„KI kann Events besser machen“ Image 1

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ (KI)

„KI kann Events besser machen“

Am Thema scheiden sich die Geister. Eine Expertenrunde von Xing Events hat KI nun als eine der wichtigsten Zukunftstechnologien für Veranstaltungen identifiziert. Der Bitkom fordert Investitionen und SAP beruft gar einen Ethikrat zum Thema.

D
ie Fähigkeiten, die man Künstlicher Intelligenz (KI) inzwischen zuschreibt, sind beachtlich. Da liest man Berichte, dass der Onlineversandhändler Amazon eine Software entwickelt hat, die mit Hilfe von KI eingehende Bewerbungen beurteilt und die geeignetsten Kandidaten auswählt. Ein anderes Beispiel ist das COMPAS-System, das amerikanische Richter bei der Entscheidungsfindung über Freiheit oder Verurteilung unterstützen soll. Dieser „COMPAS“ (Correctional Offender Management Profiling for Alternative Sanctions) ist ein Algorithmus, der auf Basis von 137 Merkmalen errechnet, ob Straftäter rückfällig werden oder nicht. Und an Beispiele wie Chatbots, selbstfahrende Autos oder digitale Assistenten haben wir uns schon längst gewöhnt. Wenn man jetzt aber wiederum erfährt, dass Amazon die besagte KI nicht mehr nutzt, weil sie versehentlich November|2018 25 Frauen benachteiligt und der COMPAS-Algorithmus schwarze Amerikaner diskriminiert, sind Zweifel angebracht. Ist Künstliche Intelligenz überhaupt moralisch vertretbar. Hat KI nicht ihre Grenzen? Ist es Fluch, Segen, beides oder nur ein Hype?

„Künstliche Intelligenz wird entweder das Beste sein, was der Menschheit jemals widerfahren ist – oder das Schlimmste“, sagte die inzwischen verstorbene Physikerlegende Stephen Hawking in seinem Grußwort auf dem Web Summit 2017 in Lissabon. Einer, der Vorteile von KI vor allem für Veranstaltungen sieht, ist Frank Thelen, bekannt als Investor aus der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“. „Das Stichwort ist Personalisierung. Der Teilnehmer wird in Zukunft noch viel stärker auf seine Bedürfnisse achten und mit Hilfe von intelligenten Services das Angebot vorsortieren, auch im Veranstaltungsmarkt“, sagt er. KI könne dabei helfen, Nutzerdaten besser auswerten zu können, um mit Hilfe von Algorithmen das eigene Angebot spezifisch zuzuschneiden. Das sei auch ein Grund, warum er in die auf KI basierende Event- Management-Plattform „Doo“ investiert. Das ist ein selbstlernendes Programm, das Teilnehmerdaten zusammenführt, diese mit Hilfe von Machine-Learning und KI interpretiert und segmentiert und dadurch schließlich intelligente Einladungen, Matchmaking und personalisierte Events ermöglicht.

„KI kann Events besser machen“ Image 2
Diskutieren Trends der Event-Technologie. V.l.n.r.: Christoph Sedlmeir, Alexander Franke und Richard Caelius.
FOTO: XING EVENTS

Dieses Beispiel zeigt, wie massiv digitale Technologien auf den Markt der Veranstaltungsorganisation drängen. Das Unternehmen Xing Events, das als Anbieter Eventmanagement-Software und Business- Netzwerk vereint, hat Mitte September in Hamburg eine Expertenrunde ins Leben gerufen, um aktuelle Trends zu definieren und herauszufinden, welchen Einfluss sie auf Events haben werden. Als eines der wichtigsten Themen hat sich Machine Learning beziehungsweise Künstliche Intelligenz herauskristallisiert. „Machine Learning wird in der Eventindustrie große Veränderungen herbeirufen“, sagt Cai-Nicolas Ziegler voraus. „Es geht dabei um Maschinen, die aus Daten lernen und Generalitäten ableiten“, so der CEO von Xing Events. Das Sammeln von großen Datenmengen würde einen großen Einfluss auf die Veranstaltungsorganisation ausüben. Mit Hilfe von Data Traces vor, während und nach einem Event. „Um daraus Dinge herauszufiltern, die mir einfach helfen, mein Event besser zu machen. Wann ist der beste Zeitpunkt, mein Event auf der Messe zu vermarkten? Wie gestalte ich als Messeplatz beispielsweise die thematische Anordnung von Messeständen, so dass ich Wege für meine Besucher minimiere? Technologie kann ein Event besser machen“, ist er überzeugt.


Dass KI einen großen Einfluss auf Veranstaltungen ausüben wird, glaubt auch Alexander Franke. „Der Grund dafür ist, dass jetzt umfangreiche Frameworks und Services zur Verfügung stehen, um diese in der Breite zu nutzen. Anbieter dieser Lösungen oder Plattformen im Eventbereich haben jetzt erst die Möglichkeit, mit Frameworks wie Google TensorFlow zu arbeiten.“ Nach dem etablierten, klassischen Machine Learning sei das nun mit viel mehr Daten und verfügbarer Hardware möglich, erläutert der Gründer und CEO von botconnect, einem Unternehmen, das die Zusammenarbeit von Mensch und KI im Unternehmen ermöglichen will. „Ich kann jetzt schon mit kleinen Teams extrem leistungsfähige KI-Applikationen bauen. Das war so einfach bis vor wenigen Jahren nicht möglich“, erklärt Franke. Unternehmen wie Xing, die über große Datenschätze verfügen, könnten diese Technologie nun viel einfacher nutzen. „Ich sehe das selbst mit meinem Team, wir bauen Lösungen mit zwei Werkstudenten und einem CTO, die man vor vier Jahren nicht mit 50 Leuten hätte umsetzen können. Das ist der große, fundamentale Unterschied, der entsteht.“


„Es liegt in unserer Verantwortung, Technologien für Veranstalter umsetzbar zu machen“, sagt Christoph Sedlmeir. Geschäftsführer von Doo, dem Unternehmen, das Frank Thelen unterstützt. „Insbesondere im Corporate-Event-Umfeld sind No- Shows ein Riesenthema. Ziel hier ist es oftmals nicht, große Mengen von Tickets zu verkaufen, sondern eher bestimmte Personen auf ein Event zu bringen“, so Sedlmeir. Um genau die richtige Person auf ein Event zu bringen, müsse man wissen, welches Thema diese Person interessiert. „Wenn ich jetzt wüsste, dass sie sich beispielsweise schon drei Mal zum Thema Chatbots informiert hat, könnte ich sie personalisiert noch einmal zu diesem Thema ansprechen und dazu einen dezidierten Speaker anbieten“, beschreibt Sedlmeir. Solche Ableitungen seien heute schon mit einfachen E-Mail-Marketing-Tools möglich. „Beispielsweise können wir auslesen, welche E-Mails zu welchen Themen gelesen werden oder wie damit interagiert wurde. Daraus können wir bereits heute Korrelationen berechnen, um Vorhersagen darüber zu treffen, wie wahrscheinlich es ist, dass die eine Person am Event teilnimmt.“

Richard Caelius glaubt, dass KI zu einem „Revival von Beacons“ führen wird. „Anders als früher geht es aktuell darum, den Beacon in den Badge zu integrieren und die Stückkosten zu reduzieren“, erklärt der Managing Director EMEA des App-Anbieters Eventbase. „In Kombination mit Android-basierten ,Basisstationen‘ wissen wir, wie lange die Teilnehmer an einem Stand waren oder welche Dinge sie sich angeschaut haben.“ Die DSGVO sei dabei kein Problem, denn sofern keine Verlinkung zwischen dem Beacon und dem Nutzerprofil stattfindet, seien die gesammelten Daten anonym. „Die Bewegungsprofile werden durch KI und Konnektoren analysiert, um dann in Echtzeit Lead-Scoring zu betreiben. Wenn der Teilnehmer den Stand oder den Bereich des Ausstellers auf der Messe betritt, haben die Sales-Mitarbeiter eine KI-berechnete ,Lead Temperatur‘ – kalt, warm oder heiß“, erläutert Caelius die Möglichkeiten. „Das ist genau der Sales Support, den wir zukünftig brauchen werden“, so sein Fazit.

„KI kann Events besser machen“ Image 3
Unternehmen, die über große Datenschätze verfügen, könnten davon dank Künstlicher Intelligenz erheblich profitieren.
FOTO: UNSPLASH, FRANKI CHAMAKI

Die Aussichten, die die Expertenrunde von Xing Events herausgearbeitet hat und Ende des Jahres in einem Trend Report veröffentlichen wird, klingen vielversprechend. Schöne neue Welt also? Der Digitalverband Bitkom sieht in Künstlicher Intelligenz eine Schlüsseltechnologie, die sich maßgeblich auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Wirtschaft, die öffentliche Hand und das tägliche Leben auswirken wird. Der Bitkom fordert unter anderem massive Investitionen in die Erforschung dieses Sektors und eine drastische Erhöhung der Anzahl an Professuren an Hochschulen, um dem künftigen Bedarf an Fachkräften Rechnung zu tragen. „Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie, deren Bedeutung man gar nicht hoch genug einschätzen kann“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Deutschland hat sich hier in den vergangenen Jahren eine sehr gute Position erarbeitet, insbesondere in Forschung und Lehre. Für die kommende Legislaturperiode brauchen wir eine Strategie, um die Stärke in der Forschung in eine Stärke in der Wirtschaft zu übersetzen.“

Auch die Bundesregierung weiß, wie wichtig Expertise im Bereich von Zukunftstechnologien ist, und hat im August einen neuen Digitalrat berufen. „Ein kleines, schlagkräftiges Gremium“, wünscht sich Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit Frauen und Männern aus der Praxis, „die uns antreiben, die uns unbequeme Fragen stellen“. Der Rat wird mindestens zweimal jährlich mit der Bundeskanzlerin und weiteren Mitgliedern der Bundesregierung tagen. Im neuen Digitalrat arbeiten unabhängige Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zusammen. Mit ihrer Erfahrung decken sie das gesamte Spektrum der Digitalszene ab. Im Bereich KI berät Chris Boos die Bundesregierung. Die von seiner Firma Arago entwickelte KI-Plattform Hiro unterstützt Unternehmen dabei, Prozesse zu automatisieren und optimieren.



“ARTIFICIAL INTELLIGENCE IN EVENTS – HYPE OR BLESSING?”

Unter diesem Titel halten Dr. Michael Liebmann, Geschäftsführer der Eventmanagement-Plattform Doo, und Christian Funk, Redakteur der tw tagungswirtschaft, einen Vortrag auf der IBTM World in Barcelona. Am Donnerstag, den 29. November, um 10:30 Uhr, wird das Hype-Thema Künstliche Intelligenz (KI) genauer unter die Lupe genommen. Jeder spricht darüber, aber wo liegt der tatsächliche Mehrwert für Veranstaltungen? Was kann KI und was kann sie nicht? Und werden unsere Jobs tatsächlich eines Tages obsolet? Während des einstündigen Vortrags werden Live-Cases, Tools und aktuelle Anwendungsbeispiele vorgestellt. www.ibtmworld.com

Ein häufige Fragestellung beim Einsatz von KI, ist welche Rolle der Mensch beim automatisierten Entscheiden noch spielt. „Mit den ethischen und rechtlichen Fragen rund um KI müssen wir uns intensiv auseinandersetzen“, mahnt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Wenn es uns gelingt, hier einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen, können wir intelligente Systeme schaffen, die die Lebenssituation der Menschen verbessern, ihre Autonomie stärken und ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern. Gleichzeitig kommt der Einsatz von KI einer Gratwanderung gleich. Diese neuen Systeme müssen den Menschen dienen, sie dürfen sie nicht entmündigen.“

Dieses Credo nimmt sich der Software-Riese SAP zu Herzen und hat als erstes europäisches Technologieunternehmen eigene Leitlinien für künstliche Intelligenz entwickelt und einen externen Beirat für den ethischen Umgang mit künstlicher Intelligenz geschaffen. „Für SAP ist der ethisch verantwortungsvolle Umgang mit Daten ein fundamentaler Wert“, sagt Luka Mucic, Finanzvorstand von SAP. „Wir wollen Software entwickeln, die den Weg zum intelligenten Unternehmen bereitet und das Leben von Menschen nachhaltig verbessert. Unsere Grundsätze bilden die Grundlage, um aus künstlicher Intelligenz eine Technologie zu machen, damit Menschen an anderer Stelle ihre typischen Fähigkeiten wie Kreativität oder Empathie einbringen können.“ Denn dafür ist manche KI, wie zum Beispiel COMPAS, scheinbar noch nicht immer intelligent genug.  CHRISTIAN FUNK

www.xing-events.comwww.doo.netwww.bitkom.orgwww.botconnect.aiwww.eventbase.com
„Machine Learning wird in der Eventindustrie große Veränderungen herbeirufen.“
Cai-Nicolas Ziegler, Xing Events
„Es liegt in unserer Verantwortung, Technologien für Veranstalter umsetzbar zu machen.“
Christoph Sedlmeir, Doo
Datenschutz