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ÖSTERREICH

Wir gehen voran

Die Alpenrepublik will Vorreiter werden und ihren Strom nur noch aus erneuerbaren Quellen beziehen. Schon Jahre bevor Greta Thunberg für das Klima streikte, hat die österreichische Tagungsindustrie mit dem Umweltministerium das Gütesiegel „Green Meetings“ ins Leben gerufen. Immer mehr machen mit.

Ö
sterreichs Ziel ist ehrgeizig: Bis zum Jahr 2030 will die Alpenrepublik ihren Strom zu 100 Prozent aus grünen Quellen beziehen. Dank ihrer Wasserkraftwerke beträgt deren Anteil heute bereits 75 Prozent. Über die Elektrolyse kann aus Wasser mit erneuerbarem Strom Wasserstoff erzeugt werden, der bei Bedarf in Strom umgewandelt und ins Netz eingespeist werden kann. Nun haben sich drei der größten Konzerne zusammengetan, damit Österreich zum Vorreiter Europas wird. Wasserstoff kann die Kohle in der Stahlerzeugung ersetzen oder das Benzin für Fahrzeuge. „Wasserstoff kann zweifelsohne einen Beitrag in der Mobilität leisten, um die Emissionen zu senken“, sagt Rainer Seele, Vorstandsvorsitzender des österreichischen Mineralölkonzerns OMV dem Handelsblatt in Wien.

Zukunftsweisende Mobilität hat das Austria Convention Bureau (ACB) dieses Jahr mit der Vergabe seines Austrian Congress Awards 2019 an das Organisationsteam IONICA ausgezeichnet. Die Initiatoren des World Mobility Forums machen sich für E-Mobilität stark. „Ein erstes Konzept wurde bereits 2010 entwickelt, jedoch war damals noch nicht die richtige Zeit. So wurde es erst 2015 wieder aus der Schublade geholt und hat alle sofort begeistert“, erzählt Projektleiter Sebastian Vitzthum bei der Award-Verleihung auf der „Convention4u“, dem Jahreskongress der österreichischen Tagungsindustrie, im Montforthaus Feldkirch.
          

Vitzthum: „Ziel ist es, im Bereich neuer Technologien die Lücke zwischen Wissenschaft und Praxis zu schließen sowie bewusstseinsbildend zu wirken.“ Unter den vorgestellten E-Mobility-Projekten auf der Erde, zu Wasser und in der Luft sind der Schwerlastdrohnen- Transport von Baumsetzlingen zur Aufforstung und ein 24-Stunden-E-Auto-Endurance-Race. Nominiert hatte IONICA der Kooperationspartner und Veranstaltungsort des Mobilitätsforums: das Ferry Porsche Congress Center Zell am See. Dort freut sich Bereichsleiter Uwe Edlinger, dass das World Mobility Forum 2020 die Region erneut mit über 10.000 Teilnehmern stärken wird.

Gerhard Stübe weiß, dass Veranstaltungen oft im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Dass diese deshalb Verantwortung in allen Bereichen der Nachhaltigkeit übernehmen, ist für ihn selbstverständlich. Seit Juni ist der Geschäftsführer von Kongresskultur Bregenz Präsident des Austrian Convention Bureaus mit 78 Mitgliedsbetrieben. Das ACB und die Österreich Werbung verzeichnen in ihrem 10. Meeting Industry Report Austria (mira) 21.381 Veranstaltungen für 2018. Während die Zahl der Veranstaltungen leicht sank, stieg die Zahl der Teilnehmer minimal. Da die mehr als 21.000 Veranstaltungen neben den positiven Folgen für die Wirtschaft auch negative für die Umwelt mit sich bringen, wollen die Österreicher nicht nur den ökologischen Fußabdruck minimieren: Sie wollen eine Vorreiterrolle in Sachen Nachhaltigkeit einnehmen.

Bereits acht Jahre bevor Greta Thunberg in Schweden für das Klima zu streiken begann, fanden die ACB-Mitglieder heraus, dass ein Teilnehmer während eines dreitägigen Kongresses ungefähr 3,5 Kilogramm Restmüll, 5,5 Kilogramm Altpapier, 151 Liter Wasser und 204 Kilogramm Kohlenstoffdioxid durch seine An- und Abreise hinterlässt. Das Österreichische Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft sah das als Anlass, die Richtlinie „Green Meetings und Events“ zu erarbeiten. Sie hilft Veranstaltern, die Umweltbelastungen deutlich zu senken. Bei einer als „Green Meeting“ durchgeführten Konferenz fallen 30 Prozent weniger Restmüll und 55 Prozent an Papiermüll an.
              
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FOTO: AUSTRIAN CONVENTION BUREAU

Die Anforderungen der Richtlinie für das Umweltzeichen 62 „Green Meetings und Green Events“ gelten als erfüllt, wenn die erforderlichen Muss-Kriterien eingehalten und die geforderten Mindestpunkte erreicht werden. Zu den neun Kriterien zählen Mobilität und Klimaschutz, Unterkunft und Veranstaltungsstätte, Beschaffung, Material- und Abfallmanagement, Catering und Veranstaltungstechnik.

Zur Zertifizierung als Green Meeting benötigen Veranstalter einen Lizenznehmer. Dieser ist zur Einhaltung der Kriterien und deren Nachweise verantwortlich. 2018 waren es 77 Lizenznehmer, die 330 Veranstaltungen mit rund 340.000 Teilnehmern zertifizierten. Dass die Akzeptanz in den Reihen ihrer Mitglieder wächst, freut allen voran Michaela Schedlbauer-Zippusch. Die Geschäftsführerin des Austrian Convention Bureaus erzählt: „Wir sind stolz, erster Lizenznehmer gewesen zu sein und freuen uns, dass mittlerweile 34 Prozent der 78 Mitglieder als Lizenznehmer fungieren.“ Sie sieht es als Aufgabe ihres Branchenverbands, Veranstaltungsplaner über dieses Angebot zu informieren und ein Umdenken zu bewirken.

Von Anfang an dabei ist das Congress Centrum Alpbach. Grünes Tagen gilt in dem Tiroler Bergdorf als natürlich. „Dank einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie entwickelten wir uns im deutschsprachigen Raum zum Best Practice für Green-Meeting- Anbieter“, berichtet Geschäftsführer Georg Hechenblaikner. Er sieht in jedem zufriedenen Konferenzbesucher einen Multiplikator. Ein eindrückliches Beispiel sind die 5.300 Teilnehmer des jährlichen Europäischen Forums Alpbach.
           

Nicht nur die Lage in den Alpen verpflichtet, sondern ebenso die Nachbarschaft zum Vienna International Centre, dem Amtssitz der United Nations mit ihren 17 Sustainable Development Goals. Das ist dem Austria Center Vienna und Vorstandssprecherin Susanne Baumann-Söllner bewusst. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass die österreichische EU-Ratspräsidentschaft 2018 zu großen Teilen, nämlich auf 147 der 249 Veranstaltungen, als „Green Meeting“ abgehalten wird. Es ist der erste nahezu papierlose EU-Ratsvorsitz.

Das ist Baumann-Söllner wichtig, sieht sie doch wegen der sehr hohen Teilnehmerzahlen und deren Anreisen eine besondere Verantwortung für die Branche und ihr Haus. Neben den Partnern Austria Center Vienna als permanente Kongressfazilität sowie dem Green-Catering-Partner Motto wurden Hotels mit dem Österreichischen oder Europäischen Umweltzeichen gewählt. Das zahlt sich aus. Baumann- Söllner: „Noch nie hatten wir so viele internationale Kongresse mit so vielen Teilnehmern bei uns im Haus.“ 136.000 Teilnehmer sind es in Österreichs größtem Kongresszentrum und damit 29 Prozent mehr als im Vorjahr. Erst im Frühjahr begann der Bau eines neuen Zugangsgebäude bis 2022 und des neuen Vorplatzes mit dem Donausegel bis 2020.
           

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Mobilität der Zukunft: Der Austrian Congress Award für Sebastian Vitzthum von IONICA (Mitte). Links steht Christian Mutschlechner, ACB, rechts Uwe Edlinger, Ferry Porsche Congress Center Zell am See.
FOTO: AUSTRIAN CONVENTION BUREAU
               

ÖSTERREICHS UMWELTZEICHEN

Die Richtlinie Umweltzeichen 62 (UZ 62) für Green Meeting und Events hilft Veranstaltern, die Umweltbelastungen deutlich zu senken und so den ökologischen Fußabdruck ihrer Veranstaltung zu verkleinern. Die Kriterien für die Zerfizierung umfassen alle Bereiche einer Veranstaltung wie Anreise, Unterkünfte, Veranstaltungsort, Catering, Beschaffungs-, Material- und Abfallmanagement, soziale Aspekte und Kommunikation. Zertifizieren lassen sich Kongresse und Konferenzen, Firmentagungen, Seminare, Messen und Ausstellungen und Events wie Festivals oder Sportveranstaltungen. Folgende Zertifizierungen gibt es: UZ 62 für Green Meetings & Events, UZ 75 Messestandbau, UZ 203 Event- Catering und Party-Service und UZ 207 Tagungs- und Event-Locations. Lizenznehmer können Messe- und Kongresszentren sein, Convention Bureaus, Tagungs- oder Seminarhotels, Agenturen und PCOs. Der Lizenznehmer übernimmt mit seiner Beitragsgebühr die Kosten der Zertifizierung, für die Veranstalter fallen keine Kosten an. Durch Green Meetings können letztere sogar Kosten einsparen; weniger Druckwerke, Verzicht auf Kongresstaschen, regionale und saisonale Produkte im Catering. Wichtig ist, dass die Green-Meeting-Kriterien von Anfang an in die Kongressplanung einfließen und alle Partner über die Zertifizierung informiert sind. https://meetings.umweltzeichen.at

Dass eine moderne Location kein Muss für ein Green Meeting ist, zeigt die Global South-South Development Expo, die erstmals als Green Meeting in der historischen Hofburg Vienna durchgeführt wurde. Den Veranstalter UNIDO (United Nations Industrial Development Organization) unterstützte dabei das Vienna Convention Bureau.

Für das letzte Jahr melden die Wiener für die Tagungsindustrie Bestwerte: Ihr Beitrag zur österreichweiten Wertschöpfung steigerte sich um drei Prozent auf nun 1,198 Milliarden Euro. 4.685 Kongresse, Firmenveranstaltungen und Incentives, ein Zuwachs von 15 Prozent, bedeuten 631.000 Teilnehmer sowie über 1,9 Millionen Übernachtungen – jede achte geht in der Hauptstadt auf einen Tagungsgast zurück.

Entsprechend wird investiert. Österreichs größtes Konferenzhotel, das Hilton Vienna, wird nach seiner Modernisierung im Sommer 2020 über 660 Zimmer verfügen. Das erst im April eröffnete Lifestyle-Hotel „Andaz Vienna Am Belvedere“ kommt auf 303 Zimmer sowie Tagungsräumlichkeiten auf 2.200 Quadratmetern, darunter auch ein großer Ballsaal mit 700 Quadratmetern.
                
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Für Gernot Marx ist ein Bekenntnis zu Diversität mit all ihren Facetten bei der Bewerbung um Kongresse extrem wichtig.
FOTO: SALZBURG CONVENTION BUREAU

Gute Aussichten für Christian Woronka, der zu Jahresbeginn die Leitung des Vienna Convention Bureaus übernommen hat. Woronka weiß um die soziale Dimension von Nachhaltigkeit und die Wichtigkeit von Diversität. Für ihn macht diese einen internationalen Standort wie Wien aus. Entsprechend stolz ist er, dass Wien im Juni die EuroPride-Konferenz 2019 zu Gast hatte. Die größte LGBTIQ-Konferenz der österreichischen Geschichte tagte im Wiener Rathaus und unter dem Ehrenschutz des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Davor, auf dem Rathausplatz stand das EuroPride Village.

Weitere 50 Events haben das Motto „together & proud“ durch die Stadt getragen und für Sichtbarkeit der LGBTIQ-Community gesorgt – der Familientag im Tiergarten Schönbrunn, der EuroPride Beach Day in der Strandbar oder der EuroPride Wedding Day im Hotel Le Méridien. „Dieses Jahr vereint sich ganz Europa für die EuroPride 2019 in Wien und geht für Liebe, Respekt und gleiche Rechte auf die Straße“, erklärt Veranstalterin Katharina Kacerovsky. „Zigtausende Europäer*innen schauen auf Wien und ein Zeichen des Fortschritts täte dem Ruf Österreichs derzeit besonders gut.“

Gernot Marx teilt die Freude von Christian Woronka und der meisten Wiener. Der Leiter des Salzburg Convention Bureaus und stellvertretende ACB-Präsident hat die EuroPride 2019 verfolgt. „Ein Bekenntnis zu Diversität mit all ihren Facetten, Offenheit, Toleranz und Respekt ist bei der Einwerbung von Kongressen extrem wichtig“, meint Marx. „Anders als im Handel verkaufen wir ja schließlich keine Hardware sondern Begegnungsräume. Diese setzen sich zusammen aus Geografie, Architektur, Historie vor allem aber aus sozialen und ökologischen Komponenten. Könnten wir keine Offenheit, Toleranz und gegenseitigen Respekt aufbringen, stellte sich rasch die Frage, warum sich Menschen ausgerechnet in Salzburg treffen sollten. Wir haben aber eine lange Tradition und Geschichte, diese Begegnungsräume zu schaffen.“
               

Marx denkt da an die Salzburger Festspiele, die 2020 ihr 100-jähriges Jubiläum feiern. Zu den Festspielen gehöre, dass die Eröffnungsreden durchaus – sehr – kritisch sind. Marx beschreibt: „Zumeist sind die Eröffnungsreden sozial- und gesellschaftskritisch, betrachten aktuelle Ereignisse wie den Klimawandel.“ Als Beispiel bringt er jene von Peter Sellars in diesem Jahr. Der Regisseur rief dazu auf, eine neue Zivilisation zu schaffen, um die Welt vor dem Klimatod zu retten.

Außerdem verweist er auf Salzburg als Menschenrechtsstadt. Die Stadt hat vor zehn Jahren die Europäische Charta für den Schutz der Menschenrechte unterzeichnet. Marx sieht das als Auftrag. „2018 haben wir ‚Mut & Werte‘ zu unserem Jahresthema gemacht. 2019 haben wir ‚Togetherness in Diversity“ gewählt. Es ist uns wichtig, dass unsere Arbeit werteverhaftet ist und alle Menschen anspricht.“ Danach richtet er inhaltlich auch eigene Kundenevents aus wie etwa in Wien und München.
KERSTIN WÜNSCH
  
www.acb.athttps://congressalpbach.comwww.acv.atwww.vienna.convention.atwww.salzburgcb.com
Raus aus dem Kongresshaus: Teilnehmer der „Convention4u“ laufen zum Outdoor-Lunch.
„Mittlerweile fungieren 34 Prozent der 78 Mitglieder als Green-Meeting-Lizenznehmer.“
Michaela Schedlbauer-Zippusch,
Geschäftsführerin des Austrian Convention Bureaus
50 Events haben das Motto „together & proud“ durch Wien getragen und für Sichtbarkeit der LGBTIQ-Community gesorgt.

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