Haltung gezeigt gegen G20-Gewalt Image 1

GIPFELBILANZ

Haltung gezeigt gegen G20-Gewalt

Das öffentliche Echo auf den G20-Gipfel in Hamburg war zwar vielfach negativ. Trotzdem betrachtet die Hamburger Veranstaltungsbranche den reibungslosen Ablauf des offiziellen Teils als Erfolg. Es bleibt Fassungslosigkeit über Sachbeschädigungen wie etwa Farbanschläge, die auch den Hauptsitz von PCO Interplan trafen. Die große Gegendemonstration 
„Hamburg zeigt Haltung“
 setzte mutige Zeichen.

Z
um allgemeinen Gewaltausbruch während des G20-Gipfels, der einen geschätzten Schaden von insgesamt zwölf Millionen Euro angerichtet hat und das Schanzenviertel am schwersten traf, „hat jeder seine ganz persönliche Meinung“, sagt Kirsten Knight, Geschäftsstellenleiterin von Interplan in Hamburg. „Ich persönlich stand mit absoluter Fassungslosigkeit vor diesen Bildern.“ Als Hamburger Bürgerin habe sie ausschließlich mit den gesperrten Straßen gut leben können.

„Welcome to Hell“ hatten die gewaltbereiten Protestierer ihre Demonstration am 6. Juli 2017 mit kriegerischem Unterton genannt. Die Agenda der Randale umfasste aber bereits in den Tagen vor der Veranstaltung zahlreiche Sachbeschädigungen. So bekannte sich eine Gruppe namens „Smash G20“ Ende Mai zu einer Attacke auf das Haus des Geschäftsführers der Messe, Bernd Aufderheide. Farbbeutel flogen auf die Fassade seines Privatanwesens in Hamburg-Altona.

Haltung gezeigt gegen G20-Gewalt Image 2

Doch selbst außerhalb der Hansestadt versuchten die Gegner gewalttätige Zeichen zu setzen. Kirsten Knight und Interplan in Hamburg hatten von der deutschen Bundesregierung den Auftrag über das Housing, die Unterbringung von 37 Delegationen erhalten. Den Münchner Hauptsitz des Professional Congress Organizer traf daraufhin ebenfalls ein Farbbeutelanschlag. Dazu fand sich ein Bekennerschreiben im Internet: „Wir haben in der Nacht vom 30. auf den 31.5.2017 die Fassaden der Firmen Interplan und Patrizia in München in der Landsberger Straße mit Farbe und Steinen umgestaltet. Mit dieser Aktion unterstützen wir die Mobilisierung gegen den G20-Gipfel im Juli in Hamburg.“ So berichten die Vandalen auf der Seite „Blackblogs.org“ mit zynischem Unterton, die sich als „Ressource für alle konfrontativen direkten Aktionen gegen Staat und Kapital“ versteht. Sachbeschädigungen werden hier als antikapitalistisches Statement glorifiziert. Der Betrieb der inhaltlich ähnlichen Webseite „linksunten. indymedia.org“ wurde nach dem G20-Gipfel durch das Innenministerium verboten.

Die Webseiten sind ein internationales Sammelbecken gewalttätiger linksradikaler Gruppen. Weiter schrieben die Bekenner zum Anschlag auf den PCO: „Die Firma Interplan bietet Logistikdienstleistungen für große Konferenzen und Messen an. Interplan hat den Auftrag ergattert, für den G20-Gipfel in Hamburg die Unterbringung der Staatsgäste und die Konferenzlogistik zu organisieren. Sie sind damit hinter den Kulissen ein Rädchen im Getriebe des Gipfel-Spektakels. Ihr Ziel ist ein reibungsloser Programmablauf. Unser Ziel ist es, den Gipfel massiv zu stören und als Bühne zu nutzen.“

Haltung gezeigt gegen G20-Gewalt Image 3
G20-Protest hatte in Hamburg viele friedliche Gesichter, während sich...
FOTO: CARL GEISLER, CC BY-SA 2.0

Die Interplan-Geschäftsführer Bruno Lichtinger und Dr. Markus Preußner waren „bestürzt“, Sorgen vor weiteren Attacken machten sich breit. Glücklicherweise kam es im Vorfeld jedoch zu keinen weiteren Zwischenfällen. Das Interplan-Büro in Hamburg wurde am Freitag während des Gipfels aber als Vorsichtsmaßnahme ganztägig geschlossen, die 21 Mitarbeiter reichten Urlaub ein oder arbeiteten daheim. Fachlich war der G20 für Kirsten Knight und ihr Team keine größere Herausforderung, es ging um 12.000 Übernachtungen mal drei. „Wir hatten für alle Fälle alle möglichen Lösungen parat“, versichert Knight. Zwei Vollzeitmitarbeiter waren je 300 Stunden mit dem Projekt beschäftigt.

Als außerordentlich und anders als sonst sind aber natürlich die Sicherheitsanforderungen und Rahmenbedingungen im Gedächtnis geblieben. Das Bundeskriminalamt war mit dem Innen- und Außenschutz der für G20 genutzten Hotels beschäftigt. Für die Unterbringung stand dem PCO so nur ein begrenztes Zimmerkontingent zur Verfügung, zum Beispiel statt 200 Zimmer nur 170. Grund: „Der Rest war von BKA-Beamten belegt, die sich für ihre Belange direkt mit den Delegationen abstimmten“, erzählt Knight.

An der Spitze jeder Delegation steht bei G20 naturgemäß ein „Head of State“, ob nun Kanzlerin, Minister- oder Staatspräsident. Denen gebührt entsprechend der Hierarchie eine herausgehobene Zimmerkategorie. „Es gibt gar nicht so viele Fünf-Sterne-Hotels mit Präsidentensuites in Hamburg“, bemerkt dazu Knight. Die ursprüngliche Ausschreibung der Bundesregierung, bei der die Wahl auf Interplan gefallen war, hatte sich auf die OSZE-Tagung am 8. und 9. Dezember bezogen. Damals kamen 1.300 Diplomaten aus 57 Staaten zusammen. Interplan bestand die Nagelprobe und erhielt den Folgeauftrag für den G20-Gipfel. Dabei ging es um mehr als 6.500 Delegierte aus 19 Staaten plus Vertreter der Europäischen Union. Darunter waren auch Teilnehmer aus 14 internationalen Delegationen wie Uno, Weltbank und Afrikanischer Union. „Natürlich war der Stab der involvierten Delegationsmitglieder viel größer als bei der OSZE-Tagung", erklärt die Interplan-Geschäftsstellenleiterin.

Haltung gezeigt gegen G20-Gewalt Image 4
... Wasserwerfer am größten Polizeieinsatz in Hamburg seit Ende des Kriegs beteiligten.
FOTO: G20 JOUWATCH, CC BY-SA 2.0

Dazu kam noch der Pressetrubel. „Die Anfragen bezüglich Herrn Trump ließen die Telefondrähte glühen“, so Kirsten Knight.“ Ob wir wissen, wer wo schläft, wollten zudem viele Journalisten wissen. Daneben berichtet sie über „Grauzonen in der Berichterstattung“, Zeitungsenten gar: „Ein Hotelblatt hat geschrieben, dass wir die Raten vorgegeben hätten. Das ist falsch.“ Es wurden keine Preisabsprachen getroffen oder Vorgaben gemacht, wer wie viel berechnet, betont Knight. Vielmehr sei dies die freie Entscheidung der Hotels gewesen.

Die Veranstaltungswirtschaft nehme G20 natürlich anders wahr als die Öffentlichkeit, in der das Gipfeltreffen mittlerweile hoch umstritten sei. Für das eigene Image kann Knight der Großveranstaltung so trotzdem viel Positives abgewinnen. Die Logistik rund um die Hotels sowie die An- und Abreise der hohen Gäste verlief reibungslos und wie geplant. Eine Interplan-Mitarbeiterin erhielt sogar ein persönliches Geschenk direkt aus dem Weißen Haus. Es handelt sich um einen Briefbeschwerer, eine Art Glaskugel mit dem amerikanischen Adler als Hoheitszeichen, überreicht von der amerikanischen Delegation, offiziell sogar „presented by the President of the United States“, wie es in der Inschrift heißt. Zur Unterbringung des US-Präsidenten Trump hatten sich die Medien im Vorfeld mit Spekulationen überschlagen. Wahr an der Berichterstattung sei am Ende ohne Zweifel nur die Tatsache gewesen, dass Trump im Gästehaus des Senats übernachtet habe, wie Kirsten Knight erklärt. Vor dem Gipfel hatten Medien unter anderem berichtet, Trump schlafe in Berlin und werde täglich eingeflogen. „Das wurde an uns nie offiziell herangetragen. Wir wurden nie aufgefordert in Berlin zu suchen. Ich kann aber immer nur für uns sprechen." Was Präsident Trump inoffiziell plant und gelegentlich auf Twitter auch ohne Abstimmung mit seinem Stab verkündet, bleibt nicht nur für Interplan ein Buch mit sieben Siegeln.

„KEINEN IMAGESCHADEN ERLITTEN“

FOTO: HAMBURG CONVENTION BUREAU
FOTO: HAMBURG CONVENTION BUREAU
Michael Otremba, Geschäftsführer Hamburg Convention Bureau (HCB), über die Wirkung des Gipfels auf die Meetingbranche.

tw:Wird die Negativberichterstattung während des G20-Gipfels Ihrer Erfahrung nach zum Thema bei Ihren Kunden oder Interessenten?
Michael Otremba:
Direkt nach dem Gipfel haben wir im HCB einige wenige Anfragen bezüglich der Vorfälle in Hamburg bekommen. Die Bedenken konnten wir komplett ausräumen und wir haben keinerlei Veranstaltungsabsagen zu verzeichnen.

Was überwiegt nun – hat Hamburg als Veranstaltungsstandort einen Imageschaden erlitten oder ist die organisatorisch reibungslose Durchführung das Entscheidende?
Hamburg hat keinen Imageschaden erlitten. Weder als Veranstaltungsdestination noch als attraktives Reiseziel oder als eine Stadt, die für ihre hohe Lebensqualität bekannt ist und geschätzt wird. Die Perspektiven für Hamburg als auch für die gesamte Hamburger Tourismuswirtschaft sind weiterhin positiv und die Anziehungskraft auf Besucher aus dem In- und Ausland ist weiterhin hoch. Der Meetingstandort Hamburg hat eine untereinander sehr gut vernetzte und gemeinsam arbeitende MICE-Branche. Der G20-Gipfel wurde hochprofessionell durchgeführt. Und das wird bei den Veranstaltungsplanern im Gedächtnis bleiben: Hamburg ist eine exzellente Option für die Durchführung von Tagungen und Kongressen.

Sie sagten im Vorfeld des G20, es biete sich die Chance, „die Vorzüge der Stadt sichtbar zu machen“. Inwiefern ist dies gelungen?
Unser Wunsch wäre gewesen, dass die vielen positiven Aktionen und Bilder die Gipfel-Berichterstattung deutlicher geprägt hätten. Tausende Menschen haben bunt und friedlich demonstriert, die Hamburgerinnen und Hamburger, die in der Stadt leben, sind nach dem Gipfel auf die Straßen gegangen und haben gemeinsam aufgeräumt. Sie haben auch damit zum Ausdruck gebracht, wofür unsere Stadt wirklich steht und was uns ausmacht. 
INTERVIEW: FRANK WEWODA


„Hamburg hat keinen Imageschaden erlitten“, ist Michael Otremba überzeugt, der Geschäftsführer des Hamburg Convention Bureau. Das positive und deutliche Signal an PCOs und Veranstalter aus der guten Organisation und Durchführung laute: „Hamburg kann Großkongresse“. Otremba weiter: „Auf diesem Level hat die Hamburger MICE-Branche mit der Lions Convention 2013 bereits einmal ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt und die Rotary International Convention 2019 wird die nächste große Möglichkeit, unsere Stadt weltweit als leistungsstarke Meetingdestination zu positionieren.“ Die Dimensionen sind dann allerdings etwas kleiner. Für den G20- Gipfel bis zum 13. Juli 2017 war das gesamte Messegelände „gut vier Wochen lang belegt“ laut Hamburg Messe und Congress.

Alle Sicherheitsmaßnahmen verschlangen nach Angaben der Bundesregierung rund 32 Millionen Euro an Steuergeldern. Das half Bürgermeister Olaf Scholz wenig, der nach dem G20-Gipfel massiv in die Kritik geriet. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt sagte er, die Herausforderung sei vorab klar gewesen. Der größte Polizeieinsatz in der Nachkriegsgeschichte Hamburgs war die Konsequenz daraus. Kräfte aus ganz Deutschland, des Bundes und aus dem benachbarten Ausland wurden in Hamburg zusammengezogen. Scholz: „Angesichts von 20.000 Einsatzkräften sind wir fest davon ausgegangen, dass wir die Sicherheit gewährleisten können. Trotzdem ist das nicht gelungen, das ist sehr bedrückend.“ Später bekannte er sogar: „Das ist meine schwerste Stunde.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich angesichts der schweren Krawalle am Ende schockiert. „Was ich gesehen habe, erschüttert mich, das macht mich fassungslos“, sagte Steinmeier am Sonntag bei einem Besuch in der Hansestadt. Ein solches Ausmaß an Gewalt auf Demonstrationen habe Deutschland in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Einige seien mit „Rücksichtslosigkeit und maßloser Zerstörungswut“ vorgegangen. Steinmeier betonte, die Polizisten hätten das Recht auf Versammlungsfreiheit geschützt. Der Bundespräsident verteidigte zudem die Organisation solcher Gipfeltreffen in Deutschland: „Ein demokratisch gefestigtes Land wie Deutschland sollte auch das Selbstbewusstsein haben und sagen: Jawohl, solche Konferenzen müssen nicht nur sein, sondern wenn sie ein müssen, dann können sie auch bei uns stattfinden, und wir werden das garantieren.“



Der Hamburger Messechef Bernd Aufderheide meinte: „Es war ein Kraftakt, das Gelände und die Hallen für den Gipfel herzurichten. Doch das hat sich gelohnt. Es sind beeindruckende Räume und eine erstklassige Infrastruktur für einen reibungslosen Ablauf geschaffen worden.“ Auf die politische Signalwirkung des organisatorischen Erfolgs hob Aufderheide ebenso wie Steinmeier ab: „Es haben sich Staats- und Regierungschefs im Herzen unserer Stadt treffen können. Und es konnten Menschen friedlich und ohne Angst gegen dieses Treffen protestieren. Beides ist in der aktuellen weltpolitischen Situation ein besonders wichtiges Bekenntnis zu einer freiheitlichen, demokratischen Lebensform. Dieses Signal ist von Hamburg ausgegangen.“ Aufderheide hätte sich gewünscht, dass „letztlich nicht einige wenige gewalttätige Kriminelle die Berichterstattung dominieren. Es gab in Hamburg so viele friedliche, phantasievolle und sicher auch inhaltsreichere Proteste, die viel zu wenig wahrgenommen wurden.“ Dazu zählte die Großdemonstration „Hamburg zeigt Haltung“ (siehe Interview mit Initiator Thorsten Kausch, S.76). Die Unterstützer von „Hamburg zeigt Haltung“ stellten sich nicht grundsätzlich gegen den G20-Gipfel, sondern gegen einzelne teilnehmende Regierungschefs: „Ich denke dabei an die Herren Putin und Erdogan, aber auch an die Präsidenten Xi und Trump und an den Vertreter des saudischen Regimes. Sie alle stehen für eine Haltung, die wir inakzeptabel finden und nicht schweigend hinnehmen wollen“, sagte die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs. Damit sprach sie vielen aus dem Herzen. FRANK WEWODA
 

www.hamburgzeigthaltung.dewww.hamburg.de/g20-gipfelwww.hamburg-messe.dewww.interplan.de
„Wir haben in der Nacht [...] die Fassaden der Firmen Interplan und Patrizia in München in der Landsberger Straße mit Farbe und Steinen umgestaltet.“
Bekennerschreiben, Blackblogs.org
Interplan-Mitarbeiter erhielt als Dank ein Geschenk aus dem Weißen Haus, „presented by the President“.
Datenschutz