GESCHLECHTERPARITÄT

Frauen zählen

Das World Economic Forum (WEF) beruft 2018 zum Thema „Creating a Shared Future in a Fractured World“ sieben Frauen als Co-Chairs – und null Männer. Das Signal von Davos ist so stark wie überfällig. Diversität und Geschlechtergleichbehandlung geht alle an: die Gesellschaft, ihre Organisationen und ihre Gastgeber, die Eventindustrie.

„W
enn Sie möchten, dass Ihr Unternehmen erfolgreich ist, wenn Sie Ihr Unternehmen mit Weisheit und Sorgfalt führen wollen, dann sind Frauen am besten“, sagt Jack Ma nicht irgendwo, sondern beim World Economic Forum
 Annual Meeting 2018. Der Gründer des chinesischen Internetriesen Alibaba spricht in Davos über Frauen in der Wirtschaft. 37 Prozent seines Senior Managements sind weiblich und Teil der Erfolgsgeschichte. Kanadas Premierminister Justin Trudeau bemerkt seinerseits eine „fundamentale Verschiebung, die dank der Führung unserer sieben außerordentlichen Co-Vorsitzenden Kern des diesjährigen Forums ist: Ich spreche über die Einstellung, Förderung und Mitarbeiterbindung von mehr Frauen.“

Die „sieben außerordentlichen Co-Vorsitzenden” sind Frauen
, eine ist Christine Lagarde. Die Chefin des International Monetary Fund (IMF) erklärt: „Das Forum arbeitet das ganze Jahr hindurch daran, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hervorzuheben und Strategien zu entwickeln, die Frauen helfen, Führungspositionen zu bekleiden.“ Forschungen des IMF zeigen unzählige makroökonomische Vorteile auf: die Verringerung der geschlechterspezifischen Unterschiede in der Beschäftigung und in der Bildung kann Volkswirtschaften helfen, ihre Exporte zu diversifizieren; die Ernennung von mehr Frauen in Aufsichtsgremien kann „gemütliches“ Gruppendenken herausfordern und somit eine größere Stabilität der Banken und die Widerstandsfähigkeit des Finanzsektors unterstützen; und die Bekämpfung der Ungleichheit der Geschlechter kann die Einkommensungleichheit verringern, was wiederum ein nachhaltigeres Wachstum befördert. „In anderen Worten“, so Lagarde: „Frauen sind makroökonomisch relevant.“

Das ist Dr. Mara Harvey klar. Der Head Global UHNW Germany, Austria, Italy schuf UBS Unique, ein Change-Programm bei UBS-Wealth Management zur Stärkung des Finanzvertrauens von Frauen.


In Davos hielten UBS Unique und The Female Quotient (TFQ) drei Sessions ab. Gegründet von Shelley Zalis, strebt TFQ nach der Geschlechtergleichstellung am Arbeitsplatz. Ihre „Equality Lounges“ und „Girl’s Lounges“ bieten auf internationalen Kongressen und Messen wie dem WEF in Davos, der CES in Las Vegas, den Cannes Lions in Cannes oder der dmexco in Köln Orte der Kooperation und des Mentorings.

Die Notwendigkeit zu handeln unterstreicht der „Global Gender Gap Report 2017“, den das World Economic Forum seit 2006 jährlich veröffentlicht. Ihm zufolge entwickelt sich die Geschlechterparität in diesem Jahr erstmals zurück: Bis zu deren Erreichung werden 217 Jahre vergehen – 2017 waren es noch 170 Jahre. Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzender des WEF kommentiert: „Da sich die Welt vom Kapitalismus in die Ära des ‚Talentismus‘ bewegt, wird die Wettbewerbsfähigkeit auf nationaler und betrieblicher Ebene mehr denn je durch die Innovationsfähigkeit eines Landes oder eines Unternehmens entschieden. In diesem neuen Kontext wird die Integration von Frauen in den Talent- Pool zu einem Muss.“

Worte, die Karin Nordmeyer, Vorsitzende von UN Women Germany, gerne hört. „Women’s empowerment makes a difference“ heißt ihr Vortrag auf der ersten „She Means Business“ Konferenz zur IMEX 2018. Nordmeyer argumentiert mit Zahlen von McKinsey: Spielten Frauen auf den Arbeitsmärkten der Welt eine identische Rolle wie Männer, steigerte sich das globale jährliche BIP bis 2025 um 28 Billionen USD oder 26 Prozent. Folgerichtig startete UN Women die Kampagne „Equality Means Business“, flankiert von den „Women’s Empowerment Principles“. Sie umfassen sieben Grundsätze zur Stärkung von Frauen in Unternehmen. 1.792 CEOs in aller Welt haben sich bisher dazu verpflichtet.

Finally a real panel, not a manel, bemerkt Christine Lagarde in der Diskussion „Creating a Shared Future in a Fractured World“ mit den sieben Co-Chairs.
FOTO: WORLD ECONOMIC FORUM/MATTIAS NUTT (CC BY 2.0)

„Die Initiative bietet ideale Ansatzpunkte für alle Branchen, da sie darauf abzielt, Strukturen und Wirkungsmechanismen zu verändern“, erläutert Nordmeyer. „Die Aufgabe ist es, diesen Ansatz auf einzelne Branchen wie die Veranstaltungsindustrie zu übertragen, die Strukturen zu ändern und Modelle zu entwickeln, damit Frauen ihre Potenziale und Stärken leben können.“ Das beginnt mit der Kommunikation. Nordmeyer: „Die Sprache in den Führungsebenen ist eine sehr männliche – das wollen wir ändern. Es muss im Denken der Männer ankommen, dass Frauen häufig andere Mittel und Wege nutzen, um ihre Ziele, Visionen und Ideen durchzusetzen.“ Im Zuge der Globalisierung und Digitalisierung sieht sie neue Modelle der Führung und neue Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit. „Wir bekommen mehr und mehr Gelegenheiten, zeit- und ortsunabhängig bezahlt zu arbeiten“, weiß Nordmeyer. „Das ist eine riesige Chance für Frauen, die unter den Strukturmängeln der schwierigen Vereinbarkeit von Erwerbsund unbezahlter Sorgearbeit leiden!“ 

Beispiel Deutschland: Laut dem Statistischen Bundesamt stellen Frauen mit 42 Millionen gut 51 Prozent der Bevölkerung und 46,5 Prozent der Erwerbstätigen, über die Hälfte der Abiturienten, rund 50 Prozent der Hochschulabsolventen und 44 Prozent der Promovierenden: Dennoch sind es Männer, die in die Führungsetagen einziehen und Frauen, die weniger Lohn beziehen. Ein Missstand, den letztes Jahr im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 300 Unternehmerinnen, Entscheiderinnen, Startup-Gründerinnen und Studentinnen mit der ehemaligen Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries diskutieren. Der Austausch führt zum Manifest „Starke Frauen, starke Wirtschaft“, das die Leistung der Frauen sichtbarer machen will. Nachdruck verleiht dem Anliegen der demografische Wandel: Die Bevölkerung im erwerbstätigen Alter nimmt ab – nicht nur in Deutschland.

EQUALITY MEANS BUSINESS - WOMEN'S EMPOWERMENT PRINCIPLES BY UN

Karin Nordmeyer, UN Women: The initiative provides leverage points for all industries.FOTO: UN WOMEN
Karin Nordmeyer, UN Women: The initiative provides leverage points for all industries.
FOTO: UN WOMEN
1. Establish high-level corporate leadership for gender equality
2. Treat all women and men fairly at work – respect and support human rights and nondiscrimination
3. Ensure the health, safety and well-being of all women and men workers
4. Promote education, training and professional development for women
5. Implement enterprise development, supply chain and marketing practices that empower women
6. Promote equality through community initiatives and advocacy
7. Measure and publicly report on progress to achieve gender equality
http://weprinciples.org



Im weltweiten Kampf um Talente beschäftigt die EU der Gender Pay Gap, demzufolge Frauen in den 28 Mitgliedsländern für dieselbe Arbeit im Durchschnitt 16,3 Prozent weniger verdienen als Männer. 
Der Equal Pay Day
 veranschaulicht das: Bis zu diesem Tag arbeiten weibliche Mitarbeiter quasi „ehrenamtlich“, wenn sie am Jahresende das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen bekommen. In Deutschland ist es der 18. März und veranlasst den Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) zu einem Tweet im Verbändeforum: „Unternehmerinnen zum Equal Pay Day: Nicht nachlassen in den Anstrengungen für mehr Frauen in Führungspositionen, bessere Vereinbarkeit und Erwerbstätigkeit [dlvr.it/QLFJhv].“ Präsidentin Stephanie Bschorr betont: „Wir kennen die wirksamsten Stellschrauben zur Verringerung der Lohnlücke: Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen und weniger Frauen in Minijobs, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und weniger Betreuungsengpässe, bessere steuerliche Erwerbsanreize und weniger zementierte alte Rollenverteilung.“

Einen Abgleich mit der Realität und die nötige Aufbruchsstimmung bot die 
Tagung „Frauen in Führung“
 am 24. Januar 2018 in der Aula im Schloss der Universität Osnabrück, veranstaltet vom Gleichstellungsbüro der Universität Osnabrück und der Stadt. In seinem Vortrag „Frauen in Führungspositionen? Die ‚Gläserne Decke‘ in der Wirtschaft; Befunde – Chancen – Herausforderungen“ beschreibt der Soziologe Dr. Carsten Wippermann, Mitglied in der Kommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, drei Mentalitätsmuster männlicher Führungskräfte: 1. Konservative Exklusion: kulturelle und funktionale Ablehnung von Frauen qua Geschlecht. („Dieser Konzern ist erzkonservativ und duldet keine Frau im Vorstand. Ende. Ist so.“) 2. Emanzipierte Grundhaltung – doch chancenlos gegen männliche Machtrituale. („In dieser Welt des Erfolgs ‚Ja, press‘ mal mehr aus deinen Jungs raus!‘, und diese Sprüche, die sind ja für Frauen deplatziert.“) 3. Radikaler Individualismus: Geschlecht spielt keine Rolle – doch gibt es nicht genug authentische und flexible Frauen.

Dr. Mara Harvey
FOTO: UBS

Für Prof. Dr. Nicole Böhmer von der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Dezentrale Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule Osnabrück sind solche Tagungen wichtig. Sie hält es mit der norwegischen Autorin und Journalistin Grethe Nestor: „Die größte Gefahr für die Gleichstellung ist der Mythos, wir hätten sie schon erreicht.“

Böhmer: „Genau deshalb finde ich es wichtig, immer wieder für Themen zu sensibilisieren, in denen die Gleichstellung noch nicht erreicht ist – dazu zähle ich Führung.“ Ihre Kollegin Prof. Dr. Kim Werner, Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Veranstaltungsmanagement & Business Events, stimmt zu. „Die ‚gläserne Decke‘ ist in der Eventbranche – wie in vielen anderen – sehr ausgeprägt: Die an deutschen Hochschulen eingeschriebenen Studierenden im Bereich Veranstaltungsmanagement weisen einen hohen weiblichen Anteil aus. Schaut man in die Führungsebenen unserer Branche, zeigt sich ein genau umgekehrtes Bild.“ Als Professorin im Veranstaltungsmanagement betrachtet sie es als ihre Aufgabe und Pflicht, junge Frauen bei ihrer Karriere zu unterstützen. Wichtig ist ihr eine konstruktive und sachliche Diskussion, für die bisher nur sehr wenig wissenschaftlich fundierte Studien und belastbare Erkenntnisse für die Eventbranche vorliegen. Werner: „Es besteht ein hoher Forschungsbedarf!“

THORBEN GROSSER, GENERAL MANAGER EUROPE, EVENTMOBI

Thorben Grosser: Die offensichtlichsten Fragen stecken in den Themen Glass Ceiling und Gender Pay Gap.FOTO: EVENTMOBI
Thorben Grosser: Die offensichtlichsten Fragen stecken in den Themen Glass Ceiling und Gender Pay Gap.
FOTO: EVENTMOBI
In your series #Praxisfrühstück in spring of this year, you picked up on the subject of women in the events industry. What was your motivation?
This issue has been with me for quite some time. I studied event management and was one of only three men in a class with 40 women. The majority of customers are also women, but if you have a look at awarding ceremonies, you will usually find only men. How can this be? When I saw that the initiators of She Means Business were addressing this issue, I knew I just had to support their efforts.

What was the response to this drive?
The response was irritating – the issue was frequently perceived as "new" by our predominantly female participants. That is to say that many are aware that equality is still far off, but not how very far away it still is. Male participants were prone to question the validity of the different studies: "Were the surveys properly interpreted?", "Where is this data from?", "I don't believe it's that simple!" were some typical responses.

Which two aspects were particularly discussed by the participants?
I think the most obvious questions and the most extreme differences are found in the Gender Pay Gap and the Glass Ceiling. What was really interesting is that sexism in the world of work, which is definitely a problem in this industry, wasn't any major issue. The focus here was less on social interaction as really much more on career issues and options.  KERSTIN WÜNSCH
 

www.eventmobi.de



Geforscht hat Gillian Tans, Geschäftsführerin von Booking.com, und eine Umfrage zwecks neuer Erkenntnisse zur Geschlechterdiskriminierung im Technologiesektor in Auftrag gegeben. „Fast 90 Prozent der weiblichen Befragten sagen, dass mehr Frauen in Führungspositionen sie anregen würden, eine Karriere in der Tech-Branche voranzutreiben“, informiert sie und reagiert. Zum Internationalen Frauentag 2018 initiiert sie die „Technology Playmaker Awards“. Tans: „Die Technology Playmaker Awards feiern Vielfalt und Geschlechtergleichheit und haben sich zum Ziel gesetzt, mehr Frauen darin zu bestärken und zu inspirieren, ungeachtet ihres Hintergrundes, ihre Chancen innerhalb der Tech-Branche zu ergreifen.“

Frauen in Tech-Unternehmen sind für Thorben Grosser, General Manager Europe bei Eventmobi, längst ein Thema. „Wir haben 67 Prozent Frauen im Team – und das nicht weil ich Frauen besonders gerne einstelle, sondern weil dass die Personen waren, die im Vorstellungsgespräch am besten durchkamen.“ In seiner Serie #Praxisfrühstück im Frühjahr hat er das Thema „Frauen in der Veranstaltungsindustrie“ aufgegriffen. Die Resonanz hat ihn „irritiert“. Während es für die weiblichen Teilnehmer „neu“ sei, wie es um die Gleichbehandlung der Geschlechter bestellt ist, hinterfragten die männlichen Teilnehmer die Studien und Umfragen zu dieser Thematik – dabei stammen diese oft aus den Händen von Männern und beleuchten deren Sicht.

Das wollen der „Global Female Leaders“ Summit und KPMG ändern.


Ihr gemeinsamer „Global Female Leaders Outlook“ analog zu den Fragen des KPMG International „Global CEO Outlook” will männliche und weibliche Perspektiven auf wirtschaftliche, technologische und Führungsfragen direkt vergleichen. Initiatorin und Veranstalterin der „Global Female Leaders“ ist Sigrid Bauschert, CEO der Management Circle AG. Dass zum Weltwirtschaftsforum in Davos alle Co-Vorsitzenden weiblich waren, beobachten die Global Female Leaders ebenso wohlwollend wie den Anstieg auf 21 Prozent Frauen unter den Delegierten – ein Rekord in der 48-jährigen Geschichte des Weltwirtschaftsforums. Lediglich elf Prozent weibliche Delegierte waren es, als Bauschert die Idee eines „Davos für Frauen“ kam.

Ihr fünfter „Global Female Leaders“ Summit vom 3. bis 5. Juni 2018 im Hotel Adlon Berlin widmet sich mitnichten dem Thema Frau, die Frauen widmen sich dem Thema „The Values of Leadership in Times of Transformation, Disruption and Artificial Intelligence”.  KERSTIN WÜNSCH
 

www.unwomen.orgwww.thefemalequotient.com/equality-matterswww.globalfemaleleaders.com
„Die Welt bewegt sich vom Kapitalismus in die Ära des ‚Talentismus‘.“
Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzender des World Economic Forums (WEF)
“I am speaking at the first ‘She Means Business’ conference, because we cannot build strong economies without the full participation and potential of women.”
Karin Nordmeyer,
President of UN Women National Committee Germany
“I am speaking at the first ‘She Means Business’ conference, because we need to raise awareness for every woman out there, especially for every young woman starting her career, how important it is to know what impact a pay gap can have on her wealth creation.”
Dr. Mara Harvey,
Head Global UHNW Germany, Austria, Italy, UBS
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