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SCHWEIZ

„Stakeholder für Nachhaltigkeit“

In Zürich rückt die Eröffnung des Megaprojekts „The Circle“ näher, in dessen Schatten bereitet das Kongresshaus Zürich seine klimaneutrale Wiedereröffnung vor. Klimaneutral wollen auch das Weltwirtschaftsforum werden und die Tschuggen Hotel Group.

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m kommenden Jahr ist es endlich so weit, „The Circle“ wird eröffnen. Das Multifunktionszentrum am Flughafen Zürich wird ab Mitte des nächsten Jahres in Etappen bezogen. Am 1. September 2020 eröffnen ein Großteil der Brand Houses und Restaurants sowie das Hotel Hyatt Regency Zurich Airport The Circle und ein Convention Centre. Das neu entstehende Kongresszentrum liegt nur wenige Schritte von den Terminalgebäuden entfernt und verfügt über mehr als 3.000 qm Veranstaltungsfläche. Als Gesamtprojektleiter Beat Prahud das größte Hochbauprojekt des Landes dem Schweizer Fernsehen vorstellt, erklärt er, dass er besonders stolz sei auf die Kongresshalle, auch als „Kathedrale“ bezeichnet: „Das Herzstück von The Circle ist die große Konferenzhalle innerhalb des Konferenzzentrums. In der Halle haben 1.500 Leute Platz, im gesamten Zentrum 2.500 Personen.“ Der Verbau der eigens für die „Kathedrale“ angefertigten Betonstreben sei ein „recht komplexer Prozess“ gewesen, sagt Prahut mit schweizerischer Zurückhaltung. Denn „recht komplex“ mutet das gesamte Projekt besonders dann an, wenn man sich vor Augen hält, dass The Circle mit seinen 180.000 qm Bruttogeschossfläche auf lediglich 30.000 qm Gesamtfläche entsteht. The Circle ist ein Milliarden-Projekt, täglich wird hier eine Million Schweizer Franken verbaut.

Neben dem Kongresszentrum und Hotels entstehen ein ambulantes Gesundheitszentrum des Universitätsspitals Zürich, Fitnessstudios, eine Kindertagesstätte, 6.500 Arbeitsplätze und Büros von Uhrenhersteller Omega, Raiffeisen oder Microsoft.
                 
             
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Am Flughafen Zürich entsteht das Multifunktionszentrum The Circle samt Convention Centre.
FOTO: THE CIRCLE

Und mit „Spaces“ öffnet das größte Co-Working- Büro der Schweiz: „Wir wollen Co-Working für alle in der Schweiz zugänglich machen und Menschen aus allen Regionen verbinden”, erklärt Martijn Roordink. Dafür sei die Infrastruktur am Flughafen natürlich prädestiniert. Sein Konzept erläutert der CEO in einem Satz: „Wir bieten Menschen Raum, die anders arbeiten wollen.“ Anders arbeiten lässt es sich auch mit dem Zürcher Startup Westhive, das die Plattform im Modul „Education & Knowledge“ betreiben wird. Dieses Modul bietet 3.000 qm für Bildungsangebote. Mittelpunkt ist der „MindHub“, ein multifunktionaler Raum für Seminare, Tagungen und Workshops.

In Zürich bahnt sich aber nicht nur die The- Circle-Eröffnung an, auch das Kongresshaus Zürich wird im Frühling 2021 wiedereröffnet. Umbaumaßnahmen sollen das Kongresshaus zugänglicher, übersichtlicher und flexibler nutzbar machen, auf 5.300 qm Veranstaltungsfläche wird es über 20 unterteilbare Säle, Räume und Foyers mit bis zu 4.500 Sitzplätzen geben. Der Kongresssaal kommt mit Foyer auf 1.627 Sitze bei Theaterbestuhlung. Für Umbau und Instandsetzung sind planmäßig 174,4 Millionen Franken veranschlagt. Nach der Wiedereröffnung wird das Veranstaltungszentrum vollständig klimaneutral agieren. Die entsprechende Zertifizierung von Climate Partner Switzerland wurde im Sommer 2019 erteilt: „Mit jährlich aktualisierten Carbon Footprints verfügen wir über ein Werkzeug, um signifikante Vermeidungs- und Reduktionspotentiale zu identifizieren und die Effektivität von Klimaschutzmaßnahmen im Zeitverlauf zu verfolgen. Zum Beispiel beziehen wir 70 % des Wärme- und Kältebedarfs durch die hauseigene Seewasserzentrale aus dem nebenan liegenden Zürichsee“, sagt Roger Büchel, Direktor des Kongresshaus Zürich. Die Umsetzung klimaneutraler Maßnahmen umfasst mehrere Ansätze: Den größten Effekt erreicht das Kongresshaus Zürich im laufenden Betrieb mit einem entsprechenden Catering-Konzept. Dazu gehört das Verwenden regionaler und saisonaler Produkte und ein ideenreiches Angebot vegetarischer und veganer Küche. Die zentrale Lage ist außerdem eines der größten klimarelevanten Kriterien: Die Anreise innerhalb der Stadt Zürich kann zu Fuß oder mit dem ÖPNV erfolgen.
               

Auch die Schweizer Tschuggen Hotel Group ist ab 2019 komplett CO2-neutral. Gemeinsam mit der Stiftung „myclimate“ wurden bereits zahlreiche Maßnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes eingeleitet. „Unsere Hotels befinden sich inmitten von beeindruckenden Naturkulissen und wir teilen die Überzeugung, dass der Klimawandel und der Schutz der Umwelt die wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit sind“, erklärt Dr. Götz Bechtolsheimer von der Besitzerfamilie der Tschuggen Hotel Group. „Mit dem Bau des Valsana konnten wir zeigen, wie ein Vier-Sterne-Hotel ohne fossile Brennstoffe, auch im tiefsten Bergwinter auf 1.800 Metern, beheizt werden kann.“

Die Tschuggen Hotel Group hat für das Jahr 2018 erstmalig die CO2-Emissionen der gesamten Hotelgruppe berechnen lassen und daraufhin Maßnahmen eingeleitet, um den jährlichen CO2-Ausstoss drastisch zu minimieren, primär in der Optimierung und innovativen Modernisierung von Heiz- und Energiesystemen. Zudem werden Wärmetauscher für Lüftungen und Abwasser eingesetzt, Strom aus alpiner Wasserkraft verwendet, und die Küchenabfälle gehen an Produzenten von Biogas-Treibstoffen. „Uns ist bewusst, dass ein komplett CO2-freier Betrieb in der Luxushotellerie noch nicht möglich ist, und wir noch lange nicht am Ziel sind. Trotzdem wollen wir unseren Beitrag leisten und zusätzlich zu den reduzierenden Maßnahmen unseren Ausstoß kompensieren“, so Götz Bechtolsheimer weiter. Für die Kompensation wird die Tschuggen Hotel Group ein Hochmoor im Naturschutzgebiet Tourbières des Ponts-de-Martel bei Neuchâtel renaturieren und das Virunga Berggorilla-Projekt im Volcanoes Nationalpark in Ruanda unterstützen. „Alle Gäste, die unsere Überzeugung teilen und sich ebenfalls engagieren möchten, erhalten die Möglichkeit, ihre An- und Abreise zu kompensieren“, so Götz Bechtolsheimer.

Wenn von 21. bis 24. Januar 2020 in Davos wieder Wissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsexperten zum Weltwirtschaftsforum zusammenkommen, dürfte der klimaneutrale Ansatz des Kongresshaus Zürich und der Tschuggen Hotel Group auf hohe Zustimmung treffen. Das Motto 2020: Stakeholders for a Cohesive and Sustainable World. Die Konferenz wird 3.000 Teilnehmer aus der ganzen Welt vereinen und darauf abzielen, dem „Stakeholder- Kapitalismus“ konkrete Bedeutung zu verleihen, Regierungen und internationale Institutionen bei der Verfolgung der Fortschritte auf dem Weg zum Pariser Abkommen und zu den Zielen der nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen. „People are revolting against the economic ‘elites’ they believe have betrayed them, and our efforts to keep global warming limited to 1.5°C are falling dangerously short“, sagt Prof. Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzende des Treffens. Die kommende Ausgabe Weltwirtschaftsforums, 2018 mit dem IS0 20121-Standard für nachhaltige Veranstaltungen zertifiziert, soll ebenfalls völlig klimaneutral ausgerichtet werden, indem sie durch die Veranstaltung verursachten Emissionen reduziert, berechnet und kompensiert.
                  

Eine klimaneutrale Ausgabe des Weltwirtschaftsforums mutet als gewaltiges Projekt an, ähnlich gewaltig ist das geplante „Olma Neuland“ der Genossenschaft Olma Messen St.Gallen. Dahinter verbirgt sich ein Großprojekt zur Modernisierung des Messegeländes. Die heutige Halle 1 soll durch eine neue Halle ersetzt werden. Im Februar 2018 hat der Kantonsrat dem Kredit von 12 Mio. Schweizer Franken zugestimmt. Der positive Volksentscheid im Monat darauf über einen städtischen Kredit von 18 Mio. Schweizer Franken unterstreicht mit einem Ja-Anteil von 72 % die Identifikation der St.Galler Bevölkerung mit den Olma Messen St.Gallen. „Das deutliche Ja zum Olma Neuland ist ein großer Vertrauensbeweis“, freut sich Nicolo Paganini, Direktor der Olma Messen St.Gallen „Die klare politische Zustimmung ist für uns ebenso klare Verpflichtung und Auftrag, uns weiter mit voller Kraft für die Wettbewerbsfähigkeit der Messe- und Kongressstadt St.Gallen einzusetzen.“ Paganini ist zuversichtlich, dass die Olma Messen von 2022 bis 2024 die neue Halle erstellen können.

Etwas weiter sind derzeit die Mövenpick Hotels mit ihrem Haus in Basel. Die Baloise Group hat entschieden mit der Schweizer Hotelgruppe als Exklusivpartnerin die detaillierte Projekt- und Planungsphase für das neue Hotel am Aeschengraben durchzuführen. Eröffnung wird 2020 sein. Das Mövenpick Hotel Basel wird über insgesamt 264 große Zimmer und Suiten verfügen. Das Hotel erhält eine Tagungsfläche von 1.800 qm mit 20 unterschiedlichen Räumen. Der 500 qm große Ballsaal mit einer sieben Meter hohen Decke wird Platz für bis zu 600 Personen bieten.
                 
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Auch das Weltwirtschaftsforum hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben und kompensiert für die Ausgabe 2020 die entstehenden Emissionen komplett.
FOTO: WEF, FARUK PINJO

In Lausanne eröffnet ebenfalls 2020 mit dem Millennium Center ein ähnliches Multifunktionszentrum wie am Züricher Flughafen. Der zwölfstöckige Neubau wird 1.500 Arbeitsplätze auf 40.000 qm haben, Restaurants eine Kunstgalerie und ein exklusives Theater mit 500 Plätzen und einen separaten Ballsaal sowie weiteren Konferenzräumen mit bis zu 50 Sitzplätzen und großen digitalen Displays.

An Neueröffnungen kommen hinzu das Art House Basel, das Grace Hotel St. Moritz, das Radisson Blu Genf oder die Vaudoise Arena in Lausanne. Jede Menge Neues zu entdecken. Wie sich diese ganzen neuen Locations am besten bespielen lassen, lernen Veranstaltungsplaner derzeit auf einem Educational Trip rund um den Bodensee. Das Thema: „Grenzenloses Eventdesign“. Dabei erarbeiten die Teilnehmer anhand des Forschungsprojekts „Future Meeting Space“ gemeinsam mit Vertretern des Fraunhofer IAO, wie Veranstaltungen der Zukunft gestaltet werden können. Schaut man nach Zürich oder Davos könnte durchaus Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielen.
CHRISTIAN FUNK
             
www.thecircle.ch/dewww.kongresshaus.chwww.weforum.orghttps://olma-neuland.chhttps://tschuggenhotelgroup.ch/de
Das Kongresshaus Zürich wird nach der Wiedereröffnung vollständig klimaneutral agieren.
In Lausanne eröffnet 2020 mit dem Millennium Center ebenfalls ein Multifunktionszentrum.
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