CEBIT 2018

Der Neuanfang

Die ehemals größte IT-Messe der Welt ist jetzt ein Festival mit Livemusik, Riesenrad und Streetfood. Die Deutsche Messe zieht trotz Besucherrückgangs ein positives Fazit, für sie ist es nämlich eine Premiere.

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ie Cebit ist anders. Ganz anders als in der Vergangenheit. Dass sich die einstmals größte ITMesse der Welt komplett verändern will, hatte sich bereits im Vorfeld des „Business-Festivals für Innovation und Digitalisierung“ herumgesprochen. Mit welcher Konsequenz war jetzt von 11. bis 15. Juni 2018 auf dem Messegelände in Hannover zu erleben. Das Konzept ist ein völlig neues, der Veranstalter Deutsche Messe spricht sogar offiziell von einer Premiere. Zwar schreiben die knapp über 2.800 Aussteller in den Hallen wie in der Vergangenheit ihre Leads an den Ständen und auf den Konferenzbühnen steigen Keynotes und Diskussionen rund um Chancen und Risiken der Digitalisierung, doch damit hat es sich auch schon mit den Parallelen zu den Veranstaltungen der letzten Jahre.

Denn wirklich auffallend ist das konsequent umgesetzte Festival-Konzept. Das von Aussteller SAP aufgestellte Riesenrad, in deren Kabinen das Unternehmen Showcases, Expertentalks und SAP-Lösungen rund um die Themen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Machine Learning oder Internet der Dinge präsentiert, ist bereits aus weiter Entfernung zu erkennen. Auf dem „d!campus“, dem Festivalgelände zwischen den Messehallen, riecht es schon am Vormittag nach Popcorn und Hamburgern. Es ist eine riesige Bühne aufgebaut, auf der ab dem Nachmittag Konzerte stattfinden, überall stehen Liegestühle. Dem Veranstalter gelingt es tatsächlich, die von ihm gewünschte Atmosphäre zu erzeugen.

„Wir haben überaus positives Feedback zur Zukunftsfähigkeit des neuen Konzeptes und zu unserem Mut, nicht nur von Disruption zu sprechen, sondern sie auch anzupacken. Hierdurch ist es uns auf Anhieb gelungen, konkretes Business in den Hallen mit Festivalstimmung auf dem d!campus zu verbinden“, sagt Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG. „Die neue Cebit macht Digitalisierung emotional und baut nicht nur Distanz zwischen Technologie und Gesellschaft ab, sondern zeigt auch die konkreten Chancen auf.“


Frese ist überzeugt, mit der „neuen Cebit“ – dieser Ausdruck wird über die Tage inflationär gebraucht – „frischen Wind“ und „Aufbruchstimmung“ erzeugt zu haben. Er zieht ein auffallend positives Fazit. Und das, obwohl die Besucherzahlen von zuletzt 200.000 in 2017 auf 120.000 zurückgegangen sind.

Um diese positive Einstellung nachvollziehen zu können, muss man die Veranstaltung als Neuanfang begreifen. Der offensichtlich auch nötig war. Denn die Messe verlor gegenüber ihren Glanzzeiten zu Beginn des Jahrtausends mit rund 800.000 Gästen gut drei Viertel ihrer Besucher. Dass der Veranstalter bei diesem Trend das Konzept über den Haufen wirft, ist daher ein nahezu logischer Schritt. Und spricht man mit den Beteiligten der Messe, so ist dieser Neuanfang gelungen. „Die neue Cebit war ein voller Erfolg“, bestätigt etwa Heiko Meyer, Vorsitzender des Cebit-Messeausschusses und Geschäftsführer von Hewlett Packard Enterprise. „Mit dem Mut zur radikalen Transformation hat das Team die Basis für die Zukunft gelegt.“

Dem pflichtet Bitkom-Präsident Achim Berg bei. Die Neuausrichtung sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Außer ihrem Namen, dem Standort Hannover und dem klassischen Messegeschäft habe die Veranstaltung 2018 nichts mehr mit ihren Vorgängerinnen gemein. „Die Cebit ist einzigartig in Europa, eine echte Premiere und als solche ein Erfolg. Der Re-Start ist geglückt und Bitkom ist auch 2019 auf jeden Fall wieder dabei“, so der Präsident des Digitalverbandes, der über 2.500 Unternehmen der digitalen Wirtschaft vertritt. „Uns geht es jetzt darum, die Erfahrungen des Kick-Offs 2018 en détail auszuwerten und die Cebit auf dieser Basis ganz gezielt weiterzuentwickeln. Dabei wollen wir das breite Angebot aus Messe-, Konferenz- und Festivalprogramm bestmöglich verzahnen und den Festival- Gedanken noch stärker in die Messehallen tragen.“

Digitalisierung rockt. Die Roboter der Heavy-Metal-Band „Compressorhead“ auf der neuen Cebit.
FOTO: CEBIT

Dort ist der Besucherrückgang – wenn man denn bei einer „Premiere“ überhaupt davon sprechen kann – am meisten zu spüren. Ist man nicht zu den Stoßzeiten da, herrscht mitunter Ebbe an den Ständen. 
Dennoch wird in Gesprächen mit Ausstellern – etwa der Mobilfunkkonzern Vodafone
, der mit seinem 3.600 qm auf dem d!campus seine Standfläche gegenüber 2017 verdoppelt hat, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), 
SAP
 oder erstmals Facebook – keine Kritik geäußert. Auch hier begreift man die Cebit als Neuanfang. Die Notwendigkeit, eine andere Herangehensweise an diese Veranstaltung an den Tag zu legen, scheint auf dem gesamten Gelände manifestiert zu sein.

Doch es ist ein Balanceakt. Da gut 90 Prozent der Besucher Fachbesucher sind, müssen sich Festival und Business die Waage halten. „Das ist genau die Herausforderung. Wir wollen die Plattform sein, die Digitalisierung in die Gesellschaft trägt, die Plattform, auf der das Thema von allen Akteuren diskutiert werden kann“, sagt Cebit-Pressesprecher Hartwig von Saß. „Dazu müssen wir Pole verbinden: Business mit Festival, Technologie mit Emotion, Geschäfte machen mit Spaß, Gesellschaft mit Technologie. Damit das gelingt, sprechen wir ein viel breiteres Publikum an als nur etwa IT-Entscheider.“

Ob das Konzept aufgeht, wird sich in der Zukunft weisen. Mit dem Auftakt sind die Beteiligten sehr zufrieden. Inhaltlich stehen auf der Cebit vor allem Künstliche Intelligenz,


Blockchain, Future Mobility, Virtual Reality, schnelle Netze, das Internet der Dinge, Cyber Security, Unmanned Systems und Human Robotics im Mittelpunkt. An den Ständen kann man virtuelles Tischfußball spielen, Drohnen bei einem Wettrennen beobachten oder über Sonnenbrillen Musik hören, doch technische Neuigkeiten für den Verbrauchermarkt sind hier eher Nebensache. Gewaltig ist dafür das Vortrags- und Konferenzprogramm, das insgesamt 30.000 Zuhörer findet sowie die Themenschwerpunkte, wie zum Beispiel selbstlernende Systeme. So zeigt Hewlett Packard Enterprise, wie Computer in kürzester Zeit Millionen von Krankheitssymptomen aus unterschiedlichen Quellen vergleichen können, um die optimale Medikation für einen Patienten zu finden. Bei IBM lernen die Besucher einen smarten Assistenten mit Sprachsteuerung, Kameras und Sensoren kennen, der den deutschen Astronauten Alexander Gerst bei seiner Mission auf der Raumstation ISS unterstützt.

An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft stellen Forschungseinrichtungen auf der Cebit ihre neuesten Entwicklungen vor. So präsentiert das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den Roboter „ARMAR-6“, der beispielsweise mit der Bohrmaschine umgehen kann, aber auch den Gebrauch neuer Werkzeuge durch Beobachtung erlernt. Wie Mensch und Roboter effizient in einer Industrie-4.0-Produktion zusammenarbeiten, demonstriert das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).

CAPTAIN MICE FUTURE

Das Startup-Format Captain MICE Future, bei dem zehn Startups der Eventbranche miteinander konkurrieren, war dieses Jahr erstmals auf der Cebit in Hannover eingebettet. Beim Scale11, dem Gründer- Event der Cebit, stellte jedes Startup in einem Slam innerhalb von zwei Minuten seine Geschäftsidee vor. Anschließend ging es im separaten Konferenzraum mit einem Speed Geeking weiter, bei dem sich jedes Startup im persönlichen Gespräch den anwesenden Veranstaltungsplanern vorstellen konnte. Das Event innerhalb der Cebit war die zweite von fünf Etappen des laufenden Wettbewerbs auf dem Weg zum Captain Mice Future Award 2018, der im Juli in Berlin verliehen wird. 
www.captainmicefuture.de

Festivalstimmung auf dem Gelände. Am Abend wird die Cebit zum Fest. Im Hintergrund des Riesenrad von Aussteller SAP.
FOTO: CEBIT

Mit der 5G-Technologie steht der mobile Datenfunk vor einem Quantensprung. Die Datenkommunikation in Echtzeit macht viele Anwendungen des Internet of Things (IOT) realisierbar. Zum Beispiel demonstriert Vodafone, wie per 5G-Funk verbundene Roboter voneinander lernen können, obwohl sie viele Hundert Kilometer voneinander entfernt sind. Und Huawei stellt ein intelligentes Nervensystem für Metropolen vor, um die wachsende Verkehrs- und Umweltbelastung zu verringern.

Heiß diskutiert wird auch die Blockchain. Mehrere Unternehmen zeigen, dass sich die Technologie ebenso für den sicheren Datenaustausch im IOT eignet wie für den Handel mit erneuerbarer Energie oder Carsharing-Dienste. Dass sogar Verwaltungen von der Blockchain profitieren können, demonstriert Materna mit dem Konzept einer ständig aktuellen Feinstaubkarte mit Bürgerbeteiligung. Einen Showcase der etwas anderen Art mixt ein Roboter bei DXC Technology: Nämlich Drinks, die über eine Blockchain-basierte Bestellkette geordert werden.

Keynotes halten etwa Netzpionier Jaron Lanier, der die Geschäftsmodelle der größten Internetkonzerne anprangert, die Memory-Hackerin Julia Shaw, die verrät, wie sich menschliche Erinnerungen manipulieren lassen, oder Security-Experte Mikka Hypponen, der die neue Qualität von Cyberattacken unterstreicht („Wir müssen sensible Daten nicht nur wie in einem Tresor vor unerlaubten Zugriffen schützen. Wir brauchen auch Bewegungsmelder innerhalb des Tresors.“).


Das spielt draußen auf dem Campus nur eine untergeordnete Rolle. Hier füllt sich ab dem Nachmittag der Platz. Das Programm ist wirklich abwechslungsreich. Fuckup-Night auf der einen, Wearables-Modenschau auf der anderen Seite. Dazwischen Virtual- Reality-Dome, ein Kran, der Besucher in luftige Höhen hebt oder ein Jägermeister-Stand. Es ist bunt. Das fällt auch Mandy Hännes’chen auf, die als Geschäftsstellenleiterin des VDVO (Verband der Veranstaltungsorganisatoren) im Rahmen der Cebit den Startup-Wettbewerb Captain MICE Future veranstaltet. Sie hält die Festivalisierung der Cebit für einen „mutigen Schritt“. Sie zeigt sich begeistert „von dieser grandiosen gelungenen Mischung zwischen Festivalatmosphäre und Messestände“. Geschäfte machen könne sehr wohl auch Spaß machen, das habe die Cebit definitiv bewiesen. Zeig mir eine vergleichbar große Messe, die überhaupt den Mut hat, sich so neu zu auszurichten“, sagt sie und fügt hinzu: „Den Mutigen gehört die Zukunft. Das Experiment der Festivalisierung ist bestens gelungen.“

Am Abend wird es dann ausgelassen. Nachdem mit „Compressorhead“ Roboter die Bühne rocken – und das im wahrsten Sinne des Wortes – übernehmen gegen 20:30 Uhr die Schwedenrocker von Mando Diao. Es stehen rund 3.000 Menschen direkt vor der Bühne, das Bier fließt in Strömen, die Stimmung ist fantastisch. Zur Eröffnung spielen sie den Song „You Got Nothing On Me“ – Ihr könnt mir gar nichts. Die Cebit ist wirklich ganz anders.  CHRISTIAN FUNK
 

www.cebit.dewww.messe.de

Plattform KI

Der Startup-Verband launchte am 12. Juni 2018 im Rahmen der Cebit in Hannover die neue Plattform für 
Künstliche Intelligenz (KI)
. Unter der Schirmherrschaft von Intel vereint die Plattform sowohl Unternehmen, die selbst an der Entwicklung innovativer Lösungen durch KI beteiligt sind, als auch jene, deren Geschäftsmodell auf der Nutzung von KI beruht. Die Plattform versteht sich als Netzwerk für alle Akteure im Bereich der KI und setzt sich zum Ziel, KI und ihre Anwendungsbereiche stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern und die Potentiale der Technologie in der öffentlichen Debatte zu betonen. 
https://deutschestartups.org
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