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INTERVIEW

„New Work heißt für mich multilokales, mobiles und projektbezogenes Arbeiten“

Stefan Lohnert, Leiter des ICS Internationales Congresscenters Stuttgart und des Bereichs Gastveranstaltungen der Messe Stuttgart, über seine Beförderung zum Geschäftsführer der Messe Stuttgart ab 2020, den Umbau von Arbeitsplätzen, die Entsorgung von 42 Aktenschränken und die Einrichtung von zwei „Denkerzellen“.

tw: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind bei der Messe Stuttgart als Leiter des ICS Internationales Congress Center Stuttgart eingestiegen und in die Geschäftsführung aufgestiegen. Wie haben Sie das geschafft?
Stefan Lohnert: Ich habe bei meiner Arbeit als Bereichsleiter Gastveranstaltungen immer versucht, aus Sicht des Kunden zu denken und konsequent auf besten Service und partnerschaftliches Miteinander auf Augenhöhe gesetzt.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie Frauen fördern und in Ihrem Bereich Kinder keine Karrierekiller sind. Was machen Sie anders als nicht wenige Ihrer Kollegen?
Was die Kollegen anders machen, weiß ich nicht. Mir war es immer wichtig, Leistung zu honorieren und nach Möglichkeit auf veränderte Rahmenbedingungen der Kolleginnen einzugehen. Vertrauen auf beiden Seiten ist hier äußerst förderlich. Die zurückkehrenden Mütter sind weiterhin Leistungsträgerinnen und besitzen ein hohes Maß an Flexibilität und Einfühlungsvermögen. Eigenschaften, die aus Kundensicht unverzichtbar sind.
      

New Work ist für viele ein Fremdwort. Für Sie nicht. Wie übersetzen Sie New Work im Kongressbusiness?
New Work heißt für mich multilokales, mobiles und projektbezogenes Arbeiten. In Konsequenz führen diese veränderten Rahmenbedingungen dazu, dass sich auch die Raumgestaltung und die Ausstattung der Arbeitsplätze den neuen Anforderungen anpassen sollten. 

Vor einem Jahr haben Sie den Bereich Gastveranstaltungen umgekrempelt, organisatorisch wie räumlich. Was haben Sie genau gemacht – und warum das Ganze?
Eine Bestandsaufnahme ergab, dass von 20 Arbeitsplätzen in unserem Großraumbüro nur 12 bis 16 konstant belegt sind. Vier bis acht der 20 Mitarbeiter sind entweder unterwegs beim Kunden oder sitzen bei Gastveranstaltungen im Projektleiterbüro vor Ort im ICS Internationales Congresscenter Stuttgart oder einer Messehalle. Mittlerweile gibt es nur noch 16 feste Arbeitsplätze, die täglich neu ausgelost werden. Ich habe mein Einzelbüro zugunsten einer neuen Raumaufteilung aufgegeben und finde meinen täglichen Schreibtisch auf dieselbe Art und Weise. Wir konnten dadurch eine Bereichsküche einrichten, haben endlich wieder einen großen Besprechungsraum und zwei „Denkerzellen“, kleine Einzelbüros für konzentriertes Arbeiten, Minimeetings oder Telefonkonferenzen. Wir wollten mehr Platz gewinnen für die genannten Gemeinschaftsflächen und haben dazu Stau- und Ablageflächen reduziert, Stichwort papierloses Büro. Allein 42 Aktenschränke wurden entsorgt.

    
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FOTO: MESSE STUTTGART
     

ZUR PERSON

Stefan Lohnert ist Leiter Gastveranstaltungen der Messe Stuttgart und wird nächstes Jahr Geschäftsführer der Messe Stuttgart. Die Messe Stuttgart gehört mit rund 178 Millionen Euro Umsatz zu den führenden deutschen Messegesellschaften. Jährlich präsentieren sich mehr als 23.500 Aussteller auf einer Hallenfläche von 120.000 qm, auf 40.000 qm Freifläche und in 33 flexibel nutzbaren Räumen im ICS Internationales Congresscenter Stuttgart bis zu 1,36 Millionen Besuchern. www.messe-stuttgart.de

Wie haben Ihre Mitarbeiter reagiert, als Sie Ihr Bereichsleiterbüro geräumt und sich zu Ihrem Team gesetzt haben?
In meinen Augen war dies das wesentliche Signal, um die Mitarbeiter von einer Zustimmung zum neuen Konzept zu überzeugen. Ich kann als Führungskraft keine tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitssituation meiner Kolleginnen und Kollegen erwarten, wenn ich nicht selbst bereit bin, diesen Schritt auch mitzugehen.

Gelingt der tägliche Arbeitsplatzwechsel?
Es erfordert Disziplin, denn die Schreibtische müssen jeden Abend leer verlassen werden. Für persönliche Dinge gibt es Schließfächer und jeder Mitarbeiter hat einen Korb mit Schreibtischutensilien. Der Dialog zwischen den Bereichen Sales und Marketing und dem Projektmanagement hat sich durch die täglich neue Arbeitsplatzverteilung intensiviert. Das Verständnis füreinander ist weiter gewachsen.

Wer hat das neue Büro-Konzept wie entwickelt?
Es wurde in Gemeinschaftsarbeit von den beiden Abteilungsleiterinnen im Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen entwickelt. Vorgaben waren die Anforderungen an ein neues Arbeitsumfeld, das von den Mitarbeitern an uns herangetragen wurde. Und wir haben uns mit Geschäftspartnern und Messeveranstaltern unterhalten, die solche Arbeitsplatzkonzepte bereits eingeführt haben.
       


Nun ist ein Jahr vergangen. Wie fällt Ihr Fazit aus: Was hat funktioniert und was nicht?
Wir sind sehr zufrieden mit dem Ablauf, das neue Arbeitsmodell wird intensiv gelebt. Die geforderte Flexibilität fällt dem einen leichter als dem anderen, das liegt in der Natur der Sache. Was anfänglich nicht ganz rund gelaufen ist, war die Umstellung der klassischen Telefone auf Headsets mit Voice-Over-IP. Doch das hat sich mittlerweile eingependelt.

Ihre Konkurrenten in anderen Kongresshäusern beobachten das genau. Wie sind die Reaktionen?
Man spricht miteinander, um sich auch über solche Fragen auszutauschen, ganz klar. Aber nicht jedes Konzept passt zu jeder Anforderung. Unser Weg wird aber positiv zur Kenntnis genommen.

In Zeiten von VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) sind neue Konzepte gefragt – und der Mut, diese umzusetzen. Diesen haben Sie bewiesen. Glauben Sie, das ist ein Grund für Ihre Berufung in die Geschäftsführung gewesen?
Ich denke, dass die Gründe für meine Berufung in die Geschäftsführung mehr mit einem gesamtheitlich tragfähigen Konzept zu tun hat, das ich für die Zukunft der Messe Stuttgart sehe und dem Aufsichtsrat präsentiert habe.
KERSTIN WÜNSCH
„Ich kann als Führungskraft keine Veränderungen in der Arbeitssituation erwarten, wenn ich nicht selbst diesen Schritt mitgehe.“
Stefan Lohnert,
Leiter des ICS Internationales Congresscenters Stuttgart
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