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EMPLOYER BRANDING

Die „Tour des Lebens“

Auszubildende auf Polarexpedition, junger Hotelkongress „Hotalents“, Agentur-Surfing für Studenten, eine Wohngemeinschaft und eine Werbekampagne für Mitarbeiter – die Eventbranche bewirbt sich um die besten Talente.

„G
eschafft!!!!! Pünktlich um 14.30 Uhr waren wir heute am Checkpoint für unser Boot!!!! Nach einer wirklich abenteuerlichen Abfahrt zur Polargirl haben wir uns vom Nordenskiöld Glacier verabschiedet!!! Völlig erschöpft und endlos glücklich sind wir auf dem Weg nach Longyearbyn!!!“, schreibt Bodo Janssen am 11. August 2018 auf Facebook. 525 Personen liken das. Der Geschäftsführer der Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH kämpfte sich mit zehn Auszubildenden, einer Mitarbeiterin und zwei Guides 14 Tage lang auf der Expedition „Polar Rockstars“ zum Berg Newtontoppen Spitzbergen durch.

Knapp ein Jahr hatte sich die Gruppe vorbereitet; mit etlichen Fitnesschecks und Lauftrainings, einem Trainingslager in Norwegen bei minus 35 Grad und sogar einem Schießtraining, um im Notfall Eisbären abwehren zu können.

„Die ‚Tour des Lebens‘ ist heute ein fester Bestandteil des Ausbildungsprogramms bei uns. Wir möchten unseren Auszubildenden zeigen, wozu sie in der Lage sind, dass sie über ihren Schatten springen können, und ihnen Mut machen“, erläutert Janssen. Die Tour des Lebens findet im Zweijahresrhythmus statt. Zuletzt erklommen im Januar 2016 zehn Auszubildende den Kilimandscharo. Das gemeinsame Ziel ist: Grenzen kennenlernen und diese zu sprengen – jeder für sich und alle zusammen. Mittlerweile bewerben sich viele junge Menschen als Auszubildende explizit wegen der „Tour des Lebens“ bei Upstalsboom Hotels.

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Auszubildende der Upstalboom-Hotels auf ihrer zweiwöchigen Expedition „Polar Rockstars“ in der Arktis.
FOTO: LARS CHRISTIAN LARSSEN

„POLAR ROCKSTARS“

1. Mathis Müller aus Schillig
2. Ben Beckmann aus Berlin
3. Jan Luka Mundt aus Kühlungsborn
4. Simon Meuer aus Kühlungsborn
5. Malte Peper aus Kühlungsborn
6. Melissa Wilk aus Kühlungsborn
7. Mike Lars Katt aus Heringsdorf
8. Samantha Horn aus Varel
9. Michéle Kleemann aus Varel
10. Bjarne Riecken aus Emden

Ungewöhnliche Wege der Mitarbeitergewinnung geht neben Bodo Janssen Klaus Michael Schindlmeier. Der Direktor des Best Western Plus Palatin in Wiesloch bietet dem Branchennachwuchs buchstäblich eine Bühne: Den ersten jungen Hotelkongress „Hotalents“ am 26. Februar 2018. Im Programm standen viele Fragen wie „Wie muss sich die Hotelbranche ändern, damit junge Menschen eine Ausbildung im Gastgewerbe beginnen und über die Familiengründung hinaus bleiben?“ Fragen, die Hoteliers umtreiben. Eigentlich. „Wir haben viele motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber wir haben ein Führungsproblem“, bemerkt Schindlmeier mit Blick auf die überwiegend jungen Teilnehmer. Er mahnt: „Wo sind die Chefs? Wenn Führungskräfte solche Veranstaltungen nicht besuchen, werden sie bald niemanden mehr führen“. Andere erkennen die Wichtigkeit der „Hotalents“ und wählen im Wettbewerb TOP 100 das Palatin als eine der innovativsten Firmen des deutschen Mittelstands.

Der Erfolg findet seine Fortsetzung in einem Führungstraining in Kooperation mit der Qnigge Akademie mit drei Modulen wie „Hurra, ich bin jetzt Führungskraft“, „Motivorientierte Führung“ und „Mitarbeitergespräche führen“ von September bis Februar. Derweil plant das junge Organisationsteam, die „Hotalents“ des Palatin, den zweiten jungen Hotelkongress 2019. „Unser Ziel ist es, mit jungen und erfahrenen Talenten, aber auch den sogenannten Entscheidern über die Hotellerie und Gastronomie zu sprechen, Impulse für die Branche zu setzen und einen Imagewandel anzustoßen. Wir haben die Chance, zu sagen, was wir wollen!“ Und endlich finden sie bei den Großen Gehör: Zum Deutschen Hotelkongress am 4. und 5. Februar 2019 im Hotel InterContinental Berlin zum Thema „Building a New Future“ bekommen die jungen Hoteliers eine Bühne und bringen sich ins Programm ein.


Als Arbeitgeber geht auch das Estrel Berlin oft in die Offensive. Jetzt hat Europas größtes Hotel-, Congress- & Entertainment-Center eine Mitarbeiter-WG gegründet, um den Neuen unter den 550 Mitarbeitern den Druck bei der Wohnungssuche zunehmen. Für Personaldirektorin Annette Bramkamp ist das ein wichtiger Schritt in der Rekrutierung von Mitarbeitern. „Bei unserer Unternehmensgröße suchen wir kontinuierlich neue Kollegen – gern auch aus dem Ausland. In der Vergangenheit mussten uns jedoch schon potenzielle neue Mitarbeiter absagen, weil sie keine bezahlbare Bleibe finden konnten. Mit unserer neuen Estrel-WG nur 100 m vom Arbeitsplatz entfernt, wollen wir jetzt vor allem jungen Arbeitnehmern den Start erleichtern.“


Die Wohnung auf 200 qm hat sieben möblierte Zimmer und zwei Bäder. Das kommunikative Zentrum ist die Wohnküche, um das Kennenlernen der Neuankömmlinge untereinander zu stärken. Die Mieten zwischen 250 und 400 Euro decken alle Kosten ab, die Verträge sind auf sechs Monate ausgelegt und verlängern sich automatisch um zwei weitere Monate. Im März sind die ersten Mieter eingezogen: vier neue Servicemitarbeiter aus der Ukraine, zwei Praktikanten aus den USA sowie ein syrischer Koch-Azubi, der bislang in einer Notunterkunft wohnte.

Nicht nur die Hotellerie und Gastronomie, auch die Agenturen haben erkannt, dass sie sich mit arbeitnehmerunfreundlichen Bedingungen (Arbeitszeiten und Überstunden, unbefristete Arbeitsverträge und schlechte Bezahlung) längst im „War for Talents“ befinden. Die Studie „Fachkräftebedarf in der Event- und Messebranche 2018-2023“ von Prof. Dr. Cornelia Zanger der TU Chemnitz in Kooperation mit dem Studieninstitut für Kommunikation belegt das. Agenturen beklagen einen zunehmenden Fachkräftemangel in der Event- und Messebranche. Gründe sind der demografische Wandel, immer flexiblere Karrierewege und veränderte Werte und Lebensvorstellungen der Mitarbeiter. „Der Fachkräftemangel stellt aus meiner Sicht mehr und mehr auch ein Wachstumshemmnis in der Branche dar“, sagt Jan Kalbfleisch. Der Geschäftsführer des Kommunikationsverbands Famab ergreift nicht nur in der Studie das Wort, er handelt.

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Zum jungen Hotelkongress „Hotalents“ holt Michael Schindlmeier Talente auf die Bühne.
FOTO: PALATIN

Der Famab und die Agenturverbände BVDW, CMF, GPRA, GWA und OMG werben seit letztem Jahr mit der Employer-Branding-Dachkampagne „Komm in die Agentur“ um Nachwuchstalente. 52 ausgewählte Studenten nehmen seit August an einem achtwöchigen Agentursurfing in sieben Städten teil. „Alle teilnehmenden Agenturen haben im Rahmen ihrer Bewerbung einen Surfing-Plan erarbeitet, der den Praktikanten Orientierung gibt, was sie erwartet. Wir haben nun regionale Ansprechpartner in den sieben Städten und können eine intensivere Betreuung vor Ort ermöglichen“, erklärt Christiane Schulz, Präsidentin der GPRA und Gesamtverantwortliche der Kampagne, und ergänzt, dass es dieses Mal Networking-Events geben wird. Auffallend ist für sie und ihre Mitstreiter, dass sich dieses Jahr der Anteil an weiblichen Bewerbern noch einmal deutlich auf 78 Prozent erhöht hat.

Bis 2025 sollen die Millennials 40 Prozent der Belegschaft stellen, hat eine Deloitte-Studie in 140 Ländern ergeben. Für die im Global Leadership Forecast 2018 befragten CEOs ist das Erkennen und Fördern von Talenten folglich die wichtigste Herausforderung in den nächsten drei Jahren. „Der Nachwuchsmangel geht um die Welt. Die richtigen Talente zu finden, ist die Herausforderung Nummer eins. Die Eventindustrie ist davon betroffen”, bekräftigt Avinash Chandarana in seiner Keynote „Securing and Retaining Talent in a Global Competition“ auf der AIPC-Jahreskonferenz 2018 in London. Der Group Learning & Development Director bei MCI weiß: „Die Talente da draußen sind schlauer, also musst du vorne mit dabei sein.”

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Wohnungsabnahme einmal anders: Personaldirektorin Annette Bramkamp und der Geschäftsführende Direktor Thomas Brückner in der neuen Estrel-Mitarbeiter-WG.
FOTO: ESTREL, ANDREAS FRIESE

Nur wie, wenn die bekannten Anreize an Bedeutung verlieren? Der berufliche Aufstieg beispielsweise ist nur noch für 41 Prozent der 2018 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young befragten 2.000 Studenten wichtig (2016 waren es noch 57 Prozent). Vorher kommen Familie, Freunde/ soziales Umfeld und Freizeit/Sport. Auch ein gutes Gehalt reicht der Generation Y (1980 bis 1999 Geborene) nicht, zeigt die Jugendstudie „Youth Economy“ des Zukunftsinstituts auf. Viel mehr rücken bei der Berufswahl die Unternehmenskultur und das Arbeitsklima in den Vordergrund.

„Maximale Flexibilität – räumlich wie zeitlich, wechselnde Tätigkeiten und projektbezogenes Arbeiten, das Verschwinden klassischer Arbeitsverhältnisse, aber auch die stärkere Fokussierung auf sinnstiftende Aufgaben jenseits des Berufes – das sind wesentliche Bausteine der Arbeitswelt der Zukunft und der Hintergrund, vor dem der ‚War for Employees‘ stattfindet“, sagt Doris Albiez, SVP & General Manager Dell EMC Deutschland, in ihrem Statement zum Talk „War for Employees – Leistung vs. Zufriedenheit“. Der Travel Industry Club hat sie, Sebastian Indrunas, Dualer Student im Intercityhotel Berlin Hauptbahnhof, und andere letzten Monat im Radisson Blu Hotel Hamburg diskutieren lassen. Albiez weiß: „Die Vorstellung mag für manchen etablierten Personalvorstand noch ungewohnt sein, aber Unternehmen müssen sich schon heute um die besten Köpfe bewerben, nicht mehr umgekehrt.“

Samantha Glass ist das bewusst. Schließlich hat das ICC Sydney erst vor zwei Jahren ein Team für ein eine halbe Milliarde australische Dollar teures Kongresszentrum zusammengestellt. Als Direktorin Corporate Affairs und Communication hat Glass die Suche nach den besten Köpfen weltweit mit einer außerordentlichen crossmedialen Werbekampagne flankiert. „Wir erhielten 44.000 Bewerbungen, 60% davon kamen nicht aus den üblichen HR-Kanälen“, berichtet sie. In Kooperation mit der Personalabteilung warb die Marketingfachfrau um ihre zukünftigen Kollegen wie sonst um Kunden. Ihr Slogan: „Wir bieten Menschen Karrieren und keine Jobs!”  KERSTIN WÜNSCH
 

https://www.der-upstalsboom-weg.dewww.hotalents.dehttps://www.estrel.com/dehttps://www.komm-in-die-agentur.de

„100PRO – DIE AUSBILDUNGSINITIATIVE“

Die Attraktivität von Arbeitgebern ist der eine Aspekt, die Attraktivität einer Branche und ihrer Berufsbilder der andere. Seit 20 Jahren gibt es die IHK-Ausbildungen Veranstaltungskaufmann/- frau sowie Fachkraft für Veranstaltungstechnik und seit zwei Jahren die Qualitätsoffensive „100PRO – Die Ausbildungsinitiative der Veranstaltungswirtschaft“ der Fachverbände EVVC, AUMA, VPLT und Famab mit Unterstützung des DIHK.

Der Ausbildungskodex will die berufliche Ausbildung in den Betrieben der Veranstaltungsbranche sichern. Die zehn Leitlinien für die Ausbildung von Veranstaltungskaufleuten umfassen u.a. Projektmanagement, kaufmännische, rechtliche und technische Grundlagen. Ausbildungsbetriebe können den Kodex unterzeichnen. EVVC-Präsidentin Ilona Jarabek betont: „Der demografische Wandel zwingt uns, uns Gedanken zur Zukunftsfähigkeit der Veranstaltungsbranche zu machen. Wenn wir uns nicht darauf verlassen können, dass ausgelernten Veranstaltungskaufleuten oder Fachkräften die notwendigen Ausbildungsinhalte vermittelt wurden, bekommen wir bald ein Problem.“ www.100pro.org
„Wir bieten Menschen Karrieren und keine Jobs!”

Samantha Glass, Direktorin Corporate Affairs und Communication ICC Sydney

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