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INTERVIEW

„Regionaler Ansatz ist unsere Existenzgrundlage“

Gerhard Stübe, Direktor Festspielhaus Bregenz, über das World Future Forum in seinem Haus, das generell Veranstalter anzieht, die in der Region inhaltlich in die Tiefe gehen. Dafür steht auch das interaktive Micelab Bodensee, das Nehmen und Geben im Gleichgewicht hält.

tw: Das World Future Forum von 30. März bis 2. April 2017 hat Bregenz und Österreich viel internationale Aufmerksamkeit beschert. Was hat die Veranstaltung für die Region bedeutet, welche Impulse hat sie gesetzt?
Gerhard Stübe:
Es geht beim World Future Forum darum, Best Practices zu finden, um sie als Best Policies weltweit anzuwenden. In diesem Gedankenumfeld haben wir beispielsweise einen Abend dafür genutzt, die Vertreter des World Future Forum mit Unternehmern unserer Region zu vernetzen, die sich in ihren Unternehmen intensiv um das Thema Nachhaltigkeit kümmern. Ein Beispiel dafür ist die Firma Rhomberg Bau und ihr geschäftsführender Gesellschafter Hubert Rhomberg, der an einem Abend mit dem Initiator des World Future Council, Jakob von Uexküll, und den Mitgliedern des Rates verbrachte, um sich intensiv auszutauschen und zu vernetzen. Hubert Rhomberg und sein Unternehmen haben das erste Holzhochhaus Österreichs erbaut in Dornbirn, genannt „Lifecycle Tower“. Für den nächsten Tag lud er dorthin zur Besichtigung. Auch auf politischer Ebene hat eine Vernetzung stattgefunden. Zudem sind wir mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den nahen Bregenzer Wald gefahren, um dort das Wirken der Handwerker zu sehen im Werkraum Bregenzer Wald, einer 1999 gegründeten Kooperation von Handwerkern. Es gibt dort einen Ausstellungs- und Begegnungsraum. Die Region ist sehr darum bemüht, Handwerk und Tradition aufrecht zu erhalten, Fachkräfte zu gewinnen und junge Leute für eine Ausbildung in diesem Bereich zu begeistern. Im Werkraum sprach der Vorsitzende des Handwerkervereins. Das war sehr beeindruckend für die Gäste, die im weiteren Austausch geblieben sind. Das sind die drei Eckpfeiler unseres Engagements auf unternehmerischer, politischer und auch verbändebezogener Ebene.

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„Nia und Gia“ – Nehmen und Geben – im Gleichgewicht zu halten, ist bei regionalen Partnerschaften wie dem Micelab Bodensee wesentlich, so Gerhard Stübe.
FOTO: KONGRESSKULTUR BREGENZ, ANJA KÖHLER

Gab es da besondere Momente, die in Erinnerung geblieben sind?
Dazu gehörte sicher der Vortrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker. Das gleiche galt auch für den Auftritt von Auma Obama, der Schwester von Barack Obama, deren Rede ein flammender Appell war gegenüber den Ratskolleginnen und Ratskollegen, sich noch mehr mit Institutionen, aber vor allem den nachfolgenden Generationen zu vernetzen. In diesem Zusammenhang hatten wir auch das Schulprojekt einer höheren Schule in Bregenz im Programm, die Nachhaltigkeit lehrt und lebt, dies auch auf beeindruckende Weise präsentierte. Obama hob dieses beispielhafte Projekt aus Bregenz besonders hervor. Andrea Wandel, die Generalsekretärin des World Future Forum, sagte danach, sie habe noch nie eine so emotionale Rede von Auma Obama bei einem World Future Forum gehört. Das waren Momente, in denen man denkt, wir haben doch einiges richtig gemacht.

Wie kam es überhaupt dazu, das World Future Forum in Bregenz auszurichten?
Wir hatten 2015 einen wunderbaren Kongress bei uns namens „Was im Leben wirklich zählt“, der sich an Jugendliche sowie Auszubildende wandte, wurden wir förmlich überrannt, wir hatten insgesamt 2.300 junge Leute im Haus und vier wunderbare Vortragende, die sich auch der Diskussion gestellt haben. Die Organisatoren dieses Kongresses kamen schließlich auf uns zu, weil sie uns in Atmosphäre und Haltung als sehr stimmigen Ort empfanden. Sie fragten, ob wir uns auch vorstellen könnten, das World Future Forum bei uns zu hosten. Das erschien mir anfangs jedoch als eine Nummer zu groß. Es hat sich dann aber im Lauf der Zeit herausgestellt, dass wir zusammen mit Kooperationspartnern aus Wirtschaft und Politik die Organisation auf die Beine stellen konnten.



Welche Rolle spielt das Thema Regionalität in Vorarlberg und Bregenz generell?
Das spielt bei uns eine extrem wichtige Rolle. Es ist so: Vorarlberg hat sich seit vielen Jahren als Bundesland dem Thema verschrieben innerhalb des Gesamttourismus. Alle Institutionen, alle Häuser vom kleinen Hotel bis hin zu den Veranstaltungszentren, haben die Grundüberlegung zur Regionalität seit langem schon in ihre Strategie aufgenommen. Unsere Region ist sehr bemüht, den regionalen Ansatz, den Ansatz der guten Gastgeberschaft zu leben, weil das unsere Existenzgrundlage ist. Wir lassen auch keine Gelegenheit aus, den Kunden zu motivieren, seine Veranstaltung nach den Grundsätzen für Green Meetings abzuhalten. Dabei hat auch die Regionalität natürlich einen hohen Stellenwert.

Wodurch zeichnet sich die Haltung hinter dem Fortbildungsprojekt Micelab Bodensee aus?
Wir möchten keine fertigen Formate vorstellen, sondern zäumen das Pferd von der anderen Seite auf. Wir wollen so viel Verständnis wecken, dass alle Beteiligten ins Nachdenken kommen. Wenn World Café oder Open Space als Formate in Stein gemeißelt werden, ist mir das zu starr. Die dienen beim Micelab Bodensee nur als Beispiele und Orientierungspunkte. Durch Interaktion der Teilnehmer können sich dann jedoch ganz neue Formate ergeben.

Dieser Geist und Charakter, ist der spezifisch für den Bodensee?
Wir haben im Nachdenkprozess sehr stark davon profitiert, dass wir am Bodensee aus drei unterschiedlichen Ländern kommen. Daraus allein entsteht schon eine Haltung des Zuhörens und des Akzeptierens, Die 100 bisherigen Teilnehmer kamen hauptsächlich aus der Bodensee-Region aus Veranstaltungszentren, aber auch von PCOs und Eventagenturen. In deren Köpfen hat sich definitiv schon etwas geändert. Darüber hinaus hat sich auch eine tolle Vernetzung ergeben. Das stärkt die Region über Grenzen hinweg in Schweiz, Österreich, Deutschland und Liechtenstein! Der Output ist für die Region spürbar, der Input kommt ebenfalls von hier. Bei uns sagt man dazu: Nia und Gia, also Nehmen und Geben im Gleichgewicht. Das ist bislang schon eine tolle Erfahrung gewesen. INTERVIEW: FRANK WEWODA
 

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„Sie empfanden uns in Atmosphäre und Haltung als sehr stimmigen Ort.“
Gerhard Stübe
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