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INTERVIEW

„Ich bin tief beeindruckt zurückgereist“

Daniel C. Braun, Referent im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), über die re:publica Accra, eine klare politische Botschaft, „Women in Tech“, eine agile Erfinder-Szene und die afrikanische Realität.

tw: Bei 32 Grad haben Sie auf der re:publica Accra alles gegeben: auf der Bühne gesprochen, Fragen von Journalisten beantwortet, sich Anfragen zur Förderung angehört. Sie sind mit dem Herzen bei der Sache gewesen, oder?
Daniel Braun: Ja, absolut! Trotz der herausfordernden Rahmenbedingungen. Hier bei der ersten afrikanischen re:publica die deutsche Entwicklungszusammenarbeit vertreten zu dürfen und zu sehen, wie viele Menschen sich für eine nachhaltige Gestaltung der digitalen Welt einsetzen, hat alle Anstrengung wettgemacht.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist mit vier Mitarbeitern vor Ort gewesen. Hat sich der Einsatz gelohnt?
Definitiv! Wir haben viele Hintergrundgespräche geführt mit unseren politischen Partnern wie der Privatwirtschaft oder NGOs und haben gute Anregungen erhalten für eine moderne zukunftsgerichtete Entwicklungspolitik. Wir haben in Accra eine klare politische Botschaft gesetzt: Das Thema Digitalisierung in Afrika ist uns wichtig! Das gibt dem Bereich Aufschwung vor Ort. Außerdem hatte jeder von uns eigene digitale Themen, die wir vertreten haben, ich zum Beispiel das Thema „Women in Tech“.

Das BMZ hat nicht nur Mitarbeiter entsendet, sondern die re:publica Accra – so die „Buschtrommeln“ – mit einer fast halben Million Euro finanziert. Stimmt das?
In der Tat hätte die re:publica ohne das BMZ in Afrika nicht stattfinden können. Wir haben erheblich daran mitgewirkt, die Themen, die wir und unsere ghanaischen Partner wichtig finden, einzubringen. Es war uns ganz wichtig, dass die Berliner Konferenz nicht einfach nach Afrika exportiert wird, sondern, dass wir ein eigenes, afrikanisches Format schaffen. Etwas, das für die afrikanischen Teilnehmer interessant und spannend ist. So kam zum Beispiel das Thema Elektroschrott auf und wie man diesen recycelt. Uns ist es sehr wichtig, dass nicht nur unsere Finanzierung im Vordergrund steht. Die re:publica ist für uns ein besonderer Baustein in unseren Bemühungen, die digitale Transformation in Afrika und speziell in Westafrika voranzubringen. Wir haben bereits vor der Konferenz Digitalprojekte vor Ort vorangetrieben. Wichtig ist uns jetzt die Nachbereitung: Wir wollen nicht nach Afrika gehen, eine Show machen und nach einer Woche wieder abziehen. Unser Engagement, die Digitalisierung in Westafrika und Ghana voranzubringen, ist langfristig und nachhaltig gedacht. Dafür haben wir über einen einjährigen Zeitraum knapp 500.000 Euro eingesetzt.


Warum das große Engagement?
Seit Ende 2018 sind weltweit erstmals mehr Menschen online als offline. Für Entwicklungsländer ergeben sich ganz neue Chancen; für die medizinische Versorgung oder die nachhaltige Mobilität und damit neue Geschäftsmodelle für Startups. Afrika ist der Kontinent der Jugend und der Wachstumsmarkt der Zukunft. Mit der Digitalisierung kann Afrika riesige Entwicklungssprünge machen. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit unterstützt Afrika dabei. Es gibt viele tolle Innovationen „Made in Africa“, die oft nicht über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. Es geht uns auch darum, diese Innovationen sichtbar zu machen, neue Rollenvorbilder zu schaffen und derart das Afrika-Bild bei uns zu verändern.

Wie kam es überhaupt zur re:publica Accra?
Das BMZ ist seit 2014 auf der re:publica in Berlin vertreten. Dort, aber auch bei anderen Tech-Konferenzen, wurden wir immer wieder gefragt: Warum macht Ihr das? Macht hier große Konferenzen und ladet Euch die afrikanischen Expertinnen und Experten ein. Viel besser wäre es doch, die Konferenz in Afrika stattfinden zu lassen. Vor Ort und in einer afrikanischen Version! Und da haben unsere Partner schlicht Recht. Das macht entwicklungspolitisch mehr Sinn. Als wir diese Idee mit dem Team der re:publica besprachen, war dieses sofort Feuer und Flamme.

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FOTO: RE:PUBLICA ACCRA, NANA AFRIYIE

ZUR PERSON

Daniel Braun ist Referent im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das BMZ ist für die Politik der Entwicklungszusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland zuständig. Im Bereich der Digitalisierung unterstützt das Ministerium rund 480 Projekte in über 90 Ländern und investiert seit 2015 über die Initiative „Digital Africa“ ca. 150 Mio. Euro in den digitalen Wandel in Afrika. Ziel ist es, die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung schneller und besser umzusetzen. Im Bereich der Digitalisierung setzt das BMZ die Schwerpunkte Förderung des digitalen Sektors in den Partnerländern, Zusammenarbeit mit der digitalen Wirtschaft, Entwicklung afrikanischer Digitalzentren, Nutzung digitaler Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung und die digitale Integration von Frauen und Mädchen. Als Hauptpartner der re:publica Accra unterstützt das BMZ insbesondere die Teilnahme von mehr als 160 afrikanischen Referenten und Teilnehmern aus panafrikanischen Netzwerken. www.bmz.de

Christoph Retzlaff, der deutsche Botschafter in Ghana, sieht die Notwendigkeit, stärkere Bindungen und Brücken zwischen Afrika und Europa aufzubauen. Für ihn ist es längst überfällig gewesen, dass eine Konferenz wie die re:publica nach Afrika und insbesondere nach Ghana kommt. Stimmen Sie ihm zu?
Ja, das sieht das BMZ ähnlich wie das Auswärtige Amt. Wir freuen uns, dass wir dies nun ermöglichen konnten. Dies war der richtige Zeitpunkt. Der Erfolg mit rund 2.000 Teilnehmern, enorm viel mehr als die von uns angepeilten 450, bestätigt uns.

Wie wichtig sind Konferenzen für den Austausch zum digitalen Wandel zwischen Afrika und Deutschland? Oder anders gefragt: Geht es nicht auch digital?
Nein. Es geht nicht nur digital. Sehr oft entstehen spannende, ungeplante Sachen im direkten Austausch mit dem Menschen. Das können Maschinen und Digitalisierung nicht ersetzen. Es geht um das Zwischenmenschliche, die Kreativität und Spontaneität, die dabei entsteht. Wir möchten zum Beispiel in Ghana bald ein Digitalzentrum eröffnen. Hierfür haben wir auf der re:publica und bei Treffen am Rande der Konferenz viele Anregungen von unseren Partnern in Ghana sammeln können. Das geht nur, wenn man auch vor Ort ist.



Die re:publica Accra hat einen Einblick in Afrika mit seinen Talenten und Ambitionen und jungen, kreativen Menschen gegeben. Mit welchem Eindruck sind Sie zurück nach Deutschland gereist?
Ich bin tief beeindruckt zurückgereist. In Deutschland ist nahezu unbekannt, welche neuen, digitalen Innovationen aus Afrika kommen, dass es eine sehr agile Erfinder-Szene gibt und Techies mit sehr guten Ideen. Das kann – wie bei dem Onlinebanking-Unternehmen MPesa – in Zigtausende Arbeitsplätze für Afrika münden. Oder nehmen Sie die Netzaktivisten in Afrika. Dorothy Gordon aus Ghana setzt sich zum Beispiel sehr engagiert für Datenschutz und Frauenrechte im Netz ein. Das sind keine nationalen Themen. Hier ist eine Allianz mit deutschen und internationalen Netzaktivisten sehr wichtig. Aber dazu muss man voneinander wissen. Auch dieses Vernetzen ist Teil unseres Engagements.

Das BMZ und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) haben am Gemeinschaftsstand für ihre Initiativen „eSkills for Girls“ und „Women in Tech“ geworben. Warum diese?
Die beiden Initiativen, die Sie ansprechen, liegen uns besonders am Herzen. Es geht darum, dass immer noch die Hälfte der Weltbevölkerung – nämlich Frauen und Mädchen – einen eingeschränkten Zugang zum Netz haben, weniger Chancen haben, sich bzgl. digitaler Fähigkeiten wie dem Programmieren fortzubilden und viel öfter Opfer von Hass im Netz werden. Das können und wollen wir nicht hinnehmen, nicht in Deutschland und nirgendwo sonst auf der Welt! Gemeinsam mit den 20 wichtigsten Industrieländern hat sich Deutschland im Rahmen seiner G20-Präsidentschaft erfolgreich im Rahmen der #eSkills4girls-Initiative dafür eingesetzt, dass die digitale Teilhabe von Frauen und Mädchen auf die internationale Agenda rückt!

„In Deutschland ist nahezu unbekannt, welche neuen, digitalen Innovationen aus Afrika kommen, dass es eine sehr agile Erfinder-Szene gibt und Techies mit sehr guten Ideen.“
Daniel C. Braun, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ)


Für Ihren Vorgesetzten, Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, ist Afrika der Kontinent der Jugend und der Wachstumsmarkt der Zukunft. Dank der Digitalisierung könne Afrika riesige Entwicklungssprünge machen. Was berichten Sie ihm zurückgekehrt von der re:publica Accra?
Wir haben ihm berichtet, dass insbesondere die afrikanische Jugend ihre Chance in der Digitalisierung sieht. Das BMZ hat einen Marshall-Plan mit Afrika entwickelt. Die Digitalisierung ist hier ein wichtiges Mittel, um die Ziele des Marshall-Plans zu erreichen.

In Accra kündigte das BMZ die Erweiterung des Regionalprogramms „Make-IT“ in Ghana an. Worum geht es?
Bei Make-IT geht es darum, Gründungen von Startups in Afrika fördern. Startups schaffen Innovationen und machen Entwicklungssprünge möglich, etwa die großflächige Einführung von kostengünstigem Mobilfunk. Und: Sie schaffen Arbeitsplätze. Bis dato stammen nur zwei Prozent aller weltweiten Patente aus Afrika. Das möchten wir mit Maßnahmen wie Make-IT ändern. Bisher sind wir bereits in Kenia und Nigeria mit Make-IT erfolgreich. Weil es so gut läuft, wollen wir das Programm nun in Ghana, Tunesien und Ruanda starten.


Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, re:publica und Impact Hub Accra – das klingt nach drei Welten. Wie lief die elfmonatige gemeinsame Vorbereitung?
Die Leute bei der re:publica, das sind Veranstaltungsprofis. Sie haben ein gutes Händchen dafür, tolle Rednerinnen und Redner an Land zu ziehen und können ein tolles Konferenz-Programm auf die Beine stellen. Doch auch sie waren von der afrikanischen Realität zeitweise überrascht. Das ging schon los mit der Wahl des Veranstaltungsortes – das ist in Accra natürlich nicht so einfach wie in Berlin. Da fehlten schlicht die Orts- und Kulturkenntnisse. Diese Lücke hat der Impact Hub Accra großartig geschlossen. Diese Leute sind wahnsinnig gut in der Tech-Szene vor Ort vernetzt und haben das eingebracht. Schließlich hat unsere Durchführungsorganisation GIZ – die auch einen tollen Job gemacht hat – sowohl Personal als auch Know-how vor Ort. So haben wir die für uns sehr wichtigen entwicklungspolitischen Akzente im Programm und im Format gesetzt.

Und die entscheidende Frage zuletzt: Wird es eine re:publica Accra 2019 geben?
Die re:publica GmbH als Veranstalter ist hier natürlich frei, dies zu entscheiden. Meines Wissens befindet sich deren Team noch in der Auswertung. Wir als Entwicklungsministerium halten es auf jeden Fall für wichtig, dass unser Engagement im Bereich Digitalisierung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf dem hohen Niveau weiter geführt wird. Hier sind bereits zwei sehr große neue Digital-Initiativen in der Vorbereitung, aber Genaueres darf ich noch nicht verraten. Bleiben Sie also interessiert und gespannt!  KERSTIN WÜNSCH
 
„Es war uns ganz wichtig, dass die Berliner Konferenz nicht einfach nach Afrika exportiert wird.“
Daniel C. Braun, BMZ
„Die Leute bei der re:publica waren von der afrikanischen Realität zeitweise überrascht.“
Daniel C. Braun, BMZ
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