Editorial

Machen auch Sie Fehler?

E
s gibt Phänomene, die wir in der Redaktion eine Weile beobachten, bevor wir über sie berichten. „Fuckup Nights“ ist so eines. Dort treten Menschen auf, um nicht wie sonst üblich über ihre Erfolge zu sprechen, sondern ihre Misserfolge. Andere hören ihnen zu, leiden mit, lachen und lernen aus den Fehlern und Fehlentscheidungen. „Fuckup Nights“ finden immer mehr Verbreitung; ihre Redner sprechen auf Konferenzen, die Cebit veranstaltet eine öffentliche „Fuckup Nights“, Unternehmen organisieren „Private Fuckup Nights“. „Es braucht einen Ort, an dem sich die Gesellschaft frei und offen über das Scheitern austauschen kann. Alle scheitern“, meint Yannick Kwik, CEO der „Fuckup Nights Global“. „Das ist universal.“

Doch woher kommt das Bedürfnis, sich über das auszutauschen, was eigentlich nicht sein darf? Der Fehler. Auf „Fuckup Nights“ erleben wir, dass andere auch fehlbar sind. Wir treffen auf Menschen, die sich an etwas Neues wagen, die scheitern, wieder aufstehen und entlang ihrer Lernkurve wachsen. Das macht Mut und hilft uns in einer Arbeitswelt zu bestehen, die geprägt ist von großer Dynamik und Komplexität sowie sehr viel Unsicherheit. Der digitale Wandel verlangt in einem nie dagewesenen Tempo die Bereitschaft zur Veränderung. Wir müssen uns neuen Aufgaben stellen, für die es weder Leitfäden noch Erfahrungen gibt. Das alles bedarf eines neuen Umgangs mit Fehlern. Eine gute Fehlerkultur konzentriert nicht auf die Fehler, sondern lässt sie zu, denn die Angst vor Fehlern lähmt. „Fehlerkultur setzt auf drei großen Themen auf, welche die Unternehmen umtreiben: New Work, Transformation in der Digitalisierung und Innovationen“, weiß Prof. Ralf Kemmer, Mitinitiator der „Fuckup Nights Berlin“. „Es geht um eine Iterationsschleife: Etwas ausprobieren, Fehler zulassen, Fehler machen und daraus lernen.“

Wichtig ist, dass der Umgang mit Fehlern (vor)gelebt wird. Doch es fällt schwer, Fehler einzugestehen, erst recht als Führungskraft. Fünf Mutige aus der Meetingindustrie sprechen im Artikel 'Sie sind eingeladen, einen Fehler zu teilen...' über ihre Fehler und Learnings. Wetten, dass das alle lesen? Wer Fehler zugibt, der macht sich verletzlich und nahbar. Das schafft Vertrauen. Und das braucht es unter Veranstaltungsfachleuten, die ständig neue Formate aufsetzen und alte gerade auf den Kopf stellen. Und ja, das kann auch schiefgehen wie der erste „Partner-Slam“ bei der EVVC Management-Fachtagung 2017. Für nächste Woche steht der zweite Versuch im Programm: „Partner-Slam 2.0 Fucked up? Wir stehen zu unseren Fehlern!“
KERSTIN WÜNSCH
Chefredakteurin
tw tagungswirtschaft
wuensch@tw-media.com

FOTO: DFV MEDIENGRUPPE
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