Lustwandeln im Grätzl, E-Mobil erforschen in Graz Image 1

ERREICHBARKEIT UND REGIONALITÄT

Lustwandeln im Grätzl, E-Mobil erforschen in Graz

Delegierte gelangen in Österreich vom Kongress oft direkt in die freie Natur oder zum Flanieren in die Innenstädte wie in Wien. Sanfte Mobilität setzt auf Transfers zu Fuß, Locations in der Nähe oder alternative Antriebstechnik, die ein Kongress in Graz erforscht.

V
eranstalter von Kongressen und Events setzen in Österreich zunehmend auf regionale Wertschöpfung, Klima- und Sozialverträglichkeit. Das bezieht sich unter anderem auf die Anreise der Delegierten, aber auch die Transfers vor Ort. Im Spazierschritt die Stadt zu erkunden kann selbst zum Rahmenprogramm werden. In eine auch auf diese Weise begehbare Ausstellungswelt für Design verwandelt sich der erste Wiener Bezirk von 6. bis 8. Oktober 2017 zur Premiere des „Design District 1010“: Die Hofburg Vienna wird in dieser Zeit zum Dreh- und Angelpunkt der Designliebhaber, die von hier aus die Innenstadt erkunden.

Das Wiener Zentrum lädt zum Entdecken ein im „Design-Grätzl“, also dort, wo Ateliers und Werkstätten von Designern ihre Türen öffnen wie im Börseviertel oder am Ring. Ein ausgeklügeltes Leit- und Orientierungssystem bringt die Besucher im Gewirr der Gassen und Straßen auf den richtigen Weg. „Unser Anspruch ist, hochwertige Marken mit einer designaffinen Zielgruppe zu verbinden und gekonnt zu überraschen“, sagt Sabine Jäger für die Veranstalter. In der Hofburg Vienna, die sich selbst in einen begehbaren Showroom verwandeln soll, präsentieren 80 ausgewählte Marken auf 5.000 Quadratmetern ihre Neuheiten in den Festsälen, unter anderem aus den Bereichen Interieur, Lifestyle, Mobilität, Hifi, Kunst und Accessoires. Besucher können hier Design, zum Beispiel von Minotti, Range Rover, Fritz Hansen oder KFF, mit allen Sinnen erleben. Neben den Präsentationen können sich Kinder in der „Play Area“ die Zeit vertreiben. Die Erwachsenen finden dagegen Entspannung im „Gerstner Kunstcafe“.


FOTOS: W.WACHMANN, VIRTUAL VEHICLE WWW.V2C2.AT; AVL; QUELLENHOTEL BAD WALTERSDORF; GREEN BRANDS ORGANISATION GMBH; SALZBURG CONVENTION BUREAU


Zum Drehkreuz für viel größere Besucherscharen wird dagegen das Messe Wien Exhibition & Congress Center, insbesondere bei Großveranstaltungen mit Teilnehmerzahlen im fünfstelligen Bereich. Diese erfordern eine Anreiselogistik, bei denen die Wiener Linien, Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs in der österreichischen Hauptstadt, die emissionssparende Hauptrolle spielen. Schon ganz ohne Veranstaltung bringen die U-Bahn- Linien die Fahrgäste im Vier- bis Fünf-Minuten-Takt zur Messe, die über zwei Stationen verfügt. Die Fahrzeit ins Stadtzentrum beträgt rund 15 Minuten.

Davon profitierte zum Beispiel der Großteil der 12.494 Teilnehmer beim ECCMID 2017 vom 22. bis 25. April 2017. Der zentrale europäische Kongress für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten verzeichnete 2017 einen neuen Teilnehmerrekord. Er fand erstmals in der Messe Wien statt. Die Anreise der Teilnehmer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gilt hier als beispielhaft. Das zeigt: Erreichbarkeit ist erst aus der Luft, dann aber vor Ort zwischen Hotels und Kongressräumen ein entscheidender Faktor, der auch über Besucherzuspruch entscheidet.

Als Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel diente den Delegierten ihr Veranstaltungs-Badge, auf den ein Code zur Benutzung des öffentlichen Verkehrs aufgedruckt war. Teilnehmer aus insgesamt 126 Ländern kamen zum ECCMID, die größten Gruppen aus Großbritannien, den USA, Deutschland und Frankreich. Sie verteilten sich auf mehr als 200 Vorträge und zwölf Keynotes von 381 Rednern, die über Infektionskrankheiten und klinische Mikrobiologie referierten.



Zudem bot das Fachprogramm des Kongresses mehr als 100 Symposien, 20 Weiterbildungsworkshops und 20 „Meet-the-Expert“-Treffen. Die 195 ausstellenden Unternehmen steuerten dazu noch einmal 26 Branchensymposien bei. 5.223 medizinische Zusammenfassungen wurden eingereicht, davon erklärten die Autoren mehr als 3.300 anhand eines E-Posters oder in gedruckter Form.

Das Veranstaltungszentrum forciert allgemein die Benutzung des öffentlichen Verkehrs in Zusammenarbeit mit den Wiener Linien. 800 Personen können gleichzeitig mit einem vollbesetzten Zug der U-Bahn zur Messe gelangen. Als Orientierungshilfe für internationale Gäste hängen die Wiener Linien zu Veranstaltungen an zentralen Verkehrsknotenpunkten die Routenbeschreibung aus, deutlich sichtbar mit dem jeweiligen Logo des Kongresses versehen. Die direkte Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und der damit ökologisch nachhaltige Transport der Delegierten ist auch eines der zentralen Kriterien bei der Lizenzierung von Green Events wie Green Meetings. Das Messe Wien Exhibition & Congress Center ist seit 2016 Lizenznehmer beider Kategorien des Österreichischen Umweltzeichens und kann so die Veranstaltungen seiner Kunden lizenzieren.

Auch die österreichische Region Schladming-Dachstein setzt seit langem auf ökologisch verträgliche Anreise- und Veranstaltungslogistik, unter anderem dank E-Mobilität. Für umweltbewusste Seminargäste hat die Region in der Obersteiermark nun ein elektrobetriebenes „Genussmobil“ im Angebot. Dafür stehen insgesamt drei BMW i3-Modelle zur Verfügung. Mehrere Genusstouren sind bereits in den Navigationsgeräten der Autos gespeichert. Die Fahrgäste erhalten dabei auch wertvolle Hintergrundinformationen zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten.



Laut Mathias Schattleitner, Tourismuschef in Schladming-Dachstein, rücken die Aspekte Genuss und Umweltbewusstsein immer mehr ins Bewusstsein. „Mit unserem neuen Genussmobil kann man die Schönheit unserer Bergwelt gleichermaßen bequem wie ökologisch erleben.“ Tagungsveranstalter in der Region können das Genussmobil, das Platz für vier Personen bietet, bei den beteiligten Partnern ab 79 Euro pro Tag anmieten. Insgesamt führen sieben verschiedene Touren durch die Region. Individualisten können auf frei zusammenstellbaren Routen die Highlights der Region vom Dachsteingletscher bis hin zu Bergseen entdecken. Die Navigationsgeräte geben als virtuelle Reiseführer manches Geheimnis preis, etwa zu den Genussregionen Ennstal Lamm oder Ennstaler Steirerkas. Der kulinarische Genuss führt dabei von der Alm bis ins Tal.

Wie der Congress Schladming setzen in der Region Schladming-Dachstein viele weitere Mitgliedsbetriebe von Steiermark Convention auf E-Mobilität, darunter auch das Natur- und Wellnesshotel Höflehner oder das Quellenhotel Heiltherme Bad Waltersdorf. Sie bieten Delegierten und Seminargästen die Möglichkeit die landschaftliche und kulturelle Vielfalt der Steiermark umweltschonend zu erkunden. Mit der Zukunft des Motors befasste sich in Graz die neunte internationale ICPC-Konferenz für industrielle Antriebstechnik. 2017 kamen 205 Delegierte aus 21 Ländern am 10. und 11. Mai 2017 in die Räume von Messe Congress Graz. Hinter der jährlichen Veranstaltung steht der Grazer Motorenhersteller AVL. Durchgeführt wird sie in Kooperation mit SAE International, der Society of Automotive Engineers, dem internationalen Verband der Ingenieure und Technikfachleute mit mehr als 128.000 Mitgliedern weltweit. Das Programm konzentrierte sich inhaltlich auf CO2-Reduzierung und nachhaltige Transportmittel im Bereich der Lkw und Busse, im landwirtschaftlichen Bereich sowie in der Bauwirtschaft. Experten aus aller Welt diskutierten, welche Entwicklungen im Bereich der Antriebstechnik in Zukunft anstehen und wie der Kohlendioxidausstoß bei Verbrennungsmotoren und im Getriebebereich dauerhaft reduziert werden kann. Die Keynotes befassten sich mit technischen Lösungen, die das gesamte Spektrum abdecken von konventioneller bis hin zu rein elektrisch betriebener Antriebstechnik.



Als einer der „besten Kongresse des Jahres“ in Graz wurde Anfang Juli 2017 der VBS Kongress 2016 mit dem Congress Award 2017 ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird seit 2009 von der Stadt verliehen und würdigt Veranstaltungen, die sich bei der Durchführung von Kongressen und Tagungen als Grazer Botschafter verdient gemacht haben. Dieser Kongress für Sehbehindertenpädagogik findet alle vier Jahre statt, veranstaltet vom Grazer Odilieninstitut für Menschen mit Sehbehinderung. 2016 stand die Veranstaltung unter dem Motto „Perspektiven im Dialog“ und lockte 660 Teilnehmer aus insgesamt 16 Nationen in die Karl-Franzens-Universität. Von Energie Graz wurde das Odilieninstitut mit zwei E-Bikes für rasche Einsätze im Stadtgebiet ausgestattet, außerdem erhielt es für einen Monat einen elektrobetriebenen Renault Twizy als Testfahrzeug. Im Winter sind Inversionswetterlagen, die eine höhere Feinstaubbelastung als in der Sommerzeit mit sich bringen können, für Graz eine Herausforderung. Die Forcierung der E-Mobilität steht daher hier hoch im Kurs, ebenso wie in der gesamten Steiermark.

„Die Stadt Graz bietet neben der Anmietung von Elektroautos auch öffentliche Ladesäulen und Gratis-Parkmöglichkeiten bei vorher ausgestellter Genehmigung. Ergänzend dazu sorgt die kombinierte E-Mobilität mit Bus, Bahn und Straßenbahn in der Landeshauptstadt als Location für eine gelungene umweltfreundliche Anreise zu Messen, Kongresse, Seminare und Events. Zudem sind in Graz auch E-Taxis zu finden, die einen ,grünen‘ Transport von A nach B ermöglichen“, erklärt Andrea Sajben, Leiterin von Steiermark Convention. Auch im Burgenland, ganz im Osten Österreichs gelegen, ist Elektromobilität stark im Kommen. In der Vila Vita Pannonia in Pamhagen sind die Teilnehmer dank Elektroautos und E-Bikes mobil. Dort stellt Energie Burgenland Elektrofahrzeuge nach dem Vorbild von „Car2Go“ an mehreren Orten bereit. Für einen geringen Beitrag sind die Autos rund um die Uhr verfügbar, die Delegierten kommen so flexibel zwischen Hotel und Tagungszentrum voran. Die Anreise aus der Ferne ist ins Burgenland am bequemsten auf der Schiene möglich: Innerhalb von einer Stunde und 40 Minuten erreicht die Bahn vom Flughafen Wien aus barrierefrei die Landeshauptstadt Eisenstadt. Im Seminarhotel Friedrichshof im Nordburgenland werden Gäste auch kostenfrei vom Bahnhof abgeholt. In Eisenstadt verkehren von Montag bis Samstag drei verschiedene Buslinien in regelmäßigem Intervall im Zentrum von Eisenstadt, um Tagungsteilnehmer zwischen Bahnhof, Hotels, Eventlocations und Sehenswürdigkeiten umweltfreundlich zu befördern. Spezielle Tarife für Tagungsgäste werden derzeit umgesetzt. Die Agentur Retter Events, Partner von Convention Burgenland, bietet auch Gourmetsafaris im amerikanischen Elektromobil Tesla an. Hierbei teilen sich vier Personen einen Tesla und folgen einem Roadbook, das zu Genussstationen navigiert, bei denen die Teilnehmer eine Führung mit Verkostung erwartet.



Das gibt es so wohl auch nur in den Alpen: Delegierte einer Verpackungsfirma, die aus der Region mit Bussen anreisen, ausschließlich Pinzgauer und Salzburger Spezialitäten aufgetischt bekommen, dazu traditionelle Trachten tragen. Dieser Anblick gibt im Hotel Gut Brandlhof im Salzburger Land bei Saalfelden ein durch und durch stimmiges Bild ab. Seine Milch bezieht das Hotel natürlich vom Bauern nebenan, das Fleisch vom lokalen Metzger. 80% des eigenen Wärmebedarfs deckt das Haus selbst ab, der Strom wird in einem Wasserkraftwerk der Salzburg AG direkt nebenan generiert. Der Direktor des Hotels Gut Brandlhof, Thomas Baliamis, sagt: „Der Trend geht in Richtung Nachhaltigkeit und ich bin der Meinung, dass alle dazu beitragen sollten. Unser nächster Schritt ist es, die Greenzertifizierung für den Brandlhof zu erhalten. Wir sind bereits in Kontakt mit dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und möchten zukünftig als 'Greentagungshotel' auftreten.“ Zu einem Seminar für innere Einkehr und bewusstes Leben, das seit längerer Zeit regelmäßig dreimal im Jahr mit je 100 Personen über die Dauer von zehn Tagen stattfindet, reisen die Teilnehmer hauptsächlich mit Bus und Bahn an. „Green Meetings“ sind hier wortwörtlich zu verstehen, denn Teambuildings werden im Grünen abgehalten, zur Bewusstseinsbildung dienen die Elemente der Natur. Als Getränk ausgeschenkt wird für die Gäste fast ausschließlich das Quellwasser, das der Brandlhof selbst fördert.

Zudem ist ein Autohersteller im Bereich der Corporate Events ein Stammgast im Hotel Gut Brandlhof, der voll auf Elektromobilität setzt. „Dies unterstützen wir sehr und haben beispielsweise vor zwei Jahren vier Elektro-Ladestationen errichtet“, sagt Lorena Noé-Nordberg, Assistant Sales & Marketing des Hauses. Eine weitere Autofirma hat auf der Wilderer Alm, die auf dem 450 Hektar großen Hotelgelände einschließlich 18- Loch-Golfplatz liegt und zum Verweilen mit Alpenfeeling einlädt, selbst gekocht. „Wir haben die regionalen Produkte bestellt und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben auf der Hütten den ganzen Tag geschnitten und gekocht“, erzählt Lorena Noé-Nordberg.  FRANK WEWODA
 

convention.austria.infowww.messecongress.atwww.mcg.atwww.hofburg.comwww.schladming-dachstein.atwww.avl.com/icpc
Gourmetsafaris im BMW i3 als „Genussmobil“ oder dem US-Elektroauto Tesla sind sehr gefragt.
Datenschutz