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SICHERHEIT

Je größer die Veranstaltung, desto höher die Auflagen

Die Loveparade-Katastrophe 2010 hat in der Eventbranche bei Veranstaltungs-, Besucher- und Arbeitssicherheit zu einem Umdenken geführt. Deutlich mehr Zeit und Mittel werden heute in die Sicherheit von Veranstaltungen investiert. Grundsätzliche Denkanstöße zum Thema geben in ihrem Gastbeitrag Olaf Jastrob, Sachverständiger und Fachplaner Besuchersicherheit, und Jana Domrose (M.Sc. Psychologie), wissenschaftliche Mitarbeiterin, Technische Unternehmensberatung Jastrob.

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er Prozess gegen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters beginnt noch Ende dieses Jahres. Doch wie konnte es überhaupt zu dieser Katastrophe kommen? Fakt ist, dass schon bei der Planung des Events bestimmte Sicherheitsmaßnahmen unterblieben und in der Planung fehlten. Um ähnliche Katastrophen zu vermeiden, sollten sich Betreiber, Veranstalter und weitere Verantwortliche im Vorfeld heutzutage systematisch mit der Sicherheit ihrer Veranstaltung auseinandersetzen.

Das Sicherheitsmanagement und die daraus abgeleitete korrekte Planung einer Veranstaltung sind sehr umfangreich. Fragen, die hierbei grundsätzlich beantwortet werden müssen, lauten: Wo soll und kann meine Veranstaltung stattfinden? Und, wenn der Veranstaltungsort feststeht, wie groß darf meine Veranstaltung werden, bzw. wie viele Besucher kann ich maximal einladen? Fällt meine Veranstaltung unter die Versammlungsstättenverordnung (z.B. MVStättVO, SBauVO)? Ist meine Veranstaltungs- bzw. Versammlungsstätte überhaupt als solche genehmigt?

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Olaf Jastrob ist gefragter Redner zu Veranstaltungs- und Besuchersicherheit, gerade seit der Katastrophe zur Duisburger Loveparade.
FOTOS: UNTERNEHMENSBERATUNG JASTROB)

Die letzte Frage sollten sich beispielsweise Unternehmer stellen, die in ihren Kantinen Firmenfeiern organisieren. Dann geht es weiter mit der Erstellung verschiedener Konzepte: Eine Gefährdungsbeurteilung sowie ein Sicherheitskonzept sollten für jede Veranstaltung vorliegen und sind ab einer gewissen Veranstaltungsgröße und bei Gefährdungen gesetzlich in der Versammlungsstättenverordnung vorgeschrieben. Das Vorhandensein dieser Dokumente – und sei es nur in geringem Umfang (z.B. bei kleineren Feiern) – liegen immer auch im Interesse der Verantwortlichen: Sie gewährleisten eine sichere Veranstaltung und sind, sollte doch mal etwas passieren, ein Nachweis der Sorgfaltspflicht des Betreibers und Veranstalters.

Weitere Konzepte, die bei mittleren und Großveranstaltungen vorliegen sollten, sind Brandschutzkonzepte sowie Notfall- bzw. Evakuierungskonzepte. Auch hierbei gilt: diese müssen nicht immer 50 Seiten lang sein. Wichtig ist, dass man sich grundsätzlich Gedanken über mögliche Szenarien und passende Maßnahmen macht und diese dokumentiert. Auch Verantwortlichkeiten, Aufgabenzuordnung und Unterweisungen sollten schriftlich festgehalten werden, damit es im Falle des Falles nicht heißt: „Das hab ich nicht gewusst!“

Auch die Personalanforderung wächst mit der Größe der Veranstaltung: Kann bei kleinen, relativ „ungefährlichen“ Veranstaltungen eine sachkundige aufsichtführende Person die Rolle des Verantwortlichen für Veranstaltungstechnik übernehmen, sind bei größeren Veranstaltungen mit höherem Gefährdungspotenzial Fachkräfte oder Meister für Veranstaltungstechnik erforderlich. Bei Großveranstaltungen oder Veranstaltungen mit erhöhter Brandgefahr muss zusätzlich eine Brandsicherheitswache eingerichtet werden, ebenso wie ein Sanitäts- und Rettungsdienst.

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Fragen von Veranstaltern zum Thema Sicherheit haben für Olaf Jastrob deutlich zugenommen.
FOTO: UNTERNEHMENSBERATUNG JASTROB

Natürlich werden auch Ordner benötigt, denen eine überaus wichtige Aufgabe zukommt. Denn im Notfall sind es oftmals Ordnungs- oder Sicherheitskräfte, die den Besuchern den Weg weisen müssen. Sie sind für eine geordnete Räumung der baulichen Anlage zuständig. Daher sollte gerade bei der Einstellung externen Personals, je nach Bedarf auf einen Sachkundenachweis oder eine Unterweisung gemäß §34a GewO geachtet werden oder auf Qualifikationen zum Evakuierungshelfer, Ersthelfer, o.Ä. Grundsätzlich sind die Veranstaltungen, bei denen im Vorfeld keine Gefährdungsbeurteilung und kein Sicherheitskonzept erstellt werden, als „kritisch“ zur bewerten. Bei Stadt- und Straßenfesten ist dies oftmals der Fall. Sie sind zwar oftmals grundsolide geplant, in sicherheitstechnischer Hinsicht jedoch häufig unzureichend durchdacht.

Auch bei Veranstaltungen in Unternehmen wie zum Beispiel Tagen der offenen Tür, muss man bei einem Blick hinter die Kulissen oft feststellen, dass Betreiber und Veranstalter mit dem Thema Sicherheit überfordert sind. Teils werden ungeschulte Mitarbeiter aus Marketing oder Unternehmenskommunikation mit der Planung und Beaufsichtigung der Veranstaltung beauftragt, ohne dass diese mit Gefahrenquellen oder Sicherheitsmaßnahmen vertraut sind. Aber auch kleinere Unternehmen und Vereine, die ihre Veranstaltungen ganz nach dem Motto „Hier ist doch noch nie etwas passiert!“ organisieren, bewegen sich auf sehr dünnem Eis.

FA. JASTROB

Die Technische Unternehmensberatung Jastrob, Geilenkirchen, ist als Sachverständigenbüro tätig und bietet u.a.: Beratungen und Schulungen zu Veranstaltungs-, Besucher- und Arbeitssicherheit, Leistungsspektrum Seminare und Unterweisungen, Veranstaltungsleitung, Aufsicht und Kontrolle, Event- und Baustellen- Koordination, Abnahme und Kontrolle, Begehungen, Sicherheitstechnischer Dienst, Beratung/Erstellung/Validierung von Notfall- und Krisenmanagement, Sicherheitskonzepte und Gefährdungsanalysen, Arbeits- und Gesundheitsschutz. 
www.jastrob.de

Trotzdem kann man erfreulicherweise feststellen, dass sich im Bereich „Besuchersicherheit“ bei Veranstaltungen in den letzten Jahren schon einiges getan hat. Mit dem Thema „Arbeitsschutz“ setzen sich Betreiber und Veranstalter hingegen oft zu wenig auseinander. Meist fehlt die Erfahrung, das Geld oder einfach das Bewusstsein, um einen systematischen Arbeitsschutzprozess bei der Veranstaltungsorganisation zu implementieren. Denn neben fehlender Arbeitsschutzexpertise oder Budget, ist häufig das grundsätzliche Bewusstsein für Arbeitsschutzfragen mangelhaft. Betreiber und Veranstalter haben oftmals keine detaillierten Kenntnisse über die geltenden Vorschriften oder rechtlichen Folgen fehlender Arbeitsschutzmaßnahmen.

Ungünstig ist auch, dass „Arbeitsschutz“ oftmals mit teuren technischen Maßnahmen assoziiert wird, dabei handelt es sich meist um einfache organisatorische Maßnahmen, mit denen man den größten Effekt erzielt. Neben einer strukturierten Gefährdungsbeurteilung und Schulung der Führungskräfte, sollte auf die Unterweisung der Mitarbeiter größter Wert gelegt werden. Diese gilt es natürlich zu dokumentieren. Außerdem sollten für Aufgaben mit hohem Gefährdungspotenzial, z.B. Arbeiten in entsprechender Höhe, nur entsprechend qualifizierte Mitarbeiter eingesetzt werden.

Für Betreiber ist wichtig zu verstehen, dass sie in besonderem Maße für die Sicherheit der Beteiligten und die Einhaltung der Vorschriften verantwortlich sind. Auch der Veranstalter hat eine Verkehrssicherungspflicht und kann im Schadensfall haftbar gemacht werden.

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Schon einfache organisatorische Maßnahmen können ein Mehr an Sicherheit bringen. Wie das geht, vermittelt das Team der Unternehmensberatung Jastrob, auch vor Ort.
FOTO: UNTERNEHMENSBERATUNG JASTROB

Daher sollten sich Betreiber, Veranstalter und weitere Verantwortliche mit relevanten Gesetzestexten und Vorschriften vertraut machen, im Einzelnen mit der Versammlungsstättenverordnung des jeweiligen Landes, aber auch dem Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), den Unfallverhütungsvorschriften (z.B. DGUV Vorschriften 1, 17 & 18) und z.T. dem Bundesgesetzbuch (BGB). Denn umfangreiche Kenntnisse zu Risiken und Maßnahmen sind unerlässlich, um die Sicherheit einer Veranstaltung gewährleisten und rechtskonform handeln zu können.

Entsprechende Schulungen (z.B. ZUP – Zertifizierte unterwiesene Person (Veranstaltungsleitung) und SAP – Sachkundige Aufsichtsperson in Versammlungsstätten) sind eine sinnvolle Ergänzung für Führungskräfte und werden u.a. in der A.V.B.- Akademie für Arbeitssicherheit, Veranstaltungssicherheit und Besuchersicherheit sowie beim TÜV Nord, TÜV Saar, Umweltinstitut Offenbach und Studieninstitut für Kommunikation angeboten.

Fazit: Auch wenn die tragischen Geschehnisse der Loveparade-Katastrophe in Duisburg 2010 heute noch erschüttern, haben sie mehr Bewusstsein für die Sicherheit bei (Groß-)Veranstaltungen geschaffen. Da die Veranstaltungsbranche stets mit neuen Herausforderungen konfrontiert wird, aber auch neue Lösungsansätze entwickelt, sollten sich Betreiber und Veranstalter sowie Event- und Veranstaltungsorganisatoren aus Unternehmen, Vereinen und öffentlichen Einrichtungen intensiv mit den Themen Veranstaltungs-, Besucher- und Arbeitssicherheit auseinandersetzen, auch wenn es sich nur um kleinere Veranstaltungen handelt. OLAF JASTROB UND JANA DOMROSE
 

Übersicht Vorschriften

Wichtige Vorschriften zur Planung und Durchführung von Veranstaltungen sind u.a. die (Muster-) Versammlungsstättenverordnung des Landes (z.B. MVStättVO, SBauVO), die Unfallverhütungsvorschriften (DGUV Vorschrift 1, DGUV Vorschrift 17 & 18), das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), das Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG), die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) und das Bundesgesetzbuch (BGB).
Der Veranstalter kann im Schadensfall haftbar gemacht werden.
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