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COPENHAGEN CONVENTION

„Hatten af“

Dänemark ist bei Nachhaltigkeit Vorreiter. Kopenhagens Konferenzbusiness profitiert davon – auf Grundlage der 17 SDGs und mit Auswirkungen auf die Erfolgsmessung.

A
m Abend vor dem großen Event geht Ken Brix erst einmal baden. Der Mann, der als Customer Development Executive für die hippe Kopenhagener Eventlocation Øksnehallen verantwortlich ist und den die meisten Kollegen wegen seines prächtigen Barts nur „der Wikinger“ nennen, liebt es, im Hafenbecken der Metropole zu schwimmen. Warum? Weil er es kann. Denn seit gut 15 Jahren ist das Wasser rund um Kopenhagen so sauber, dass man dort nach Feierabend unbesorgt ein paar Bahnen ziehen kann. Und deshalb lässt sich auch Ken Brix ein Bad im Kopenhagener Hafen nur selten entgehen – selbst wenn er am nächsten Tag Gastgeber der TUT 2018 (Tomorrows Urban Travel Conference) ist.

Anfang Oktober reisten knapp 400 Teilnehmer aus zehn Ländern zur TUT 2018 in die Øksnehallen, um über Nachhaltigkeit und Tourismus zu sprechen – und um vor Ort zu erleben, wie ernst es den Dänen mit dem Thema ist. Neun Maßnahmen für eine nachhaltige Konferenz hatten sich TUT und Øksnehallen auf die Fahnen geschrieben, darunter die Vermeidung von Trinkwasserflaschen und die Nutzung von Regenwasser für die Toilettenspülung. Selbst den CO2-Verbrauch der aus Neuseeland und Kalifornien angereisten Keynote-Speaker haben die TUT-Organisatoren durch Unterstützung eines Umweltprojekts kompensiert. Hut ab oder besser: „Hatten af“, wie die Dänen sagen, vor so viel Konsequenz.

Was dabei hilft, ist natürlich auch, dass Dänemark und allen voran die Hauptstadt Kopenhagen schon seit Jahren bei vielen Nachhaltigkeitsthemen Vorreiter sind. 2014 war Kopenhagen Umwelthauptstadt Europas. Das Fahrradnetz der Metropole, das aktuell bereits mehr als 400 Kilometer umfasst, soll weiter ausgebaut werden. 2016 gab es in Kopenhagen erstmals mehr Fahrräder als Autos. Im Mai 2018 ernannte Greenpeace Kopenhagen zur Stadt mit dem saubersten Transportkonzept in Europa. Bis 2025 soll die Stadt die erste CO2-neutrale Metropole weltweit werden, und ab 2030 sollen in Dänemark nur noch E-Autos neu zugelassen werden. Doch nicht nur die ganz großen Themen wie Wasser- und Luftqualität oder Energiesparen liegen den knapp sechs Millionen Einwohnern Dänemarks am Herzen. Unzählige Dinge geschehen eher im Kleinen, wie etwa öffentlich geförderte Kooperationen zur Verwertung von Lebensmittelresten. Und selbst auf dem Kopenhagener Rathaus gibt es jetzt schon Bienenstöcke.

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The waters surrounding Copenhagen are clean. People can go for a swim.
FOTO: WONDERFUL COPENHAGEN, MARTIN HEIB
  

KAPAZITÄTEN WACHSEN DEUTLICH

Mit 115 Konferenzen und insgesamt rund 62.000 Teilnehmern liegt Kopenhagen auf dem 11. Rang der weltweit führenden Konferenzdestinationen, so der aktuelle ICCA-Report 2017. In Skandinavien ist Kopenhagen nach wie vor die Nummer eins. Auch die meisten Konferenzkapazitäten befinden sich in der dänischen Hauptstadt: 219 Venues bieten derzeit Räumlichkeiten für insgesamt mehr als 157.400 Delegierte. Spätestens 2020 sollen weitere Kapazitäten dazu kommen: Das Bella Center Copenhagen, schon heute das größte Kongresszentrum in Skandinavien, plant eine Erweiterung um 14.000 qm, unter anderem durch den Bau einer neuen Kongresshalle mit 7.000 Sitzplätzen. Kontinuierlich wächst auch die Anzahl der Übernachtungen von MICE-Gästen in Kopenhagen – von gut 2,5 Millionen im Jahr 2012 auf knapp 2,7 Millionen (erwartet) im Jahr 2018. Noch deutlicher soll in den kommenden Jahren die Hotelkapazität wachsen: Bis zum Jahr 2021 um satte 40 Prozent auf dann 30.000 Zimmer. www.visitcopenhagen.com

Klar, dass so viel Öko-Power auch Wachstumsbranchen wie Tourismus und Tagungen zunehmend pusht und dass sich beide Trends immer stärker befruchten. „Tourismus muss Teil der Lösung, nicht des Problems sein“, sagt Mikkel Sander, Projektmanager Sustainability bei Wonderful Copenhagen. Seit 1. November 2018 verfolgt die Destination Marketing Organization eine neue Strategie für nachhaltigen Tourismus, die erstmals auf den 17 SDGs (Sustainable Development Goals) der UN basiert. Als Ziel nennt das Strategiepapier: „Tourismus muss die lokale und globale Nachhaltigkeit bis 2030 positiv beeinflussen.“ Projektmanager Sander formuliert es noch etwas klarer: „Als Besucher in Kopenhagen haben Sie einen nachhaltigen Aufenthalt – ob Ihnen das gefällt oder nicht.“

Und das nicht erst 2030. Schon heute sind fast 70 Prozent aller Hotels und 89 Prozent aller Venues in Kopenhagen, darunter mit dem Bella Center auch das größte Venue in Skandinavien, ökozertifiziert. Schon 2009 wurde Bella Center mit dem Green Meetings Gold Award der IMEX ausgezeichnet. Die Crown Plaza Copenhagen Towers sind das nachhaltigste Gebäude der Metropole. Die Fassade des 4-Sterne-Hotels ist bis hinauf zum 24. Stockwerk rundum mit Solarpanels verkleidet, das bringt rund 200.000 kWh Solarstrom pro Jahr. Ein spezielles Heiz- und Kühlsystem sorgt zudem für Energieeinsparungen zwischen 60 und 90 Prozent gegenüber vergleichbaren Gebäuden. Mireille Jakobsen, Group CSR Manager der BC Hospitality Group, zu der sowohl das Bella Center als auch die Crown Plaza Copenhagen Towers gehören, sagt über das Öko-Engagement der Gruppe: „Es macht einfach Sinn. Nachhaltigkeit schafft Werte für alle Beteiligten.“ Vor wenigen Wochen wurde die BC Hospitality Group für ihre Nachhaltigkeitsinitiativen mit dem Copenhagen Business Award ausgezeichnet.

“ASK THE RIGHT QUESTIONS”

FOTO: ANJA STURM
FOTO: ANJA STURM
Mireille Jakobsen, Group CSR Manager, BC Hospitality Group

tw: BC Hospitality Group has one of the most ambitious sustainability programmes. Why is this important to your company?
Mireille Jakobsen: Sustainability is important to our company simply because it makes sense. It creates value for everyone involved – our employees, the environment, the local community and of course our own commercial interests.

How about your customers: Do you recognize a significant change in perspective here as well?
We do see an increase in the importance of sustainability from some of our corporate clients and public institutions. Certain industries have a larger focus on it than others and we hope there will be greater focus on this in the near future.

If eventplanners are looking for a venue as sustainable as possible: On what should they put a focus on?
Locations can be sustainable in many ways. I would look for a location where the event or brand can create a unique experience though sustainability e.g. a beekeepers convention is a good match with a congress center with bees on the roof. In addition, issues such as food waste, energy- and water usage, local produce is always a good place to start.

Your company strategy is aligned to the 17 Sustainable Development Goals. What are your biggest successes, so far?
While we have done fantastic things in terms of energy savings such as solar panels, groundwater heating and cooling etc.; I am personally very proud of our efforts to give job and training opportunities marginalized groups in our local community such as our Refugee Job Academy.

What are you biggest challenges that you face?
Engaging the industry to take a holistic interest in sustainability and look at the value it may contribute to their conferences and business. This is why we launched a free Responsible Hospitality Day Conference in 2017, where we as an industry can get together and start talking about these issues. We cannot continue with business as we know it and have to start collaborating on these bigger issues.

Imagine you could make a wish for free: What should happen to make the MICE industry a better one?
My wish would be for people to just start asking questions. It doesn’t have to be judgemental, but we need to start a dialogue with each other on these issues. I think we can make great leaps as an industry if we just start questioning the status quo.
ANJA STURM



Interessant dabei: Genau wie Wonderful Copenhagen dekliniert die BC Hospitality Group ihre Nachhaltigkeitsstrategie entlang der 17 SDGs. Das ist schlau. Denn es macht das Engagement aller Marktteilnehmer vergleichbar, strukturierbar und nachvollziehbar. Und es ermöglicht den Organisationen, die Schwerpunkte ihres Engagements zu kommunizieren. Das wiederum macht Eventplanern den Job einfacher, wenn sie auf der Suche nach möglichst nachhaltigen Locations sind. Schließlich ist Nachhaltigkeitsarbeit in Branchen wie der MICE-Industrie komplex, und nur die wenigsten Maßnahmen sind so deutlich sichtbar wie Solarpanels an einer Hotelfassade. „Locations Standorte können in vielerlei Hinsicht nachhaltig sein“, sagt CSR-Managerin Jakobsen. Die BC Hospitality Group etwa legt derzeit ihren Fokus auf vier der 17 SDGs, darunter Nummer 12 (Nachhaltigkeit bei Konsum und Produktion) und Nummer 13 (Kampf gegen den Klimawandel).

Für das Copenhagen Convention Bureau (CCB) ist Nachhaltigkeit derweil längst ein knallharter Wettbewerbsfaktor geworden. Bettina Reventlow-Mourier, Deputy Convention Director beim CCB, sagt: „Die nachhaltige Entwicklung hilft uns auf jeden Fall, unsere Strategie in Geschäft umzusetzen.“ Kein Pitch mehr ohne Fokus auf die SDGs. Mit Erfolg. Gerade erst hat Kopenhagen zwei neue Top-Kongresse an Land gezogen: 2020 wird hier die IWA World Water Congress and Exhibition stattfinden, 2023 der UIA World Architects Congress. Beide Kongresse sind echte Schwergewichte in der Branche. Zur letzten IWA in Tokio kamen 10.000 Teilnehmer, zum UIA in Kopenhagen werden bis zu 15.000 Delegierte erwartet.

Wie eng dabei MICE-Business und Nachhaltigkeit für die Dänen tatsächlich miteinander verzahnt sind, zeigt die Einschätzung von Reventlow-Mourier. „IWA und UIA passen perfekt in unsere Strategie“, so die Managerin. „Die SDGs sind ein Kernelement beider Veranstaltungen, und ich bin überzeugt, dass sie einen kontinuierlichen Einfluss die Art und Weise haben werden, wie wir arbeiten und wie wir die MICE-Industrie betrachten werden.“ Künftig würde der Erfolg einer Konferenz nicht mehr nur an der Anzahl der Teilnehmer gemessen, sondern auch daran, „was wir für die Gesellschaft tun.“ Reventlow-Mourier: „Das ändert die Art und Weise, wie der Erfolg von Meetings gemessen wird.“  ANJA STURM
 
"The Sustainable Development Goals change the way meetings are measured."
Bettina Reventlow-Mourier,
Deputy Convention Director Copenhagen Convention Bureau
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