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FEHLERKULTUR

Aus Fehlern (anderer) lernen

Immer mehr Menschen besuchen „Fuckup Nights“. Dort erzählen Menschen von ihren Fehlentscheidungen und gescheiterten Ideen. Die anderen leiden mit, lachen und lernen aus den Fehlern. Das Bedürfnis nach persönlichem Austausch wächst mit der Zahl neuer Aufgaben und bringt die Frage mit sich: Brauchen wir einen neuen Umgang mit Fehlern?

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arola Twrsnick beginnt mit einem Namen- „Fuckup“: „Versuchen Sie mal, meinen Namen auszusprechen.“ Ihre Zuhörer lachen. Twrsnick spricht auf der „Fuckup Nights Frankfurt“ aber nicht über fehlende Vokale, sondern ihre persönliche Geschichte des Scheiterns. Vor 15 Jahren leitete sie ein Wirtschaftsmagazin und betreut heute internationale Großkunden eines Softwareunternehmens. Dazwischen liegen eine Auswanderung nach Afrika, eine Scheidung und ein beruflicher Neustart oder „eine ziemlich beschissene Zeit“. Für Carola Twrsnick ein „Shit Gap“. Wie die 39-Jährige diesen überwunden hat, erzählt sie vor mehr als 1.200 Menschen. Und diese hören genau zu, leiden mit und lachen. Läuft.

Die große Resonanz erstaunt nicht zuletzt die Veranstalter. „Wir dachten, in der Bankerstadt funktioniert das nicht, aber das stimmt nicht. Das Thema Scheitern interessiert alle“, begrüßt Jelena Klingenberg zur „Fuckup Nights Frankfurt“ am 13. Juni 2018 im Hörsaalzentrum der Goethe Universität. Das junge Publikum täuscht. Inzwischen kommen auf sie und Mitveranstalter Daniel Putsche immer mehr Unternehmen zu, denen Fehlerkultur wichtig ist. Einige fördern die „Fuckup Nights Frankfurt“ als „Patrons“. Als Klingenberg Namen nennt wie zum Beispiel Lufthansa Systems jubelt eine Gruppe, ein Dutzend Mitarbeiter ist vor Ort. Die meisten der 1.353 Tickets haben Berufstätige gekauft, um nach Feierabend aus den Fehlern und Fehlentscheidungen anderer zu lernen.


Nicht nur in Frankfurt. Mittlerweile sind 189.090 Teilnehmer auf 1.578 Speakers in 304 Städten in 80 Ländern getroffen. „Fuckup Nights ist eine globale Bewegung, die Lernprozesse beschleunigen will, indem sie Menschen Fälle von beruflichem Versagen vorführt“, sagt Yannick Kwik, CEO der „Fuckup Nights Global“. Ihren Ursprung finden diese in Mexiko und im Mezcal. Mitgründerin Leticia Gasca erinnert sich. „Jahrelang versteckte ich meine Niederlagen in Gesprächen und im Lebenslauf. Bis zu einer betrunkenen Nacht 2012 mit vier Freuden, die mein Leben veränderte. Ich fand heraus, dass ich nicht die einzige damit war. Es war eines unserer bedeutsamsten Geschäftsgespräche, und wir beschlossen, diese Erfahrung mit mehr Freunden zu replizieren.“

„To fuck something up“ heißt übersetzt „etwas vermasseln“ und bedeutet für „Fuckup Nights“: Menschen werden auf die Bühne gebeten, um nicht wie sonst üblich über ihre beruflichen Erfolge zu sprechen, sondern über ihre Misserfolge. Dafür haben sie 15 Minuten und zehn Charts, die Sympathie und den Respekt des Publikums. Aus den Fehlern anderer zu lernen und sich die eigenen einzugestehen, sich mit anderen auszutauschen und sich gegenseitig darin zu bestärken, etwas auszuprobieren: Das soll ein Umdenken und einen anderen Umgang mit Fehlern erwirken.

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Carola Twrsnick spricht auf der „Fuckup Nights Frankfurt“ über ihren „Shit Gap“.
FOTO: FRAUKE BÖNSCH, WWW.FASH.DE

Der Siegeszug der „Fuckup Nights“ in Deutschland begründet sich nicht zuletzt darin, dass für die meisten Arbeitnehmer Scheitern ein Tabu ist. Das hat die Personalberatung SThree kürzlich in ihrer Trendstudie „So arbeitet Deutschland“ herausgefunden. 45 Prozent der über 1.000 Befragten fürchten Konsequenzen beim Scheitern an neuen Aufgaben wie den Verlust der Anerkennung im Job (49 Prozent), negative Kommunikation (42 Prozent) und sogar negative Folgen für ihre Karriere (41 Prozent). 86 Prozent wünschen sich folglich mehr Fehlertoleranz, wenn sie an Innovationen arbeiten.

Allein die Vorstellung zu scheitern, hemme die meisten im Voranbringen von Innovationen – vor allem im Bereich der Digitalisierung, schreibt Markus Pfeiffer, Gründer der Strategieberatung Bloom Partners, im Manager Magazin. Und weiter: „Die Ergebnisse unserer aktuellen Studie ‚Digital Agility‘ zeigen, dass eine Unternehmenskultur, die offen mit Fehlern umgeht und diese als Chance zur Verbesserung sieht, mehr als 40 Prozent des Erfolgs bei der Digitalisierung ausmacht.“ Pfeiffer plädiert für eine neue Fehlerkultur und die Einführung des „Failure Friday“, an welchem die Fehlentscheidungen der Woche vorgestellt werden.


„Wir brauchen Mut, neue Dinge zu wagen, die vielleicht auf den ersten Blick ungewöhnlich sind. Nur so können wir uns und unsere Gäste immer wieder überraschen und begeistern“, bekräftigt Sven Hirschler für das Gastgewerbe. Der Leiter Unternehmenskommunikation bei der Deutschen Hospitality redet erst von einem Fehler, „wenn ich es zum zweiten Mal falsch mache“. Deshalb sei Fehler nicht gleich Fehler. „Lassen Sie uns also weniger von Fehlern, sondern von Versuchen und Innovationen reden, die fester Bestandteil unserer Unternehmenskultur sind.“

Der Begriff Fehlerkultur stammt aus den Sozialund Wirtschaftswissenschaften und bezeichnet die Art und Weise, wie Gesellschaften, Kulturen und soziale Systeme mit Fehlern, Fehlerrisiken und Fehlerfolgen umgehen (Wikipedia). Die Frage, ob es im Zuge der Digitalisierung einer neuen Fehlerkultur bedarf, beschäftigt Prof. Ralf Kemmer. Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Fehlerkultur berät Unternehmen bei der digitalen Transformation und beobachtet: „Fehlerkultur setzt auf drei großen Themen auf, die die Unternehmen umtreiben: New Work, Transformation in der Digitalisierung und Innovationen. Es geht um eine Iterationsschleife: Etwas ausprobieren, Fehler zulassen, Fehler machen und daraus lernen.“

Kemmer ist zudem Professor für Kampagnen- und Kommunikationsplanung an der design akademie berlin – SRH Hochschule für Kommunikation und Design und Mitinitiator der „Fuckup Nights Berlin“. „Die Unternehmen sind sehr offen und haben uns gerne zu Gast“, sagt er hinsichtlich der wechselnden Locations der mittlerweile 24. „Fuckup Nights Berlin“. Für die Veranstaltungen im zwei- bis dreimonatigen Turnus mit 300 bis 400 Teilnehmern werden Unternehmen ausgewählt, die Lust auf das Thema haben oder Locations, die Lust machen, wie der Club Jackie O in Treptow an der Rummelsburger Bucht. „Wir sind eng verbunden mit The Place und waren schon bei Zalando, Idealo und Aperto, der Digitalagentur, von IBM“, erzählt er. Und einmal in der Botschaft von Mexiko, wo „Fuckup Nights“ als ein Exportschlager gehandelt werden. „Die Unternehmen, die uns einladen, beschäftigen sich ernsthaft mit dem Thema“, weiß Kemmer. So sehr, dass sich ihre Topmanager wie Philipp Peitsch (CEO Idealo) oder Robert Genz (CEO Zalando) auf Fuckup Nights Berlin mit ihren Katastrophen, Pleiten und Fehlern auf die Bühne stellen.

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Prof. Ralf Kemmer, Mitinitiator „Fuckup Nights Berlin“
FOTO: CLAUDIA BURGER

So wie ein Freund von Ralf Kemmer. „Der hatte einen ‚Fuckup‘ zu erzählen und wurde zur ‚Fuckup Nights Düsseldorf‘ eingeladen“, erinnert sich Kemmer. „Als Patrick zurückkam, sagte er: Lass uns das in Berlin machen!“ Die „Fuckup Nights“ sind eine Art Franchise-Modell. Patrick Wagner und Ralf Kemmer bewerben sich erfolgreich für Berlin und betreiben seit 2014 mit sechs weiteren Personen die „Fuckup Nights Berlin“ als Non-Profit-Organisation. „Wir finanzieren das über Workshops, die wir für Unternehmen zu Fehlerkultur geben. Dort agieren wir wirtschaftlich.“ Allein zwölf Workshops sind es bisher für Airbus.

Immer öfter werden die Berliner über die Stadtgrenzen hinaus von Unternehmen und Verbänden für Vorträge angefragt und waren dieses Jahr schon in Stuttgart auf der „Production Systems“ (Jahrestagung für Produktions- und Lean-Management) oder dem Juristentag in Heidelberg. „Das wird sehr gut angenommen“, befindet Kemmer und fügt hinzu: „Bei den Evaluierungen liegen wir immer über Schnitt.“

Eingeladen zur New-Work-Konferenz 2018 von Xing in der Elbphilharmonie Hamburg startet Ralf Kemmer den „Call for Papers“ über Xing: „Was war Ihr unangenehmster Fehler im Job? Gewinnen Sie die Teilnahme an der Xing New Work Fuckup Night am 6. März 2018.“ Er erhält 8.466 Reaktionen und reist mit zwei Rednern nach Hamburg.

In den letzten vier Jahren kommen Kemmer und sein Team mit immer interessanteren Gesprächspartnern in Kontakt und kündigen die nächste „Fuckup Nights Berlin“ für den 20. September 2018 in der Alten Münze mit Unterstützung des Deutschen Industrie und Handelskammertages unter dem Ministerium für Arbeit und Soziales an. „Jetzt kommt das Thema auch ganz arg auf der politischen Ebene, das ist spannend“, freut sich Kemmer. Das ist aber erst seit knapp zwei Jahren so.



2014 schrieben Zeitungen wie der Tagesspiegel über die „Fuckup Nights Berlin“ mit dem Tenor „Verrückte glorifizieren Scheitern“. „Nach neun Monaten berichteten plötzlich die Wirtschaftsaufmacher in der Zeit und der Welt über uns, Spiegel Wissen und viele Radiosender“, erinnert sich Kemmer. „Da hat sich das Thema gedreht: Fehler machen und Fehlerkultur als wirtschaftlicher Aspekt – das haben wir selbst nicht abgesehen.“

Ebenso wenig abzusehen ist der Verlauf einer „Fuckup Nights“. „Wir gehen jedes Mal ein Risiko ein. Unser Format ist Stand-up, und wir wissen nie, wie die Speakerin oder der Speaker sein wird.“ Hinsichtlich neuer Veranstaltungsformate rät er Eventmanagern: „Riskieren Sie Fehler! Wenn Veranstalter mehr Interaktion wollen, dann müssen sie etwas riskieren: Sie sollten den nicht-planbaren Teil ihrer Veranstaltung erhöhen. Erst wenn etwas nicht Geplantes geschieht, wird es spannend.“ Außerdem sei nicht alles, was nach einem Fehler aussehe auch einer. Schlange stehen am Eingang sei so ein Beispiel und „total wichtig“. „Das macht Eindruck. Erinnern sie sich an die gefragtesten Clubs“, bemerkt Kemmer. „Wir begrüßen jeden mit Handschlag. Das kann bei 400 Leuten schon mal dauern. Aber die Leute wollen das. Das ist kein ‚Fuckup‘ für uns…“

Mandy Hännes'chen stand vor zwei Jahren Schlange. Die Leiterin der Geschäftsstelle des Verbands der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) hatte eine Reportage über „Fuckup Nights“ gesehen. „Ich war fasziniert, wie die Veranstalter das Thema Scheitern entstigmatisiert und aus der Tabu- Ecke herausgeholt haben.“ Das wollte Hännes'chen sich ansehen und musste feststellen, dass die „Fuckup Nights Berlin“ mittlerweile so begehrt sind, „dass du Glück hast, wenn du einen Platz bekommst. Und Platz heißt notfalls auch, auf einer umgedrehten Bierkiste sitzen oder den ganzen Abend stehen. Aber es lohnt sich!“

Hännes'chen kennt die Befürchtungen ihrer Mitglieder, wenn es um neue, interaktive Formate geht und entwirft selbst neue Formate wie den Startup- Wettbewerb „Captain MICE Future“. Zur Angst vor „Event-Fuckups“ rät sie: „Mutig sein! Selbst an interaktiven Formaten teilnehmen und im internen Kreis ausprobieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Ausprobieren und wenn es schiefgeht, analysieren und daraus lernen. Rückschläge nicht als Niederlagen sehen, sondern wieder aufstehen, wieder mutig sein!“ Die Speakerinnen und Speaker der „Fuckup Nights“ machen es vor.  KERSTIN WÜNSCH
 

https://fuckupnights.comhttps://so-arbeitet-deutschland.com
„Wie kann man das Thema Fehlerkultur im professionellen Eventmanagement angehen?“
Prof. Ralf Kemmer, Mitinitiator „Fuckup Nights Berlin“
The next Fuck Up Night in Frankfurt is just around the corner. Join us on Thursday listening to interesting key note speakers sharing their stories of failure. Let‘s learn from our mistakes! #LufthansaSystems #FailureCulture #FuckUpNights fuckupnightsfrankfurt.de
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Lufthansa Systems @LH_Systems am 12. Juni 2018
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