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DESIGN THINKING

„Scheitern ist Lernen“

Ursprünglich kommt Design Thinking als hipper Innovationstrend aus den USA. Heute wird die Methode am Hasso-Plattner-Institut gelehrt und von Unternehmen wie Bosch angewendet. Gerade für die Welt der Meetings besteht Potenzial.

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ie gelingt uns die digitale Transformation? Wie schaffen wir es, kreativ und agil zu arbeiten? Und wie fördere ich das wirkliche Potenzial meines Teams zutage? Dies sind Fragen, die sich in einer dynamischen, vom Wandel geprägten Arbeitswelt nicht nur die Veranstaltungsbranche stellt. Insofern lohnt ein Blick über den Tellerrand, wie andere Unternehmen diesen Herausforderungen begegnen. Es dauert nicht lange, bis man auf eine Methode stößt, die eine Anleitung zum innovativ sein verspricht und neue Ansätze für gemeinsames Arbeiten liefert. Der Bosch-Konzern nutzt sie genauso wie die Melitta- Unternehmensgruppe, die Lufthansa oder die Deutsche Bank. Doch was lässt sich gleichsam auf Elektrogeräte und Kaffee wie auf Luftfahrt und Girokonten anwenden?

Die Antwort ist Design Thinking. In einem Satz erklärt: Ein kreatives Mittel, um Probleme zu lösen und Ideen zu generieren, und zwar aus Sicht des Nutzers. Um es zu verstehen, hilft es auf seine Anfangstage zurückzublicken. Design Thinking stammt nämlich aus einer Zeit, in der man unter „agilem Arbeiten“ noch so etwas wie das flotte Eintippen von Artikelnummern an der Supermarktkasse verstanden hätte. Der amerikanische Designer David Kelley entwickelte die Methode bereits 1978 in seiner ersten Firma Hovey-Kelley (später David Kelley Design). Sein neuartiger Ansatz zur Produktgestaltung, der unter anderem die erste Computermaus für Apple hervorbrachte, war für die damalige Zeit geradezu revolutionär: Er rückte den Kunden in den Mittelpunkt und nicht das Produkt.


Eine kurze Erläuterung: Der Grundgedanke des Design Thinking basiert auf den drei Säulen Team, Raum und Prozess.
Interdisziplinäre Teams kreieren in einem variablen Raum durch einen strukturierten Prozess eine Idee. Auf die Veranstaltungswelt übertragen hieße das, dass sich beispielsweise ein Locationbetreiber, ein Technikanbieter, ein Veranstaltungsplaner, ein Sicherheitsspezialist und ein Moderator in einem großen, offenen Raum mit flexiblen Möbeln und Platz an den Wänden und Arbeitsmaterial wie Schere, Kleber, Legosteinen und Knete zu einem Team zusammenfinden, um eine Idee für ein Tool, eine Veranstaltung oder eine Meeting-Methode zu entwerfen.

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Der Grundgedanke des Design Thinking basiert auf den drei Säulen Team, Raum und Prozess.
FOTO: HASSO-PLATTNER-INSTITUT

Damit das gelingen kann, gilt es einige Grundregeln streng zu beachten. Prof. Ulrich Weinberg, der die Methode am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam lehrt, vermittelt diese Grundregeln nicht nur Studenten, sondern auch auf Konferenzen und Tagungen. Dazu zählen Punkte wie „Machen statt Diskutieren“, „Scheitern ist Lernen“, „Den Spaß ernst nehmen“ oder „Fehler sind erwünscht“. Und das erste Gebot ist immer wieder, sich an den Bedürfnissen der Nutzer zu orientieren, für die man ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Idee gestaltet. Grundsätzlich wichtig ist auch, dass nicht mehr als fünf oder sechs Teilnehmer gemeinsam arbeiten, damit sich jedes Mitglied der Gruppe einbringen kann. Hierarchien sind absolut tabu. Für Weinberg ist es entscheidend, Design Thinking als ganzheitliches Konzept zu begreifen: „Nicht nur der Kunde, sondern auch die internen Abläufe sollen besser verstanden werden. Der Grundgedanke ist, dass im Innovationsprozess alle unternehmerischen Faktoren zusammenwirken.“ Das Unternehmen User Interface Design hat Design Thinking für das German Convention Bureau (GCB) einmal auf Meetings heruntergebrochen (siehe Kasten).

Unter der Leitung von Prof. Ulrich Weinberg wird an der 2007 gegründeten HPI School of Design Thinking in Potsdam der europaweit einzigartige Zusatzstudiengang „Design Thinking“ angeboten. Derzeit bietet der Studiengang 240 Plätze an. Nach dem Vorbild der „d.school“ an der Stanford University in Kalifornien vermittelt die Ausbildung die Fähigkeit, in multidisziplinären Teams vernetzt zu arbeiten und benutzerfreundliche Produkte und Dienstleistungen für alle Lebensbereiche zu entwickeln. Die Studierenden wenden ihre Kenntnisse regelmäßig in der Praxis an. So reiste von 12. bis 16. März eine zehnköpfige Delegation aus Potsdam zur „Harvard World Model United Nations“-Konferenz nach Panama City, um herauszufinden, wie internationale Verhandlungen nach den Prinzipien des Design Thinking geführt werden können. Bei der weltweit größten universitären UN-Simulation vertraten sie die Interessen Indiens gegenüber von 2.000 Studierenden aus insgesamt 100 Ländern.


„Design Thinking hilft, komplexe Probleme zu lösen und könnte sich damit besonders für internationale Politik eignen. Hier wird sie aber bisher kaum angewendet. Genau das wollen wir ändern“, erzählt Frederik Görtelmeyer, der die Delegation leitet. Seine Kommilitonen kommen aus Nigeria, Indien und Deutschland und studieren so unterschiedliche Fächer wie Biotechnologie, BWL und Wirtschaftsinformatik. Sie alle verbindet ihre Ausbildung in der Innovationsmethode Design Thinking am HPI: „Die Herausforderungen der heutigen Zeit sprengen die Grenzen von Fachbereichen genauso wie die von Ländern“, so Görtelmeyer. „Wir glauben, dass Design Thinking dabei helfen kann, sich nicht in Details zu verlieren, sondern kooperativ zu arbeiten und neue Ideen zu wagen.“

DESIGN THINKING, ANLEITUNG ZUM KREATIV SEIN

User Interface Design hat im Auftrag des GCB (German Convention Bureau) Design Thinking auf Meetings übertragen. Durch Methodik, Didaktik und Meetingdesign sollen Innovationsprozesse gestalten werden. Das Vereinen von kreativen sowie analytischen Herangehensweisen kann dabei zu einem spannenden und ergebnisreichen Workshop führen. Design Thinking ist ein Prozess, der auf drei festgelegten Bausteinen beruht:
1. Interdisziplinäre Teams
Bringen Sie Personen aus unterschiedlichen Disziplinen und Hierarchien zusammen, um möglichst vielseitig auf das gewählte Thema zu schauen. Denn die Stärke „durchmischter“ Gruppen liegt in ihren verschiedenen Blickwinkeln und den Erfahrungen, die jedes Mitglied mitbringt.
2. Variable Räume
Die Kommunikation und Kreativität des interdisziplinären Teams hängt maßgeblich von der räumlichen Umgebung ab. Flexible Möbel und viel Platz an den Wänden gehören deshalb genauso dazu, wie das nötige Werkzeug und Material, um Ideen zu visualisieren.
3. Klare Prozess-Schritte
Eine wesentliche Voraussetzung für die Design- Thinking-Methode ist der klar strukturierte Prozess. In iterativen Schleifen werden Ideen und Prototypen immer wieder rekapituliert und dem Realitäts-Check unterzogen. Der Design-Thinking- Prozess besteht aus sechs Schritten, die iterativ durchlaufen werden:
3a. Verstehen: An allererster Stelle muss das Themenfeld wirklich verstanden werden, um eine geeignete Fragestellung zu entwickeln, welche die Bedürfnisse und Herausforderungen des Projekts abbildet.
3b. Beobachten: Eine nutzerzentrierte Vorgehensweise setzt voraus, dass man den Blick für die Zielgruppe schärft und sogenannte Personas entwickelt. Es geht primär darum, den Menschen zu verstehen und seine Bedürfnisse kennenzulernen.
3c. Definieren: Nachdem man die Motivation, Vorstellungen und Wünsche der Zielgruppe verstanden hat, werden alle Informationen im Team vorgestellt und miteinander verknüpft, um eine gemeinsame Sichtweise auf einen typischen Teilnehmer zu entwickeln.
3d. Ideenfindung: Die Ideenfindung ist die Kernphase des Design Thinking. In diesem Schritt geht es darum, mittels verschiedener Kreativmethoden möglichst viele Ideen zu entwickeln. Klar definierte Merkmale des Brainstormings sind:
- visuell Arbeiten
- nur einer spricht
- verrückte Ideen fördern
- Kritik zurückstellen
- Quantität ist wichtig
- beim Thema bleiben
- auf anderen Ideen aufbauen
3e. Prototyping: Um die Ideen zu veranschaulichen und zu verfeinern, werden erste, sehr einfache Prototypen entwickelt, die im nächsten Schritt mit der Zielgruppe getestet werden.
3f. Testen: Auf Basis der durch Tests gewonnenen Einsichten wird das Konzept weiter verbessert und solange verfeinert, bis ein optimales, nutzerorientiertes Produkt entstanden ist.



Die Potsdamer Studenten unterstützen aber bereits auch Unternehmen. Unter dem Titel „Design Thinking and Organizational Implementation” führten sie gemeinsam mit Wirtschaftshochschule ESMT Berlin vom 12. bis 14. April ihren ersten gemeinsamen Design Thinking Workshop für Manager und Führungskräfte durch. Dabei lernten die Teilnehmer die Grundlagen des Design Thinking, um Veränderungen in den Managementpraktiken ihrer Unternehmen anzustoßen.

Bereits seit mehreren Jahren besteht eine enge Kooperation zwischen der HPI School of Design Thinking und dem Technologiekonzern Bosch. Neben diversen Trainings und Workshops auf Führungsebene war Bosch bereits mehrfach Projektpartner für Studentenprojekte. Dabei wurde ein Konzept zur Innenraumgestaltung von selbstfahrenden Autos erstellt und Ideen entwickelt, um die Mobilität von Senioren zu verbessern. Die langjährige Partnerschaft trägt bereits Früchte, denn Design Thinking ist inzwischen fest in der Unternehmenskultur von Bosch verankert. So hat der Konzern in seinem Forschungscampus in Renningen, dem Hauptsitz der zentralen Forschung und Vorausentwicklung von Bosch, ein gesamtes Innovations-Stockwerk nach dem Vorbild des Design-Thinking geschaffen. Die „Platform 12“.

„MUTIG SEIN!“

FOTO: AXICA
FOTO: AXICA
Cathrin Mühlbauer, Director Key Account Management der Axica in Berlin, erklärt, was Design Thinking ist, und wie es im Kongresszentrum eingesetzt werden kann und wird.

tw tagungswirtschaft: Was verstehen Sie unter Design Thinking?
Cathrin Mühlbauer:
Eine einzigartige Problemlösungsstrategie, mit der man die Herausforderungen der Zukunft meistern kann. Man benötigt nichts weiter als multidisziplinäre Teams und variable Räume wie in der Axica, in denen man die sich wiederholenden Prozesse so lange spielt, bis man zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommt. Der Prozess läuft wie folgt ab: Verstehen, Beobachten, Synthese, Ideen entwickeln, Prototypen erstellen und Testen.

Warum sind Sie so begeistert davon?

Inspiriert durch unseren Nachbarn am Pariser Platz, das WeQ Institut, erkannten wir die unabdingbare Notwendigkeit der Transformation von Veranstaltungsformaten, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Weg von der Frontalbeschallung, hin zum Dialog und Integration der Teilnehmer für eine Erreichung aktueller Veranstaltungsziele.

Lässt sich Design Thinking auch im Umfeld von Konferenzen anwenden?
Unbedingt! Denn innovative Lösungen werden nur im multilateralen, fachübergreifenden Austausch geboren. Design Thinking kann nur in Workshop- Formaten mit kleinen Gruppen stattfinden. Wir rufen alle dazu auf, mutig zu sein und Veranstaltungsformate zu revolutionieren, Ihre Gäste werden es Ihnen danken.

Wie nutzen Sie es selbst?
Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Design Thinking für alle Arten von Problemstellungen anwendbar ist. Dabei kommt Spaß am Veränderungsprozess nicht zu kurz. Wenn man z.B. mit den Händen denkt (Prototypen basteln) spricht man beide Gehirnhälften an und es entstehen völlig neue wilde und kreative Ansätze. Sowohl bei Workshops mit unserem Team als auch durch die Beobachtung unserer Kunden bei ihren Veranstaltungen konnten wir erleben, dass es funktioniert!

Was lernen Teilnehmer in Ihrer Design Thinking Summer School?
Für den Sommer planen wir eine viertägige Summer School, die neben Design Thinking weitere Themen beinhaltet. Unter dem Motto Lesen-Hören- Fühlen-Denken sammeln die Teilnehmer wertvolle Erfahrungen über sich selbst. Die Themen sind „Design Thinking“, „Im Dunkeln denken“, „Speed Reading“ und „Kulturwandel in der Arbeitswelt“. Dafür konnten wir wunderbare Partner gewinnen. Informationen dazu können in Kürze auf unserer Website eingesehen werden.
CHRISTIAN FUNK 

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Prof. Ulrich Weinberg lehrt Design Thinking am Hasso- Plattner-Institut (HPI) in Potsdam.
FOTO: HPI

Abseits des normalen Arbeitsalltags mit seinen Normen und Strukturen können sich die Mitarbeiter gegenseitig inspirieren. Im Hauptraum, der so genannten „Base“, korrespondieren Möbel aus den 1930er Jahren mit modernster Technik wie zum Beispiel 3D-Druckern oder Smartboards. Mit Hilfe der Smartboards tauschen sich die Forscher per Live- Schaltung mit ihren ausländischen Kollegen in Palo Alto oder Singapur aus. Darüber hinaus stehen ihnen Werkbänke und Materialien zum Modellieren und Bauen zur Verfügung. Auch Künstler der Akademie Schloss Solitude arbeiten hier, um einen praktischen Gegenpol zur oftmals theoretischen, gedanklichen Arbeit der Forscher zu schaffen.

Bereits seit letztem Jahr nutzt die Berliner Axica Design Thinking im Unternehmen und bietet ein spezielles, extra für diese Methode entwickeltes Arbeits- und Raumkonzept im Kongresszentrum an, den „WeQ Space“,
der für die radikale Transformation weg von den Fähigkeiten Einzelner (IQ) hin zum vernetzten Arbeiten im Team (WeQ) steht. Der WeQ Space besteht aus vier speziell konzipierten Arbeitsräumen mit praktischer und beweglicher Einrichtung des Partners System 180. Hier können Gruppen von 10 bis 100 Personen mit geschulten Design-Thinking-Trainern den Prozess des Design Thinking durchlaufen. Im Sommer letzten Jahres fand sogar eine „Design Thinking Summer School“ in der Axica statt. Wer sich also in seinem Unternehmen mit der digitalen Transformation herumschlägt und dazu einmal diese Methode versuchen möchte, könnte beim nächsten Berlin-Besuch einmal in der Axica vorbeischauen. Denn vom 21. bis 24. August 2018 findet die nächste offene „Design Thinking Summer School“ mit vier verschiedenen Seminaren zu den Themen „Design Thinking“, „Im Dunkeln Denken“, „Speed Reading“ sowie „Kulturwandel in der Arbeitswelt“ statt. Dann können die Teilnehmer selbst „Machen statt Diskutieren.“  CHRISTIAN FUNK
 

www.hpi.de/school-of-design-thinking.htmlwww.axica.de

Design Thinking: HPI-Definition

Design Thinking ist eine systematische Herangehensweise an komplexe Problemstellungen aus allen Lebensbereichen. Der Ansatz geht weit über die klassischen Design-Disziplinen wie Formgebung und Gestaltung hinaus. Im Gegensatz zu vielen Herangehensweisen in Wissenschaft und Praxis, die von der technischen Lösbarkeit die Aufgabe angehen, stehen Nutzerwünsche und -bedürfnisse sowie nutzerorientiertes Erfinden im Zentrum des Prozesses. Design Thinker schauen durch die Brille des Nutzers auf das Problem und begeben sich dadurch in die Rolle des Anwenders.
Eine der Grundregeln des Design Thinking: „Machen statt Diskutieren“!

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