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VERANSTALTUNGSSICHERHEIT

Sicherheitskonzept: Wer hilft bei der Erstellung?

Sicherheitsexperte Roland G. Meier beschreibt im fünften Teil seiner Serie, wie man sicherstellt, ob ein externer Dienstleister tatsächlich über die notwendige Qualifikation und Erfahrung verfügt, um ein tragfähiges Sicherheitskonzept zu erstellen.

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enn Sie meine bisherigen Artikel dieser Serie aufmerksam gelesen haben, ist Ihnen ja klar, dass es sicher nicht oder zumindest nicht sicher funktionieren wird, sich an diesen Informationen und Tipps hier entlangzuhangeln, in dem Glauben, das Ergebnis wäre dann so etwas wie ein Sicherheitskonzept für Ihre Veranstaltung. Allerdings – und darauf bin ich schon im ersten Teil der Serie eingegangen – könnten Sie genau dies trotzdem einfach so handhaben. Denn – wir erinnern uns – weder ist bisher irgendwo rechtlich verbindlich festgelegt, was oder wie ein Sicherheitskonzept exakt sein muss, noch welche Mindestqualifikationen oder Erfahrung ein Anbieter bzw. Ersteller von Sicherheitskonzepten dafür benötigt. Das heißt, grundsätzlich darf jeder – unabhängig von Wissen und Erfahrung – für sich und andere Sicherheitskonzepte erstellen. Und von der oberflächlichen Wahrnehmung her, „passiert ja sowieso nie etwas“, denn wir leben in einem Land, das insgesamt ein recht hohes Sicherheitsniveau hat.

Dadurch passieren zum Glück – und oft nur deswegen – relativ wenig größere Unfälle oder Schadensereignisse, die ein Umdenken einleiten könnten. Spätestens nach dem Massenunfall auf der Loveparade 2010 mit 21 Toten und um die 600 zum Teil schwer Verletzten in Duisburg setzte bei vielen Verantwortlichen vorübergehend eine umfassende Verunsicherung ein. Dies betraf zunächst vor allem Veranstalter, Dienstleister und Behördenvertreter zu gleichen Teilen – denn diese drei Gruppen standen ja nun in Duisburg öffentlich am Pranger.

Die einen, leider die Minderheit, zogen daraus die Konsequenzen und nahmen das Thema Veranstaltungs- und Besuchersicherheit in seiner ganzen Bandbreite seitdem tatsächlich ernster – etliche überreagierten dabei auch und forderten entweder „absolute Sicherheit“ oder sagten ihre Veranstaltungen ab. Manche bildeten sich fort oder suchten zumindest nach überprüfbar qualifizierten und erfahrenen Dienstleistern. Der überwiegende Rest zuckte mehr oder minder mit den Schultern – teils aus Gleichgültigkeit, die Mehrheit wohl aus schlichter Überforderung angesichts der unübersichtlichen Situation. Ich habe in den Monaten und Jahren nach dem Sommer 2010 in vielen Beratungsgesprächen und auf Ortsbegehungen das „Argument“ zu hören bekommen, was ich da jetzt eigentlich alles will, mit meinen Notausgängen und Räumungsszenarien und Crowd Management – man habe ja schließlich keinen Tunnel (wie am Unfallort in Duisburg).
                       
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Standortbesprechung: Hier wird gerade ein Sicherheitskonzept an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) besprochen. In der Veranstaltungspraxis ist bislang weder rechtlich verbindlich festgelegt, was oder wie ein Sicherheitskonzept exakt sein muss, noch welche Mindestqualifikationen oder Erfahrung ein Anbieter bzw. Ersteller von Sicherheitskonzepten dafür benötigt.
FOTO: LAUSITZ NEWS, TONI LEHDER, VIA IMAGO-IMAGES.DE

Und außerdem sei bei ihnen ja sowas noch nie passiert… Gleichzeitig versuchten in dieser Situation noch mehr Glücksritter als es ohnehin schon gab, diesen „Markt“ gewinnbringend für sich zu erschließen. Dabei kamen diese ganzen neuen Anbieter aus den vielfältigsten Berufen, die oft nicht einmal am Rande mit Veranstaltungssicherheit zu tun hatten. Das Ergebnis ist bis heute, dass vor dieser unübersichtlichen Rechts- und Sachlage eigentlich jedem irgendetwas verkauft werden kann und leider auch wird, sobald ein Anbieter glaubt, zumindest ein wenig mehr zu wissen als sein potentieller Kunde. In der Regel ist dann leider die einzige wirklich gute Leistung an den Angeboten deren geschickte Vermarktung.

Eine weitere Folge dieser Entwicklung ist, dass gefühlt täglich neue, teure Kurse mit selbst erfundenen Zertifikaten für wohlklingende Fantasie-Titel im Bereich der Veranstaltungs- und Besuchersicherheit hinzukommen. Da bieten mitunter Schüler eines Kurses kurz darauf selbst Kurse an – im schlimmsten Falle sogar noch mit den geklauten Folien der Ausbildern, die ihnen das Thema kurz zuvor überhaupt erstmalig erläutert hatten. Das größte Übel ist auch hier, dass den potenziellen Teilnehmern alles versprochen wird, was sie hören wollen, ohne auch nur im Ansatz zu beachten, wer eigentlich rechtlich wofür verantwortlich ist und wofür eben gerade nicht. Da wird dann schon mal behauptet, der Verantwortliche für Veranstaltungstechnik sei für den Brandschutz der gesamten Versammlungsstätte verantwortlich (nicht nur der technischen Einrichtungen, wie es in den Versammlungsstättenverordnungen der Länder und der MVStättVO festgelegt ist) oder ein Meister für Veranstaltungstechnik wird zum „Crowd Manager“ erklärt, obgleich er für die Besuchersicherheit und Räumung überhaupt nicht zuständig ist, oder sogar dreist gelogen, indem Anbieter in betrügerischer Manier behaupten, ihre Kurse wären gesetzlich vorgeschrieben.

Angeboten werden beispielsweise Kurse, die zwischen fünf und 15 Tagen dauern. Teilnehmerkreis sind in der Regel alle, die bereit sind, die Preise von knapp 2.000 bis zu 7.000 Euro je Person zu bezahlen. Zugangsvoraussetzungen oder gar Leistungsfeststellungsprüfungen gibt es hingegen selten oder nie und wenn, dann fast nur auf dem Papier. Dafür wird aber viel Wert auf wohlklingende Abschluss- Zertifikate – mal mit, mal ohne Hochschulkooperation – gelegt, die nichts über die Qualität der Inhalte oder der Referenten der Kurse aussagen. Da ist es dann auch fast logisch bzw. nachvollziehbar, dass immer alle Teilnehmer die Prüfungen – sofern vorhanden – bestehen. Man könnte es auch einfacher „gekaufte Titel“ nennen.
   


Zu allem Überfluss steigt auch laufend die Zahl der selbsternannten „Sachverständigen“ (mit und ohne bezahlte Mitgliedschaft in Verbänden, die den Sachverstand auch nicht prüfen können), denn so darf sich jeder nennen, der glaubt, einen über den Durchschnitt hinausreichenden Sachverstand in einem Fachgebiet zu besitzen – mich selbst eingeschlossen. Auf der anderen Seite können Kunden und Behörden nur selten oder nie im Vorfeld die angegebenen Qualifikationen, geschweige deren Inhalte und Hintergrund überprüfen, sonst müssten sie ja niemand externen beauftragen.

Was fangen wir nun mit dieser frustrierenden Situation an? Eine Grundregel vorweg: Beginnen Sie mit der Auswahl geeigneter Dienstleister für diesen sensiblen Bereich in Ihrem Planungsprozess so früh wie nur möglich. Sie bringen sich selbst somit nicht unter Zugzwang „aus der (Zeit-) Not“ heraus den nächstbesten Anbieter nehmen zu müssen, der vielleicht der Nächste, selten aber auch zugleich der Beste für Ihre Anforderungen und Ihre Veranstaltung ist. Außerdem benötigt allein die Erstellung eines ordentlichen Sicherheitskonzeptes mit ganzheitlichem Anspruch (von mir definiert als „Ziel, im Rahmen des jeweiligen Auftrages eine umfassende, schlüssige und tragfähige Konzeption zu erstellen“) nach der Beauftragung samt allen Abstimmungsprozessen, Genehmigungsverfahren und der Umsetzung der erarbeiteten Maßnahmen mehrere Monate. Machen Sie Stichproben und fragen Sie zum Beispiel einmal die Verantwortlichen des für den Veranstaltungsordnungsdienst angefragten Sicherheitsunternehmens, welche Aufgaben sie denn nach Baurecht (kleiner Tipp: § 40 VStättVO oder § 37 BetrVO Berlin oder § 43 SBau-VO NRW usw.) haben und lassen Sie sich deren Allgemeine Dienstanweisung vorlegen – sie werden häufig überrascht sein, dass die „erfahrenen Unternehmen im Veranstaltungsschutz“ von diesen gesetzlich verpflichtenden Grundlagen ihrer Arbeit gerade das erste Mal hören.

Vergeben Sie die Aufträge für die Erstellung eines Ordnungsdienstkonzeptes (oder ein Sicherheitskonzept, in dem dies enthalten ist) und für die Durchführung mit Personal bitte nie an ein und dasselbe Unternehmen. Sie laufen sonst Gefahr, entweder zu wenig Security-Personal im Einsatz zu haben, weil der Ersteller des Konzeptes gerade nicht mehr aufbieten kann, oder aber völlig überbesetzt zu sein, weil der Anbieter seine Sicherheitsmitarbeiter noch in einem bezahlten Auftrag unterbringen muss und dann fehlt Ihnen das Budget dafür an anderer Stelle.
           
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Kameraüberwachung und Wegeleitung auf dem Karneval der Kulturen in Berlin. Ein Sicherheitskonzept für Veranstaltungen hat viele Bestandteile.
FOTO: A. FRIEDICHS, VIA IMAGO-IMAGES.DE

Wenn Sie selbst Interesse an Fortbildungen haben, dann sehen Sie sich bitte ganz genau die Inhalte des Kurses an und prüfen Sie, ob diese zu Ihrer Rolle, also Ihren Aufgaben und Verantwortlichkeiten passt oder Ihnen viel mehr aufgebürdet werden soll, als notwendig ist und sie damit höchstens in neue oder zusätzliche Haftungsrisiken geraten. Prüfen Sie ebenso die Reputation und Erfahrungen der Referentinnen und Referenten nach. Verlassen Sie sich dabei bitte nicht nur auf die Selbstdarstellung der auf deren Webseiten – Bits & Bytes sind noch geduldiger als Papier.

Wenn Sie nun Dienstleister für die Erstellung und Begleitung der Umsetzung für ihr Sicherheitskonzept suchen, fragen Sie möglichst früh im Vorfeld möglichst viele Anbieter, die für Sie in Frage kommen, an und lassen Sie sich genau erklären, wie der Ablauf der Konzepterstellung aussehen wird. Klingt das für Sie schlüssig und passt zu Ihren Abläufen und Ihrer Veranstaltung? Das ist tatsächlich wichtiger als ein Preisunterschied von ein paar hundert oder – je nach Umfang des Auftrages – wenigen tausend Euro. Weiter gilt hier im Prinzip genau das Gleiche, wie vorstehend zu den Kursreferenten empfohlen. Holen Sie sich möglichst mehrere unabhängige Meinungen, z. B. von neutralen Dachverbänden der Veranstaltungswirtschaft wie der IGVW, Fachverbänden wie dem Bundesverband Veranstaltungssicherheit oder nachweislichen Fachleuten Ihres Vertrauens über die Anbieter ein.

Lassen Sie sich dabei bitte niemals von den wohlklingenden Titeln blenden! Achten Sie bei der Auswahl entsprechender Dienstleister für die Prüfung, Erstellung und Umsetzung von Sicherheitskonzepten stattdessen besonders auf einschlägige Erfahrungen mit Veranstaltungen vergleichbarer Art und Komplexität und lassen Sie sich entsprechende überprüfbare Referenzen nachweisen, bei denen sie auch nachfragen dürfen.
             

ZUM AUTOR

Roland G. Meier ist seit 1989 in verschiedensten Bereichen der Veranstaltungs- und Sicherheitsbranche tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Beratung insbesondere für Groß- und Risikoveranstaltungen sowie für komplexe Versammlungsstätten und die Sicherheitsforschung. Als Geschäftsführer der VDS GmbH – Veranstaltung, Dienstleistung, Sicherheit in München berät Meier Unternehmen, Behörden, Kommunen, Betreiber und Veranstalter und erstellt oder prüft für diese Sicherheitskonzepte, deren Umsetzung er in der Regel vor Ort begleitet oder koordiniert und bietet Vorträge, Seminare und Workshops dazu an. Er ist seit 2009 Freier Sachverständiger für Veranstaltungssicherheit und seit Gründung des Bundesverbandes Veranstaltungssicherheit 2013 dessen Erster Vorsitzender. www.bvvs.org

Ich habe schon auf der Webseite eines Sicherheitsunternehmens gesehen, man hätte beim Kirchentag „Personenschutz“ für den Papst gemacht – und daneben ein Foto, das den Mitarbeiter der Firma beim Bewachen eines Bauzaun-Notausganges auf dem Campinggelände zeigt, im Hintergrund in ca. zwei km Entfernung die Altarbühne des katholischen Oberhauptes. „Close Protection“ geht anders. Und schließlich: Klar gibt es Verschwiegenheitsklauseln und der Datenschutz ist zu beachten – aber wer behauptet, alle seine Kunden nicht nennen zu dürfen, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schlicht keine.

Lassen Sie sich von den in Frage kommenden Anbietern Nachweise für regelmäßig laufende eigene Fortbildungen im angefragten Aufgabenbereich vorweisen und versuchen Sie, auch deren Qualität abzuschätzen. Achten Sie auf positive Berichte und negative Berichte von neutraler Seite. Und achten Sie darauf, dass die „Chemie“ zwischen dem beauftragten Dienstleister und Ihnen bzw. Ihrem Team stimmt, sonst kann später bei Meinungsverschiedenheiten oder in der heißen Phase der Umsetzung schnell die Stimmung kippen und nicht selten das ganze Projekt – und damit die Sicherheit Ihrer Veranstaltung – gefährden.

Und zum Abschluss dieses vorletzten Teils quasi eine Bitte in eigener Sache: Bringen Sie sich in die Branche ein, verringern Sie Ihre Unsicherheiten und Fragen, indem Sie sich beteiligen und selbst schlau machen. Häufig sind hier einzelne Seminare oder Webinare von nachweislich qualifizierten Anbietern zu Ihren speziellen Fragen oder Themen zielführender als ein riesiger Kurs über Wochen, der Sie mehrere tausend Euro kostet. In jedem Fall gilt: Je mehr Sie selbst über die Veranstaltungssicherheit lernen, desto weniger kann Ihnen ein angelernter Sicherheitskonzeptersteller ein X für ein U vormachen, wie es so schön heißt.

Lesen Sie zum Abschluss dieser Serie in der nächsten Ausgabe:

 Wie setze ich ein Sicherheitskonzept so um, dass es mir im Falle des Falles auch tatsächlich hilft.
ROLAND G.MEIER
Grundsätzlich dürfte jeder unabhängig von Qualifikationen Sicherheitskonzepte erstellen.
Vergeben Sie die Aufträge für die Konzept- Erstellung und für die Durchführung nicht an das gleiche Unternehmen.

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