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BEWEGUNG

Gesprächsbedarf

Flexibles Arbeiten wird wichtiger, individuelle Arbeitszeitmodelle nehmen zu – das gilt für Frauen wie für Männer.

„D
ie rastlose Mrs. Messe“ beschrieben sie Anfang April die „Badischen Neueste Nachrichten“ nicht ohne Respekt. Die Rede ist von Britta Wirtz. Die 46-Jährige leitet die Karlsruher Messe- und Kongressgesellschaft KMK. Frauen an der Spitze einer Messegesellschaft, das sind – zumindest bei den öffentlich rechtlichen Unternehmen, deren Gesellschafter Kommunen und Länder sind – sehr rare Spezies. Auffällig rare. Die zweite Frau, die es bis an diese Position geschafft hat, ist Sabine Loos, Hauptgeschäftsführerin der Dortmunder Westfalenhallen. „So sind in der Geschäftswelt kaum weibliche Rollenvorbilder in Führungspositionen präsent. Das beeinflusst unsere Vorstellung von der Welt – und es verfestigen sich unbewusst Einstellungen, dass diese Gruppen in solchen Positionen nichts zu suchen haben oder unnormal sind“, klagte die Beraterin Christina Bösenberg im „Handelsblatt“. Sie ist überzeugt: „Deshalb werden wir eine echte Erneuerung der Wirtschaft mit und durch Frauen erst dann erreichen, wenn die kritische Masse an Rollenvorbildern zur Verfügung steht.“
     

Dass diesbezüglich (auch) die (Messe- und Kongress-) Branche Nachholbedarf hat, was die Spitzenpositionen angeht, darüber muss nicht groß diskutiert werden. Natürlich gibt es weibliche Führungskräfte. Doch für die Vielen ist in der Regel in der zweiten und dritten Reihe Endstation. Aber in die Arbeitswelt kommt Bewegung. Das liegt nicht nur an den Anforderungen der Frauen: Der Wunsch nach individuellen Arbeitszeitmodellen nimmt zu – unabhängig vom Geschlecht. Das beansprucht die Abteilungen Human Resources. Für die Leipziger Messe dennoch Investitionen an der richtigen Stelle – in zufriedene und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch wenn die Wünsche erfordern, jeden Arbeitnehmer und seine Bedürfnisse einzeln zu betrachten. Als Human Resources Director of Leonardo Hotels Europe weiß Anke Maas um das Mehr an Gesprächsbedarf: „Wir müssen viel kreativer im Finden von Lösungen sein als noch vor zehn Jahren.“ Das führe dazu, dass HR sehr häufig als Mittler zwischen den Fachabteilungen und den Mitarbeitern agiere. „Mehr Komplexität“, beschreibt Daniela Schade, Managing Director Accor Hotels, die Anforderungen an Human Resources. „Es verändern sich nicht nur die Wünsche, sondern auch die Möglichkeiten: Die Digitalisierung sorgt insbesondere auch in der Arbeitswelt für neue Wege, die mehr Flexibilität ermöglichen. Im Prinzip ist es egal, von wo aus wir arbeiten – und das erleichtert für arbeitende Mütter und Väter auch die Organisation von Familie und Job“, sagt Schade, fügt aber hinzu: „Trotz räumlicher Trennung gilt es, einen Team-Gedanken aufrecht zu erhalten, die Mitarbeiter zu betreuen und ihre Bedürfnisse zu erkennen.“

Groß ist das Bedürfnis bei Jobs nach Familientauglichkeit – und das gilt nicht nur für Frauen. Die Beobachtung von Anne Bosse, die bei der Kölnmesse als Zentralbereichsleiterin für das Personal zuständig ist: „Uns erreichen immer mehr Anträge auf Elternzeit von Vätern. Auch ihnen ermöglichen wir Teilzeit in und nach der Elternzeit, denn nur so wird Gleichberechtigung möglich.“ Das gilt nicht nur am Rhein, sondern auch an der Elbe. „Die Generation Y legt zunehmend mehr Wert auf familienfreundliche Faktoren am Arbeitsplatz, bestätigt die Hamburg Messe und Congress: „Ein Unternehmen mit alten Strukturen hat es schwer im Wettbewerb.“ Emanuel Höger, Messe Berlin: „Wir schätzen den Wert zunehmend höher ein und beschäftigen uns mit entsprechenden Maßnahmen und dem Ausbau unserer bisherigen Angebote.“ Schon jetzt existierten bei der Messe Berlin über 100 individuelle Arbeitszeitmodelle. Eine freigestellte Frauenvertretung engagiere sich in enger Zusammenarbeit mit Human Resources für klare Chancengleichheit. Höger: „Da wir uns als ein Arbeitgeber mit starkem Bewusstsein für Diversity verstehen, können wir eine Chancengleichheit für unseren Frauenanteil von 67 Prozent versichern.“ Er lässt keine Zweifel aufkommen: „Wir sind Unterzeichner der Charta der Vielfalt und haben für uns einen Frauenförderplan mit klaren Diversity-Zielen entwickelt, den wir nun konsequent nachverfolgen.“
       
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Britta Wirtz führt die Karlsruher Messegesellschaft und Kongress.
FOTO: HEIDI OFFTERDINGER

Den Stellenwert familienfreundliche Maßnahmen als Faktor im Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte und die Generation Y bezeichnet Daniela Schade als „entscheidenden Faktor.“ Die Accor- Geschäftsführerin: „Immerhin sind wir in einem Business, das rund um die Uhr aktiv ist. Deswegen haben wir auch viele Möglichkeiten, unsere Arbeitszeiten flexibel zu gestalten. Aus meiner Sicht wird dieser Aspekt auch immer wichtiger werden – die nachfolgenden Generationen achten viel mehr darauf, dass der Job mit ihrem Privatleben und ihrer Freizeit vereinbar ist. Und nicht umgekehrt.“ Eine Beobachtung, die Werner M. Dornscheidt, Chef der Messe Düsseldorf, teilt. „Für uns als Arbeitgeber ist Familienfreundlichkeit nicht nur wichtig, um die besten Fachkräfte zu gewinnen, sondern auch für die Motivation und Produktivität unserer Mitarbeiter.“ Familienfreundliche Maßnahmen können laut Reinhard Schlossnickel von der Messe Stuttgart „nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir haben als Firma im TVöD (Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst) nicht allzu viel Spielraum, individuelle ,Benefits‘ für gute Leistungen zu geben“, bedauert der Bereichsleiter Personal. Aber: Freiräume werden genutzt. Das wird anerkannt. Schlossnickel: „Nicht umsonst haben wir das Prädikat ,family NET – Familienfreundliches Unternehmen‘ bekommen.“ Bei Leonardo Hotels Europe ist Familienfreundlichkeit „in erster Linie eine Haltung“, so Anke Maas. „Wertschätzung gegenüber der Familie wird von unserem israelischen Gründer David Fattal vorgelebt und von allen anderen Führungsebenen weitergetragen.“

Da Familienfreundlichkeit nichts ist, was sich theoretisch auf Papier darstellen lässt, bietet die Leipziger Messe zum Beispiel verschiedene Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu gehören etwa die Kooperation mit verschiedenen Kindertagesstätten im Stadtgebiet Leipzig, großzügige Regelungen zu Gleit- und Teilzeitarbeit sowie die Möglichkeit des mobilen Arbeitens. Für den Messeveranstalter ist das ein grundsätzliches Anliegen für die gesamte Gesellschaft: Deshalb unterstützt sie als Gründungsmitglied seit mehr als zehn Jahren den Familienfreundlichkeitspreis der Stadt Leipzig. Mit diesem werden ehrenamtliche und freiwillige Aktivitäten gefördert, die den Alltag von Familien erleichtern.

      

„MACH DEIN DING“

Mirjam Felisoni: Viele reagieren überrascht oder sogar beeindruckt auf mein Aufgabengebiet und die damit verbundene Verantwortung.FOTO: ÖSCHBERGHOF
Mirjam Felisoni: Viele reagieren überrascht oder sogar beeindruckt auf mein Aufgabengebiet und die damit verbundene Verantwortung.
FOTO: ÖSCHBERGHOF
Mirjam Felisoni ist 31 Jahre und F&B-Managerin und Prokuristin im Öschberghof in Donaueschingen

m+a/tw: F&B- und Hotel-Management sind nach wie vor männliche Domänen. Womit kämpfen Sie und Ihre Kolleginnen?
Mirjam Felisoni: Tatsächlich kann ich dies in unserem Fall nicht bestätigen. Im Führungs-Team des Öschberghof herrscht ein gutes Gleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Vertretern. Ich kann auch nicht sagen, dass ich in meiner Position besonders zu kämpfen habe. Viele reagieren überrascht oder sogar beeindruckt auf mein Aufgabengebiet und die damit verbundene Verantwortung. Womit weibliche Führungskräfte vermutlich am meisten zu kämpfen haben, ist die Tatsache, dass jeder annimmt, es gäbe besondere Hürden – hier ist ein generelles Umdenken gefragt.

Sie sind eine Frau, Sie sind jung und Sie sind F&B-Managerin. Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe in verschiedenen Hotelbereichen gearbeitet, was unabdingbar ist, um die Zusammenhänge und die Abläufe zu verstehen. Mit vollem Einsatz habe ich mich Stück für Stück nach oben gearbeitet, mir eine selbstständige Arbeitsweise angeeignet und Verantwortung übernommen. Wichtig ist, dass ich immer mit Herzblut dabei war – und es noch bin. „Arbeit nach Vorschrift“ funktioniert nicht. Eine Voraussetzung für jede berufliche Entwicklung ist eine Geschäftsführung, die Mitarbeiter fördert und Aufstiegschancen ermöglicht.

Welche zwei Karriere-Tipps haben Sie für andere Frauen?
„Mach dein Ding“: Es ist wichtig, nicht zu viel auf andere zu hören und sich womöglich dadurch verunsichern oder gar abschrecken zu lassen. Ich sehe es immer wieder, dass wir wesentlich mehr männliche Bewerber auf Führungspositionen haben als weibliche. Der Mensch sowie dessen Leidenschaft und Fähigkeiten stehen im Vordergrund – nicht das Geschlecht. „Halte den Kurs“: Ist der erste Schritt getan, ist es wichtig, seinen Weg zu finden und zu gehen. Konstruktive Kritik ist für den Entwicklungsprozess unabdingbar, doch muss man sich im richtigen Moment durchboxen und seinen Standpunkt vertreten.

Die Sorge um den Nachwuchs und der Mangel an Fachkräften treiben nicht nur die Hoteliers um. Was müssen Arbeitgeber bieten, um die weiblichen Talente wie Sie für sich gewinnen?
Hier möchte ich keine Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Talenten machen. Das A und O sind ein faires Miteinander sowie eine offene und klare Kommunikation. Jeder Mitarbeiter muss die Möglichkeit haben, sich einzubringen und selbst zu verwirklichen – natürlich immer auf höchstem Niveau, um unserem Anspruch der Gästebegeisterung gerecht zu werden.
KERSTIN WÜNSCH
      


Laut Kölnmesse werden Frauen und teilzeitarbeitende Mütter leistungsgerecht und chancengleich wahrgenommen. Anne Bosse: „Das zeigt sich in unseren Mitarbeiterzufriedenheitsbefragungen und im Führungskräfte-Feedback durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Hier werden Fragen zur Führungskultur sowie zur Förderung und Entwicklung regelmäßig überdurchschnittlich positiv bewertet“, so die Personalverantwortliche. Für die Messe Düsseldorf bedauert Messechef Werner M. Dornscheidt, dass sehr gut ausgebildete Frauen mit der Familiengründung in der Regel zeitweise aus dem Arbeitsprozess aussteigen. „Bis heute ist es nicht vollständig gelungen, diese Frauen für Führungspositionen zu gewinnen.“ Heute liege der Frauenanteil bei der Messe Düsseldorf bei rund einem Drittel, auf der obersten Führungsebene sei keine Frau tätig.

Mit Beginn seiner Tätigkeit als Bereichsleiter sei bei der Messe Stuttgart ein Talent Management eingeführt worden, so Reinhard Schlossnickel. Seither habe ein großer Teil der Führungspositionen im Haus intern besetzt werden können. „Mit 21 Prozent Frauen in Führung liegen wir für ein Unternehmen in unserer Größenordnung nicht schlecht, aber es geht noch mehr. Wir haben einige Maßnahmen auf die Schiene gesetzt, um das Thema Frauen in Führungspositionen zu fördern. Dazu gehört durchaus auch das Thema „Ermutigung“ und damit verbunden ein Durchsetzungstraining. Die fachliche Kompetenz und Führungsqualität ist ja vorhanden.“ Schlossnickel ist mit dem Erfolg zufrieden: „In den letzten Jahren konnten wir auf zehn freie Führungsstellen immerhin fünf Frauen berufen.“
     
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Anne Bosse, Kölnmesse: Uns erreichen immer mehr Anträge von Vätern.
FOTO: KÖLNMESSE

Für die Kölnmesse ist wichtig, eine grundsätzlich diskriminierungsfreie Unternehmenskultur sowie eine diskriminierungsfreie Personalauswahl zu pflegen. Anne Bosse: „Es gibt aber Angebote, die gezielt allen weiblichen Beschäftigten angeboten werden, die sich beruflich weiterentwickeln möchten.“ Das zwölfmonatige Cross-Mentoring-Programm richtet sich an weibliche Potenzialträgerinnen und umfasst die Begleitung einer Mitarbeiterin (Mentee) durch eine erfahrende Führungskraft (Mentor/in). Mentor und Mentee sind aus verschiedenen Unternehmen. „Ziel ist die Unterstützung der Mitarbeiterin in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung.“ Im Sommer 2019 startet das Programm zum vierten Mal. Und: Bei der Kölnmesse gibt es ein firmeninternes Netzwerk für Karriereorientierte Frauen, das sich an alle Kolleginnen richtet, die sich beruflich weiterentwickeln möchten. Geboten werden regelmäßig Vorträge und Workshops zu relevanten Themen der Weiterbildung.

Bei Leonardo Hotels Europe für „die Karriere ausschlaggebend ist ausschließlich die Fähigkeit und die Leistung. Wer sich gut organisieren kann und in seiner Arbeits- und Lebensweise flexibel ist, kann in unserem Unternehmen wunderbare Karrieren durchlaufen“, so Human Resources Director Maas. Für Accor-Frau Daniela Schade ist es „entscheidend, dass wir aufhören, in Strukturen zu denken. Es geht nicht darum, wie wir organisiert sind. Es geht darum, dass wir lernen, gemeinschaftlich an Themen zu arbeiten – unabhängig von Organisation, Hierarchien und Abteilungen. Wenn wir Aufgaben und Rollen neu überdenken, findet sich für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und Ansprüche ein selbstverständlicher Platz.“
CHRISTIANE APPEL
„Wir müssen viel kreativer im Finden von Lösungen sein als noch vor zehn Jahren.“
Anke Maas,
Leonardo Hotels Europe
„Es geht darum, dass wir lernen, gemeinschaftlich an Themen zu arbeiten - unabhängig von Hierarchien und Abteilungen.“
Daniela Schade,
Accor Hotels
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