgeschneiderte Angebote und Kommunikation zum Endkunden anzubieten. Neben den Analytics gibt es noch die Kommunikation: Niemand möchte mehr Webseiten erkunden müssen oder Knöpfe drücken. Wir werden uns in Zukunft verbal oder visuell über das Angebot – und dazu gehörende Veranstaltungen – informieren.

Der Begriff KI wird derzeit inflationär gebraucht – reden wir tatsächlich von einer neuen bahnbrechenden Möglichkeit?
Heute ist der Begriff der „echten“ Künstlichen Intelligenz reines Marketing. Maschinen sind bisher nicht wirklich intelligent, sondern imitieren durch erlerntes Verhalten menschliche Entscheidungen. Das allerdings mit atemberaubender Geschwindigkeit. Und dieser Geschwindigkeitsvorteil wird dafür sorgen, dass eine Vielzahl von Anwendungen ganz ohne den Menschen automatisch ablaufen wird. Stellen Sie sich vor, wir brauchen in Zukunft nicht mehr zu browsen, sondern interagieren plötzlich verbal mit dem Netz und anderen Kommunikationspartnern. Dabei wird es egal sein, ob der andere ein Mensch oder eine Maschine ist, solange sie uns hilft. Es ist also noch etwas früh, aber ja, die Mensch- Maschine-Interaktion wird tatsächlich bahnbrechende Veränderungen bringen. Dabei dürfen wir nicht unterschätzen, dass die Entwicklung nicht wie früher linear abläuft. Um etwas doppelt so weit zu entwickeln, brauche ich heute nicht mehr doppelt so viel Zeit. Vielmehr verläuft die Entwicklung exponentiell. Das bedeutet Disruption für alle bestehenden Märkte.

Warum sollten Veranstalter beim Begriff KI genauer hinhören?
Der Teilnehmer wird in Zukunft noch viel stärker auf seine Bedürfnisse achten und mit Hilfe von intelligenten Services das Angebot vorsortieren, auch im Veranstaltungsmarkt. Wer hier nicht in der Lage ist, die Bedürfnisse seiner Teilnehmer exakt zu treffen, wird im Nachteil sein und Teilnehmer und Markenstärke verlieren. KI hilft Veranstaltern daher auf zwei Arten: Erstens werden Veranstalter besser die Nutzerdaten auswerten können, um mit Hilfe von Intelligenten Algorithmen das eigene Angebot besser zuzuschneiden und zweitens werden Teilnehmer direkt mit intelligenten Bots die Veranstaltung erleben beziehungsweise kommuniziert bekommen. Das bedeutet, ich als Teilnehmer bekomme die Veranstaltung exakt auf mich zugeschnitten.

FOTO: FREIGEIST CAPITAL

Sind deutsche Unternehmen in diesem Bereich für künftige Herausforderungen gerüstet?
Schwierige Frage. Wir haben eine Menge Erfindergeist und wirklich gut ausgebildete Ingenieure in Deutschland. Allerdings hemmen uns Regulierungen und mangelnde Risikobereitschaft. Während in den USA alles darauf ausgerichtet ist, dem Unternehmer viele Freiheiten zu geben, wird sich hier resistent gegen Innovationen gewehrt. Das ist nicht per se schlecht, bedeutet aber einen Nachteil gegenüber den Amerikanern (Stichwort Datenschutz). Gleichzeitig investieren Deutsche historisch deutlich geringer in Ideen und viel lieber in praxiserprobte Konzepte. Das ist aber das Gegenteil von Innovation. Ich würde mir wünschen, dass Investoren und die Regulierungen es unseren Gründern und Innovatoren leichter machen würden!

Sie besuchen viele Kongresse, Messen und Events. Wo könnten diese Veranstaltungen frischen Wind gebrauchen?

Gerade die Startup-Events, auf denen ich oft spreche, werden von den unterschiedlichsten Besuchern aufgesucht. In der heutigen digitalen Welt sind die Themen sehr breit gefächert, was sich auch auf diesen Messen widerspiegelt. Es sprechen teilweise 70 Speaker an einem Wochenende zu 30 verschiedenen Themen auf fünf verschiedenen Bühnen. Das ist praktisch für die Veranstalter, da sie so ein breites Publikum ansprechen, aber ungünstig für die Teilnehmer, für die der Messebesuch zum Chaos wird. Deshalb ist es so wichtig, dass die Veranstalter ihre Teilnehmer kennen und personalisiert betreuen können. So kann jeder User das selbe Event anders erleben, eben auf seine Interessen zugeschnitten.

Was war die letzte Veranstaltung, die Sie aus eigenem Antrieb besucht haben?
Ich habe gerade auf der DLD Conference in München gesprochen. Da habe ich mich schon sehr lange drauf gefreut, denn es ist eine wirklich hochwertige Veranstaltung mit vielen Entscheidungsträgern, Vorreitern und innovativen Startups, die zukunftsorientiert denken und handeln.  CHRISTIAN FUNK
 

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