Wir brauchen den Austausch. Dringend! Image 1

INTERVIEW

Wir brauchen den Austausch. Dringend!

Dr. Ralf Schulze, Geschäftsführer der C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren, über die aktuelle Stimmung in Chemnitz, das Konzert „Wir sind mehr“, die Angst vor „dem Fremden“ und dem Versuch, „den europäischen Gedanken der Offenheit bei noch mehr Menschen zu verankern“.

tw tagungswirtschaft: Ende August kam es nach einer tödlichen Messerstecherei am Rande des Chemnitzers Stadtfests zu gewalttätigen Ausschreitungen rechtsextremer Gruppen in Chemnitz. Wie haben Sie persönlich die besagten Vorkommnisse erlebt?
Dr. Ralf Schulze: Noch am Samstagabend war ich mit meiner Familie auf dem Chemnitzer Stadtfest beim Konzert von Namika. Es war sehr entspannt, sehr angenehm. Am Sonntagnachmittag kam dann der Schock durch den Mord in der Nacht zuvor und durch die Absage des restlichen Stadtfestes. Negatives Highlight war für mich persönlich der Aufmarsch von diversen rechten Gruppierungen in der Innenstadt am Montag danach. So etwas hatte ich in dieser Größenordnung und aggressiven Stimmung leider auch noch nicht erlebt.

Googelt man „Chemnitz“, lautet der erste Vorschlag „Chemnitz Gewalt“. Wie kann es gelingen, wieder ein positives Bild der Stadt Chemnitz nach außen zu zeichnen?
Die ist sicher eine längere Geschichte. Chemnitz ist ja grundsätzlich eine sehr liebenswerte und angenehme Stadt. Ich habe vorher auch in Städten wie Los Angeles, London und München gewohnt. Trotzdem, oder vielleicht grade deshalb, fühle ich mich mit meiner Familie seit mehr als 15 Jahren persönlich sehr wohl in dieser Stadt. Wir können nur gemeinsam versuchen, mit vielen positiven Nachrichten und – insbesondere natürlich in unserer Branche – hervorragenden Veranstaltungen das Image von Chemnitz schrittweise zu verbessern. Wir hatten auch in den letzten 15 Jahren meiner Tätigkeit unwahrscheinlich viele positive Rückmeldungen unserer Gäste, die durch ihren Besuch vor Ort ihr eventuell negatives Image der Stadt komplett umdrehen konnten.

Wir brauchen den Austausch. Dringend! Image 2
FOTO: C3 CHEMNITZER VERANSTALTUNGSZENTREN

DR. RALF SCHULZE...

... ist Geschäftsführer der C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, durch Veranstaltungen die Attraktivität der Stadt Chemnitz als Wirtschaftstandort und lebenswerte Stadt zu steigern. Vor dem aktuellen Hintergrund kommt geplanten Veranstaltungen zum Austausch und Bürgerdialog eine wesentliche Rolle dabei zu, das Bild der Stadt nach außen zu verbessern.

Können Sie uns eine Einschätzung geben, was sich bei vielen Chemnitzern in den vergangenen Jahren angestaut hat?
Zunächst muss man noch einmal darauf hinweisen, dass viele der Teilnehmer nicht aus Chemnitz kamen, sondern auch aus angrenzenden Bundesländern. Was sich angestaut hat, ist meiner Meinung nach die Angst vor „dem Fremden.“ Ausländische Mitbürger bestimmen erst seit 2015 wesentlich stärker das Stadtbild. Vorher hatte man eine sehr geringe Ausländerquote. Vieles davon ist aber leider eine diffuse, subjektive Angst vor dem Fremden, die sich nicht deckt mit meinen persönlichen Erfahrungen.

Wie ist die aktuelle Stimmung in der Stadt?
Das Konzert „Wir sind mehr“ hat natürlich ein sehr deutliches Zeichen gesetzt. Klar gab es hier auch viel Unterstützung von Teilnehmern von außerhalb. Aber meine Beobachtung ist auch, dass es eine breite bürgerliche Mitte gibt, die mit den gewalttätigen und rassistischen Demonstrationen überhaupt nichts anfangen kann und die sich definitiv davon abgrenzt. Viele Initiativen haben sich in den letzten Wochen geformt, die unter anderem zum Ausdruck bringen möchten, dass „Chemnitz weder grau noch braun“ ist.


Gibt Ihnen der Bewerbungsprozess zur Kulturhauptstadt Europas 2025 Anlass zur Hoffnung, ein weltoffeneres Klima in Chemnitz zu erzeugen und eine entsprechende Botschaft auch nach außen zu senden?
Ja, die Hoffnung gibt es auf jeden Fall. Wahrscheinlich braucht keine Großstadt in Deutschland den Titel und den Prozess der Kulturhauptstadtbewerbung so sehr wie Chemnitz. Die Vorfälle haben definitiv das Bewusstsein dafür geschärft, dass wir in der Stadt noch einiges machen müssen, um den europäischen Gedanken der Offenheit bei noch mehr Menschen zu verankern.

Was muss geschehen, um etwaige Ressentiments in Chemnitz beseitigen zu können?
Wir experimentieren in den letzten Wochen intensiv mit diversen Diskussionsformaten. Öffentlichen Austausch und Bürgerbeteiligung hat es zwar vorher auch schon gegeben, aber nun ist er dringender. Neben den Formaten wie Open Space, Fish Bowl oder World Café ist für mich der wichtigste Faktor der persönliche Austausch von Teilnehmer zu Teilnehmer. Von Mensch zu Mensch. Nur im persönlichen Gespräch kann ich erkennen, dass mein Gegenüber – egal ob Ausländer, oder eher rechts eingestellt – im Zweifel mehr mit mir gemeinsam hat, als das was uns vielleicht äußerlich trennt.

Welchen Beitrag kann die Meetingindustrie dazu leisten?
Die Meetingindustrie ist in der Lage, diesen Formaten nicht nur eine räumliche Heimat zu bieten. Wir haben auch die Möglichkeit unsere Kunden zu beraten, mit welchen Tools und welchen Formaten ich den inspirierenden Austausch unsere Teilnehmer besser voran bringen kann als mit einer klassischen „Frontalbespaßung.“ Im EVVC und GCB haben wir ja in den letzten Jahren viel mit den Formaten experimentiert. Wir sollten den Mut und die methodische Kompetenz haben, auch unsere Kunden in diese Richtung zu ermutigen.

Die Osnabrückhalle setzt im Zuge der Vorfälle in Chemnitz mit der Veranstaltung „Wir machen was!“ ein Zeichen für Toleranz. Welches Zeichen wird die Chemnitzer Tagungsbranche setzen?
Wir sind mitten im Prozess, die eben genannten Formate anzuwenden. Bundespolitiker aller Couleur geben sich in Chemnitz gerade die Klinke in die Hand. Das Thema der Kulturhaupstadtbewerbung wird intensiv diskutiert. Nach den diversen größeren und kleineren Konzerten geht es nun darum, in einer konkreten und ehrlichen Diskussion die verschiedenen Interessensgruppen zum offenen Austausch zu bewegen. Auch für mich persönlich waren das neue Erfahrungen – in den Austausch mit Menschen zu treten, mit denen ich vorher wenig Kommunikation hatte, wenig Werte geteilt habe.



Waren Sie beim „Wir sind mehr!“-Konzert am 3. September mit Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet und den Toten Hosen beteiligt?
Ja, wir als C3 haben an dem Tag die Pressekonferenz und den Backstage-Bereich in der Chemnitzer Stadthalle organisiert. Neben den Künstlern haben sich dankenswerterweise auch unzählige Künstler- Manager, Labels, Agenturen, Konzertveranstalter, Dienstleister, Techniker und viele mehr mit eingebracht. Wir hatten noch nie einen so perfekt organisierten Backstage-Bereich. Kraftklub hat das Konzert ja buchstäblich innerhalb von fünf Tagen auf die Beine gestellt. Letztlich herrschte eine so friedliche und besondere Festivalatmosphäre in der Stadt, die ich wohl nie vergessen werde.

Welche Auswirkungen sehen Sie für den Tagungsstandort – gerade aus internationaler Sicht?
Der internationale Tagungsmarkt hat in Chemnitz noch keine große Rolle gespielt. Hierzu fehlt uns leider der Flughafen und die zentrale Lage. National haben wir nun die Aufmerksamkeit, die wir als Standort lange gesucht haben. Leider nicht positiv besetzt. Wir werden in den nächsten Jahren sicherlich daran gemessen, wie wir mit dieser erhöhten Aufmerksamkeit der Politik umgehen können und welche Zeichen wir gerade auch im Veranstaltungsbereich als Gastgeber setzen können.

Gab es eigentlich Stornierungen?
Nein bisher noch nicht. Wir hatten in der Woche danach gleich einmal 2.500 Finanzbeamte aus ganz Deutschland zu Gast. Die haben zwar besorgt angefragt, sind letztlich aber alle gekommen und hatten eine sehr gute Zeit. Auch der American-Football-Club aus Berlin, der sein Spiel absagte, hat dies mittlerweile friedlich nachgeholt.

Wie wichtig sind Werte wie Toleranz und Offenheit für die Tagungsbranche?
Natürlich unendlich wichtig. Ich durfte selber mehr als zehn Jahre meines Lebens in den USA, England und Südamerika leben. Ich war immer überrascht und dankbar, wie viel Gastfreundschaft und Respekt mir als Deutschem entgegen gebracht wurde. Entsprechend ist es für mich selbstverständlich und geradezu ein Grundbedürfnis, dass wir dies auch an unsere Gäste weitergeben. Meine Kollegen und ich sind sehr gerne Gastgeber aus vollem Herzen.  CHRISTIAN FUNK
 

C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren

Die C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren GmbH bietet mit ihren vier Locations Messe Chemnitz, Stadthalle Chemnitz, Wasserschloß Klaffenbach und dem Stadion Chemnitz ein breites Spektrum verschiedenster Veranstaltungsstätten mit individuellem Charakter. Das Unternehmen ist eine eigenständige Tochtergesellschaft der Stadt Chemnitz und beschäftigt rund 55 festangestellte Mitarbeiter. Jährlich finden hier über 850 Veranstaltungen mit rund 550.000 Besuchern statt, darunter Konzerte, Shows, Messen, Kongresse, Tagungen, Bälle, Firmenveranstaltungen, Open Air Events und TV-Produktionen. Gäste und Veranstalter profitieren von höchsten Standards und dem größtmöglichen Service aus einer Hand. www.c3-chemnitz.de
„Wahrscheinlich braucht keine Großstadt in Deutschland den Titel und den Prozess der Kulturhauptstadt- Bewerbung so sehr wie Chemnitz.“
Dr. Ralf Schulze, Geschäftsführer der C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren
„Wir können nur gemeinsam versuchen, mit vielen positiven Nachrichten und – insbesondere natürlich in unserer Branche – hervorragenden Veranstaltungen das Image von Chemnitz schrittweise zu verbessern.“
Dr. Ralf Schulze, Geschäftsführer der C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren
Datenschutz