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VERANSTALTUNGSSICHERHEIT

Nicht sicher

Gastautor Roland G. Meier behandelt in einer fortlaufenden Serie das Thema Veranstaltungssicherheit. In dieser Einführung erläutert der Vorsitzende des Bundesverbandes Veranstaltungssicherheit die Rechtslage und erklärt die Verantwortlichkeiten bei einer Veranstaltung.

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iese Serie bringt Ihnen einerseits ein paar grundlegende Begriffe der Veranstaltungsssicherheit näher und will andererseits Ihr Bewusstsein für die Notwendigkeit, sich bei wirklich jeder Veranstaltung (und zwar von Anfang an) Gedanken über deren Sicherheit zu machen, wecken bzw. schärfen. Vor allem aber soll sie Ihnen konkrete Lösungsansätze an die Hand geben, die Sie und Ihre Veranstaltungen künftig noch etwas sicherer machen helfen sollen. Wir wollen Ihnen mit diesem ersten Artikel zunächst einen Überblick geben, um Ihnen in der Folge das Treffen richtiger Entscheidungen etwas zu erleichtern:

- Was ist Veranstaltungssicherheit?
- Wer ist wofür zuständig und verantwortlich?

Was ist Veranstaltungssicherheit – und was ist sie nicht?

Wenn man „Veranstaltungssicherheit“ hört, liest oder denkt, haben wir meistens ein Bild von großen Events wie Olympische Spiele, Fußballwelt- oder Europameisterschaften, Open-Air-Festivals wie Rock am Ring und Rock im Park oder ähnliches vor Augen. Aber auch Meldungen wie den Abbruch der einen oder anderen (Groß-)Veranstaltung wegen Wettergefahren, wegen Terrorverdachts oder gar einer Amoktat am Vorabend und natürlich die schlimmen Bilder und Berichte von Duisburg, Mekka, Manchester… die Liste ließe sich leider fast endlos fortsetzen.

Nimmt man aber die Summe, ja die Masse der Veranstaltungen im Laufe eines Jahres nur in unserem Land insgesamt – mal abgesehen davon, dass es bislang gar keine wirklich umfassende statistische Erhebung über „alle“ Veranstaltungen gibt – so dürfte die schier unendliche Vielzahl „kleiner“ Veranstaltungen insgesamt vermutlich die Größe der sogenannten Mega-Events nach Besucherzahlen bei weitem übersteigen.

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Gastautor Roland G. Meier weist Meeting-Planern den Weg in die Welt der Veranstaltungssicherheit.
FOTO: UNSPLASH (ANNIE SPRATT)

Veranstaltungssicherheit ist also nicht nur die Sicherheit der ganz großen Veranstaltungen, auch wenn diese zweifelsfrei eine eigene Liga an Aufwand, Komplexität und Gefährdungen darstellen. Auf der anderen Seite sind die ganz großen Veranstaltungen aber auch entsprechend im Fokus, werden meistens aufwändigen Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie einer Vielzahl an Prüfungen und Kontrollen unterzogen und werden häufig von einer Menge an in der Regel gut qualifizierten Spezialisten begleitet und organisiert.

Im Gegensatz hierzu stehen die unzähligen kleinen und mittleren Veranstaltungen wie Tagungen, Kongresse, (Haus-)Messen, Incentives und Events häufig ziemlich verloren da, was die Sicherheit betrifft – nicht nur, weil sie aufgrund ihrer geringeren Größe häufig unterschätzt werden. Einer der Gründe dafür ist, dass wir in Deutschland zwar zum Beispiel seit 1994 eine EU-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 2257/94) zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Bananen, aber kein Veranstaltungs- oder Veranstaltungssicherheitsgesetz haben.

Aktuell gibt es dafür aber über 200 Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, Regelwerke und Normen, die in Fragen der Veranstaltungssicherheit ganz oder teilweise zu beachten sein können und die sich dazu noch über nahezu sämtliche Rechtsbereiche erstrecken. Angefangen vom schon erwähnten EU-Recht über das Bundesrecht (zum Beispiel Bürgerliches Gesetzbuch BGB, Strafgesetzbuch StGB, Straßenverkehrs- Ordnung StVO, Gewerbeordnung GewO, Gaststättengesetz GastG, Arbeitsschutzgesetz ArbSchG, Jugendschutzgesetz JuSchG, Bewachungsverordnung BewachV), weiter zum Länderrecht (zum Beispiel Länderbauordnungen, Sonderbauverordnungen, allgemeines Ordnungs- und Polizeirecht) bis hin zum Kommunal- und Städterecht (Fest- und Marktverordnungen). Und als wäre das nicht unüberschaubar genug, kommen noch Vorschriften von Versicherungsträgern wie die DGUV-Vorschriften (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) 1, 3, 17, 23 sowie spezifische Technische Richtlinien und Normen (ISO, DIN, VDI, VDE usw.) hinzu. Ebenso wie es keine einheitlichen und eindeutigen Vorschriften darüber gibt, wie Veranstaltungssicherheit auszusehen hat, fehlen diese Festlegungen auch in der Frage, was ein Sicherheitskonzept „ganzheitlich“, „tragfähig“ und „rechtskonform“ macht, geschweige denn, wer welche Qualifikation und Erfahrung benötigt, um eines zu erstellen.

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Das Thema bringt viele Fragen mit sich: Wer ist wofür verantwortlich?
FOTO: VISUALISIERUNG ANNE LEHMANN

ZUR PERSON

FOTO: BEN BERNHARD
FOTO: BEN BERNHARD
Roland G. Meier ist seit 1989 in den verschiedensten Bereichen der Veranstaltungs- und Sicherheitsbranche tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählt dabei seit dem Jahr 2000 die Beratung insbesondere für Groß- und Risikoveranstaltungen sowie für komplexe Versammlungsstätten und die Sicherheitsforschung. Als Geschäftsführer der VDS GmbH – Veranstaltung, Dienstleistung, Sicherheit in München berät Meier Unternehmen, Behörden, Kommunen, Betreiber und Veranstalter und erstellt oder prüft für diese Sicherheitskonzepte, deren Umsetzung er in der Regel auch vor Ort begleitet oder koordiniert und bietet Vorträge, Seminare und Workshops dazu an. Er ist seit 2009 Freier Sachverständiger für Veranstaltungssicherheit und seit Gründung des Bundesverbandes Veranstaltungssicherheit 2013 dessen Erster Vorsitzender. 
http://bvvs.org
, 
www.vds-veranstaltung.de

Dies führt leider dazu, dass theoretisch wirklich jeder Sicherheitskonzepte erstellen darf und spätestens seit dem Massenunfall auf der Loveparade 2010 in Duisburg und der danach einsetzenden Verunsicherung bei Behörden, Betreibern, Veranstaltern und vielen anderen Beteiligten hat sich ein „Markt“ gebildet, in dem alle möglichen (und unmöglichen) Anbieter versuchen, ihren Lebensunterhalt oder Umsatz mit dem „Verkauf“ von Sicherheitskonzepten zu generieren. Und ganz schnell waren dafür auch die passenden Ausbildungen, Kurse und „Zertifikate“ mit größtenteils wohlklingenden, immer aber aus der Luft gegriffenen und selbsterfundenen Titeln und mitunter fragwürdigen Referenten und lückenhaften Inhalten zum Verkauf am Start.

Dabei ist eines beruhigend: es passiert in Deutschland insgesamt relativ wenig bzw. selten etwas Außergewöhnliches oder gar Dramatisches auf Veranstaltungen. Andererseits ist es aber doch extrem beunruhigend, denn: An der Qualität der Konzepte oder dem Wissen und der Erfahrung der Ersteller liegt das in vielen Fällen bedauerlicherweise nicht.

So muss man der oft gehörten Ansicht: „Mein Konzept war super – es ist nichts passiert“ entgegensetzen, dass dies bestenfalls für den präventiven Teil von Sicherheitskonzepten gelten mag. Ob ein Sicherheitskonzept wirklich tragfähig ist, kann leider immer erst festgestellt werden kann, wenn es seine Tragfähigkeit im Ernstfall unter Beweis stellen musste. Ob eine Räumung nach Konzept sicher, ruhig und geordnet durchgeführt werden konnte, kann letztendlich eben nur eine solche Räumung (oder in manchen Fällen auch eine Räumungssimulation) beweisen. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass Veranstaltungssicherheit immer nur die ganze Veranstaltung, nicht aber die Sicherheit jedes Einzelnen zu jedem Zeitpunkt umfassen kann. Und – auch das dürfte inzwischen als eine Binsenweisheit gelten – eine hundertprozentige Sicherheit kann es nie geben.

Die sogenannte „ständige Rechtsprechung“ verlangt nun aber von Ihnen als Verantwortlichen, grundsätzlich Schutzmaßnahmen zu ergreifen, was sich aus der Betreiberhaftung von Anlagen allgemein ableiten lässt. Daraus folgt der Grundsatz, dass derjenige, der eine Gefahrenquelle schafft, unterhält oder in sonstiger Weise hierfür verantwortlich ist, die erforderlichen und zumutbaren Schutzmaßnahmen zu treffen hat, um Schäden für andere zu verhindern – unabhängig von der Größe der Veranstaltung.

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Wer ist wer und wofür verantwortlich?

Betrachten wir die unterschiedlichen Rollen und Verantwortlichkeiten einmal beispielhaft. Hierzu ist grundsätzlich zwischen Veranstaltungen in (genehmigten) Versammlungsstätten nach Baurecht, also gemäß den Versammlungsstättenverordnungen, Versammlungsstättenrichtlinie (Hessen), Sonderbauverordnung (NRW) oder Betriebsverordnung (Berlin) usw. der Länder und Veranstaltungen unter freiem Himmel, für die diese Verordnungen meist nicht oder nur eingeschränkt gelten, zu unterscheiden. Denn bei Veranstaltungen „draußen“ gibt es häufig keinen Betreiber im Sinne des Baurechtes, hier trägt also die Verantwortung immer der Veranstalter. Eine weitere Unterscheidung lässt sich häufig schon am Veranstaltungsort, der „Location“, und ihrer Nutzung festmachen. Im Schaubild (oben) festgemacht am Beispiel eines Unternehmens. Bereits an dieser Aufstellung, die nur auf die rechtliche Stellung der jeweiligen Veranstaltungsörtlichkeiten und die sich daraus ergebenden Verantwortlichkeiten und Einflussmöglichkeiten eingeht, zeigt sich, wie komplex die Zuständigkeiten verteilt sein können.

Erster Schritt zu einer sinnvollen Sicherheitsplanung ist daher, sich möglichst frühzeitig und umfassend Gedanken über die geplante Veranstaltung zu machen und alle verfügbaren Informationen dazu zusammenzutragen. Als nächstes sollte man sich selbst eingehend kritisch fragen, ob der eigene Wissens- und Erfahrungshorizont für die erforderliche Aufgabe sicher ausreicht.

Sieht man sich nicht vollständig in der Lage, die Sicherheitsplanung so zu gewährleisten, dass diese der eigenen Haftung und Verantwortung mindestens entspricht und die vorgenannten Grundsätze der Schadensverhinderung für die Veranstaltung sicherstellen kann, ist jetzt der richtige Zeitpunkt sich Unterstützung in Form einer ersten Beratung einzuholen. Dies kann je nach Fragestellungen sowohl bei fachlich erfahreneren Kolleginnen, bei der Rechtsabteilung, teilweise bei Sicherheits- und Genehmigungsbehörden als auch bei externen Dienstleistern wie nachweislich entsprechend qualifizierten Beratungs- und Planungsbüros und Fachanwälten erfolgen.

In den folgenden Ausgaben der tagungswirtschaft behandeln wir folgende Punkte:
- Wann und warum brauche ich überhaupt ein Sicherheitskonzept?
- Wenn ich eines brauche, was muss und was sollte es enthalten?
- Wenn ich mir die Erstellung nicht selber zutraue, wie stelle ich sicher, dass ein Dienstleister tatsächlich über die notwendige Qualifikation und Erfahrung dafür verfügt?
- Wie setze ich das Sicherheitskonzept so um, dass es mir im Falle des Falles auch tatsächlich hilft?  ROLAND G. MEIER
 


400 BEST PRACTICES

Safety and Security Guide for Meetings

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FOTO: MPI

Der Verband Meeting Professionals International (MPI) hat „The Essential Guide to Safety and Security“ veröffentlicht. Dieser Guide enthält knapp 400 Best Practices. Das Handbuch soll Veranstaltungsplanern dabei helfen, Schwachstellen bei geplanten Events zu identifizieren, Risiken zu minimieren und kritische Ressourcen zu schützen. Der Guide soll als Referenz für die Entwicklung von Sicherheitsplänen und -konzepten dienen und deckt eine Vielzahl von Themen ab: Vom Umgang mit einem verdächtigen Gepäckstück bis zum Handling großer Besuchermassen. Alle Best Practices wurden von Branchenexperten erstellt. „Duty of care for attendees is an important responsibility of planners, and MPI is working to provide the best education and tools to assist meeting planners and event organizers elevate their capabilities around duty of care“, so Paul Van Deventer, Präsident und CEO von MPI.

www.mpi.org/safety-and-security

Grundsatz: Wer Gefahrenquellen schafft, hat erforderliche Schutzmaßnahmen zu treffen.

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