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INTERVIEW

„Wer sich nicht engagiert, gibt Entscheidungsbefugnis ab!“

Peter Hahn, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement (DGVM), über Verbände als Teil der Zivilgesellschaft, eine „Ohne-mich-aber-alles-für-mich“-Mentalität und Vielfalt in Verbänden.

tw: Der 16. Deutsche Verbändekongress war Ihr erster Kongress als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement (DGVM). Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Peter Hahn:
Besonders beeindruckend war das hohe Maß der Dialogbereitschaft der Teilnehmer und deren Aufgeschlossenheit bei den Diskussionen im Plenum und in den Workshops.

In Ihrem Vorwort zum Verbändekongress 2018 schreiben Sie: „Wir erleben einen immensen ökonomischen, sozialen und technischen Wandel.“ Welche drei großen Veränderungen sehen Sie für Verbände?
Verbände erfahren als Teil unserer Gesellschaft den immensen ökonomischen, sozialen und technischen Wandel. Darauf müssen sie im Interesse ihrer Mitglieder und im eigenen Interesse Antworten finden. Die klassischen Instrumente der vormaligen Information reichen nicht mehr aus. Vielmehr müssen sich Verbände aktiv an Auseinandersetzungen beteiligen, die Interessenlage ihrer Mitglieder einbringen und als Teil dieser Gesellschaft am Diskurs teilnehmen. Vor dem Hintergrund der nationalen, europäischen und supranationalen Herausforderungen haben Verbände mehr denn je die Aufgabe, nicht nur die erforderlichen Innovationsprozesse zu begleiten, sondern im Interesse der eigenen Klientel voranzutreiben und Orientierung zu geben. Der Titel des 16. Deutschen Verbändekongress „Vom Verband zum Innovationstreiber“ brachte dies prägnant zum Ausdruck.

Sie sind seit Dezember Präsident der DGVM. Welches Ziel haben Sie sich gesetzt, das Sie unbedingt erreichen möchten?
Mein Ziel als Präsident der DGVM ist es, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand, dem Anspruch gerecht zu werden, ein Verband für Verbände, der Dienstleisterspezialist zu sein. Das heißt: Chancen aufzeigen und Lösungen entwickeln für Fragen, die „vor der Klammer stehen“. Damit wird klargestellt, dass die DGVM dort aktiv ist, wo es um die gemeinsamen Interessen aller Verbände und anderer Mitgliedsorganisationen geht. Wir wollen bei Problemen im Verbandsalltag, die alle Verbände berühren, zeigen, wo die Tür ist und diese öffnen, damit Organisationen durch diese mit Erfolg durchgehen können. Hier geht es mir darum, Vordenker und Begleiter zu sein. Diese Aufgabe kann die DGVM umso besser erfüllen, je mehr sie sich auf viele Schultern stützen kann. Deshalb gilt mein Augenmerk auch der Mitgliederwerbung.

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Peter Hahn sagt in seiner Eröffnungsrede: „Verbände sind Innovationstreiber.“
FOTO: AGENTUR BILDSCHÖN

PETER HAHN...

... ist früherer Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und seit Dezember Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement (DGVM). 
www.dgvm.de

Ihr Amt ist ein ehrenamtliches. Wieso engagieren Sie sich?

Ich engagiere mich bei der DGVM, weil ich überzeugt bin, dass wir dazu aufgerufen sind, unsere Zukunft und die Herausforderungen selbst in die Hand zu nehmen, anstatt auf der Suche nach demjenigen zu sein, dem wir Aufgaben übertragen wollen und können. Verbände sind Teil der Zivilgesellschaft. Sie tragen eine Mitverantwortung in unserer Gesellschaft. Als wichtiger Teil des Ganzen sind sie aufgefordert, sich einzubringen. Ansonsten sind sie nicht ein Glied des Korporatismus.

Verbände leben vom Ehrenamt, doch anders als Sie engagieren sich immer weniger Menschen. Was ist zu tun?
Wer sich nicht engagiert, gibt seine eigene Entscheidungsbefugnis ab! Das führt zu einem Verlust der eigenen Freiheit. Freiheit ist aber nicht ohne Verantwortung zu haben. Diese Erkenntnis scheint mir in unserer Gesellschaft bei vielen abhandengekommen zu sein. Die „Ohne-mich-aber-alles-für-mich“- Mentalität müssen wir überwinden. Die Bevormundung des Staates in vielen Lebensbereichen gilt es abzulösen durch den Gedanken „Wir können es besser!“ Das kann jedoch nur funktionieren, wenn wir nicht nur für uns selber aktiv werden, sondern uns als Teil des Ganzen einbringen. Dann hat auch das Ehrenamt wieder Zukunft.

Um das Ehrenamt ging es auch in den Themen- Arenen und Ideen-Pools beim Verbändekongress. Sie sind eingeführt worden, um die Interaktion zu fördern. Hat das funktioniert?
Der diesjährige Verbändekongress hatte vom Ablauf und von den Veranstaltungen her neue Formate – Ideenpools statt Powerpoint. In Themen-Arenen erläuterten Experten aktuelle Themen. In Ideenpools erfuhren die Teilnehmer, mit welchen innovativen Lösungen sie zuverlässig und schnell die Mitgliedermeinung abfragen oder wie aus langweiligen Sitzungen spannende Events werden. Besonderes Highlight waren die Work-in-Progress-Sessions mit begrenzter Teilnehmerzahl. Das hat sich sehr bewährt. Diese Formate ermöglichen, dass die Kongressteilnehmer rasch aufeinander zugehen, die von Anbeginn an nicht nur Zuhörer waren, sondern Akteure. Denk- und Sprachbarrieren konnten erst gar nicht entstehen. Neben der exzellenten Themenauswahl trug dies mit zum Kongresserfolg bei.



Auf die Keynote folgte die Podiumsdiskussion „Die Rolle der Verbände in der digitalen Revolution“ mit fünf Männern um die 50 Jahre. Hätten neben der einen oder anderen Frau nicht ein, zwei „Digital Natives“ auf die Bühne gehört?
Einige Verbände sind bis heute von Männern dominiert. Das hängt oft mit der Struktur der einzelnen Branchen zusammen. Das ist allerdings nicht der Grund dafür gewesen, dass bei der Podiumsdiskussion nur Männer auf der Bühne waren. Betrachte ich den Kongress, waren sehr viele Frauen, die in verantwortlichen Positionen in Verbänden tätig sind, anwesend und brachten sich aktiv in die Diskussionen mit ein. Auch der Altersdurchschnitt der Teilnehmer war im Vergleich zu früheren Kongressen deutlich heruntergegangen.

Sie wissen wie kaum ein Zweiter, dass unsere Zivilgesellschaft durch eine vielfältige Landschaft von Verbänden gekennzeichnet ist. Wieso ist der Wandel zu mehr Vielfalt nur selten in den Vorständen von Verbänden zu sehen?
Dieser Wandel ist bei vielen Vorständen in Verbänden auszumachen. Der Anteil der weiblichen Mitglieder steigt. Natürlich gibt es sogenannte traditionelle Branchen, bei denen relativ wenige Frauen anzutreffen sind. Die Zusammensetzung der Vorstände sollte man allerdings nicht zum Gradmesser für oder gegen eine Vielfalt in den Verbänden nehmen.

Hier ist Platz für Ihren Appell an die weiblichen und jungen Verbandsmitglieder, sich für höhere Ämter aufstellen zu lassen…
Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Digitalisierung, Migration, politische Veränderungen, um nur einige Faktoren zu nennen, finden auf einer Zeitschiene mit einer bislang nie dagewesenen Dynamik statt. Das bringt immense Herausforderungen mit sich. Diese machen schnelle und praktikable Antworten erforderlich. Das könne wir nur erfolgreich angehen, wenn sich alle Akteure, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt einbringen und erkennen, dass es hierfür keine nationalen Grenzen gibt. Mein Appell richtet sich an alle, sich im eigenen Interesse für die Gemeinschaften, in denen wir leben, einzusetzen und zwar insbesondere in der Verantwortung für die bereits geborenen, nachfolgenden Generationen.  KERSTIN WÜNSCH
 
„Die ‚Ohne-mich- aber-alles-für-mich‘-Mentalität müssen wir überwinden.“
Peter Hahn,
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