INTERVIEW

„Entscheide du und steh’ dazu!“

Bodo Janssen, Geschäftsführer der Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH & Co. KG, spricht über den Beruf Upstalsboomer, neue Glaubenssätze in der Arbeitswelt, eine neue Führungskultur und unsere inneren Bilder: Wofür stehe ich auf?

tw: Auf der Fachmesse BOE 2018 habe ich deine Mitarbeiterin Anna Heuer kennengelernt und eine neue Berufsbezeichnung: Anna ist Upstalsboomerin, hat sie mir stolz erklärt. Du bist auch ein Upstalsboomer. Was zeichnet euch aus?
Bodo Janssen:
Wenn ich das von Anna höre, schlägt mir das auf die Stimme, weil es so schön ist. Wir Upstalsboomer sind sehr emotional. Viele von uns sind mittlerweile sehr miteinander verbunden. Wenn wir große Workshops mit 120 oder 130 Mitarbeitern durchführen, machen wir – klingt vielleicht komisch – intuitive Spiele und Analysen. Das machen wir seit 2013, und es vergeht keine Veranstaltung ohne Tränen – ich bin selbst nah am Wasser gebaut. Tränen lügen nicht. Wenn ich weine oder emotional bin, bin ich mit mir in Berührung. Für mich ist es bemerkenswert, dass Menschen in einer Arbeitsumgebung Gefühle zeigen. Und das in einer Zeit, die geprägt ist durch frühere Glaubenssätze wie „Ohne Fleiß kein Preis“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Sie tragen dazu bei, dass Menschen keine Gefühle zeigen, schon gar nicht bei der Arbeit. Wir folgen Glaubenssätzen alter Zeiten, der Gründerzeit. Da sind wir Upstalsboomer schon ein Stück weit voraus.

Und wie lauten die neuen Glaubenssätze für das Arbeiten in der Wissensgesellschaft?
Entscheide du und steh’ dazu! Es geht um Verantwortung. Wir leben in einem Land, das im Ausland auch in Zusammenhang mit der „German Angst“ genannt wird. Also die fehlende Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Das Prinzip dahinter ist: vom Sollen zum Wollen zu kommen. Wie entsteht das Sollen? Mein Vorgesetzter sagt mir: So und so machst du das bitte. Dann soll ich das so tun. Will ich vom Sollen zum Wollen kommen, ist die Frage: Was setzt das Wollen voraus? Es setzt voraus, dass das, was ich tue, sinnhaft ist. Und dass ich die Fähigkeiten dazu besitze. Dann mache ich das einfach und übernehme Verantwortung. Das ist für mich ein Glaubenssatz: Entscheide du und steh’ dazu! In Deutschland ist dieser Glaubenssatz noch nicht so verbreitet.


Solche Sätze hören wir aus der IT- und Startup- Szene, aber weniger aus der Hotellerie.

Ich glaube, dass die Hotellerie sehr stark in ihrer Vergangenheit verhaftet ist. Ich gehe einmal zurück in die Zeit nach den Kriegen, in der viel zerstört war. Die Hotels waren eine Art Zufluchtsort, der den Menschen eine heile Welt vorspielte, die es in ihrem Leben nicht gab. Das Hotel war Glanz. Eine schöne, heile Welt um jeden Preis. Nur wenn man hinter die Fassade geschaut hat, spiegelte sich von dem, was der Gast erlebt hatte, nichts wider. Die Persönlichkeit des Einzelnen hatte dort nichts zu suchen. Ich glaube, die Hoteliers sind noch sehr verhaftet in diesen alten, vornehmen, sich unterwerfenden Verhaltensweisen.

Aber es gibt auch andere Beispiele.
Gerade gestern war ich mit meiner Frau essen in einem Hotel, dem East Hotel Hamburg. Da spielte diese Welt keine Rolle mehr. Wir hatten das Gefühl, wir kennen die. Da stellt sich John bei dir vor: „Hey, ich bin heute für euch da.“ Das war nicht aufgesetzt, das war ehrlich, und mir kam der Begriff der Gastfreundschaft in den Sinn: Freund zu sein für jemanden, der bei mir zu Gast ist und nicht Diener. Das ist ein großer Unterschied in der Haltung, wie ich Menschen begegne. Begegnung muss auf Augenhöhe stattfinden, nicht zwischen Position und Funktion: Mitarbeiter begegnet Gast – da kann keine Freundschaft entstehen.

„Wir brauchen einen anderen Chef als Bodo Janssen“ ist eine von vielen kritischen Aussagen im Zuge der Mitarbeiterbefragung 2010. Sie macht Bodo Janssen sehr betroffen und führt zum Kulturwandel bei Upstalsboom. Dafür wird er vielfach ausgezeichnet.
FOTO: UPSTALSBOOM

Ist diese „Freundschaft“ bei Veranstaltungen nicht noch wichtiger?
Ja. Mir fallen zwei Bilder ein: Eine Mitarbeiterin aus dem Bankett hatte das Bild der Dompteurin in ihrem Kopf. Ihre Mitarbeiter hatten jede Veranstaltung so vorzubereiten, wie sie sich das vorstellte. Sie hatte ihre Mitarbeiter dressiert. Entsprechend war die Stimmung im Team. Dort waren nur Pflichterfüller. Es entstand keine Verbundenheit, keine Beziehung – weder zu den Menschen noch den Ergebnissen. Als wir zusammen im Kloster waren, haben wir uns mit Pater Anselm an Bilder aus der Kindheit erinnert, die uns mit großer Freude erfüllten. Besagte Mitarbeiterin wuchs auf einem Bauernhof auf. Ihr Bild war die Erntezeit: Nachdem das Heu eingefahren war, fegten die Kinder aus dem Dorf das herabgefallene Heu zu einem Haufen zusammen und hüpften hinein. Wir haben überlegt, wie sie dieses Bild in die Arbeit bringen kann, so dass aus der Dompteurin das Mädchen wird, das mit seinen Freunden etwas tut, um Spaß zu haben. Es geht darum, die Menschen zu beteiligen und mit ihnen ein Ergebnis zu erzeugen. Die Mitarbeiter wollen sich einbringen. Darauf muss ich mich als Führungskraft einstellen, sonst gehen sie.

Von welchem Hotel sprichst du, und welche Wirkung hatte der Führungswechsel von der „Dompteurin“ zur „Freundin“?
Es geht um das Landhotel Friesland, ein Tagungsund Wellnesshotel mit vier Sternen in Varel-Dangast an der Nordseeküste. Die Anzahl der Tagungen hat sich in zwei Jahren verdoppelt – die Mitarbeiter kommen nicht mehr hinterher. Vorstände großer Unternehmen machen bei uns „Kultursightseeings“, um unsere Unternehmenskultur kennenzulernen.

Wer zum Beispiel?
Michael Knauf von Lufthansa. Er ist Leiter des Kabinenpersonals München und kommt mit seinen Mitarbeitern. Sie lassen sich inspirieren, weil sie die Führungskultur für die Kabine mit 21.000 Mitarbeitern neu gestalten wollen.

DER UPSTALSBOOM WEG

Bodo Janssen (44) hat Betriebswirtschaftslehre und Sinologie studiert. Nachdem sein Vater bei einem Flugzeugabsturz stirbt, übernimmt er 2005 die Führung der familieneigenen Hotelkette Upstalsboom. Nach einer vernichtenden Mitarbeiterbefragung, in der sich die Befragten einen anderen Chef wünschen, geht Bodo Janssen ins Kloster, denkt über sich und sein Führungsverständnis nach und krempelt die Unternehmenskultur der Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH & Co. KG um – hin zu 650 glücklichen, selbstständigen Mitarbeitern in 70 Hotels und Ferienwohnanlagen. Seinen Weg schildert Janssen in den Büchern „Die stille Revolution. Führen mit Sinn und Menschlichkeit“ und „Stark in stürmischen Zeiten – Die Kunst, sich selbst und andere zu führen“. Ab Ende März ist 
„Die stille Revolution – Der Kinofilm zum Kulturwandel in der Arbeitswelt“
 zu sehen. 
www.die-stille-revolution.de
, 
www.der-upstalsboom-weg.de

Dein Buch „Stark in stürmischen Zeiten – Die Kunst, sich selbst und andere zu führen“, das du mit Benediktinermönch Anselm Grün geschrieben hast, ist – zumindest in einer Hugendubel- Filiale in Berlin – nicht in der Abteilung Wirtschaft zu finden, sondern bei Religion. Ist dir klar, dass dein neues Buch bei Religion steht?
Nein, das ist mir nicht bewusst. Aber es ist eigentlich egal, wo es liegt. (Schmunzelt) Morgen habe ich ein Interview mit der Kirche mit einer Radiopastorin. Sie hat mich nach einem Spruch aus der Bibel gefragt – und ich bin nicht wirklich bibelfest. Ich habe Markus 2, Vers 27 gewählt: „Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Dieser Satz bringt es für mich auf den Punkt. Bevor ich ins Kloster ging, war für mich der Mensch Mittel zum Zweck Wirtschaft. Ich habe ihn instrumentalisiert, um Gewinne zu erzielen, um selbst Macht, Geld und Anerkennung zu bekommen. Ein hoch egozentrischer Ansatz. Im Kloster kam mir die Erkenntnis: Es geht nicht darum, dass der Mensch der Wirtschaft dient, sondern die Wirtschaft und damit ich als Unternehmer und als Mensch den Menschen diene. Es ist meine Entscheidung, ob ich mich für den Menschen oder die Zahlen einsetze. Wenn ich mich für den Menschen einsetze – und da möchten wir Mut machen – kommen die Zahlen von alleine.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach?
97 Prozent der Führungskräfte glauben, dass sie einen guten Job machen. 69 Prozent der befragten Arbeitnehmer des Gallup Engagement Index hatten in ihrer beruflichen Laufbahn schon einmal eine schlechte Führungskraft. Das deutet auf eine gestörte Beziehung hin, auf unterschiedliche Perspektiven und Sichtweisen. Das worum es im Kern geht, sind gelingende Beziehungen zwischen dir und mir. Stehen wir in einer gelingenden Beziehung, sind wir gemeinsam produktiv. Nur wie entstehen gelingende Beziehungen zu mir selbst und zu anderen? Zu mir selbst, wenn ich mir selbst begegne und weiß, wofür ich jeden Tag aufstehe. Wenn ich das ausleben darf, dann bin ich bei mir. Mit anderen bin ich in gelingenden Beziehungen, wenn beide wissen, wofür wir uns einsetzen. Wenn wir unsere gegenseitigen Stärken kennen und diese einbringen. Wenn ich das auf Hotels übertrage, geht es um gelingende Beziehungen zwischen den Kollegen und den Gästen. Damit entsteht Verbundenheit. Und Verbundenheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen.

Womit wir wieder bei Anna wären… Lieber Bodo, ich danke dir für das unerwartete Gespräch vor dem Preview des Films zum Kulturwandel in der Arbeitswelt „Die Stille Revolution“ in Hamburg.  KERSTIN WÜNSCH
 
„Das Prinzip dahinter ist: vom Sollen zum Wollen zu kommen.“
Bodo Janssen
„Wenn wir erkennen, dass es um den Menschen geht, um Begegnungen und gelingende Beziehungen, dann ist die Veranstaltungsbranche, in der wir uns bewegen, für die Zukunft die wundervollste Branche, die wir uns überhaupt vorstellen können.“
Bodo Janssen
FOTO: UPSTALSBOOM
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