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STARTUP-SZENE

Rollentausch

Amin Guellil arbeitet als Model, als er aufgrund eines Fehlers seiner damaligen Agentur einen lukrativen Auftrag verpasst. Grund genug, die Seite zu wechseln und eine eigene Agentur zu gründen.

U
m ein Geschäft zu gründen, braucht man eine Idee. Amin Guellil (29) kommt die Geschäftsidee für seine ucm.agency, einer Personaldienstleistungsagentur für Events, als in seiner (nebenberuflichen) Model- und Darstellerkarriere etwas schief läuft: „Ich war die Erstbesetzung für einen Werbespot, mit dem ich rund 27.000 Euro verdient hätte. Weil meine damalige Agentur aber einen Fehler gemacht hat und ich beim sogenannten Fitting-Tag 5.000 km entfernt war, habe ich den Auftrag verloren. Im Endeffekt hat mich ein persönlich erlittener Schaden dazu gebracht, ein Business zu gründen.“

Gemeinsam mit Denise Molloy und Vitaly Stanchits gründet er im Mai 2014 sein Unternehmen, mit dem Ziel die Kommunikation im Agenturbereich und die Buchungsprozesse für Unternehmen und Kunden zu verbessern. Die ucm.agency vermittelt über ihre selbst entwickelte Onlineplattform Personal für Veranstaltungen und Events. Es handelt sich um zeitlich befristete Arbeitnehmerüberlassung. Die Hostessen, Servicekräfte, Dolmetscher oder Messebauer sind bei der Agentur angestellt und werden an Kunden verliehen. „Im Prinzip vermitteln wir alles außer Security und Küchenpersonal“, sagt Guellil. Heute verfügt die Agentur über ein dreißigköpfiges Team, bestückt bis zu 100 Veranstaltungen die Woche, vermittelt über ihre Plattform mehr als 11.000 Eventmitarbeiter und wird demnächst neben ihrem Stammsitz in Berlin Büros in Frankfurt in München eröffnen. Doch der Weg dorthin hält einige Herausforderungen bereit. Gefragt nach den größten Hürden erwidert Guellil, „Was war keine Hürde?“.

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Die ucm.agency vermittelt über ihre selbst entwickelte Onlineplattform Personal für Veranstaltungen und Events.
FOTO: UCM.AGENCY

Nachdem die Idee ausgereift und ein Businessplan entwickelt ist, wagt Guellil den Schritt und finanziert mit einem privaten Kredit im mittleren sechsstelligen Bereich die Gründung. Der Plan ist klar. Das ehemalige Model und seine Partner entwickeln eine Plattform, bei der die Datenerfassung komplett digitalisiert ist und das Personal in Echtzeit angesprochen wird. Doch als sich die Gründer juristisch beraten lassen, fällt ihrem Rechtsanwalt eine grobe Rechtswidrigkeit auf, die im Agenturbereich gerne und regelmäßig ignoriert wird: „Sind die vermeintlichen Freelancer weisungsgebunden (bspw. bezüglich Arbeitszeit, -Ort oder durchführender Tätigkeit) für ein Unternehmen tätig – beispielsweise für eine Messegesellschaft – und werden über Gewerbeschein abgerechnet, reden wir von Scheinselbständigkeit. Dabei ist es egal, ob die Person einen oder mehrere Auftraggeber hat“, erklärt Guellil. In diesen Fällen handelt es sich um verdeckte Arbeitnehmerüberlassung. „Das war ein riesiger Schock für uns. Das ist nämlich absoluter Usus in der Branche. Dass so ein Arbeitsverhältnis rechtswidrig ist, haben wir einfach nicht gewusst.“ Vielen Kunden der ucm.agency ist diese Tatsache bis heute nicht bekannt: Eine etwaige Haftung übernimmt nämlich zum größten Teil das Unternehmen, nicht die Beschäftigten oder die vermittelnde Agentur. Bei einer Betriebsprüfung drohen hohe Strafen. Seit der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) empfindlichere denn je.

UCM.AGENCY

Mit Ihrer Plattform bietet die Agentur ucm.agency die Möglichkeit, Personalbedarf für Veranstaltungen und Events einfach und direkt online zu buchen. Auf dieser Plattform bieten kurzfristig beschäftigte Eventmitarbeiter der ucm.agency ihre verschiedenen Dienste potenziellen Kunden an. Die Agentur achtet dabei auf eine rechtssichere Vermittlung und versichert eine transparente Beschäftigungslösung über Lohnsteuerkarte und Leiharbeit. Die eigens entwickelte Software ermöglicht Anfragen in Echtzeit. 
http://ucm.agency

„Wir waren also – wollten wir uns im rechtssicheren Rahmen bewegen – von Anfang an gezwungen, die Leute einzustellen“, blickt Guellil zurück. „Es war für uns alternativlos, dass wir seriös arbeiten, die Arbeitskräfte einstellen und über Lohnsteuer abrechnen würden. Insofern haben wir die Prozesse so schlank und effizient wie möglich gestaltet, um wettbewerbsfähig zu sein. Es war schlicht und ergreifend eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.“ Im November 2014 steht das rechtssichere Konstrukt und die Plattform geht live.


Heute kann Amin Guellil die mehreren tausend Event-Mitarbeiter nach eigener Aussage an einem halben Tag abrechnen. Die Software dazu hat das Unternehmen selbst entwickelt. „Wir machen grundsätzlich alles selbst“, sagt er, weswegen die Agentur im technischen Bereich so gut wie keine Schnittstellen zu anderen Programmen hat. Er und seine Mitstreiter haben im Prinzip alle Prozesse, die bei der Arbeitnehmerüberlassung anfallen, „von A bis Z“ angefasst und optimiert. Das Prinzip funktioniert so, dass die Eventmitarbeiter über die Plattform den Zeitraum, in dem sie verfügbar sind, selbst angeben. Zudem sind alle relevanten Informationen (Profil, Fähigkeiten, Alter usw.) zum Personal hinterlegt. Durch die Veröffentlichung eines Kundenjobs auf dem Portal werden automatisch alle infrage kommenden Mitarbeiter per E-Mail benachrichtigt. Für die Unternehmen wird dann eine auf einem Algorithmus basierende automatische Vorauswahl getroffen, aus der Teams individuell zusammengestellt und mit einem Klick gebucht werden können.



Auf diese Weise ist es möglich, so viele Events abzuwickeln. Doch um zu diesem Status zu gelangen, war es ein weiter Weg. „Malocht haben wir alle“, erinnert sich Guellil. „Sieben Tage die Woche, zehn Stunden aufwärts.“ Inzwischen hat er das Pensum „aus Selbstschutz“ reduziert, schafft sich einen Ausgleich durch Reisen und etwas Sport. „Weniger als 50 Stunden die Woche zu arbeiten, schaffe ich aber nie.“ Neben dem Engagement verdankt das Unternehmen seinen Erfolg – bereits seit Januar 2016 schreibt die Agentur schwarze Zahlen – beispielsweise selbst angeeigneter Suchmaschinenoptimierung oder massiven Investitionen in Online Marketing. „Wir geben monatlich 15.000 bis 20.000 Euro für Online Marketingmaßnahmen aus – es lohnt sich“, ist er überzeugt.

Ein anderer wichtiger Faktor ist aber der Anspruch, transparent und rechtskonform zu arbeiten. Darauf legt Guellil den größten Wert. Alle seine Dienstleister sind angestellt und werden über Lohnsteuer abgerechnet. „Was andere Agenturen machen, ist nicht nur unseriös, sondern auch illegal. Darüber klären wir unsere Kunden auch auf.“ Inzwischen hat sich Amin Guellil so intensiv mit dem Thema Arbeitnehmerüberlassung beschäftigt, dass er sogar dazu referiert, wie etwa zuletzt auf der Imex. Das macht er aber nur nebenher. Ein weiterer Rollentausch ist nicht angedacht. CHRISTIAN FUNK
 
„Im Endeffekt hat mich ein persönlich erlittener Schaden dazu gebracht, ein Business zu gründen.“
Amin Guellil, ucm.agency
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