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VERANSTALTUNGSSICHERHEIT

Was muss und was sollte ein Sicherheitskonzept enthalten? (Fortsetzung)

Sicherheitsexperte Roland G. Meier behandelt in einer fortlaufenden Serie das Thema Veranstaltungssicherheit. Im vierten Teil der Serie beleuchtet er die Bereiche der Gefährungs- und Risikoanalyse.

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m letzten Beitrag habe ich ja das schier unerschöpfliche Thema der möglichen Struktur und empfehlenswerter Bestandteile von Sicherheitskonzepten angefangen. Nach einigen einleitenden Gedanken zur generellen Ausgangssituation bin ich aufgrund der gebotenen Genauigkeit bis zu den Schutzzielen gekommen. Wir fahren nun mit der systematischen Betrachtung meines persönlichen Vorschlages für den Aufbau und die Inhalte von Sicherheitskonzepten fort. An die betrachteten Schutzzieldefinitionen schließt sich dabei die Gefährdungs- und Risikoanalyse an.

Auf Basis der Schutzzieldefinitionen muss als nächstes überlegt werden, welche Gefährdungen diese Schutzziele im Laufe der Veranstaltung beeinflussen können. Sind hier alle entsprechenden theoretisch denkbaren Gefährdungen zusammengetragen, geht es darum, diese nach den jeweiligen Eintritts- Wahrscheinlichkeiten und der jeweiligen voraussichtlichen Schadensschwere in eine sogenannte Risikomatrix einzuordnen. Das Problem mit „Wahrscheinlichkeiten“ ist im Kontext von Veranstaltungssicherheit, dass wir weder sicherstellen können, dass Ereignisse sich nicht gegenseitig ausschließen oder zeitgleich auftreten können, noch die mögliche Gesamtzahl von Ereignissen als Divisor der Berechnung zur Verfügung steht, weil diese immer gleich unendlich ist. Vereinfacht gesagt: Menschliches Handeln lässt sich nicht als Wahrscheinlichkeit berechnen.

Es ist in Sicherheitskonzepten meiner Meinung nach daher grundlegend unzulässig, von sogenannten Eintritts-Wahrscheinlichkeiten zu sprechen, auch wenn dies fast überall fälschlicherweise getan wird. Vielmehr betrachte ich, sofern möglich, die bisherige Eintritts-Häufigkeit unter möglichst vergleichbaren Bedingungen und im übrigen bleibt uns allen nichts anderes, als uns auf einvernehmlich festzulegende Annahmen zu stützen.
         
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Eine der Herausforderungen beim Erstellen eines Sicherheitskonzepts ist die Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns.
FOTO: IMEX GROUP

Dabei helfen uns die Schutzziele einerseits und der zweite Schritt der Risikoanalyse, die Ermittlung der voraussichtlichen Schadensschwere, aber ein wenig weiter. Haben wir ein – wenn auch als ziemlich unwahrscheinlich eingeschätztes – Risiko identifiziert, das aber selbst bei seinem sehr unwahrscheinlichen Eintritt einen hohen Schaden gegenüber unseren Schutzzielen anzurichten vermag, sind wir gut beraten, für den Fall der Fälle dennoch entsprechende Maßnahmen und Abläufe zu planen. Auch wenn die Beweisführung in der Regel sehr schwierig werden dürfte, steckt bereits in der Einschätzung der Gefährdungen und Risiken selbst kein geringes Haftungsrisiko: Übersehe ich eine Gefährdung, die ich bei Beachtung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt hätte erkennen müssen, und es passiert deswegen etwas, so hafte ich zumindest fahrlässig.

Je größer die Sorgfaltsverletzung ist, desto näher bewegt man sich unter Umständen von einer groben Fahrlässigkeit in Richtung eines bedingten Vorsatzes, wobei die Grenzen hier – z.B. weil die Maßnahme aus Kostengründen unterlassen wurde – sehr schnell überschritten sind.

Bei dieser Risikoanalyse, die häufig in einer sogenannten Nohl-Matrix oder einem Risikographen dargestellt wird, werden dann relativ stark vereinfacht und jeweils nur für sich betrachtet, aber dennoch diejenigen Bereiche erkennbar, die – angefangen beim „allgemein akzeptierten Restrisiko“ – ansteigend mit einer geringen, mittleren oder hohen anzunehmenden Wahrscheinlichkeit/Häufigkeit behaftet sind und zugleich ein kleines, mittleres, erhebliches bis katastrophales Schadenspotenzial im Hinblick auf unsere Schutzziele anrichten können.
     

ZUM AUTOR

Roland G. Meier ist seit 1989 in verschiedensten Bereichen der Veranstaltungs- und Sicherheitsbranche tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Beratung insbesondere für Groß- und Risikoveranstaltungen sowie für komplexe Versammlungsstätten und die Sicherheitsforschung. Als Geschäftsführer der VDS GmbH – Veranstaltung, Dienstleistung, Sicherheit in München berät Meier Unternehmen, Behörden, Kommunen, Betreiber und Veranstalter und erstellt oder prüft für diese Sicherheitskonzepte, deren Umsetzung er in der Regel vor Ort begleitet oder koordiniert und bietet Vorträge, Seminare und Workshops dazu an. Er ist seit 2009 Freier Sachverständiger für Veranstaltungssicherheit und seit Gründung des Bundesverbandes Veranstaltungssicherheit 2013 dessen Erster Vorsitzender. www.bvvs.org
    


Maßnahmenentwicklung zur Risikoreduzierung – nach Sachbereichen und Verantwortlichkeiten

Haben wir durch die Risikoanalyse so nun in einem einvernehmlich abgestimmten Prozess mit allen verantwortlich Beteiligten festgelegt, wo überhaupt und wo wie starker Handlungsbedarf zur Risikoreduzierung besteht, geht es im nächsten Schritt darum, dafür die geeignetsten, wirtschaftlichsten und auch zur Veranstaltung, den Handelnden und der Zielgruppe der Besucherinnen passendsten Maßnahmen zu entwickeln.

Dies setzt ein erhebliches Potenzial an Wissen und Erfahrung voraus und es gibt fast nie die „eine, einzig sinnvolle und zielführende“ Maßnahme. Vielmehr sollte immer ausgelotet werden, welche Maßnahmen zur Erfüllung des Schutzzieles mindestens geeignet sind, um daraus die jeweils „beste“ im vorgenannten Sinne auswählen zu können und möglichst noch ein, zwei andere in der Hinterhand zu haben. Als sehr sinnvoll hat es sich dabei bewährt, die Aufteilung der Maßnahmen nach Sachbereichen und damit entlang der Verantwortlichkeiten vorzunehmen.

Sehen wir uns neben den in Teil 1 dieser Serie bereits beleuchteten Verantwortlichen „Betreiber“ und „Veranstalter“ noch einige weitere an, so ergeben sich daraus die weiteren Bausteine. Auch wenn im Sicherheitskonzept nur die Maßnahmen im Verantwortungsbereich von Betreiber und/oder Veranstalter festgelegt werden und die Verantwortungen auch stets bei diesen liegen, lassen sich regelmäßig den wesentlichen internen Verantwortlichen sowie deren Dienstleistern und Erfüllungsgehilfen im Verantwortungsbereich mehr oder minder grob die jeweiligen „öffentlich“ Verantwortlichen auf Seiten der Genehmigungsbehörden und der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben („BOS“) gegenüberstellen:
    
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Übergeordnete Maßnahmen

Über die einzelnen Sachbereiche hinaus, die an sich schon im Rahmen eines ganzheitlichen Sicherheitskonzeptes stets nur integriert und nie vereinzelt betrachtet werden dürfen, gibt es noch etliche komplett übergreifende Bestandteile, die hauptsächlich organisatorische und personelle Maßnahmen betreffen. Dabei ist zuerst das Kommunikationskonzept zu nennen. In diesem muss verbindlich und eindeutig geregelt werden, wie geplant ist, dass die Verantwortlichen untereinander, mit ihren Besucherinnen und mit den externen Verantwortlichen sowohl im regulären Veranstaltungsbetrieb als auch bei Störungen und Notfällen kommunizieren werden.

Weiter empfiehlt es sich immer, sich ausführlich Gedanken über die Besucherkapazitäten, deren Anund Abreise, den Ein- und Auslass und die Verteilung auf der Veranstaltungsfläche sowie ggf. deren Lenkung im Sinne eines Crowd Management-Konzeptes Gedanken zu machen.

Ein weiterer, sehr wesentlicher Bestandteil ist die Notfallplanung. Anhand einer – wiederum auf den identifizierten Risiken der Risikoanalyse aufbauenden – Szenarienplanung wird darin unter anderem festgelegt, wer im Notfall wofür genau zuständig und wie erreichbar ist, wie die Melde-, Entscheidungs- und Umsetzungsstrukturen seitens der Verantwortlichen (des Betreibers/Veranstalters) genau aussehen (inkl. Namen und Erreichbarkeiten) und schließlich wie das Veranstaltungsgelände bzw. die Versammlungsstätte am effektivsten geordnet zu räumen ist (=Räumungskonzept).
                 
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Schließlich ist es teilweise rechtlich gefordert (z.B. bei Bestuhlungsplänen in Versammlungsstätten) und hat es sich darüber hinaus auch praktisch bewährt, sowohl die geplanten Aufbauten, Bestuhlungen, Rettungswegführungen und Notausgänge, Gefährdungen und Hilfseinrichtungen etc. in entsprechenden Plänen wie Bestuhlungs-, Flucht- und Rettungs- oder Feuerwehrplänen etc. darzustellen, als auch andere komplexe Sachverhalte wie die Kommunikationsstrukturen oder einen Räumungsablauf in entsprechenden Organigrammen bildlich darzustellen. Dies hilft oft beim Verständnis und unterstützt die Handelnden vor allem in Notsituationen, weil die relevanten Informationen so auch unter Zeitdruck sehr schnell und eindeutig verfügbar sind.

Abschließend muss ich nochmals betonen, dass für jede Veranstaltung - selbst wenn sie scheinbar unverändert wieder stattfindet - im Zuge der Gefährdungs- und Risikoanalyse immer neu beurteilt werden muss, welche Maßnahmen zu treffen sind, also welche Bestandteile der ganzheitlichen Sicherheitsplanung notwendig sind. Denn: keine Veranstaltung ist jemals genau gleich!

Lesen Sie weiter in meinen Artikeln der folgenden Ausgaben der tagungswirtschaft:

↗ Wenn ich mir die Erstellung eines tragfähigen Sicherheitskonzeptes nicht selber zutraue, wie stelle ich sicher, dass ein externer Dienstleister tatsächlich über die notwendige Qualifikation und Erfahrung dafür verfügt?

↗ Wie setze ich ein Sicherheitskonzept so um, dass es mir im Falle des Falles auch tatsächlich hilft?
ROLAND G. MEIER
Menschliches Handeln lässt sich nicht als Wahrscheinlichkeit berechnen.


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