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INTERVIEW

„Man muss Vertrauen gewinnen“

Online-Marketing-Rockstars-Gründer Philipp Westermeyer über Community Building, einen langen Atem, Authentizität und Dickköpfigkeit.

tw: Kann man bei den Teilnehmern des OMR Festivals von einer Community sprechen?
Philipp Westermeyer: Grundsätzlich ist glaube ich wichtig, dass wir uns nicht primär als Event sehen. Natürlich haben wir dieses große Event, das ungemein wichtig für uns ist, wir nehmen uns selbst aber eher als Medienmarke wahr. Und Medienmarken bilden aus meiner Sicht von jeher Communities. Zumindest wenn man es gut macht, denken Sie beispielsweise an „den Spiegel-Leser“, „den 11Freunde- Leser“ oder „den Beef-Leser“. Diese Medien haben es geschafft, um eine Zeitschrift herum eine Community zu entwickeln. Wir haben gemerkt, dass es einen Nukleus von Leuten gibt, die sich für unser Online-Marketing-Thema interessieren und zwar nicht nur rein professionell sondern ein Stück weit über das Business-Leben hinaus. Daher wollten wir das Prinzip der Medienmarke auf unser Geschäft übertragen. Wir haben ganz klein angefangen, Meetups angeboten und kleine Seminare. Dann wurde es eine kleine Konferenz, dann kamen Artikel und Podcasts hinzu und mittlerweile haben wir eine ganze Reihe von Formaten. Auch wenn ich unsere Besucher auf dem Festival nicht mit „Community“ ansprechen würde, kann man im Grunde bei einem großen Teil unserer Besucher und denjenigen, die uns auf verschiedenen Kanälen folgen, von einer Community sprechen.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Community und Zielgruppe?
Es gibt zwei verschiedene Ebenen. Es gibt Leute, die kommen, weil es ihre berufliche Pflicht ist. Man darf ja nicht vergessen, dass der Großteil unserer Besucher eine geschäftliche Aufgabe zu erfüllen hat. Das ist eine Zielgruppe. Dann gibt es aber eben auch die Ebene derjenigen, die wissen was sie erwartet, die uns kennen und die kommen um sich zu informieren und inspiriert werden wollen. Das ist die zweite große Zielgruppe. Diese zweite Ebene ist dann auch eher die von Ihnen bezeichnete „Community“. Wir versuchen, beiden Ebenen eine erfolgreiche Zeit, ein Erlebnis zu bieten und ihnen zu vermitteln, dass das OMR Festival etwas Besonderes ist. Im Idealfall verschmelzen die Gruppen immer weiter.
     
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FOTO: OMR

ZUR PERSON

Philipp Westermeyer ist Gründer von OMR, einem 360-Grad-Medienunternehmen in Hamburg mit Fokus auf Digital-Marketing und Tech. Das OMR Festival ist eine der größten Digital-Konferenzen in Europa, mit über 50.000 Besuchern 2019, internationalen Stars und Führungskräften großer Unternehmen. Neben dem Festival veröffentlicht OMR täglich Artikel über die digitale Branche. Außerdem produzieren Philipp Westermeyer und das OMR-Team einen Podcast mit wöchentlich 40.000 Hörern und die größte Jobbörse der Branche. www.omr.com

Warum wählen Sie diesen Ansatz? Gerade durch Ihre Kontakte und Expertise im Online Marketing dürften Sie auch ohne „die Nähe“ zur Besucherbasis eine hohe Teilnehmerzahl erzielen, oder?
Ohne diesen Ansatz würden nicht so viele Leute kommen. Ohne die Nähe hätten wir nicht den Bekanntheitsgrad und die Relevanz, man würde uns nicht in der Form vertrauen, wie es jetzt der Fall ist. Unsere Botschaften würden nicht ihr Ziel erreichen. Nur mit klassischen Marketing-Maßnahmen wäre es schwer geworden so viele Leute und Firmen zu bewegen. Wir hätten nicht diese Relevanz bekommen auch als Business-Plattform nicht.

Glauben Sie, dass Ihr Festival gerade wegen dieses Ansatzes auf unglaubliche 40.000 Besucher 2018 gewachsen ist?
Davon bin ich überzeugt, ja.

Und auch durch die permanente Präsenz…
Genau. Newsletter, kleine Events das ganze Jahr über, Whatsapp-Gruppe, Podcasts, unsere Website als Nachrichtenkanal Man muss seine Zielgruppe ja zunächst einmal erreichen können, eine gewisse Aufmerksamkeit erzielen. Danach muss man Vertrauen gewinnen und dann auf die richtigen Inhalte, Netzwerke und Kontakte setzen. All diese Schritte bildet unsere Plattform ab. Deswegen ist Präsenz zumindest einer der Schlüssel, um viele Leute zu mobilisieren.

Was raten Sie Veranstaltern, die eine Community aufbauen wollen?
Das Organische ist ganz wichtig. Wachstum lässt sich nämlich nicht einfach einkaufen. Man braucht Geduld und einen langen Atem. Wir selbst haben fast zehn Jahre gebraucht, um uns unsere Position zu erarbeiten. Sich eine Community aufzubauen, lässt sich nicht künstlich beschleunigen. Es ist ja so, dass wir uns selbst am Anfang nicht als Geschäftsmodell betrachtet haben – die ersten Jahre waren die „Online Marketing Rockstars“ auch kein Geschäftsmodell. Man kann nicht erwarten, von Anfang an mit einer Veranstaltung Geld verdienen zu können. Es braucht Jahre des Aufbaus, bis ein Event umsatzmäßig funktioniert und kaufmännisch eine relevante Größe ist. Das ist glaube ich vielen, die von außen auf solche Firmen und Events drauf schauen nicht klar.

   

 
Wie sollte man vorgehen?
Es ist schwer für mich hier pauschal Empfehlungen rauszuhauen. Aber vielleicht ein paar Erfahrungen: Ich bin davon überzeugt, dass es besser ist, so viel wie möglich selbst zu machen und das Konzept nicht in die Hand einer Agentur zu geben. Nur so wird ein Event authentisch, individuell und für seine eigene Community interessant. Veranstalter sollten ihr Produkt auf jeden Fall selbst formen und nicht auf Standards zurückgreifen, die eine Event-Agentur empfehlen würde. Authentizität erreicht man, indem man Dinge selbst tut, nicht outsourced und sich nicht reinreden lässt. Ich glaube, man sollte sich selbst – denn man ist ja im Optimalfall Teil seiner eigenen Community – in die Lage versetzen, wie man die Veranstaltung gerne hätte. Worauf hätte ich denn selbst Lust, wenn ich auf das Event gehe? Solche Fragen gehen unter, wenn man das nach draußen gibt. Da darf man ruhig auch dickköpfig sein. Wenn man sich stets nur an Standards hält – und Partner wie Catering, Technik oder Location raten nun mal zu machbaren Standards – wird ein Event normiert und so lange abgeschliffen, bis es keine individuelle Geschichte mehr ist. Der Veranstalter sollte das Produkt formen, nicht die Gewerke. Es ist übrigens kein Fehler, sich auch einmal von einem Partner zu trennen, wenn Dinge nicht passend umgesetzt werden. Besser individuelle als standardisierte Gestaltung!

2019 findet das OMR Festival parallel zur re:publica in Berlin statt. Ist das Zufall?
Ja, und ein Mangel an Alternativen. Es waren leider zu dem von uns gewünschten Zeitpunkt keine Messeflächen mehr frei, die wir entsprechend unserer Größe und unserer Vorstellungen hätten buchen können. Dieser Termin war der einzig gangbare und verfügbare Termin im ersten Halbjahr. Und aus Hamburg wollten wir nicht weg.
   
„Ich bin davon überzeugt, dass es besser ist, so viel wie möglich selbst zu machen. Nur so wird ein Event authentisch und für die eigene Community interessant.“
Philipp Westermeyer, OMR


Was kann Ihre Community vom diesjährigen Festival erwarten?
Wir erwarten etwa 50.000 Besucher dieses Jahr. Zudem haben wir eine Reihe neuer Bühnen, über 150 Side-Events und einige spannende Musik-Acts, man kann sogar fast sagen: Alle aktuell-großen Namen des deutschen Hip Hop. Ein absolutes Highlight wird der Auftritt des israelischen Historikers und Bestseller-Autoren Yuval Noah Harari sein. Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ wurde zum Beispiel von Barack Obama oder Bill Gates empfohlen. Wir richten den Fokus aber nicht nur auf die Highlights, sondern legen Wert darauf, ein breites Portfolio inspirierender Persönlichkeiten – vom Influencer über den CEO bis hin zu bekannten Namen aus Mode, Sport oder Politik – und Themen anzubieten. Wir sind nicht nur eine Bühne oder ein Speaker oder ein Thema. Wir sind mehr. Dieser Portfolio-Ansatz ist uns ganz wichtig. Nehmen wir ein Bild aus der Musik: Es geht uns um das Orchester, nicht um die einzelnen Instrumente.


Bespielen Sie wieder verschiedene Kanäle zur Verbreitung?
Ja klar, es wird wieder Livestreams geben, es werden Podcasts aufgenommen und einzelne Videos, die wir aufbereiten. Das Event wird also auch nach offiziellem Ende noch nachwirken. Bei uns waren letztes Jahr fast 1.000 Gäste mit einem Followerkreis von über 5.000, manch einer sogar mitmehreren hunderttausend Followern. Sie können sich ausrechnen, was das bedeutet, wie viele Kontakte wir auf diese Art und Weise erreichen und was das für uns und viele Partner bedeutet.

Welche Veranstaltung finden Sie denn selbst großartig?
Was ich ganz cool finde – auch wenn das nicht das ist, was Sie jetzt erwarten – sind Grand-Slam-Turniere im Tennis. Ich war beispielsweise mal in New York bei den US Open. Dort gibt es im Stadion den ganzen Tag über Programm. Man kann an den verschiedensten Plätzen die verschiedensten Spiele anschauen. Es gibt Stadien, kleine Courts, Trainingsplätze, trifft Fans, Stars und Sportler – es hat eine ganz eigene Atmosphäre. Und alles auf einer Anlage. Man kann dort den ganzen Tag verbringen, sich amüsieren und sieht vom Top-Spieler bis hin zum Amateur alles, was dieser Sport hergibt. Während Sie mir diese Frage stellen, fällt mir auf, dass es da einige Parallelen vom Ansatz her zu unserem Festival gibt. War mir gar nicht so bewusst, aber auch das hat was von einer Community.
CHRISTIAN FUNK
„Wir wollten das Prinzip einer Medienmarke auf unser Geschäft übertragen.“
„Wachstum lässt sich nicht einfach einkaufen. Man braucht Geduld und einen langen Atem.“
Philipp Westermeyer,
OMR
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