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VERANSTALTUNGSSICHERHEIT

Was muss und was sollte ein Sicherheitskonzept enthalten?

Sicherheitsexperte Roland G. Meier behandelt in einer fortlaufenden Serie das Thema Veranstaltungssicherheit. Im dritten Teil der Serie beleuchtet er, was Sicherheitskonzepte beinhalten müssen und wie der Aufbau eines tragfähigen Konzeptes aussehen kann.

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achdem wir in den beiden ersten Teilen unserer Serie zur Veranstaltungssicherheit zunächst eine Einführung gegeben und geklärt haben, wer wann wofür verantwortlich ist und unter welchen Voraussetzungen überhaupt Sicherheitskonzepte sinnvoll sind bzw. gefordert werden können, soll es nun im dritten Teil darum gehen, was Sicherheitskonzepte beinhalten müssen oder sollten und wie der Aufbau eines tragfähigen Sicherheitskonzeptes aussehen kann. Da dieses Thema eine der Kernfragen der Veranstaltungssicherheit darstellt, stehe ich mit diesem Artikel vor dem alten Dilemma, dass ich auch immer bei der Erstellung z.B. meiner Webseiten habe: Entweder ich vereinfache die Komplexität so stark, dass außer ein paar Stichpunkten, die den Leserinnen und Lesern kaum etwas bringen, nicht viel übrig bleibt – oder aber ich muss an den einzelnen Punkten etwas ausholen, was die Gefahr in sich birgt, dass Eilige und Ungeduldige schnell Weiterblättern angesichts der Länge der Ausführungen. Daher habe ich mich dazu entschieden, diesen dritten Teil der Serie zu splitten, es gibt also nächstes Mal eine unmittelbare Fortsetzung dazu.

Wie wir im vorigen Teil festgestellt haben, stellen Sicherheitskonzepte grundsätzlich erst einmal die Sammlung aller Betrachtungen, Überlegungen und Maßnahmen dar, die man für die Sicherheit der konzipierten Veranstaltung im Vorfeld angestellt und geplant hat. Dabei haben wir in der Veranstaltungssicherheit das große Problem, dass es keine eindeutigen Richtlinien, Normen, Bestimmungen, Verordnungen oder gar Gesetze gibt, die klar regeln würden, wie Sicherheitskonzepte aufgebaut sein müssen, was die Mindestbestandteile sein sollten oder wie die Schlüssigkeit und Tragfähigkeit eines Konzeptes sichergestellt werden kann.

Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn die Versuchung, sich relativ starr an die Buchstaben solcher Vorgaben zu klammern und damit – fälschlicherweise – zu glauben, man sei auf der sicheren Seite, weil man ja alles Erforderliche beachtet hätte, ist doch sehr groß. Und nachdem es ohnehin niemals automatisch genügt, die gesetzlichen (Mindest-)Vorgaben einzuhalten, sondern man stets individuell prüfen muss, ob man darüber hinaus nicht doch weitere Maßnahmen ergreifen muss, sind wir alle gut beraten, uns lieber selbst mit unserer Veranstaltung, möglichen Gefährdungen und der Planung sinnvoller Maßnahmen zur Reduzierung der Risiken zu beschäftigen, als lediglich auf statische Gesetze und staatliche Regeln zu hoffen oder zu vertrauen.
      
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FOTO: UNSPLASH, KING‘S CHURCH INTERNATIONAL

Andererseits heißt diese Situation aber auch, wir müssen uns auch selbst diese Gedanken machen und es gibt eben nicht das eine Patentrezept. Insofern stellt mein hier vorgeschlagener Aufbau und die Definitionen der Bestandteile nur einen möglichen Vorschlag dar, den ich aus meiner Praxis über die Jahre entwickelt, ständig überprüft und immer wieder verfeinert habe. Er kann keinen Anspruch auf alleinige Richtigkeit erheben und es gibt sicherlich viele ähnliche Herangehensweisen, die mindestens genauso gut sein können. Und zu guter Letzt kommt es natürlich auch immer auf die jeweilige Veranstaltung an, ob und welche Bestandteile – egal ob in der eigenen Betrachtung eines Betreibers oder einer Veranstalterin, oder als Auftrag an einen externen Dienstleister – tatsächlich notwendig oder zu empfehlen sind.

Abraten kann man hingegen nur immer wieder von jeder Form von „Checklisten“. So menschlich nachvollziehbar der Wunsch, es gäbe einfache Listen zum „Abhaken“, auch vielleicht sein mag – er ist genauso falsch und gefährlich wie die vorstehend erwähnte Versuchung, schlicht alle Buchstaben einer Verordnung zu erfüllen. Das erste große Problem mit Checklisten ist, dass sie zum einen immer nur einen mehr oder minder willkürlichen und logischerweise nie an der einzelnen Veranstaltung orientierten Ausschnitt möglicher Fragen darstellen – oder aber so umfangreich werden, dass sie gleich wieder uninteressant sind, weil sie „viel zu komplex“ daherkommen. Dadurch wird den Anwendern solcher Checklisten vorgegaukelt, dass die Checkliste ja die allgemein wichtigsten Punkte enthalten würde und man eben wieder das Erforderliche getan hätte.

Das andere große Problem mit Checklisten ist, dass sie zwar eventuell die richtigen Fragen aufwerfen, aber die Anwender damit noch lange nicht dazu befähigen, auch die richtigen Antworten darauf zu geben, also die geeignetsten Maßnahmen zur Reduzierung der Risiken festzulegen.

      

ZUM AUTOR

FOTO: ROLAND G. MEIER
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Roland G. Meier ist seit 1989 in verschiedensten Bereichen der Veranstaltungs- und Sicherheitsbranche tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Beratung insbesondere für Groß- und Risikoveranstaltungen sowie für komplexe Versammlungsstätten und die Sicherheitsforschung. Als Geschäftsführer der VDS GmbH – Veranstaltung, Dienstleistung, Sicherheit in München berät Meier Unternehmen, Behörden, Kommunen, Betreiber und Veranstalter und erstellt oder prüft für diese Sicherheitskonzepte, deren Umsetzung er in der Regel vor Ort begleitet oder koordiniert und bietet Vorträge, Seminare und Workshops dazu an. Er ist seit 2009 Freier Sachverständiger für Veranstaltungssicherheit und seit Gründung des Bundesverbandes Veranstaltungssicherheit 2013 dessen Erster Vorsitzender.
www.bvvs.org
      
            

Struktur und Bestandteile


Ich stelle Ihnen hier stattdessen nun meine in der Regel immer enthaltenen „Mindestbausteine“ für eine ganzheitliche Sicherheitskonzeption vor und erläutere Ihnen den Prozess der Erstellung.

Informationsphase

Dem eigentlichen Beginn der Erstellung eines Sicherheitskonzeptes muss zuerst eine Informationsphase vorausgehen. Das heißt, wir müssen uns zunächst möglichst viele Informationen über unsere zu betrachtende Veranstaltung beschaffen. Neben den Grundinformationen „was, wo, warum, von wann bis wann“ usw. gehören hier als erstes auch die wesentlichen Verantwortlichen, also der/die Veranstalter, ein ggf, vorhandener Betreiber der Versammlungsstätte sowie deren jeweilige Stellvertretungen und/oder Veranstaltungsleiterinnen namentlich benannt. Neben den Grunddaten der Veranstaltung gehören dazu auch aktuelle maßstabsgerechte und vollständig bemaßte Pläne der Versammlungsstätte oder des Veranstaltungsgeländes. Weitere Informationen, besonders bei Veranstaltungen, die nicht zum allerersten Mal stattfinden, sind frühere Sicherheitsüberlegungen, Genehmigungs- und Auflagenbescheide sowie Protokolle und Dokumentationen der Vorveranstaltungen, aus denen z.B. Störungen, Notfälle, Hilfeleistungen, Entscheidungen, Fehler aber auch erfolgreiche Maßnahmen hervorgehen sollten. Ein ganz wesentlicher weiterer Informationsfaktor sind schließlich die Eindrücke, die man nur durch Begehungen vor Ort sammeln kann: also zu Lage und Ausdehnung der Veranstaltungsfläche und deren baulichen Gegebenheiten wie z.B. Sichtachsen und vor allem auch zu meistens vorhandenen Abweichungen von den Plänen. Je mehr Sie über Ihre eigene Veranstaltung wissen, desto besser können Sie auch deren Sicherheit planen.

Schutzziele

Der erste Baustein des Sicherheitskonzeptes selbst ist die Schutzzieldefinition. Darin legen Sie in zwei Teilen fest, was das Schutzniveau Ihrer Veranstaltung und damit Ziel und Umfang der Sicherheitskonzeption sein soll. Im ersten Teil müssen Sie sich die sogenannten „Allgemeinen Schutzziele“ verdeutlichen. Das sind die, die in irgendeiner Form rechtlich vorgegeben sind. Erstrecken können diese sich dabei von Allgemeinen Rechtsgrundsätzen wie z.B. den Verkehrssicherungspflichten über konkrete Forderungen z.B. aus dem Baurecht über mögliche vertragliche Pflichten, die Sie gegenüber dem Betreiber der Versammlungsstätte und/oder gegenüber Ihren Teilnehmern eingegangen sein können bis hin zu Auflagen, die Ihnen die eine oder andere Genehmigungsbehörde in den jeweiligen Gestattungen oder Bescheiden auferlegen kann.

     
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QUELLE: VDS GMBH

Diesen ersten Teil der Schutzzieldefinition sollten Sie unbedingt zusammen mit den zuständigen Behörden und je nach Art, Größe und Komplexität Ihrer Veranstaltung ggf. entweder über die Genehmigungsbehörde oder auch direkt mit weiteren behördlichen Fachdienststellen wie z.B. der Feuerwehr, der Polizei, dem Träger des öffentlichen Rettungsdienstes oder den Zuständigen für den ÖPNV abstimmen. In einem daran anschließenden zweiten Schritt können Sie darüber hinaus Ihre „individuellen Schutzziele“ festlegen. Diese können z.B. Ihre wirtschaftlichen oder ethischen Vorstellungen betreffen und zu den ohnehin geltenden allgemeinen Schutzzielen hinzukommen oder diese erweitern. Typische individuelle Schutzziele sind z.B. der Schutz des Markenwertes einer Veranstaltung oder eines Unternehmens, die Sicherstellung der Kontinuität betrieblicher Abläufe, die Vermeidung eines finanziellen Verlustes aus der Veranstaltung oder die Gewährleistung eines tierleidfreien und nachhaltigen Angebotes.

Oberhalb des so festgelegten Schutzniveaus finden sich dann später – nach Abschluss der Gefährdungs- und Risikoanalyse – diejenigen Risiken, die einer Reduzierung durch mehr oder minder aufwändige Maßnahmen bedürfen. Die Untergrenze der Schutzzieldefinition ist damit zugleich aber auch die Grenze zum sogenannten „Allgemein akzeptierten Lebensrisiko“, dem wir auch im Alltag jederzeit ausgesetzt sind, ohne das jemand besondere Maßnahmen für uns dagegen ergreifen müsste oder würde. Wird fortgesetzt!

Lesen Sie weiter in meinen Artikeln der folgenden Ausgaben der tw tagungswirtschaft:
↗ Zweiter Teil zu Struktur und Bestandteilen von Sicherheitskonzepten
↗ Wenn ich mir die Erstellung eines tragfähigen Sicherheitskonzeptes nicht selber zutraue, wie stelle ich sicher, dass ein externer Dienstleister tatsächlich über die notwendige Qualifikation und Erfahrung dafür verfügt?
↗ Wie setze ich ein Sicherheitskonzept so um, dass es mir im Falle des Falles auch tatsächlich hilft?
ROLAND MEIER
Abraten kann man nur immer wieder von jeder Form von „Checklisten“.


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