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INTERVIEW

„Ein guter Kongress muss über den Tag hinaus wirken“

Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, über Zweck und Nutzen von Stiftungen, den hohen Wert direkter Begegnung und warum gesellschaftliche Radikalisierung auch Stiftungen gefährdet.

tw: Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse beim Deutschen Stiftungstag 2017 in Osnabrück vom 17. bis 19. Mai?
Felix Oldenburg:
Als größer Stiftungskonkress Europas ist die Veranstaltung eine wichtige Plattform für Stiftungen und Partner, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Neben den Veranstaltungen zum Thema Bildung stand in diesem Jahr insbesondere das Thema „Kapital & Wirkung“ im Mittelpunkt. Stiftungen beschäftigt die Frage, wie sie im aktuellen Umfeld aus ihrem Kapital möglichst gute Erträge und Wirkung erzielen können. Es freut mich zu sehen, dass viele Stiftungen durch die Vorträge und Gespräche auf dem Stiftungstag neu über diese Frage nachdenken und konkrete Handlungsideen für ihren Stiftungsalltag mit nach Hause genommen haben. Genau das muss ein erfolgreicher Kongress leisten: Er muss weit über den Tag der Veranstaltung hinaus wirken.

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Felix Oldenburg (Mitte) schätzt interaktive Formate wie Diskussionen in der Fishbowl, hier in Osnabrück.
FOTO: BUNDESVERBAND DEUTSCHER STIFTUNGEN

Sie vertreten mehr als 21.000 Stiftungen in Deutschland. Wozu brauchen wir Stiftungen, fühlen sie sich angemessen wahrgenommen in der Öffentlichkeit?
Stiftungen sind wichtiger Motor unserer Zivilgesellschaft. Sie bündeln Engagement, geben neuen Ideen Raum, fördern wichtige soziale Projekte und Institutionen in fast jedem denkbaren gesellschaftlichen Feld. Deutschland ist das stiftungsreichste Land Europas – allein im vergangenen Jahr sind über 500 neue Stiftungen hinzugekommen. Daran erkennt man: Bürgerinnen und Bürgern ist Beteiligung und Mitgestaltung ein Anliegen. Den Wert der Arbeit der Stiftungen sollten wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, denn wir sehen an Entwicklungen im Ausland deutlich, dass dieses Engagement keine Selbstverständlichkeit ist.

Stiftungen sollen voneinander und miteinander lernen, hieß es in einer Absichtserklärung vor dem Deutschen Stiftungstag in Osnabrück. Welche Programmpunkte und welche Formate waren dafür besonders nützlich?
Wir haben eine ganze Reihe von Formaten, die dazu anregen miteinander ins Gespräch zu kommen: Fragerunden nach den Veranstaltungen, ausgiebige Pausen mit vielen Gesprächsgelegenheiten, einen begehbaren Erlebnisraum Bildung, Fishbowl- Diskussionen, Lunchmeetings und die neue Reihe Stiftungstag vor Ort, mit interaktiven Veranstaltungen außerhalb des Konferenzgebäudes. Beim kommenden Stiftungstag zum Thema „Digitale Gesellschaft“ in Nürnberg werden wir noch stärker auf Formate dieser Art setzen.

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FOTO: BUNDESVERBAND DEUTSCHER STIFTUNGEN

Wie wichtig sind Veranstaltungen im Zuge der Digitalisierung für Stiftungen überhaupt noch, welche Ziele und Anliegen der Stiftungen sind durch Veranstaltungen am besten zu erreichen?
Digitale Formate ergänzen Veranstaltung wie den Deutschen Stiftungstag, können jedoch den Wert und die Besonderheit eines physischen Treffens nicht ersetzen. Gerade im persönlichen Austausch können Erfahrungen und Ideen effektiv vermittelt werden. Stiftungstage und Treffen bleiben daher wichtig. Wir glauben aber auch, dass es eine kluge Verbindung beider Dimensionen braucht. Digitale Formate helfen uns, zu jeder Zeit und an jedem Ort, Stiftungen einzubinden und zu beteiligen. So starteten wir beispielsweise erst kürzlich unseren neuen „StiftungsBlog“ oder das digitale Videoformat #30Minuten.

Welche Projekte und Ziele haben Sie sich als Dachverband vorgenommen für die kommenden Jahre?
Natürlich beschäftigen uns Megatrends und globale Entwicklungen wie die Digitalisierung, der demografische Wandel, die Veränderungen in der Arbeitswelt oder der Klimawandel. Viele Stiftungen sind nah an diesen Themen dran und der Verband versteht sich hier als Vermittler und Übersetzer für die gesamte Stiftungsszene. Uns beschäftigen aber auch die veränderten finanziellen Rahmenbedingungen für das Stiftungshandeln. Gerade kleinere und mittlere Stiftungen stehen in Zeiten niedriger Zinsen vor neuen Herausforderungen. Wir sind aber überzeugt, dass durch kluges und zeitgemäßes Vermögensmanagement Stiftungen auch diese Entwicklung meistern werden.



Europäische Stiftungen haben sich mit der Warschauer Erklärung für die Zivilgesellschaft stark gemacht. Wie und warum kam es dazu, wie war das Echo auf die Erklärung?

Europas Zivilgesellschaft gerät zunehmend unter Druck. In einer wachsenden Zahl europäischer Länder, unter anderem in Polen, Ungarn und der Türkei, wird die Arbeit von NGOs, Stiftungen, akademischen Institutionen und der freien Presse auf Grund politischer Radikalisierung und Polarisierung zunehmend eingeschränkt. Wir sehen Handlungsbedarf in dieser Situation. Im Rahmen der 28. European Foundation Center Konferenz präsentieren führende europäische Stiftungen daher die Warschauer Erklärung und machen sich für die Zivilgesellschaft und europäische Grundfreiheiten stark. Unter dem Dach der neu initiierten „Philantropic Alliance for Solidarity and Democracy in Europe“ soll ein gemeinsamer Solidaritätsfonds eingerichtet werden, der mit finanziellen und ideellen Ressourcen bedrohte zivilgesellschaftliche Akteure unterstützt und somit ihre Arbeit und Unabhängigkeit sichert. Darüber hinaus intensivieren die Stiftungen den Austausch untereinander.

Wie viele Tagungen und Kongresse veranstaltet der Bundesverband Deutscher Stiftungen selbst 2017?
Neben den großen Veranstaltungen, wie dem Deutschen Stiftungstag oder dem Hildesheimer Tag des Stiftungsmanagements organisiert der Verband über 100 Einzelveranstaltungen im Jahr. Neben Vorträgen, Aktionstagen und regionalen Stiftungstagen sind dies insbesondere die Treffen unserer Arbeits- und Expertenkreise. Insgesamt haben wir 24 dieser thematisch aufgestellten Kreise. INTERVIEW: FRANK WEWODA
 
„Ein Solidaritätsfonds soll bedrohte zivilgesellschaftliche Akteure in europäischen Ländern unterstützen.“
Felix Oldenburg
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