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KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

„Das Stichwort ist Personalisierung“

Künstliche Intelligenz ist das Thema dieser Tage. Während die einen zur Vorsicht mahnen, setzen sie andere längst ein: Für intelligente Einladungen, personalisierte Event-Erlebnisse, Teilnehmer-Engagement, Gesichtserkennung beim Einlass oder Matchmaking.

"K
ünstliche Intelligenz (KI) wird entweder das Beste sein, was der Menschheit jemals widerfahren ist – oder das Schlimmste", sagt Stephen Hawking in seinem Grußwort auf dem letzten Web Summit am 6. November 2017 in Lissabon.


„Wir können nicht vorhersehen, was passiert, wenn wir den menschlichen Geist mit KI verbinden“, mahnt die Physikerlegende und malt einen Technikteufel an die Wand, der ganze Volkswirtschaften auf den Kopf stellen oder gar für autonome Waffensysteme und zur Unterdrückung missbraucht werden könne. Dennoch sieht Hawking – natürlich – auch Chancen. Sein Appell: „Wir müssen das hinbekommen und die gesellschaftlichen Vorteile maximieren.“ Einer, der Vorteile von KI vor allem für Veranstaltungen sieht, ist Frank Thelen, bekannt als Investor aus der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“. „Das Stichwort ist Personalisierung. Der Teilnehmer wird in Zukunft noch viel stärker auf seine Bedürfnisse achten und mit Hilfe von intelligenten Services das Angebot vorsortieren, auch im Veranstaltungsmarkt“, sagt Thelen. „Wer hier nicht in der Lage ist, die Bedürfnisse seiner Teilnehmer exakt zu treffen, wird im Nachteil sein und Teilnehmer und Markenstärke verlieren“, warnt er Veranstalter. KI könne dabei helfen, Nutzerdaten besser auswerten zu können, um mit Hilfe von Algorithmen das eigene Angebot spezifisch zuzuschneiden. „Dazu muss ich als Veranstalter genau verstehen, was mein Teilnehmer will. Und das geht nur über valide Daten.“

Thelen hat in die auf KI basierende Event-Management-Plattform „Doo“ investiert.


„Doo ermöglicht es Unternehmen und Messen gezielt, Teilnehmer zu managen und zu verstehen“, erklärt er. Das selbstlernende Programm führt Teilnehmerdaten zusammen und interpretiert beziehungsweise segmentiert diese dann mit Hilfe von Machine-Learning und KI. „Dadurch wird die gesamte Teilnehmerreise automatisiert, sodass Veranstalter nicht nur A smarter, sondern auch effizienter werden“: durch intelligente Einladungen, personalisierte Event-Experience, oder gesteuertes Teilnehmer-Engagement. Die Einbindung weiterer Anbieter ermöglicht zudem Gesichtserkennung beim Einlass, den Einsatz von Chatbots oder intelligentes Matchmaking.

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Berührungsängste? Künstliche Intelligenz ausgestellt auf der Techcrunch Disrupt 2017 in San Francisco.
FOTO: TECHCRUNCH

Michael Liebmann ist Geschäftsführer und Gründer von Doo. Er hat im Bereich künstliche Intelligenz und Machine-Learning promoviert und ist bei dem Unternehmen für die Entwicklung der intelligenten, selbstlernenden Algorithmen verantwortlich. „Den Begriff künstliche Intelligenz muss man allerdings ein wenig relativieren“, erläutert er und führt IBMs KI-Experiment „Watson“ auf. Diese Maschine schlug vor einigen Jahren bei der TV-Quizshow Jeopardy die beiden besten menschlichen Spieler deutlich. Watsons wesentlicher Vorteil sei aber nicht wirklich eine künstliche Intelligenz, sondern dass er in Sekundenbruchteilen Millionen von Webseiten anzapfen kann. Diese erlernte Fähigkeit nennt man Machine-Learning. „Erst, wenn Maschinen in der Lage sein werden, auch verlässlich auf unvorhergesehene – nicht zuvor erlernte – Ereignisse reagieren zu können und dabei den menschlichen Kontext abbilden, sprechen wir von künstlicher Intelligenz“, erklärt Liebmann. „In den meisten Fällen sprechen wir von Scoring- oder Machine-Learning-Algorithmen, die einzelne Prozesse intelligenter machen.“ Seiner Meinung nach haben die intelligenten Algorithmen zwar „längst im Event-Markt Einzug gehalten“, die Entwicklungsmöglichkeiten seien aber nicht ansatzweise ausgeschöpft. Das sieht auch Investor Frank Thelen so. Er und seine Mitstreiter des Investoren-netzwerks „Freigeist“ würden Doo unterstützen, weil „die Gründer sich in einem sehr spannenden Markt befinden, bei dem noch reichlich Platz für Innovation ist. Im Vergleich zum Online-Marketing hat Event-Marketing noch einiges 
aufzuholen
.“

Künstliche Intelligenz ist der gemeinsame Nenner der Konferenzen und Messen dieser Tage. Nicht nur Veranstaltungen mit technikaffinem Publikum wie Web Summit, Ars Electronica, CES, re:publica oder Cebit verfolgen das Thema, sondern auch der Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit, die Zukunft Personal oder die IAA (Internationale Automobil-Ausstellung). Man kann getrost von einem Hype sprechen. Bei Vok Dams begegnet man diesem gelassen. In einem neuen Whitepaper der Event-Agentur ist KI einer von fünf „Trends in Events 2018“. Wolfgang Altenstrasser aus der Unternehmenskommunikation der Agentur zählt die Vorzüge für den Event-Bereich auf: „Intelligent eingesetzt, erleichtert sie uns die Arbeit“, sagt er. „Algorithmen können blitzschnell Datenbanken durchforsten und entsprechende Informationen ausspucken – da wäre der Mensch hoffnungslos unterlegen. Aber machen wir uns nichts vor – Roboter und Chatbots können nur das kommunizieren, das ihnen vorher einprogrammiert wurde“, so Altenstrasser.

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Hier testet die Bundespolizei automatische Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS

Damit sei das nutzvolle Potenzial für eine Branche, die von absoluter Flexibilität, einem hohen Maß von Emotionalität und Intuition lebe, aber auch erschöpft: „Die Entwicklung einer auf den Kunden passenden Big Idea für seine Kommunikationsaufgabe mit der Konzeption von Maßnahmen, die genau auf diese Idee einzahlen, kann noch keine KI leisten. Und die persönliche Ansprache der Gäste mit großer emotionaler Kompetenz bleibt derzeit auch noch das Privileg von menschlicher Intelligenz.“ Würde man eine der Hauptbedürfnisse der Kommunikation von Marken und Produkten betrachten, würde schnell klar werden, wo die Grenzen liegen: „Neben Relevanz, Mehrwert, Emotionalität muss die Ansprache vor allem authentisch sein. Das große Stichwort heißt hier Vertrauen“, sagt Alten-strasser. Dieses Vertrauen beim Verbraucher, User oder Gast aufzubauen sei die besondere Leistung, die die Event-Branche bieten könne. „Und Menschen können nun einmal leichter Vertrauen aufbauen als es eine KI kann.“ Sein Fazit: KI hat ihren Stellenwert im Event-Bereich, aber nur in Ergänzung und Kombination mit dem Live-Erlebnis.

„Messaging, Bots und Sprachsuche, alle getrieben von Künstlicher Intelligenz, werden das Suchund Buchungsverhalten stark verändern“, ist sich hingegen Jean Noel Lau Keng Lun, Senior Director Product Marketing von der auf Geschäftsreisen spezialisierten Expedia-Tochter Egencia, sicher. „Dies stellen wir bereits in vielen Bereichen von Privatreisen fest und auch bei Geschäftsreisen hat diese Entwicklung begonnen. Ein Beispiel dafür ist der Chat-unterstützte Kundendienst, der unserer Meinung nach ein fester Bestandteil der Reiseplanung werden wird.“ Die Geschäftsreisenden selbst würden sich viel von den neuen Technologien erhoffen – so seien 41 Prozent überzeugt, dass KI ihr Buchungserlebnis verbessern würde, führt Lau Keng Lun weiter aus. „Für 2018 sehen wir die Notwendigkeit, dass solche Technologien weiterentwickelt werden. Wir kratzen immer noch nur an der Oberfläche von dem, was KI wirklich leisten kann.“



Was KI bereits leistet und welche Möglichkeiten kurz vor der Marktreife stehen, zeigten gleich mehrere Sessions der VDR (Verband Deutsches Reisemanagement & GBTA (Global Business Travel Association) Conference, die von 28. bis 30. November 2017 im Congress Center der Messe Frankfurt stattfand. „Roboter sind die nächste Stufe der Automatisierung“, ist zum Beispiel Yvonne Moya, Associate des Bot-Anbieters Festive Road, überzeugt. Ihr Unternehmen ermöglicht es Reisenden aus beliebigen Ländern, in Sekundenschnelle die für sie gültigen Reiserichtlinien abzufragen. „Das Thema ist da und wird bleiben“, sagt sie. „Es geht darum, es in die Unternehmensumgebung zu übertragen.“ Und Karen Hutchings, Global Travel, Meetings & Events Leader von Ernst & Young, hält Robotik sogar für „Mainstream“. Sie nutzt Roboterprozesse auf der Basis Künstlicher Intelligenz, um das Verhalten der Reisenden im eigenen Unternehmen zu prüfen und sie zur Einhaltung der Reiserichtlinien anzuhalten. So halte die intelligente Software die Reisenden automatisch dazu an, frühzeitig und damit günstigere Tarife zu buchen. Serdar Gürbüz, Head of Digital Innovation bei Turkish Airlines, setzt Chatbots unter anderem für den Online-Check-in ein.

Meeting-Spezialistin Jessie States, Manager of Professional Development von Meeting Professionals International (MPI), zeichnet den Travel Managern eine Zukunft, in der persönliche, ans Ohr geklemmte digitale Assistenten alles Gehörte aus beliebigen Sprachen in Echtzeit in die eigene übersetzen. Im Zusammenspiel mit einer digitalen Brille können sie jeden entgegenkommenden anderen Tagungsgast erkennen und benennen. „Stellen Sie sich vor, was das für die Effizienz einer Tagung bedeutet“, sagt sie. Alle Redner der Konferenz eint, dass sie bemüht sind, den Gästen eventuelle Ängste zu nehmen. „Es geht darum, banale, sich wiederholende Arbeit an die Maschinen abzugeben“, erklärt Karen Hutchings von Ernst & Young. Von Umbrüchen ganzer Volkswirtschaften spricht hier zumindest (noch) niemand. CHRISTIAN FUNK
 

www.doo.netwww.freigeist.com
„Im Vergleich zum Online- Marketing hat Event- Marketing noch einiges aufzuholen.“
Frank Thelen,
Freigeist Capital
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