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INTERNATIONAL TOURISM SECURITY SUMMIT

“The Elephant in the Room“

Der International Tourism Security Summit setzt sich mit der Sicherheit für Reisende auseinander. Beteiligte Politiker und Sicherheitsexperten der Konferenz sind sich einig: Es gilt, besser auf Katastrophenszenarien vorbereitet zu sein und eine Toolbox für Destinationen zu entwickeln, um damit umgehen zu können.

„D
ie Reise- und Tourismusbranche thematisiert Sicherheit nur während einer Krise und nutzt Konzepte in erster Linie zur Aufarbeitung und zur Wiederherstellung des Images. Quasi zur Rehabilitation.“ Als Yossi Fatael, Head of Israel Incoming Tour Operators Organization, am 8. Oktober 2018 zur Eröffnung des ersten International Tourism Security Summits spricht, kommt er gleich zum Punkt, weswegen sich rund 200 Politiker, Sicherheitsexperten, Veranstalter und Vertreter verschiedener Destinationen in Jerusalem versammelt haben: „Wir müssen den ,elephant in the room‘, den jeder ignoriert, endlich in unsere Planungen miteinbeziehen”, sagt Fatael. Sicherheit sei einer der drei wichtigsten Punkte, den Reisende beachten, daher gehöre das Thema viel stärker auf die allgemeine Agenda der Geschäftsreise- und Tourismusbranche. „Die Branche muss geeignete Tools und Konzepte entwickeln.”

Ilanit Melchior, Director of Tourism der Jerusalem Development Authority, ist die Initiatorin und treibende Kraft hinter dem Summit. „Bestimmte Destinationen leiden schlicht und ergreifend unter Terrorismus. Wir alle, die hier versammelt sind, müssen eng zusammenarbeiten und einen internationalen Austausch vorantreiben, damit wir im Ernstfall besser vorbereitet sind und lernen, besser mit dem Thema umgehen können“, erklärt sie. Dass die Konferenz in Jerusalem stattfindet, ist kein Zufall. „Jerusalem hat früher unter einem sehr negativen Image gelitten“, so Melchior. Während etwa 2002 nur rund 860.000 Besucher nach Jerusalem gekommen seien, waren es bis Oktober 2018 bereits 3,6 Mio. Menschen. „Wir mussten in der Vergangenheit lernen, wie man mit Bedrohungen und Terror umgeht“, beschreibt sie die Erfahrungen Jerusalems als touristische Destination.

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Thema der Konferenz: Wie sollte die Reiseindustrie in „turbulenten Zeiten“ agieren?
FOTO: ITSS, SHLOMI MIZRAHI

Melchior, die schon seit Jahren Destinationen nach Terroranschlägen – wie beispielsweise Brüssel – berät, betont, wie wichtig es sei, mit Notfallplänen auf katastrophale Ereignisse vorbereitet zu sein. „Gleichzeitig ist es unausweichlich, ein Krisenmanagement zu entwickeln.“ Um als Stadt in einer Krise Ruhe und „Normalität“ verbreiten zu können, sei es keine Option, Veranstaltungen abzusagen. „Nach der Terrorattacke am Rande des Jerusalem- Marathons 2011 haben wir keine Sekunde gezweifelt, den Lauf stattfinden zu lassen. Eine Absage wäre einer Niederlage gleichgekommen.“ Es sei auch wichtig, eine gewisse Widerstandsfähigkeit zu demonstrieren, indem man sofort zur Routine zurückkehre, improvisierte Gedenkstätten am Ort des Angriffs nicht zuließe und zwar eine Polizei-, jedoch keine Militärpräsenz zeige.

Auf der zweitägigen Konferenz berichten Vertreter von Städten und Organisationen, wie sie mit den unterschiedlichsten Krisensituationen umgegangen sind. Régis Faure (Director of Tourism) und Philippe Leclerc (Head of the Security and Safety Department) listen Maßnahmen auf, die im Palais des Festivals et des Congrés in Cannes im Zuge des Anschlags in Nizza 2016 vorgenommen wurden: Von der engen Zusammenarbeit mit städtischen Behörden und Notdiensten, über regelmäßige Sicherheitstrainings des Personals und die Erarbeitung eines Kommunalplans zur Prävention von Terrorattacken bis hin zu umfangreichen Risikoanalysen vor jeder Veranstaltung im Kongresszentrum.

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Ilanit Melchior ist die Initiatorin und treibende Kraft hinter dem Summit.
FOTO: ITSS, SHLOMI MIZRAHI

Michael Goldsmith, VP of Marketing der Las Vegas Convention and Visitors Authority, berichtet über die Kommunikationsstrategie der Destination nach dem verheerenden Amoklauf mit 58 Toten und 851 Verletzten, nachdem ein Einzeltäter aus einem Hotelzimmer auf die Besucher eines Musik- Festivals geschossen hatte. Und Dozentin Keiko Nishimoto von der Kyoto University spricht über das schwierige Jahr 2011, als Kyoto von einem Erdbeben, einem Tsunami und den Auswirkungen der Nuklearkatastrophe im rund 100 Kilometer entfernten Fukushima heimgesucht wurde. Damals stand die Ausrichtung der Jahreskonferenz der International Society on Thrombosis and Haemostasis (ISTH) auf der Kippe. Dank enger Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Behörden und einer umfassenden Informationsarbeit gegenüber Veranstalter, Besuchern und Dienstleistern – „die gesamte Kommunikation mit allen Stakeholdern der Veranstaltung belief sich am Ende auf über 40.000 Nachrichten!“ – habe die Veranstaltung mit 4.000 Besuchern letztlich doch in Kyoto stattfinden können.

„Kommunikation ist der Schlüssel“, weiß auch Dan Rivlin, CEO des Professional Congress Organizers Kenes Group, der rund um den Globus Veranstaltungen betreut und durchführt: „Benachrichtigungen über den aktuellen Stand der Dinge sind für Besucher das A und O. Ansonsten fühlen sie sich alleine gelassen. Behörden müssen der Nachrichtenübermittlung für Touristen höchste Priorität beimessen.“ Er berichtet von Erfahrungen mit Gruppen während der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, dem Zugunglück von Madrid im Jahr 2004, der Aschewolke von 2010 über Europa, dem Fukushima-Reaktorunfall 2011 und dem Putschversuch 2016 in der Türkei. „Katastrophen finden die ganze Zeit statt", sagt Rivlin, und darauf könne man sich kaum adäquat vorbereiten. Aber man müsse aktuelle Informationen unbedingt einfordern, um seinen Kunden den bestmöglichen Kenntnisstand über Entwicklungen und möglichen Konsequenzen mitteilen zu können.



Isabel Hill, Director of the National Travel and Tourism Office, U.S. Department of Commerce, weiß, dass die Aufrechterhaltung und Gewährleistung der Sicherheit der Bürger und Touristen für viele Destinationen in den vergangenen Jahren komplizierter geworden ist. „Wir sollten eine aktivere Rolle spielen, um die Sicherheit unserer Nationen, Besucher und unserer Industrie zu gewährleisten.“ Als Maßnahme stellt sie das neue „U.S. Biometric Entry/ Exit Program” vor, das mit automatischer Gesichtserkennung arbeitet.

Die Konferenz ist geprägt vom Erfahrungsaustausch der Referenten und Zuhörer. Einig ist man sich über die Bedeutung einer konsequenten Kommunikations- Strategie und einer engen Zusammenarbeit mit Behörden, Notdiensten und Sicherheitsdienstleistern. Ein wenig Ratlosigkeit herrscht bei der Frage danach, wie man sich als Destination auf Terroranschläge oder Umweltkatastrophen vorbereiten kann. Ilhanit Melchior regt die Einrichtung eines internationalen Forums an, einen runden Tisch zu schaffen, der dem Austausch von Ideen, Bedenken, Wissen und Informationen dienen soll. „Die Tourismusbranche muss zusammen am Tisch sitzen. Wir wollen eine formelle Organisation gründen, die über die Bedürfnisse der Tourismusbranche nachdenkt“, sagt sie, „und entscheiden, was getan werden kann.“


Dass etwas getan werden muss, darüber herrschen auf der Konferenz keine zwei Meinungen, wohl aber darüber, wie sich ein solches Forum inhaltlich ausrichten sollte. Denn Vertreter wie Rolf Freitag, CEO von IPK International oder Hans Lagerweij, President der Safer Tourism Foundation, sehen vielmehr ein Wahrnehmungs- als ein Sicherheitsproblem. „Die Bedrohung durch Terror ist nicht so groß wie gefühlt“, sagt Rolf Freitag. 2017 seien auf der Welt 440.000 Menschen durch Mord ums Leben gekommen. „Durch Terror waren es aber nur etwa 34.000 Menschen. Und die Hälfte davon Terroristen“, so Freitag. Sein Unternehmen befragt zweimal jährlich 500.000 Menschen über ihr Reiseverhalten und kann mit interessanten Zahlen aufwarten: 37% aller Reisenden fürchten sich vor Terroranschlägen – allerdings seien nur 0,000001 Prozent aller Reisenden Opfer davon. Und Hans Lagerweij fügt wenig später hinzu: „Das größte Sicherheitsrisiko für Touristen sind Swimmingpools!“ Der Tenor: Man müsse nicht verstärkt an der Sicherheit für die Touristen arbeiten, sondern an der Wahrnehmung der Reisenden. Die gefühlte Sicherheit ist nach Meinung der Experten genauso wichtig wie die tatsächliche Sicherheit – auch diesen „Elephant in the room“ kann man nicht ignorieren.  CHRISTIAN FUNK
 

www.tourismsafety.orgwww.jda.gov.il/english.aspx
"The industry must develop a dedicated toolbox."
Yossi Fatael,
Israel Incoming Tour Operators Organization
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