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CHEMNITZ 2030

Eine Stadt im Aufbruch

Stillstand gibt es in Chemnitz nicht. Schon oft in ihrer Geschichte hat sich die Stadt neu erfinden müssen. Jetzt ist die „Stadt der Moderne“ auf dem Weg zu einem neuen, urbanen Selbstverständnis und will 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden. Für Besucher ist die Mischung aus kreativer Aufbruchsstimmung und wirtschaftlicher Dynamik höchst attraktiv.

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m Erdgeschoss des 63 Meter hohen Uhrturms, der in seiner schnörkellosen Backsteinarchitektur aussieht, als stamme er direkt aus Metropolis, jener futuristischen Stadt aus dem gleichnamigen Film von 1927, hat sich eine Kaffeerösterei einquartiert. An den Wänden stapeln sich Säcke voller Kaffeebohnen, von hohen Decken baumeln schlichte weiße Metalllampen über ebenso schlichten Holztischen. Wer will, trinkt seinen frisch gerösteten Kaffee gleich hier, denn die Rösterei Bohnenmeister ist zugleich auch ein Café. Erst im März dieses Jahres hat sie eröffnet und sich schnell zum beliebten Treffpunkt entwickelt – und zum Geheimtipp für Touristen. Denn neben frisch geröstetem Kaffee lässt sich hier der Gratisblick auf eines der schönsten Industriedenkmäler Deutschlands genießen – den Chemnitzer Wirkbau.

Noch bis 1993 wurden in der ehrwürdigen, 1887 als Fabrik zum Bau von Strumpfwirkmaschinen errichteten, Industrieanlage Textilmaschinen von Weltformat gefertigt. 1996 wurde sie komplett saniert und zum Gewerbepark Wirkbau umfunktioniert. Heute sind in den oft museumswürdigen, denkmalgeschützten Backsteinensembles mehr als 50 Unternehmen beheimatet – Vereine und Bildungseinrichtungen, Künstler und Kreative, Büros und Praxen und seit kurzem auch das Restaurant Nomad, das mit seinem stylischen Industrieflair aus Glas, Stahl und himmelhohen Decken genauso gut nach New York oder London passen würde.

Der Wirkbau ist ein sehr gutes Beispiel für die gelungene Revitalisierung einer alten Industriebrache in Chemnitz, aber er ist beileibe nicht das einzige. Überall haben sich in der einst so bedeutenden Industriestadt in den vergangen Jahren Macher der historischen Kulissen bemächtigt und sie zu neuem Leben erweckt, ob in der ehemaligen Strumpfwirkerei William Janssen, in der heute neben schicken Lofts das angesagte Restaurant Janssen eingezogen ist, in der alten Hartmannfabrik, die gerade für eine neue Nutzung vorbereitet wird oder in der Schönherr-Fabrik, die mit ihrer einzigartigen Ansammlung von Fabrikgebäuden aus mehr als 200 Jahren neben dem Wirkbau zu den bedeutendsten Industriedenkmälern der Stadt zählt. Wo früher weltberühmte Webstühle gefertigt wurden, haben heute 130 Unternehmen ihren Sitz – vom Tanzstudio bis zur Eventkantine, von der Gießerei bis zum Architekturbüro und Feinschmeckerrestaurant. Nahezu täglich gibt es Veranstaltungen, Konzerte, Seminare und Kunstausstellungen und ständig kommen neue hinzu, denn noch sind längst nicht alle Gebäude saniert, noch gibt es auf dem mehr als 83.000 Quadratmeter großen Gelände genügend Raum für neue Ideen.
               
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Ein Stück Industriekultur: Der 1927 errichtete Uhrturm im Wirkbau.

Für Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft, CWE, ist es gerade dieses Unfertige, das den Charme und die derzeitige Dynamik der Stadt ausmacht. „Chemnitz ist eine Stadt im Aufbruch“, sagt er und führt weiter aus: „Sie ist nicht fertig, sondern entwickelt sich permanent weiter.“ Das ziehe sich durch die gesamte Stadtgeschichte. „Einst reichste Stadt Deutschlands und Industrie- und Textilmetropole Anfang des 20. Jahrhunderts, verlor Chemnitz diese Rolle nach den beiden Weltkriegen. 1953 bekam die Stadt nicht nur einen neuen Namen, sondern als sozialistische Musterstadt Karl-Marx-Stadt auch eine neue Identität und musste sich dann mit dem Ende der DDR abermals neu erfinden“, so Uhle. Als nach 1990 ganze Industrien abgewickelt worden seien und zehntausende Menschen die Stadt verließen, um ihre Zukunft in den alten Bundesländern aufzubauen, habe sich Chemnitz mit der gleichzeitigen Rückbenennung auf Chemnitz auf seine ursprüngliche Stärke besonnen und mit Unternehmergeist sowie bürgerschaftlichem Engagement zur heutigen Stadt der Moderne entwickelt.

Wirtschaftlich ist es seitdem mit dem Standort stetig bergauf gegangen. Chemnitz gehört mittlerweile zu den wachstumsstärksten Städten Deutschlands. Motor des Aufschwungs sind Branchen, die auch früher schon führend waren, die Automobilzulieferindustrie, der Werkzeug- und Maschinenbau oder die Textilindustrie. Zwei Drittel aller sächsischen Automobilzulieferer sind in Chemnitz und Umgebung beheimatet. Zudem hat sich die einstige Autostadt, in der einst so legendäre Marken wie Horch, Audi oder DKW produziert wurden, zum Hot-Spot für autonomes Fahren entwickelt, auch auf der Schiene. Im Bereich der Mikrosystemtechnik spielt die Stadt ebenfalls europaweit in der ersten Liga.
             
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Beim Chemnitzer Hutfestival wird natürlich Hut getragen.

Hutfestival 2019

Bereits zum zweiten Mal verwandelten zahlreiche Straßenkünstler die Chemnitzer Innenstadt in eine große Freiluftbühne. Zahlreiche Künstler und viele Besucher feierten drei Tage lang ein buntes Straßenkunstfest.

Mit mehr als 50 Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, darunter zwei Fraunhofer-Institute, entwickelt sich Chemnitz zudem immer mehr zu einem der führenden Forschungs- und Entwicklungsstandorte. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Technische Universität mit ihren mehr als 12.000 Studierenden. Als eine der gründungsstärksten Universitäten Deutschlands hat sie bereits zahlreiche erfolgreiche Ausgründungen hervorgebracht, darunter die Firma Naventik, die eine Software zur präzisen Ortung von Fahrzeugen entwickelt hat – Voraussetzung für autonomes Fahren. Oder die Firma Staffbase mit Sitz im Wirkbau, die mit ihrer Mitarbeiter-App für die interne Unternehmenskommunikation bereits 250 Kunden weltweit bedient und mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigt.

Als Inkubator für die dynamische Start-up-Szene wirkt unter anderem das Technologie-Centrum Chemnitz (TCC), eine gemeinsame Unternehmenstochter der Stadt Chemnitz und der TU, welches jungen Unternehmen durch die Bereitstellung von Gewerbe-, Büro-, Labor- und Werkstattflächen unter die Arme greift. Für Gründer aus der Kreativbranche wurde eigens ein Gründerzentrum am Brühl eingerichtet. Das Viertel war einst eine beliebte Bummel- und Einkaufsmeile, bis sich der Einzelhandel komplett in die Innenstadt verlagerte und es in Vergessenheit geriet. Inzwischen sind viele der schönen Gründerzeithäuser saniert und das Quartier auf dem besten Weg, zum Trendviertel zu werden. Die TU plant hier einen zweiten Campus, es gibt Cafés, Restaurants und viel Raum für die lokale Kultur- und Kreativwirtschaft. Um diese Branche sinnvoll zu unterstützen, wurde das Projekt „KRACH“ ins Leben gerufen. Das Kürzel steht für „Kreativraum Chemnitz“ und funktioniert als Wettbewerb, bei welchem angehende Gründer aus der Kreativszene Räume an unterschiedlichen Standorten der Stadt – etwa auch im Wirkbau, in der Schönherr-Fabrik oder auf dem Brühl – für drei Jahre kaltmietfrei gewinnen können.
             
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Die Begeisterung für den Automobilbau hat in Chemnitz Tradition.

„Aufbrüche sind im doppelten Sinn immer auch Aufbrüche von alten Strukturen“, sagt Wirtschaftsförderer Sören Uhle. „Man muss zeigen, wie man mit neuen Themen und unerwarteten Herausforderungen umgeht.“ Eine solche Herausforderung und einen emotionalen Bruch habe die Stadt etwa im vergangenen Jahr erlebt, als rechtsextreme Aufmärsche die Stadt in ein schlechtes Licht rückten. Mit Fingerspitzengefühl und großem ehrenamtlichen Engagement über alle gesellschaftlichen Bereiche hinweg, haben es die Chemnitzer damals geschafft, die negative Energie in positive Impulse zu verwandeln.

„Natürlich waren die Ereignisse keineswegs positiv“, sagt Uhle weiter, „allerdings ist die Stadtgesellschaft in der Zeit danach zusammen gerückt, neue Initiativen sind entstanden, Netzwerke wurden verstärkt und gemeinsame Aktionen wie das Fest für Toleranz und Demokratie oder das erste Chemnitzer Stiftertreffen konnten gemeinsam mit der Chemnitzer Zivilgesellschaft durchgeführt werden.“ Auch das Kosmos-Festival, das in diesem Jahr als Weiterentwicklung des „#wirsindmehr“- Konzerts zehntausende Menschen begeisterte, ist aus einer solchen positiven Rückkopplung entstanden. Neben Konzerten von Musikgrößen wie Grönemeyer, Alligatoah oder Tocotronic gab es an mehr als 40 Spielflächen der Stadt Diskussionsrunden, Workshops, Ausstellungen oder Lesungen. Auch zahlreiche Wirtschaftsunternehmen präsentierten sich und demonstrierten damit den engen Schulterschluss mit der Kulturszene.

„Bei allem geht es immer auch darum, den öffentlichen Raum für die Menschen, die in ihm leben, attraktiv zu machen“, sagt der gebürtige Chemnitzer Uhle. Deswegen sind in den vergangenen Jahren neben den vielen aus privater Initiative entstandenen Veranstaltungen wie dem soziokulturellen Festival „Fuego de la isla“ oder dem Kunst- und Kulturfestival „Begehungen“ zahlreiche neue Veranstaltungsformate entstanden, die den öffentlichen Raum auch zum Erlebnisraum machen sollen. Seit 2010 gibt es die Tage der Industriekultur, bei denen Firmen aus der Region ihre Türen für ein interessiertes Publikum öffnen. Mit dem RAW-Festival wurde dieses Event im Jahr 2016 um einen spektakulären Baustein ergänzt: Jährlich wird eine Industriebrache aus dem Dornröschenschlaf geweckt und mit Mitteln der Kunst erlebbar gemacht. Die städtische Tochtergesellschaft C3 bereichert seit 2017 mit dem Parksommer und seit 2018 mit dem Hutfestival – einem Fest mit Straßenkünstlern der Region – die Innenstadt und den Veranstaltungskalender.
            

Parksommer 2019 - Abschlussvideo

Der Parksommer 2019 ist leider vorbei. Kein Grund traurig zu sein! Wir kommen wieder und zwar vom 16.7. - 16.8.2020. Bis dahin verkürzt euch unser Abschlussvideo die Wartezeit.

Beste Voraussetzungen also, um jetzt auch das ganz große Ziel anzustreben, das Chemnitz für das Jahr 2025 ins Visier genommen hat: die Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt. Ob es klappt, entscheidet sich im kommenden Jahr. Wenn nicht, ist das für CWE-Chef Sören Uhle aber auch kein Beinbruch. Bereits der Bewerbungsprozess habe die Stadt entscheidend vorangebracht, indem etwa Formate der Bürgerbeteiligung etabliert und neue kulturelle Angebote und Räume geschaffen wurden. Somit sei die Bewerbung bereits jetzt ein Gewinn für die gesamte Stadtgesellschaft.

„Kulturhauptstadt zu werden bedeutet ja nicht nur, ein etabliertes Reiseziel für Kulturtouristen zu sein, sondern die Stadt gemeinsam zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um kulturelle Angebote im engeren Sinn, sondern auch um die Frage, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen und wie unser Chemnitz 2025 aussehen soll“, sagt Uhle. Dass dieses Chemnitz urban, spannend und für aufgeschlossene Besucher höchst attraktiv sein wird, steht für ihn außer Frage.

„Jugend forscht“ in Chemnitz

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Große Ehre für den Forschungsstandort Chemnitz: Mitte Mai war die Stadt Austragungsort des Bundesfinale von Deutschlands bekanntestem wissenschaftlichen Nachwuchswettbewerb Jugend forscht. Rund 190 Jungforscherinnen und Jungforscher stellten ihre Arbeiten in der Chemnitzer Messe einer hochkarätigen Jury vor. Höhepunkt des viertägigen Events war die Siegerehrung durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit 1100 Gästen. Im kommenden Jahr wird Chemnitz Gastgeber des Deutschlandfinale der WRO 2020 (World Robot Olympiad) sein, ein internationaler Roboterwettbewerb für Kinder und Jugendliche.
          
Hotel Chemnitzer Hof
„Es geht auch um die Frage, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.“
Sören Uhle,
Geschäftsführer CWE
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