„Etwas kapieren, nicht kopieren“ Image 1

ASSOCIATIONS WORLD CONGRESS (AWC)

„Etwas kapieren, nicht kopieren“

Vom 7. bis 9. April treffen sich die Entscheider aus internationalen Verbänden im Swedish Exhibition & Congress Centre zu Füßen der Gothia Towers. Wie organisiere ich Konferenzen effizient? Wie schaffe ich es, dass die Delegierten bis zum Schluss den Vorträgen folgen? Wegen solcher Fragen sind die Delegierten des Associations World Congress (AWC) nach Schweden gereist.

G
eballtes Kunden-Potenzial. Super-Multiplikatoren. Nur High-Level-Entscheidungsträger. Solches Publikum wünscht sich jeder, der Kongresse organisiert. In Göteborg ist das tatsächlich so. Es treffen sich Manager von Verbänden, die alle wiederum oftmals im Jahr große Meetings zu organisieren haben. Alleine in Deutschland gibt es 16.000 Verbände von der Kleinstorganisation zur Interessenvertretung der wenigen verbliebenen Krawattenhersteller bis zum mächtigen Verband der Automobilindustrie. Das sei hier erwähnt, um zu verstehen, wie mächtig die Mitglieder im Verband der Verbände, der Association of Association Executives, sind, die sich in Schweden zu ihrer Jahrestagung, dem Associations World Congress (AWC), einfinden. Man könnte ihn also auch Dachverband der Verbände nennen; es ist der größte Verbändeverband der Welt außerhalb der USA und hat 24.000 Mitglieder.

Wie praktisch, dass in Göteborg für solche Kongresse die passende Immobilie steht. Gothia Towers hat drei Hoteltürme, zwischen der Jahrtausendwende und 2010 entstanden und miteinander verbunden, 24 bis 29 Stockwerke hoch. Das Fünf-Sterne-Haus hat 1.200 Zimmer und in den angrenzenden Hallen Platz für zwei Großkongresse, die parallel völlig unabhängig voneinander bespielt werden können, wie Hoteldirektorin Elisabeth Thomson berichtet. Vom Flughafen Göteborg erschließt ein Linienbus die Türme in 20 Minuten. Wer die Hotelbranche in Deutschland kennt, der vergleicht Gothia Towers am ehesten mit dem Berliner Estrel, das ähnliche Raum- und Hotelgrößen vorzuweisen hat und in dem – wie dort in Schweden auch – täglich ein großes Musical läuft. Hier wie da kann derlei Abendunterhaltung mühelos in den bunten Abend eines Kongresses eingebunden werden.
    
    
„Etwas kapieren, nicht kopieren“ Image 2
Zum AWC kommen 60 Redner sowie 475 Teilnehmer in Göteborgs Gothia Towers. 
FOTO: AWC, BJÖRN OLSSON

So haben die 60 Redner sowie 475 Teilnehmer in den Gothia Towers genug Platz; die Hälfte von ihnen Aussteller, die anderen Delegierte. Eine der Letzteren ist Gabriela Suhoschi, Direktorin beim Stockholm International Water Institute (SIWI). Sie stellt sich als führende Repräsentantin „der internationalen Wasser-Welt“ vor, deren Non-Profit-Organisation „sich für das wichtigste Lebensmittel überhaupt“ einsetzt: Wasser. Die drei Probleme, die Wasser zu einer ständigen Herausforderung machten, lauten: „Entweder haben wir zu viel Wasser, zumeist aber zu wenig. Und dann ist es oft verschmutzt“, sagt die Direktorin des Wasser-Verbandes. Andere Verbände fragen sie: „Kann eine Konferenz die Welt verändern?“ So ist ihre Session in Göteborg überschrieben und ihr Resümee lautet: „Natürlich. Es kommt auf die Relevanz des Events an“, so Suhoschi. „Wie organisieren wir Wasser-Events mit tausenden Wissenschaftlern, die auch aus Interesse an den Themen erst abreisen, wenn der letzte Vortragende den Beamer abschaltet?“

Nur der, der einen inhaltlich wirklich spannenden Vortrag liefert, dürfe reden. Um einen Burger im Fast-Food-Restaurant verkaufen zu können, müssen 2.400 Liter Wasser verbraucht werden; für ein Smartphone sogar 13.000 Liter. „Das muss die Welt wissen“, befindet sie. Wissenschaftler-Teams aus dem Verband schauen sich die Abstracts vor dem Wasser-Kongress zusammen mit vielen Experten genau an. „Und wir sortieren gnadenlos Redner aus – lieber nur wenige, gute“, formuliert Suhoschi. So hält sie ihre „Wasser-Familie“ zusammen, die mit 3.600 Teilnehmern aus 135 Ländern anreist. Die Tagung läuft schon seit 30 Jahren. Suhoschi hat sie weiter entwickelt. Außer dass sie den Vortragenden inhaltlich vorher stark auf den Zahn fühlt, hat sie etwas erfunden, dass sie wie die Mediziner bei bestens bewährten Heilungsverfahren „meinen Gold- Standard“ nennt. Mehr als 40 Prozent aller Vortragender sollen weiblich sein.“ Wer unter 35 Jahre alt ist, kann sich kostenlos zur Konferenz registrieren. Junge Menschen werden auch bevorzugt, wenn sie vortragen möchten.
      

„WIR HABEN VERTRAUEN ZU GÖTEBORG AUFGEBAUT“

FOTO: GÖTEBORG CONVENTION BUREAU
FOTO: GÖTEBORG CONVENTION BUREAU
Annika Hallman, Direktorin des Göteborg Convention Bureaus

tw: Sie hatten die Chance, während des Associations World Congress (AWC) ihre Stadt mehreren hundert Entscheidungsträgern vorzustellen. Wie hat denen Göteborg als Veranstaltungsort gefallen?
Annika Hallman: Wir haben sowohl während der Veranstaltung als auch danach sehr viele positive Kommentare erhalten. Unser Ziel war es, die Erwartungen unserer Gäste zu übertreffen. Und ich glaube, es ist uns gelungen.

Das war gewiss teuer. Hat es sich für Sie gelohnt?
Der Associations World Congress (AWC) war eine großartige Gelegenheit, um unsere Stadt einer großen Anzahl einflussreicher Gäste aus aller Welt zu zeigen. Um unser Netzwerk zu erweitern und unsere Beziehungen zu vertiefen. Ich glaube, wir haben enorm viel Vertrauen zu Göteborg aufgebaut. Mit uns klappt ein kleines Meeting genauso wie ein Riesenkongress. Hundertprozentig. Das können wir einfach. Das haben uns unsere Gäste auch abgenommen. Und so das Interesse an Göteborg als Meeting Destination enorm erhöht. Genau das haben wir angestrebt.

Große Verbände haben im Gegensatz zu Unternehmen meist niedrigere Budgets. Skandinavien gilt als teuer. Können sich Verbände Göteborg tatsächlich leisten?
Tatsächlich liegt das Preisniveau von Göteborg als Meeting-Destination sowohl unter den skandinavischen Hauptstädten als auch dem Durchschnitt europäischer Reiseziele. Das Qualitätsniveau ist hoch. Zeitaufwendige Transporte zwischen den Veranstaltungsorten sind nicht erforderlich. Veranstalter könnten ihren Delegierten auch anbieten, zu einer Abend-Location zu Fuß zu gehen. Es gibt immer Städte, die günstiger sind. Aber wir können wettbewerbsfähige Lösungen anbieten, die effizient Wissen vermitteln und von allen Gästen als sehr hochwertig empfunden werden: von den Locations her, von unserem exzellent ausgebildeten Personal, von der hervorragenden Gastronomie.
THOMAS GRETHER
       


Junge Zielgruppen – die haben auch medizinische Verbände wie die International Papilomavirus Society (ipvs) im Auge. Campaign Managerin Anita Wiseman wird sogar für die beste Kampagne überhaupt unter den Mitgliedern in Göteborg geehrt. Sie hatte am 4. März weltweit zusammen mit 190 Mitgliedern die HPV Awareness Day Global Campaign gestartet. Via Facebook, Twitter und Instagram erreichte Wiseman mehrere Millionen Jugendliche, um sie um die Gefahren der sexuell übertragbaren HPV-Typen aufzuklären: Nicht nur Mädchen könnten dadurch beispielsweise Gebärmutter-Halskrebs erleiden. Auch Jungen seien gefährdet, könnten sich durch die Viren schwere Geschlechtskrankheiten einfangen und profitierten am meisten, wenn sie wie ihre Altersgenossinnen schon im Alter von zwölf Jahren gegen HPV geimpft würden, meint Wiseman.

Networking auf Kongressen wird durch moderne Technologie besser, meint Damian Hutt, Executive Director des Association World Congress (AWC). Er macht seine Mitglieder auf das aufmerksam, was sie um den Hals tragen. Crystal Interactive baut „Namensschilder mit Zauberkraft“, wie Hutt das nennt, was die Teilnehmer auch oft nutzen. Zwei Delegierte, die sich nicht kennen, können einfach ihr Namensschild hochhalten, Knopf drücken und schon sind die Namen mit allen Kontaktdaten für drei Monate in einer App im Smartphone. Das bereitet den meisten sichtbaren Spaß. Viele Delegierte haben – nach Heimkunft auf ihren Rechnern am Arbeitsplatz – viel mehr Kontakte, als sie früher Visitenkarten mitbrachten.

„Nicht um zu kopieren, sondern um zu kapieren“ ist Prof. Dr. Bernd Hallier nach Göteborg gekommen. Er kann für sein „Europäisches Institut für Selbstbedienung“, das er für den Handel in Deutschland aufgebaut hat, aus Göteborg Parallelen ziehen. „Jeder Vortrag hat mir Impulse gegeben, die eigenen Tagungen noch zu verbessern.“
THOMAS GRETHER
       
www.associationsworldcongress.comhttps://en.gothiatowers.com

Mit Studenten tagen

Im Lindholmen Science Park werden Künstliche Intelligenz oder Autonomes Fahren diskutiert. Wer hier tagt, speist mit den Studenten in der Mensa.FOTO: LINDHOLMEN SCIENCE PARK
Im Lindholmen Science Park werden Künstliche Intelligenz oder Autonomes Fahren diskutiert. Wer hier tagt, speist mit den Studenten in der Mensa.
FOTO: LINDHOLMEN SCIENCE PARK
Von Deutschland aus dauert der Nonstop-Flug nach Göteborg weniger als zwei Stunden. Schwedens zweitgrößte Stadt ist „Volvo-Hausen“. „Jeder, der hier lebt, kennt einen, der mit unserer schwedischen Automarke zu tun hat“, sagt Paul Welander, Top Manager bei der Volvo Car Group. Die rote Straßenbahnlinie 5 führt vom Südosten der Stadt einmal quer durch die Stadt nach Hisingen, Schwedens fünftgrößter Insel gegenüber der City. Unentgeltliche Fähren fahren in wenigen Minuten zu dem Eiland. Hier arbeitet die Hälfte der Volvo-Belegschaft. Auf Hisingen für Planer besonders interessant ist der Lindholmen Science Park. Hier diskutieren Studenten höheren Semesters Themen wie Künstliche Intelligenz oder Autonomes Fahren. Sie treffen auf Entwickler aus rund 300 schwedischen Firmen, die diese Themen beschäftigen. Unter diesem Dach können Konferenzen und Meetings laufen. Die Teilnehmer essen dann zusammen in der sehr guten Mensa mit den Studenten. www.lindholmen.se

Drei Restaurant-Empfehlungen für einen entspannten, aber kulinarischen Abend in Göteborg:

1. Das Restaurant Sjömagasinet am Wasser in Klippan ist ein Flaggschiff der schwedischen Gastronomie und bietet exzellenten Service in einer ländlichen Umgebung.
2. Marstrand ist das ganze Jahr über eine wettersichere Location. Diese malerische Insel mit der beeindruckenden Festung mit Blick auf die Häuser bietet mehrere Restaurants. Das Grand Hotel ist eines davon.
3. Nääs Fabriker liegt 30 Minuten östlich von Göteborg. Eine alte Textilfabrik am Ufer eines Sees, die in ein Hotel, ein Restaurant und Boutiquen umgewandelt wurde.
„Nur der, der einen wirklich spannenden Vortrag bietet, darf reden.“
Gabriela Suhoschi, Direktorin beim Stockholm International Water Institute (SIWI)
Datenschutz