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MICELAB:BODENSEE

„Es ist ein Labor“

Beim „micelab:Bodensee experts“ in Singen geht es um viel mehr als Tagungsformate der Zukunft, es geht um die Zukunft des micelabs selbst. Wie geht es weiter, wenn 2019 die EU-Förderung endet?

„G
uten Morgen nach einem sehr erfüllenden und inspirierenden micelab:experts V in Singen. Wir sind in den letzten drei Tagen alle mehrfach aus der Komfortzone in die Lernzone gesprungen und heute mit neuem Know-how und frischer Motivation an unseren Arbeitsplatz zurückgekehrt“, schreibt Anja Sachse in ihrer Rundmail noch vor Arbeitsbeginn. Die Projektleiterin & Sales Convention Bureau bei St.Gallen-Bodensee Tourismus hat vom 8. bis 10. Oktober 2018 am „micelab:experts V“ zum Thema „ich & wir“ teilgenommen und ergreift die Initiative. „Es muss uns gelingen, den Spirit und Zusammenhalt der Community aus den experts-Veranstaltungen in unseren Arbeitsalltag zu transferieren.“ Über Nacht hat sie eine Arbeitsgruppe auf dem Instant-Messaging-Dienst „Slack“ gegründet, die Fragen aus dem Berufsalltag behandelt. Anja Sachse ist sich sicher: „So können wir die kollegiale Fallberatung auf ein neues Level heben.“

Das Format „kollegiale Fallberatung“ in sechs Schritten hatte alle überzeugt. Ein Fallgeber schildert einer Gruppe ein Problem aus seinem Arbeitsalltag. Die Berater fragen nach, bringen verschiedene Sichtweisen “Ich als ... sage ...” ein, geben Zuspruch und machen Lösungsvorschläge. „Ich fühle mich erleichtert, geklärt und gestärkt“, sagt ein Fallgeber hinterher. Aus “ich” wird “wir”. Der erste Bogen zum Thema des micelabs ist geschlagen und verbindet zwei Bedürfnisse: Das Erlernen neuer Formate und das Bilden einer Gemeinschaft.

KOLLEGIALE FALLBERATUNG IN SECHS SCHRITTEN

1. 5-10 Minuten: Fallgeber erzählt, Berater hören nur zu.
2. 5-10 Minuten: Verständnisfragen seitens der Zuhörer
3.    10 Minuten: „Ich als … sage, …“ Die Berater nehmen verschiedene Positionen ein. Fallgeber hört nur zu.
4.    10 Minuten: Lob der Zuhörer an Fallgeber aus ihrer persönlichen Perspektive
5.    25 Minuten: Ideen, Ratschläge, Lösungsansätze der Berater
6.      5 Minuten: Rückmeldung des Fallgebers – was hilft ihm? (Ohne Vertiefung)
  
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Immer wieder bilden sich neue Gesprächsgruppen in der Stadthalle Singen – oder davor wie hier mit Gastgeber Reinhold Maier.
FOTO: MICELAB:BODENSEE

Doch wie wird eine Gruppe zur Gemeinschaft? Und was braucht es für gelingende Veranstaltungen? Anhand der Kreativtechnik „Kopfstand“ erkennen die Teilnehmer: Es braucht einen Rahmen, eine Anleitung und eine Atmosphäre, die Vertrauen schafft, damit Menschen sich öffnen. Diesen Rahmen bietet das micelab:experts-Meeting, indem es Zeit für die Begegnung vorsieht und die Stadthalle Singen den Raum, damit sich die drei Dutzend Teilnehmer grüppchenweise an immer anderen Orten zusammensetzen können – sei es im Saal oder Foyer, auf der Terrasse oder im Garten.

„Die meisten Veranstaltungen haben drei unterschiedlich ausgeprägte Ziele: Lernen, Begegnung und Veränderung. Sie bestehen aus Komfortzone, Lernzone und Gefahrenzone“, erklärt micelab-Moderator Michael Gleich. „Zum Lernen müssen wir Menschen aus der Komfortzone in die Lernzone bringen, aber nicht in die Gefahrenzone.“ Beim micelab gelingt das über Ko-Kreation. Die Moderatoren bringen sich immer weniger ein, die Teilnehmer immer mehr: Sie gestalten mit. Genau das gefällt Anja Sachse aus der Schweiz und Eva-Maria Feuerstein aus Österreich. Sie engagieren sich in der Vorbereitungsgruppe für Singen. „Jeder kann sich ausprobieren, und das im geschützten Raum. Das ist wichtig“, sagt Eva-Maria Feuerstein aus dem Veranstaltungsmanagement des Festspielhaus Bregenz.

„ich & wir“, Thema des Meetings micelab.experts V: Wir stellen uns die Fragen: Wie trägt die Gruppe zur Potentialentfaltung des Einzelnen bei und umgekehrt? Wie wirken unterschiedliche Talente in einer Gruppe zusammen? Und: Was sind die „Zutaten“, damit aus einzelnen Menschen eine Gruppe entsteht?
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Mit in der Vorbereitungsgruppe ist naturgemäß der Gastgeber. Reinhold Maier ist Marketing & Vertrieb/ Hallenmanagement in der Stadthalle Singen und sieht das micelab „als Entwicklung und Pilotierung für Weiterbildung in der Branche“. Vom „Kongress der Zukunft“ 2013 im Haus Würth in Rorschach in der Schweiz mit vielen externen Teilnehmern wandelte sich das micelab immer mehr zur regionalen Netzwerkveranstaltung am Bodensee. Maier geht es darum, das Know-how hinauszutragen und sieht hier seine Region als Best- Practice für andere. Ihm ist jedoch klar: „Jetzt kommt es auf die Finanzierung an.“

Diese sicherte 2016 bis 2018 das Interreg V-Programm Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein mit Fördermitteln der Europäischen Union und der Schweiz. Das Projekt „micelab:bodensee“ hat drei Module: „explorer“, „experts“ und „experience“. Das Forschungsmodul „micelab:explorer“ fragt: Wie sieht die künftige Kongresskultur aus? Wie lassen sich wirksame Veranstaltungen konzipieren, in denen sich das menschliche Potenzial entfalten kann? Dieses Wissen fließt in das Weiterbildungsmodul „micelab:experts ein. Die Erfahrungen aus den Forschungs- und Weiterbildungsmodulen trägt wiederum alle zwei Jahre die „micelab:experience“ zusammen, der „Kongress der Kongresskultur“.

„MICELAB:BODENSEE SOLL WEITER EXISTIEREN“

FOTO: BODENSEE-VORARLBERG TOURISMUS GMBH, PETRA RAINER
FOTO: BODENSEE-VORARLBERG TOURISMUS GMBH, PETRA RAINER
Urs Treuthardt führt die Geschäfte von Convention Partner Vorarlberg

tw: Auf das micelab:experts in Singen folgte ein Treffen der Geschäftsführer des Netzwerks BodenseeMeeting, dem Träger von micelab: Bodensee. Wie geht es nach dem Ende der EU-Förderung weiter?
Urs Treuthardt: Die EU-Förderung durch das Programm Interreg V ist Fluch und Segen zugleich. Man kann zwar während der Förderperiode viele Projekte umsetzen, muss sich aber schon vor Beginn des Projektes Gedanken über die weitere Finanzierung machen. Wenn dies nicht geschieht, dann stirbt das Projekt nach Ablauf der Förderung. Die 13 Partner von BodenseeMeeting haben sich die Finanzierung nach 2019 schon vor Projektstart überlegt und sich im Juni 2018 drauf geeinigt, dass micelab:Bodensee weiter existieren soll. micelab:Bodensee wird sich ab 2019 mit den Menschen, mit Haltungen, Werten, dem Lernen und lebendigen Begegnungen auseinandersetzen. Dabei fokussieren wir uns auf die drei Standbeine: Forschen, Lernen und Vermitteln. Ab Februar 2019 ist das auf unserer neugestalteten Homepage nachzulesen.

Die zwei Kuratoren Michael Gleich und Tina Gadow vom Netzwerk „der kongress tanzt“ hatten die Idee zum Weiterbildungsmodul micelab:experts. Was soll es in Zukunft sein: Ein Experimentierfeld für neue Formate offen für alle (Kunden und Konkurrenten anderer Regionen) oder ein regionales Netzwerktreffen für die Anbieter am Bodensee?
micelab:experts wird sich ab 2019 verstärkt um die MitarbeiterInnen der Partnerbetriebe kümmern. Mit diesem Modul schaffen wir es, unsere Vision nach kompetenten MICE-Partnern am Bodensee umzusetzen. Es soll dazu dienen, die Community um den Bodensee in den vier Ländern auszubauen. Gleichzeitig soll der Charakter eines Labors, in dem man experimentieren kann, gestärkt werden. Beim Modul micelab:experts konzentrieren wir uns auf interne Personen, sind aber bereits an der Entwicklung weiterer Module, bei welchen wir auch externe Partner einbinden. Man kann also weiterhin gespannt sein.
KERSTIN WÜNSCH

www.micelab-bodensee.com



„Die ursprüngliche Idee zu erforschen, wie der ‚Kongress der Zukunft‘ aussehen würde, hat sich gewandelt“, bekräftigt Urs Treuthardt, Geschäftsführer von Convention Partner Vorarlberg. „Wir haben bereits beim ersten micelab vor sechs Jahren in Rorschach die Erfahrung gemacht, dass es beim Kongress der Zukunft um die Haltung geht, wie wir Begegnungen gestalten.“ Weitere micelabs rücken immer mehr die Begegnungskultur in den Vordergrund und schließlich das Netzwerken. „Formate sind ‚nur‘ Tools wie man Begegnung gestalten kann. Uns ist es wichtig, zu vermitteln, wie man diese Tools zielführend einsetzen kann. Unsere Kunden sollen am Bodensee auf Partner treffen, die nicht nur wissen was ein ‚Ge(h)spräch“ ist, sondern wie und ob man es in eine Veranstaltung einbinden kann“. Urs Treuthardt geht es wie Reinhold Maier um die Beraterqualität seiner Mitarbeiter und ihrer Kollegen am Bodensee.

Dass dieser Entwicklungsprozess für den einen oder anderen – oder ihn selbst – auch einmal verwirrend sein kann, räumt Treuthardt ein. Er unterstreicht: „Es ist ein Labor – dafür braucht es auch das Scheitern.“ Das müssen die Teilnehmer aushalten, wenn sie selbst etwas entwickeln wollten. Dass sie das wollen, zeigt die Open-Space-Sitzung „Die Zukunft unserer Community, was braucht es, damit sie lebendig bleibt?“ Schnell sind im ersten Schritt zehn Themen gefunden und im zweiten zahlreiche Vorschläge und Freiwillige: Anja Sachse für die Erstellung der virtuellen Gruppe und acht Personen für die Vorbereitungsgruppe des nächsten micelab:experts – allerdings vorbehaltlich der Entscheidung der 13 Geschäftsführer von Bodenseemeeting, ob sie in das micelab investieren werden.  KERSTIN WÜNSCH
 

https://www.micelab-bodensee.comhttps://www.stadthalle-singen.de

DIE 13 INITIATOREN

● Kongresskultur Bregenz GmbH
● Säntis-Schwebebahn
● Convention Partner Vorarlberg
● Graf-Zeppelin-Haus Friedrichshafen
● Bodenseeforum-Konstanz
● Lindau Tourismus und Kongresse
● Insel Mainau
● Meersburg Tourismus
● Milchwerk Radolfzell
● SAL - Saal am Lindenplatz Schaan
● Singen Congress
● St.Gallen-Bodensee Convention
● Würth Haus Rorschach
https://www.micelab-bodensee.com
„Die EU-Förderung durch das Programm Interreg V ist Fluch und Segen zugleich.“
Urs Treuthardt, Geschäftsführer von Convention Partner Vorarlberg

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