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EVVC-MANAGEMENT-FACHTAGUNG 2018

Deutliche Worte

Auf Management-Fachtagungen des EVVC stehen Arbeitsthemen im Vordergrund. Anders als sonst rahmen diese in Regensburg politische Botschaften zu Vielfalt und Offenheit ein. Präsidentin Ilona Jarabek und ihre Gastgeber finden deutliche Worte – und Gehör.

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ichtige Gäste empfängt Regensburg in seinem historischen Reichssaal im Alten Rathaus. Hier tagte von 1663 bis 1806 der „Immerwährende Reichstag“. Die Ständevertretung im Heiligen Römischen Reich beriet sich erst in verschiedenen Städten und schließlich nur noch im Reichssaal. Wer 200 Jahre später in dem mittelalterlichen Saal mit Wandmalerei und Kaiserthron Platz nimmt, erwartet eine musikalische Darbietung mit Oboe und Blockflöte in Festtracht. So auch die 270 Delegierten der Management-Fachtagung des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC). Umso größer ist ihre Verwunderung, als die Band „Abi Percussion“ auftritt. Abi, Abdouley Baro Camara, ist aus Guinea und ehemaliger Auszubildender bei Regensburg Tourismus. Gemeinsam mit vier ehemaligen Regensburger Domspatzen rockt er die Bühne.

„Die Vielfalt der kulturellen Einflüsse hat uns immer gut getan“, geht Stadtrat Dr. Thomas Burger in seiner Begrüßung auf das Gehörte ein und das EVVC-Konferenzthema: „Vielfalt kreativ nutzen“. Der Stadtrat denkt an die Römer 179 nach Christus, die Blütezeit durch den Handel mit Paris, Venedig und Kiew. Die Offenheit für fremde Sitten und Gebräuche mache Regensburg aus, weshalb Burger für Weltoffenheit und Vielfalt plädiert. „Durch Öffnung, nicht durch Einsperrung sind wir zu dem geworden, was wir sind“. Nämlich, eine Wachstumsregion mit 165.000 Einwohnern. Burger: „Genießen Sie unsere kulturelle Vielfalt und tragen Sie diese in die Welt.“ Die Teilnehmer tragen seine Gedanken ins Get-together und tauschen sich weiter aus.

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Ilona Jarabek, Präsidentin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs- Centren eröffnet die Management- Fachtagung im marinaforum Regensburg.
FOTO: EVVC

Wie aktuell das Thema der Management-Fachtagung vom 15. bis 18. September 2018 ist, verdeutlicht EVVC-Präsidentin Ilona Jarabek. „Die Geschehnisse in Chemnitz haben uns gezeigt, welche gesellschaftliche Relevanz Vielfalt bedeutet. Als Veranstaltungsexperten können wir Vielfalt unterstützen.“ Die Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck denkt nicht nur an Konzerte wie „#wirsindmehr“ in Chemnitz, sondern an neue Formate der Begegnung. Jarabek: „Hier können wir Häuser einen Beitrag leisten“. Sie bekommt viel Beifall und bittet die Mitglieder sich auszutauschen, was Vielfalt meint und warum diese wichtig ist. „Für uns meint Vielfalt die Menschen, die zu uns ins marinaforum Regensburg kommen. Sie sind aus allen Ländern und unsere Gäste“, sagt Gastgeberin Daniela Wiese, verantwortlich für das MICE Marketing bei Regensburg Tourismus. Es war ihre Idee, die Domspatzen und die Band Abi Percussion auf die Bühne zu bitten.

Die Management-Fachtagung beginnt somit mit einem lebendigen Austausch an runden Tischen, erst danach folgt die Keynote. Es ist die unvermeidliche zu Digitalisierung, „Die große digitale Transformation“. Jörg Heynkes mahnt in seinem Vortrag „Wir verschlafen die Zukunft. Und die ist digital! Die vierte industrielle Revolution verändert unsere Welt total.“ Als ein Beispiel bringt der Speaker, Autor und Gründer „Pepper“. Der humanoide Roboter analysiert die Mimik und Gestik von Menschen und reagiert darauf. „2029 wird die Nachfrage nach humanoiden Robotern größer sein als nach Autos“, glaubt Heynkes und fragt mit Hinweis auf Veranstaltungen: „Wer hat noch Lust, nachts Tische zu rücken?“ Die Digitalisierung biete enorme Chancen. Heynkes: „Dafür müssen wir uns etwas trauen.“

„Nach den Ereignissen in Chemnitz wurde wieder einmal deutlich, dass die Veranstaltungsbranche Stellung beziehen muss. Vertrauen, Respekt und gelebte Vielfalt sind die Grundlage für unseren Erfolg. Gerade wir als Vertreter der zumeist kommunal betriebenen Veranstaltungshäuser müssen unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht werden und die Bühne bereiten für ein tolerantes Miteinander.“
Ilona Jarabek, EVVC-Präsidentin

Die Keynote bleibt der einzige „passive“ Programmpunkt in den drei Tagen. Beim „Speed Updating“ werden in vier Runden à 20 Minuten 13 Themen behandelt, z.B. „Sicherheitskonzepte“, „Energetische Sanierung“, „DSGVO-Umsetzung“ oder „Umgang mit Azubis – Stärken erkennen, Talente fördern“. Das Thema „Arbeitswelt 4.0“ bringt Holger Syhre ein. Der neue Chef der Stadthalle Gunzenhausen stellt fest: „Die Anforderungen ändern sich. Ich muss Mitarbeitern ermöglichen, selbst zu entscheiden, wann sie an welchem Projekt arbeiten.“ Nur sei nicht jeder Mitarbeiter entsprechend motiviert und eigenverantwortlich, gibt ein Mitglied zu bedenken, ein anderes fragt nach: „Wie sind dann Arbeitszeiten zu dokumentieren, und was ist mit dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD)? Wer samstags kommt, – wenn auch freiwillig – bekommt 20 Prozent mehr Lohn.“ Syhre hat nicht auf alle Fragen eine Antwort, aber die Absicht „Arbeiten 4.0“ einzuführen.

Die Workshops vertiefen Themen wie „Begeisterung für Nachhaltigkeit“. Prof. Markus Große Ophoff, Fachlicher Leiter des Zentrums für Umweltkommunikation der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, und Gastgeberin Daniela Weise leiten die Session, die mit dem Impulsvortrag „Unser Weg zur Nachhaltigkeit am Beispiel des marinaforums Regensburg“ beginnt und mit einem regen Austausch endet. Dafür sucht sich jeder Teilnehmer eine Karte aus, sei es zu Mobilität oder Müllentsorgung, erklärt, warum ihm dieses Thema wichtig ist und erläutert Ansätze aus seinem Haus.

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Themen und Fragen der Mitglieder speisen die Open-Space-Session.
FOTO: EVVC
  

VOM SCHLACHTHOF ZUM MARINAFORUM REGENSBURG

1888 erbaut wurde der Alte Schlachthof in Regensburg in den 90er-Jahren geschlossen. 2012 beschloss der Stadtrat eine Machbarkeitsstudie für ein Veranstaltungszentrum. 2013 begann der (Um)Bau zum „marinaforum Regensburg“, am 16. April 2018 war die Schlüsselübergabe an die Betreiberin, die Regensburg Tourismus GmbH. Das denkmalgeschützte Gebäude besticht durch die Zollingerhalle, das Hauptgebäude des Alten Schlachthofs mit einer Deckenkonstruktion in Zollinger-Lamellenbauweise. Beim Bau des marinaforum Regensburg wurde auf Nachhaltigkeit geachtet und Barrierefreiheit. Das flexible Raumangebot umfasst das Große Forum für 750 Personen, das Kleine Forum für 170 sowie Seminar- und Workshop-Räume auf zwei Ebenen. In der Nachbarschaft ist ein Hampton by Hilton geplant. Das marinaforum liegt in einem neuen Wohngebiet in Laufentfernung Regensburgs Altstadt. Deutschlands größte mittelalterliche Altstadt mit engen Gassen, zahlreichen Patrizierhäusern und Kapellen zählt 1.000 geschützte Denkmäler und seit 2006 zum UNESCO-Welterbe. www.marinaforum.de

Themen und Fragestellungen aus den Mitgliedshäusern speisen auch die Open-Space-Session entlang der vier Prinzipien wie „Die, die kommen, sind die richtigen.“ Moderatorin Tina Gadow veranschaulicht: „Es ist wie eine große Kaffeepause, sie können jederzeit kommen oder gehen.“ Drei Runden à 45 Minuten bis 90 Minuten sind geplant. Die Themen sind vielfältig – „Warum sind alle Mitarbeiter*innen so wichtig für unser Unternehmen… und wie kann man das erreichen?“, „Location-Vermarktung – wie geht Ihr das Thema an?“ oder „Erfahrungen mit Changemanagement“.

Auch Dr. Ralf Schulze aus Chemnitz steht auf und trägt sein Thema vor: „Öffentliche Diskussionsforen, Bürgerbeteiligung. Was verstehen wir unter Integration? Wie gehen wir mit Menschen mit Migrationshintergrund um?“ Dafür bekommt der Geschäftsführer der „C3 Chemnitzer Veranstaltungszentren GmbH“ Applaus. Offen berichtet er in seiner Session von den Geschehnissen in seiner Stadt. Gerade bewirbt sich Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt, was wichtiger denn je sei, auch um das Thema Europa weniger Angst besessen zu machen. Schulze: „Wir haben das Konzert ‚#wirsindmehr‘ mit den Toten Hosen unterstützt und sitzen an neuen Formaten mit Politikern.“ Er begrüßt weitere Initiativen als Zeichen für Toleranz und Respekt wie die Veranstaltung „Wir machen was!“ der Kollegen aus Osnabrück. Jan Jansen, Geschäftsführer der Osnabrückhalle betont: „Es ist die Idee und die Initiative der Mitarbeiter. Sie machen das ehrenamtlich in ihrer Freizeit.“ Ein Vorbild für andere EVVC-Häuser?  KERSTIN WÜNSCH
 

www.evvc.orghttps://tourismus.regensburg.de

OPEN SPACE

Es gilt das Gesetz der zwei Füße: Jeder bleibt so lange, wie er es für sinnvoll erachtet. Vier Prinzipien finden Anwendung:
1. Die, die kommen, sind die richtigen.
2.Was auch immer geschieht, es ist das einzige, das geschehen konnte.
3.Es beginnt, wenn die Zeit reif ist.
4.Vorbei ist vorbei, nicht vorbei ist nicht vorbei.


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