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MOBILITÄT DER ZUKUNFT

Mobilitätswende

Der Standortfaktor und Veranstaltungstreiber Mobilität muss sich mit Verkehr, Umweltbilanz und Kosten auseinandersetzen. Welche Lösungen es künftig geben kann, die diese Faktoren berücksichtigen, ist Thema auf der IAA, dem Deutschen Mobilitätskongress und Forschungsinhalt vieler Projekte.

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limawandel, Fridays for Future, Overtourism. Die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Gesellschaft nimmt zu. Häufig im Fokus sind selbstredend auch Meetings und Veranstaltungen. Gerade hat der Deutsche Reiseverband (DRV) Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, bei der 82 Prozent der Befragten angeben, bei der Buchung von Geschäftsreisen auf nachhaltige Kriterien setzen. „Flugtickets auf dem Handy und virtuelle Konferenzen sparen nicht nur Geld, sondern schonen auch die Umwelt. Der Einsatz digitaler Alternativen ist eine gute nachhaltige Option“, sagt Holger Schmeding, Geschäftsführer bei BCD Travel Germany. „Dennoch kann nicht immer auf die Geschäftsreise verzichtet werden, da persönliche Treffen mit Geschäftspartnern nach wie vor sehr wichtig für die Geschäftsbeziehungen sind.“

Das muss man Vertretern der Meetingindustrie nicht erklären. Eines der zentralen Themen der Veranstaltungswelt ist Mobilität. Kosten für die An- und Abfahrt sind für alle Beteiligten von Tagungen eine besonders relevante Größe. Aber auch die Schnelligkeit und die Bequemlichkeit, mit der Veranstaltungsorte erreichbar sind, zählen zu den entscheidenden Auswahlkriterien bei Tagungen und Kongressen. Insofern richten sich dieser Tage viele Augen nach Frankfurt, wo von 12. bis 22. September 2019 die IAA stattfindet. „Die IAA transformiert sich, so wie die Branche auch“, verspricht Bernhard Mattes und erklärt, wie die Transformation der ehemals größten Automobilmesse der Welt aussehen soll: „Automobilunternehmen treffen auf neue digitale Player. Die IAA wird interaktiver, vernetzter, digitaler. Trends und Themen werden branchenübergreifend vorgestellt und diskutiert“, so der Präsident des veranstaltenden Verbands der Automobilindustrie (VDA). Die IAA will als internationale Plattform für die Mobilitätswende wahrgenommen werden, als Schaufenster für die Mobilität von morgen. In diese legt die Messe Themen wie vernetztes und automatisiertes Fahren, Elektromobilität, alternative Antriebe sowie urbane und digitale Mobilitätskonzepte, gegliedert in die vier Bereiche „Exhibition“, „Experience“, „Career“ und „Conference“.
         

Die Exhibition muss in diesem Jahr ohne Hersteller aus Frankreich oder Japan auskommen, die Experience besteht aus einem Outdoor-Parcours, „intensivierten“ Probefahrten oder einer Kids’ World und die Career richtet sich an Nachwuchskräfte. „Damit schaffen wir neue Angebote und erweitern den Eventcharakter der IAA deutlich. Unser Ziel ist, auf der IAA wie an keinem anderen Ort die Mobilität mit allen Sinnen erlebbar zu machen: Mobilität sehen, fühlen, erfahren und darüber hören“, so Mattes.

Die Conference diskutiert Elektromobilität, Künstliche Intelligenz, Smart Cities oder Sharing-Economy – Bereiche also, die maßgeblich darauf Einfluss nehmen, wie Menschen in Zukunft von A nach B kommen. Als Speaker stehen Virginia Rometty, CEO von IBM, Ola Källenius, CEO von Daimler, Formel-1- Weltmeister Nico Rosberg oder Facebook-Vice-President Mark D'Arcy auf der Bühne. Es geht um Automation, saubere und nachhaltige Mobilität, neue urbane Mobilitätsszenarien, eine Zukunft ohne Staus, die notwendige Zusammenarbeit zwischen Stadtplanern, dem öffentlichen Verkehrswesen und Tech- Unternehmen oder um politische und regulatorische Rahmenbedingungen.
     
„Die IAA Conference ist die Umsetzung des strategischen Ziels des VDA als Veranstalter, mit allen Beteiligten den Diskurs über die Zukunft der Mobilität zu führen“, so VDA-Geschäftsführer Dr. Martin Koers. „Wir wollen intelligente Antworten auf die dringendsten Fragen zur Mobilitätszukunft geben. Das geht nur im offenen Dialog – durchaus auch mit Kritikern der individuellen Mobilität. Und natürlich brauchen wir den branchenübergreifenden Ansatz“. In diesem Zuge gibt Koers Facebook als Hauptpartner des neuen Konferenzformates bekannt, der diese Debatte „durch seine digitalen Plattformen in die Welt tragen“ könne.
   

Wie die „Mobilitätswende“ gelingen kann, beschäftigt auch das Networking-Event Hypermotion. In Frankfurt werden von 26. bis 28. November 2019 zukunftsweisende und branchenübergreifende Ideen und Lösungen vorgestellt. „Unser Ziel ist es, die Vernetzung innerhalb der Branche voranzutreiben, damit neue integrierte Lösungen für die Mobilität von morgen entstehen können“, so Danilo Kirschner, Director Hypermotion. Im Hypermotion Lab stellen Startups und etablierte Unternehmen innovative Projekte vor. In interaktiven Formaten wie Elevator-Pitches oder beim Speed-Networking präsentieren die Newcomer ihr Können, während die Finalisten etablierter Unternehmen um den Supply Chain Management Award kämpfen. Den Trend elektrisierter Kleinstfahrzeuge greift der Micro Mobility- Parcours auf, bei dem Anbieter ihre Leichtfahrzeuge für den Personen- und Lastenverkehr präsentieren: Neben Monowheels und Segways dürfen E-Bikes, Cargo-Bikes und E-Scooter ausprobiert werden.

Ein Thema der Hypermotion sind Möglichkeiten, dem hohen Verkehrsaufkommen zu begegnen. Zur Einordnung: 2.000 Staus pro Tag im Durchschnitt und 1,5 Millionen Kilometer Stillstand sind das Ergebnis der ADAC Staubilanz 2018. Smartes Verkehrsmanagement könnte dabei helfen, den Verkehrskollaps in Ballungsräumen und Städten zu vermeiden. Dafür könnten etwa (Wärmebild-)Kameras von „Flir Systems“ zum Einsatz kommen, die Bilder für die effiziente Überwachung des Verkehrs in Städten liefern. Diese erfassen Verkehrsdaten und erkennen automatisch Unfälle auf Autobahnen und in Tunneln. Um die Sicherheit von Verkehrsteilnehmern geht es dem israelischen Unternehmen „Vayyar Imaging“. 3D-Imaging-Sensoren erstellen in Echtzeit ein 3D-Bild von allem, was sich in der Umgebung befindet. Staus auf Europas Straßen zu reduzieren ist das Ziel von „Dynaroads“. Die Schweizer haben sich auf sichere Lösungen und Produkte für dynamisches temporäres Verkehrsmanagement spezialisiert. Das vollautomatische Straßenweichenkonzept für den Richtungswechselbetrieb mit selbstfahrenden Leitplanken und automatisierter Steuerung aller Signale für die Verkehrsteilnehmer sorgt dafür, dass der Verkehrsfluss optimiert und Staus reduziert werden können.
                  
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Wie die Mobilität der Zukunft aussieht, ist Thema der IAA, der Hypermotion und des Deutschen Mobilitätskongresses.
FOTO: WIKIMEDIA COMMONS

Erstmals findet der Deutsche Mobilitätskongress im Rahmen der Hypermotion statt. Daneben stehen weitere Konferenzen auf dem Programm, wie die „Exchainge“ als internationale Veranstaltung für Supply Chain Management oder die „Logistics Digital Conference“ (LDC) mit dem übergreifendem Hauptthema Innovationen für die Logistik. Bei der Smart Mobility Conference liegt der Schwerpunkt auf nachhaltigen urbanen Mobilitätskonzepten und digitaler Vernetzung.

Das Leitthema des Deutschen Mobilitätskongresses ist städtische Mobilität der Zukunft. Referenten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Nachwuchskräfte und Interessenvertreter kommen zusammen, um gemeinsam Strategien zu entwickeln und wegweisende Entscheidungen für die Zukunft der Mobilitätsbranche im urbanen Raum zu treffen. Als Auftakt des Kongresses bietet die Zukunftswerkstatt Mobilität Raum für einen Austausch zwischen Nachwuchskräften und branchenrelevanten Unternehmen und Institutionen. Neben der Keynote „Stadt der Zukunft“, in der Stadtplaner Jürgen Häpp fachliche Einblicke in Städteentwicklung gibt, diskutieren die Kongressteilnehmer in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten die Herausforderungen der Städte im Hinblick auf die Mobilitätsbedürfnisse ihrer Bewohner, Entwicklungsansätze und Fallstricke des Ridesharings sowie erfolgreiche Mobilitätskonzepte. Liest man die Inhalte dieser Veranstaltungen, erinnert man sich unwillkürlich an die Studie „Tagung und Kongress der Zukunft“, in der das German Convention Bureau 2013 prognostizierte, dass technologische Entwicklungen und ökologische Verantwortung die Mobilität der Zukunft prägen würden.

Mit welchen Lösungsansätzen Mobilität zukünftig bezahlbar und nachhaltig gestaltet werden kann, daran arbeiten weltweit verschiedene Forschergruppen sowie Initiativen aus Wirtschaft und Politik. Der Hessische Rundfunk hat im Rahmen des Deutschlandjahrs USA das Crossmedia-Projekt „2049: Zeitreise Mobilität“ initiiert. Darin wird der Nutzer per Virtual Reality in ein Szenario realer Städte 2049 geführt und lernt dort spielerisch verschiedene Mobilitätskonzepte kennen. Als wissenschaftlicher Partner des Projekts hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO die Szenarien inhaltlich mit entwickelt. „Auf der re:publica haben wir äußerst positive Resonanz von der Besuchern erhalten, die das VR-Erlebnis getestet haben. Für unsere Forschung ist es wichtig, nicht nur Meinungen auf dem Papier zu sammeln, sondern auch zu sehen, wie die Menschen emotional auf die verschiedenen Szenarien reagieren“, sagt Patrick Ruess, Projektleiter am Fraunhofer IAO. Auf der IAA können Interessierte dieses VR-Erlebnis am Stand der ARD testen.
   
           
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Elektrisierte Kleinfahrzeuge auf dem Micro Mobility-Parcours der Hypermotion.
FOTO: KLAUS VOIT

Wie autonomes Fahren und Sharing-Modelle dazu beitragen können, einen Wandel der Mobilitätskultur in Städten herbeizuführen, haben Forschende des Fraunhofer IAO in der neuen Studie „AFKOS: Autonomes Fahren im Kontext der Stadt von morgen“ untersucht. „Bisher ging es beim Thema autonomes Fahren immer nur um technische oder regulatorische Aspekte. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass autonome geteilte Mobilität eine der größten Stellschrauben dafür ist, drängende gesellschaftliche sowie ökologische Probleme zu lösen“, sagt Studienautor und Mobilitätsforscher Claudius Schaufler. Untersuchungsgegenstand der Studie, die gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology MIT entstanden ist, waren die stadträumlichen Potenziale, die sich durch autonome und vernetzte Fahrzeuge ergeben.

Auf der Ebene einer deutschen Mittel- oder Großstadt erforschen die Wissenschaftler, wie durch neue Mobilitätsformen Flächen für Stellplätze eingespart werden, aber dennoch ausreichend Fortbewegungsmöglichkeiten gewährleistet werden können. Beispiel dafür ist der Aufbau so genannter Mobilitäts-Hubs, die an zentralen Sammelpunkten Umsteigemöglichkeiten zu Mobilitätsangeboten wie Carsharing, Bikesharing und Roller-Sharing zur Verfügung stellen. Im April 2019 wurde ein solcher Mobilitäts- Hub in Berlin-Kreuzberg eröffnet. Die zugehörige App „Jelbi“ soll Routenplanung, Reservierung und den Bezahlvorgang integrieren.
           

„Mit Jelbi wollen wir die Zukunft der Mobilität in Berlin mitgestalten, indem wir einen essenziellen Beitrag zur Verkehrswende leisten und Berlin zu einer noch lebenswerteren Stadt mit weniger Autos machen“, sagt Jakob Michael Heider, Leiter Jelbi innerhalb der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). „Mit der Vernetzung von ÖPNV und Sharing-Angeboten wollen wir ein Mobilitätsangebot schaffen, das den privaten Pkw überflüssig macht. Dieses Ziel verfolgen wir bei Jelbi gemeinsam mit den anderen Mobilitätsanbietern, wir schmieden ein Bündnis für die Mobilität von morgen.“ Jelbi ist eines von zehn Projekten, die mit dem Deutschen Mobilitätspreis von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur ausgezeichnet wurden. Auch hier lag das GCB in seiner Zukunftsstudie 2013 richtig: „Multimodale Konzepte, bei denen alle verfügbaren Angebote ineinandergreifen, werden große Bedeutung erlangen“, hieß es da.

Ein weiterer Preisträger ist das ioki Hamburg Shuttle, ein öffentliches Verkehrsmittel ohne festen Fahrplan oder Linien, das per App bestellt wird. Dabei werden Fahrgäste mit ähnlichen Routen mithilfe eines Algorithmus automatisch zu Fahrgemeinschaften gebündelt und gemeinsam befördert. Die Flotte besteht aus emissionsarmen Elektroautos des britischen Herstellers LEVC. Die Fahrzeuge verfügen über sechs Sitzplätze und sind barrierefrei: Rollstuhlfahrende und Kinderwagen können bequem befördert werden, in jedem Auto gibt es außerdem einen Kindersitz. Aktuell sind 20 Elektrofahrzeuge im Einsatz und mehr als 200.000 Fahrgäste haben das Angebot bereits genutzt. Über die Hälfte der Fahrgäste lässt sich damit zu einer größeren ÖPNV-Haltestelle bringen.
                     
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Das ioki Hamburg Shuttle bündelt Fahrgäste mit ähnlichen Routen zu Fahrgemeinschaften.
FOTO: IOKI HAMBURG

In Hamburg ist Mobilität ein wichtiges Thema, besonders wenn 2021 der ITS-Weltkongress zu Gast sein wird. Frank Horch, Senator für Wirtschaft, Verkehr und Innovation: „Mit dem ITS-Weltkongress in unserer Stadt setzen wir Hamburg auf die Weltkarte für die Mobilität von Morgen. Dass wir den Zuschlag für die Ausrichtung des Kongresses bekommen haben, ist eine Bestätigung dafür, dass wir mit der im April 2016 verabschiedeten ITS-Strategie des Senats die richtigen Weichen gestellt haben.“ Über 10.000 Teilnehmer besuchen jedes Jahr die Veranstaltung zu den neuesten Entwicklungen im Bereich Intelligenter Verkehrs- und Transportsysteme. Der Kongress findet alle drei Jahre in Europa statt.

Ein Unternehmen, das sich mit der effizienteren Nutzung bestehender Infrastruktur auseinandersetzt, ist die Smart Pole Factory, die Straßenlaternen aufrüstet. „Die Komplexität des Zusammenlebens in großen Städten wird immer mehr zunehmen. Digitale Lösungsmodelle auf öffentlicher Infrastruktur werden uns helfen, diese Komplexität zu meistern“, ist Bernhard Lüschper, Head of Smart Pole Factory der innogy SE, überzeugt. Rund neun Millionen Laternen verteilen sich über ganz Deutschland. Sie verfügen über Stromanschlüsse und teilweise über Internetanschlüsse. Hier knüpft die Idee der Smart Pole Factory an. Die Vision: Straßenlaternen werden zu intelligenten, vernetzten „Smart Poles“.

Zusätzlich zur LED-Beleuchtung verfügen die Laternen über eine integrierte Ladesäule und bieten freies WLAN. Sensorbasierte Anwendungsfälle können die Messung von Umweltdaten, Bewegungsströmen und das Erkennen freier Parkplätze ermöglichen. Dadurch sind weiterführende Leistungen, wie die Parkleit- oder Verkehrsflusssteuerung realisierbar. Gerade bei großen Veranstaltungen ein wichtiges Thema. Aktuell wird der Einsatz der Smart Poles bereits in Bochum, Velbert oder Erndtebrück getestet. Geplant ist des Weiteren, die Laternen mit Bildschirmen auszustatten, auf denen beispielsweise Informationen angezeigt werden können. Zum Beispiel, wie man zur IAA findet…
CHRISTIAN FUNK
          
www.iaa.dewww.land-der-ideen.dewww.jelbi.dewww.ioki.comwww.hypermotion-frankfurt.comwww.iao.fraunhofer.de
Die IAA ist 2019 in die Bereiche Exhibition, Experience, Career und Conference gegliedert.


ADAC-Staubilanz 2018: 2.000 Staus pro Tag im Durchschnitt und 1,5 Millionen Kilometer Stillstand.

„Jelbi“: Seit April gibt es einen Mobilitäts-Hub in Berlin-Kreuzberg.

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