INTERVIEW

„Es geht nicht nur um ein Event, sondern eine Einstellung“

Daniel Putsche, Veranstalter der „Fuckup Nights Frankfurt“ und Geschäftsführer von Candylabs, über den Reiz über Fehler zu sprechen, Christian Lindner, Unternehmenskultur und Leadership sowie strukturiertes Scheitern bei neuen Veranstaltungsformaten.

tw:Was ist ein „Fuckup“?
Daniel Putsche: Stellen Sie sich vor, ein Unternehmer ist Gründer und Vorstand einer Aktiengesellschaft, schafft es aber nicht den einen großen Deal abzuschließen, der ihn vor der Insolvenz rettet. Er war aber so klug, rechtzeitig alle Vermögenswerte seiner Frau zu überschreiben. Die Firma geht in die Insolvenz, sein privates Vermögen ist bei seiner Frau in sicheren Händen. Zumindest, bis diese ihn verlässt. Das sind gleich mehrere „Fuckups“ in einer Geschichte – die so ähnlich auch schon auf einer unserer „Fuckup Nights“ erzählt wurde.

Sie sind Veranstalter der „Fuckup Nights Frankfurt“. Wie und wieso wird man das?
Das „Wie“ ist einfach. Man sendet eine Message über die globale Webseite an die Lizenzgeber, erhält den Lizenzvertrag, unterzeichnet diesen und los geht’s. Das „Wieso“ ist etwas komplexer. Wir, Candylabs, haben eine Beteiligung für eine Applikation, die Business Networking auf Events ermöglicht. Die Initialzündung für die „Fuckup Nights“ war, dass wir irgendwann keine Lust mehr hatten, bestehende Events für das Testen unseres Produktes zu akquirieren und angefangen haben, eine Reihe von Events in Eigenregie zu veranstalten. Speziell bei der „Fuckup Nights“ kommt allerdings hinzu, dass es hier nicht nur einfach um ein Event, sondern um eine Einstellung geht. Fehler sind ein bisschen wie Gravitation – sie sind meist unsichtbar, doch sind sie allgegenwärtig und ein unvermeidlicher Bestandteil unseres Lebens. Der positive Umgang mit Fehlern interessiert mich persönlich sehr, ist aber auch integraler Bestandteil bei Candylabs. In der Entwicklung von Innovation müssen Fehler erzwungen werden, um den richtigen Weg zum funktionierenden Geschäftsmodell oder Produkterfolg identifizieren zu können. Daher haben wir vor inzwischen mehr als drei Jahren keine Sekunde gezögert, uns als Chapter Lead der „Fuckup Nights“ für FrankfurtRheinMain zu bewerben und das Format bis heute fortzuführen.


304 Städte, 80 Länder, 1.578 Geschichten des Scheiterns, 189.090 Teilnehmer – „Fuckup Nights“ sind zu einer internationalen Bewegung geworden. Wie kommt das?
Vieles davon ist mit Sicherheit auf das Thema selbst zurückzuführen. Über Fehler und Scheitern öffentlich zu sprechen ist nach wie vor progressiv und macht den Reiz aus. Da die „Fuckup Nights“ ursprünglich aus Mexiko kommen, und die Gründer es von vornherein als Lizenzmodell angegangen sind, konnte sich das Phänomen in kürzester Zeit über den Globus ausbreiten. Für uns ist spannend zu sehen, dass der Reiz einer „Fuckup Nights“ auf Seiten der Speaker und der Zuhörer nach drei Jahren nicht abgenommen hat. Ganz im Gegenteil, die Zuschauerzahlen steigen immer weiter.

Die weltweite Veranstaltungsreihe thematisiert „Scheitern“, um einen Kulturwandel und Innovationen in Unternehmen zu fördern. Funktioniert das?
Jein. Wir haben einige Projekte in diesem Bereich mit großen Organisationen begleitet, viel gesehen, viel gelernt und inzwischen einen guten Überblick darüber, was funktionieren kann und was nicht. Der Kulturwandel ist und wird immer ein komplexes Thema bleiben, denn jede Organisation ist unterschiedlich. Im Bereich Innovation ist das Thema Scheitern noch vergleichsweise einfach zu implementieren, denn jeder Fehler bzw. jedes nicht funktionierende Experiment ist ein Zeichen dafür, welcher Weg nicht beschritten werden sollte. Diffizil wird es, wenn man sich mit dem Thema Kultur im Bereich der Produktion beschäftigt. Wo Mantras wie „right first time“ vorherrschen und Fehler sanktioniert werden, kann nicht nach dem Motto „fail fast“ gearbeitet werden. Hier gilt es Organisationen zu Transparenz zu zwingen, Incentivierungsmodelle zu überdenken und hierdurch die Kultur zu verändern. Bei all dem darf jedoch eines nie vergessen werden: Die Unternehmenskultur ist vorwiegend das Ergebnis von Prozessen und Leadership. An der Unternehmenskultur kann also nicht direkt gearbeitet, sondern nur an den richtigen Stellschrauben gedreht werden, z.B. einer Sensibilisierung für den zielführenden Umgang mit Fehlern.

Daniel Putsche und Jelena Klingenberg veranstalten die „Fuckup Nights Frankfurt“.
FOTO: FRAUKE BÖNSCH, WWW.FASH.DE

Zur letzten „Fuckup Nights Frankfurt“ haben Sie 1.353 Tickets verkauft. Wer sind die Teilnehmer, die sich nach der Arbeit an der Goethe Universität die beruflichen Niederlagen von anderen anhören und dafür noch Eintritt zahlen?
Inzwischen ist die Teilnehmergruppe sehr heterogen. Waren es zu Beginn doch vorwiegend Gründer und Gründungsinteressierte, so kommen inzwischen fast die Hälfte der Teilnehmer aus etablierten Organisationen, die sich das Thema einmal ansehen oder bewusst erste Berührungspunkte für ihre Organisation schaffen möchten. Eine minimale Gebühr für ein Ticket verlangen wir als Veranstalter übrigens nur, damit wir die No-Show-Rate etwas besser vorhersagen und kontrollieren können.

Zu „Fuckup Nights“ kommen durchschnittlich 100 bis 150 Besucher. Wie schaffen Sie es auf über 1.200 Teilnehmer?
Der erste Sprung von 100 auf 350 Teilnehmern war der Kombination aus Newsletter- und Social-Media- Marketing in Kombination mit herausragenden Speakern zu verdanken. Der zweite Sprung von 350 auf 1.200 Teilnehmer lag unter anderem an dem Vortrag von Christian Lindner.


Dieses Niveau konnten wir seitdem halten und mit der vergangenen Veranstaltung sogar noch um weitere 150 Teilnehmer ausbauen. Der Grund für die deutlich ausgebaute Reichweite liegt auch im Marketing, denn wir wurden lange Zeit von Facebook und Google aufgrund unseres Namens geblockt, können diese Blockade aber inzwischen umgehen. Zu guter Letzt kommt aber noch der Standort hinzu. Dachten wir anfangs, dass Frankfurt für ein solches Vorhaben ein schwieriges Pflaster ist, so hat uns der Erfolg eines Besseren belehrt. Die Akzeptanz in einem durch Finanzen geprägten Umfeld, wo Fehler und Misserfolg verpönt sind, ist wider Erwarten sehr hoch. Natürlich muss man auch anerkennen, dass das Thema per se einfach sehr aktuell ist und viele Menschen auf die Veranstaltung zieht.

Wie gewinnen Sie Speaker? Schließlich wollen Menschen über ihre Erfolge reden und nicht über ihre Fehler…
Mussten wir zu Beginn ausschließlich aus den Reihen unseres persönlichen Netzwerks akquirieren, hat sich das inzwischen komplett gedreht. Wir erhalten wöchentlich Bewerbungen von Speakern, die auf unseren Veranstaltungen sprechen wollen. Inzwischen liegt die Kunst für uns eher in der intelligenten Selektion der Speaker und einem ausführlichen Speaker-Briefing, sodass wir die Qualität der Vorträge weiter erhöhen können.

Können Veranstaltungsmanager in Unternehmen und Verbänden, die das Thema Scheitern in ihr Programm nehmen wollen, bei Ihnen Redner anfragen?
Ja, das ist kein Problem, wir stellen gerne Kontakte her. Für uns spannend ist dabei auch die Entwicklung, dass wir als Veranstalter vermehrt für Vorträge angefragt werden. Die Kombination aus dem Thema Fehlerkultur, der Betrachtung des Themas aus Perspektive der Organisation und der Rolle von Leadership als eine der wichtigsten Grundlagen für eine positive Fehlerkultur kommt derzeit sehr gut an.

DANIEL PUTSCHE...

... veranstaltet seit 2015 mit Jelena Klingenberg die „Fuckup Nights Frankfurt“. Hauptberuflich ist Putsche Geschäftsführer der candylabs GmbH. Das Unternehmen unterstützt Konzerne und den Mittelstand mit Geschäftsmodell- und Produktinnovation bei der Digitalisierung. Über die Servicebereiche Ventures, Products, Culture und Experiences kombiniert Candylabs Entrepreneurship, Startup- Methoden, User Experience Design sowie langjährige Erfahrung in der Produktentwicklung, um Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Wandels zu bieten. Mit Kunden wie ManpowerGroup, Miles & More oder Deutsche Bahn wurden bereits erfolgreich neue Geschäftsmodelle etabliert oder Produktideen zur Marktreife gebracht.  www.fuckupnightsfrankfurt.de
,  
www.candylabs.de

Daniel Putsche spricht bei Thyssenkrupp auf der internen Veranstaltung „OPX Days 2018“. Sein Thema: „How failures can become your best friend.“
FOTO: THYSSENKRUPP AG, RAINER SCHRÖER

Was sind „Fuckup Nights Private Events“?
Wann immer eine „Fuckup Nights“ abseits der Lizenznehmer- Events stattfinden, sprechen wir von einer „Private Fuckup Nights“. Dies können Konferenzen sein, die eine spezifische „Fuckup Nights“ zu einem bestimmten Thema veranstalten wollen oder auch ein Unternehmen, das eine interne „Fuckup Nights“ im Rahmen der Mitarbeiterschaft veranstalten möchte. „Fuckup Nights Private Events“ wurden unter anderem schon für Unternehmen wie Daimler, Microsoft, Accenture und Google veranstaltet.

Stichwort „Event-Fuckup“: Viele Teilnehmer von Konferenzen wünschen sich interaktive Formate, doch die Veranstalter fürchten, dass diese floppen und bleiben beim Frontalvortrag ... Was ist zu tun?
Letztendlich geht es hierbei um Innovation, um Innovation im Veranstaltungsbereich. Die Kunst ist, strukturiert zu den Formaten „zu scheitern“, die beim Teilnehmer ankommen. Um die richtigen interaktiven Formate zu finden, muss bewusst experimentiert werden. Es bedarf einer strukturierten Vorgehensweise und vor allem eines ausreichend langen Atems. Wir sehen viele Unternehmen unkontrolliert scheitern, weil sie zu kurzfristig den Erfolg erzwingen wollen. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Psychologie des Menschen. Demnach tun wir uns unglaublich schwer Geld dort auszugeben, wo erst einmal kein Geld verdient wird. Dieses Vorgehen ist aber eines der Erfolgsrezepte für Innovation und Transformation.

Wie wählen Sie die Locations für die „Fuckup Nights Frankfurt“ aus?
Wir wählen immer der Größe angemessen. Waren wir zu Beginn im Social Impact Lab, anschließend im d.lab der Deutschen Bahn, so sind wir inzwischen durchgehend in der Goethe Universität. Das passt vom Flair und auch von der Größe ziemlich gut.

Und jetzt Sie: Welchen Ihrer Fehler als Veranstalter der mittlerweile sieben „Fuckup Nights Frankfurt“ möchten Sie mit uns teilen?
Kürzlich haben wir einen kleinen Fehlstart im Bereich Teilnehmer-Umfragen hingelegt. Wir streben eine stetige Überprüfung unseres Status Quo an und wollen uns entsprechend verbessern. Folglich haben wir nach der letzten Fuckup Nights eine Umfrage an alle Teilnehmer gesendet und 10x2 Tickets für die nächste Veranstaltung verlost. Wir hatten über 150 Teilnehmer bei der Umfrage und haben es tatsächlich geschafft, nicht nur den zehn Gewinnern die glückliche Nachricht des Gewinnes zu übermitteln, sondern aus Versehen allen 150. Da sind wir gerade noch dabei, dass möglichst geschmeidig zu lösen.  KERSTIN WÜNSCH
 
„In der Entwicklung von Innovation müssen Fehler erzwungen werden.“
Daniel Putsche
„Wir werden als Veranstalter vermehrt für Vorträge angefragt.“
Daniel Putsche
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