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DEUTSCHER VERBÄNDEKONGRESS

Raum für Diskussionen

„Vom Verband zum Innovationstreiber“ titelt der Deutsche Verbändekongress 2018 in Berlin, füllt sein Programm mit digitalen Themen wie Chats oder neuer Führung und bricht die Frontalbeschallung auf: Themen-Arenen und Ideen-Pools regen den Austausch an.

K
arl-Heinz Land ist beim Deutschen Verbändekongress nicht zu verwechseln: Der Digital Darvinist & Evangelist trägt ein rotes Jackett. Er hält am 12. März 2018 die Keynote „Die Rolle der Verbände in der ‚digitalen Revolution‘“. Den Gründer der Strategie– und Transformationsberatung „neuland“ unterscheidet noch etwas von vielen Rednern: Er spricht frei. 2006 erhielt Land den Technology Pioneer Award“ auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos und kennt die drei Grundregeln der Digitalisierung aus dem Effeff: 1. Alles, was sich digitalisieren lässt, wird auch digitalisiert. 2. Wenn es sich vernetzen lässt, wird es sich vernetzen. 3. Wenn es sich automatisieren lässt, wird es auch automatisiert. „Alles fängt an zu dematerialisieren, alles wird zu Daten“, sagt Land. Er deutet auf sein Handgelenk, in das sein Haustürschlüssel per Chip implantiert ist. Wegen Technologien wie dieser werde die Menschheit von 2014 bis 2021 den Wandel eines Jahrhunderts erleben. Diese Exponentialität gelte es zu begreifen. Land: „Verbände haben eine wichtige Rolle: Plattformen bilden, um diese Veränderung zu begleiten.“

Bei der kurzen Abstimmung im Saal des Hotel Titanic Chaussee Berlin zu der Frage „Erachten Sie die Digitalisierung als Hype, Chance oder Bedrohung?“ heben die meisten der 290 Teilnehmer ihre Hand für Chance, einer für Hype, wenige für Bedrohung. „Es ist weniger die Digitalisierung als das Tempo, das ich als Bedrohung empfinde“, spricht ein Teilnehmer vielen aus der Seele. Auf diese Furcht geht Lars Funk in der Podiumsdiskussion in Anknüpfung an die Keynote ein. „Was technisch möglich ist nicht mehr die Frage, sondern welche Technik gewünscht ist“, befindet der Bereichsleiter Beruf und Gesellschaft beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und fügt hinzu: „Wir haben ein technisches Leitbild entwickelt, um bei allem Zeitdruck nicht in Aktionismus zu verfallen“.

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Kurzweilig und informativ: Die Podiumsdiskussion „Die Rolle der Verbände in der ‚digitalen Revolution‘“.
FOTO: AGENTUR BILDSCHÖN

LEITBILD VDI

Wir sind das führende Netzwerk
- Wir sind Ingenieurinnen und Ingenieure aller Fachrichtungen in allen beruflichen Funktionen. Zu unserem Netzwerk gehören Studierende der Ingenieurwissenschaften, Akademikerinnen und Akademiker anderer Disziplinen, insbesondere der Informatik, Naturwissenschaften und Mathematik.
- Was uns verbindet, ist Faszination für Technik mit ihrem Potenzial, die Welt positiv zu verändern
- Wir arbeiten generationsübergreifend und verbinden damit Erfahrungswissen und Zukunftskonzepte. Wir schätzen und nutzen die Vielfalt unterschiedlicher Hintergründe, Standpunkte und Meinungen.
- Unsere Mitglieder finden im VDI vielfältige Anknüpfungspunkte in beruflichen und persönlichen Netzwerken – vor Ort, national und international.
- Wir bieten attraktive Angebote über alle Lebensphasen hinweg. Wir entwickeln uns als Organisation stetig weiter und haben den Mut, dabei neue Wege zu gehen.

Quelle: 
www.vdi.de/nc/ueber-uns/unser-leitbild

Die Podiumsdiskussion ist kurzweilig und informativ, lässt Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum zu und gibt viele Impulse für die 15 Schwerpunktthemen, derer sich 60 Sessions in vier Formaten annehmen: „Classics“ (längere Vorträge wie „Unternehmerische Orientierung als Schlüssel zum Verbandserfolg“), Themen-Arenen (mehrere Experten tragen neue Erkenntnisse vor, z.B. „Verband & Steuern“), Ideenpools (in Kurzvorträgen werden neue Idee vorgestellt, z.B. „Digitale Transformation des Verbandsmarketings“) und „Work-in-Progress“ (acht Teilnehmer tauschen sich mit einem Experten aus). An Vielfalt mangelt es allenfalls in der Besetzung der Sessions; am ersten Tag sprechen 17 Männer und zwei Frauen, am zweiten Tag 40 Männer und vier Frauen.

Im gut besuchten „Classics“-Vortrag „Professionalisierung im Verband – erfolgreiche Strategieentwicklung“ sitzen jene, die von Lars Funk genauer hören wollen, wie der VDI sein Leitbild entwickelt hat. Auslöser war 2014 nicht nur die Digitalisierung, sondern der neue Geschäftsführer Ralph Appel. Die drei Phasen, Leitbild entwickeln – strategische Maßnahmen – Projekte, sind schnell festgelegt, doch wie alle 150.000 Mitgliedern mitnehmen? Auf das Kick-off mit der Geschäftsführung 2015 folgen Diskussionen, World Cafés aller Orten, Sitzungen der Regionalbeiräte, die Vorstandsversammlung, Informationen an die Mitglieder und nach zwei Jahren die Zustimmung im Vorstand zum Leitbild „Wir sind das führende Netzwerk“. 12.000 bis 15.000 der Mitglieder beteiligen sich an dem Prozess. „Ich dachte zwischendurch, wir kriegen das nie zusammen“, gesteht Funk. Aus dem Leitbild ergeben sich acht Handlungsfelder zu strategischen Projekten wie Mitglieder- und Nachwuchsgewinnung.



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Ideen-Pools und Themen- Arenen sind gut besucht und lassen Raum für Fragen.
FOTO: AGENTUR BILDSCHÖN

Einen Weg mit Mitgliedern, vor allem jüngeren, in direkten Kontakt zu treten, stellt André Gorpe vor: den Chat. Der Referent für PR und Marketing, Steuerberaterverband Niedersachsen, bezieht sich auf Forrester Research: Für 44 Prozent der Besucher einer Website gehören Live-Chats zu den wichtigsten Funktionen. Die Steuerberater haben damit gute Erfahrungen gemacht. Die Chatfunktion strahle Modernität aus, der Chat ist textbasiert und leicht über CRM zu dokumentieren, schneller als jede Email und immer verfügbar – oder wenn nicht hilft der Chat-Butler: „Wir melden uns gleich, ich werde gleich meinen menschlichen Kollegen holen“. Gorpe erhält zahlreiche Wortmeldung wie „Anonyme Chats verhindern das persönliche Telefonat, damit gehen viele Information zum Mitglied verloren“.

Auch in der Themen-Arena „Führen im Verband: Wie mit Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität richtig umgehen?“ wird eifrig diskutiert. Maya Biersack, selbständige Beraterin zum Thema neue Arbeitswelt, legt dar wie Organisation und Führung an das Heute anzupassen sind. Stichworte sind: Verantwortung abgeben und Selbstorganisation. Das klingt vielen Anwesenden zu einfach: „Vorsicht, nicht jeder kommt damit klar, wenn Strukturen und Verantwortlichkeiten neu definiert werden. Ich habe den Mitarbeitern mehr Verantwortung gegeben, doch gerade die jungen Kollegen fühlten sich unter Druck und bekamen psychische Probleme“, warnt eine Zuhörerin. Ihr Nachbar fragt: „Was ist mit Mitarbeitern, die sich bewusst in feste Strukturen in Verbänden begeben, weil sie feste Strukturen suchen?“ Die Diskussion findet ihren Höhepunkt mit der Feststellung eines Zuhörers: „Ich führe meinen Verband sehr wohl wie ein Unternehmen!“ Diese Diskussion geht wie andere nach Ende der Session im Raum oder in der Kaffeepause weiter.

„DIE THEMEN WAREN TOP-AKTUELL“

Dorothea Mertmann: „Spannend fand ich die Diskussion zur Rolle von Verbänden in der digitalen Revolution.“FOTO: DIIR – DEUTSCHES INSTITUT FÜR INTERNE REVISION
Dorothea Mertmann: „Spannend fand ich die Diskussion zur Rolle von Verbänden in der digitalen Revolution.“
FOTO: DIIR – DEUTSCHES INSTITUT FÜR INTERNE REVISION
Dorothea Mertmann führt die Geschäfte des Deutschen Instituts für Interne Revision (DIIR)

tw: Warum haben Sie am Deutschen Verbändekongress teilgenommen?
Dorothea Mertmann:
Die Themen des Verbändekongresses waren top-aktuell und die Gäste und Referenten schon im Vorfeld äußerst vielversprechend. Beides hat sich auf dem Kongress bestätigt. Digitalisierung und Innovation sind Themen, die den Alltag in den Verbänden bestimmen. Der Kongress hat die aktuellen Herausforderungen aufgegriffen, und ich konnte sehr gute Impulse mit zum DIIR nehmen. Zudem waren die vielen Gespräche und die Möglichkeit des aktiven Vernetzens wie beim Speed- Networking sehr lohnend.

Welche Themen sind für Sie besonders interessant gewesen?
Die verschiedenen HR-Themen in den einzelnen Facetten, z.B. die Frage nach Potenzialentfaltung, Motivationssteigerung und Loyalitätsstärkung im Team. Ebenso die digitale Transformation in Verbänden. Spannend fand ich die Diskussion zur Rolle von Verbänden in der digitalen Revolution. Das sind die derzeitigen Top-Themen auch bei uns.

Die Deutsche Gesellschaft für Verbandsmanagement hat Ideen-Pools und Themen-Arenen eingeführt, um die Interaktion der Teilnehmer zu erhöhen. Wie finden Sie das?
Zwei sehr gelungene Formate, die mich schon beim Lesen des Programms neugierig gemacht haben. Es wird immer wichtiger, von starren Tagungsformen wegzukommen und moderne und interaktive Formate anzubieten. Das erleben auch wir als Spezialist für Kongresse und Tagungen zur Internen Revision. Fachund Führungskräfte wollen in kurzer Zeit prägnante und zielführende Informationen – am besten so aufbereitet, dass sich jeder Teilnehmer individuell bedienen kann. Der Deutsche Verbändekongress ist in dieser Hinsicht einer der modernsten Veranstaltungen, die ich in jüngster Zeit erlebt habe.

Beim Deutschen Verbändekongress haben fast nur Männer die Vorträge gehalten…
Meines Erachtens ist das eine Konsequenz der wenigen weiblichen Führungskräfte insgesamt. Das ändert sich gerade. Auch in unserer Branche. Eine internationale Studie unserer globalen Dachorganisation hat gezeigt: Frauen sind in der Internen Revision immer häufiger im Top- Management. Weibliche Stärken wie hohe soziale Intelligenz, Multitasking, Kommunikation und Zusammenarbeit seien immer stärker gefragt. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass wir diese Diskussionen bald hinter uns lassen können. 
KERSTIN WÜNSCH




Ein weiteres Beispiel ist der Ideenpool „Veranstaltungen aktiv und attraktiv“ mit Holger Preibisch. Sein Impulsvortag „Was tun, wenn die Ausschüsse sterben? Neue Ideen für spannende Events“ besticht durch die Ehrlichkeit des Hauptgeschäftsführers des Deutschen Kaffeeverbands.


„Wir waren als Verband in 2010 relativ tot, was das Veranstaltungswesen anging“, erinnert er sich. Die Teilnehmerzahlen ließen nach, die aktive Mitgliedschaft zu wünschen übrig. Preibisch: „Was nützen zwölf Ausschüsse mit 110 Teilnehmern, wenn keiner kommt? Wir haben die Ausschüsse bis auf drei platt gemacht.“ Für ihn „kein leichtes Werk“, doch der kleinste gemeinsame Nenner funktioniere heute nicht mehr. Er berichtet: „Wir haben dieselben Themen in neue Formate gegossen und neue wie zum ersten europäischen Kapselkongress aufgegriffen. Wenn die Veranstaltung spannend ist, kommen auch die Mitglieder.“ Hierfür sucht Preibisch Top-Locations, über die man spricht – beim Essen ist er geizig. Nach der Registrierung begrüßt der Hauptgeschäftsführer persönlich, jedes Mitglied wird wertgeschätzt, die Namensschilder sind groß und lesbar. Mit Erfolg: Die Zahl der Teilnehmer steigt von 110 auf über 1.200, die Zahl der Teilnehmer der Mitglieder von 130 auf 210. Der Hauptgeschäftsführer rät: 1. Seien Sie mutig im Präsidium, 2. Erwarte nichts von deinen Mitgliedern, sondern bietet ihnen viel. 3. Bewege dich im Dreieck von Information, Event, Kontakt- und Produktbörse. Für seine Entwicklung „Vom toten Ausschuss zum Europäischen Kongress – Reform des Veranstaltungsmanagements“ wird der Deutsche Kaffeeverband zum „Verband des Jahres 2018“ in der Kategorie „Reform und Management“ gekürt.

Best-Practice-Beispiele wie diese lassen Ruth Franken aus Hannover anreisen. Die Geschäftsführerin VDL Berufsverband Agrar, Ernährung, Umwelt Landesverband Niedersachsen will über ihren Tellerrand blicken und von professionell geführten Verbände lernen. „Als ehrenamtlich tätige Geschäftsführerin will ich ausloten, was wir mit unserem schmalen Haushalt an Ideen übernehmen können“. Ihre Erwartungen sieht sie mehr als erfüllt. „Manche Entwicklungen in unserem Verband kann ich jetzt besser einordnen – vor allem, was das Gefahrenpotenzial für unseren Verband angeht: Wir müssen die Kommunikation mit unseren Mitgliedern und ihre Identifikation mit dem Verband auf eine ganz neue Basis stellen.“ Aus den Ideenpools nimmt sie konkrete Ansätze für die Kommunikation mit. „Das muss ich in den nächsten Monaten ausprobieren und mit den Vorstandskollegen diskutieren.“ Die neuen, interaktiven Formate begrüßt sie.

„Die neuen Formate sind sehr gut angekommen“, berichtet Stefan Kirchner, der Kopf hinter dem neuen Konzept des Verbändekongresses bei der „businessForum“ Gesellschaft für Verbandsund Industriemarketing. „Da es kurze Informationen zu den einzelnen Themen gab, konnten wir die Themenvielfalt deutlich erhöhen, und es wurde niemandem langweilig.“ Bewährt hat sich der Umzug von Düsseldorf nach Berlin. „Viele hatten das erwartet, und das Titanic Hotel kam gut an“, bemerkt Kirchner und kündigt den 17. Deutschen Verbändekongress 2020 für Berlin an. Der größte „Umbruch“, das konnte er von seinen Gästen vernehmen, war die Abend-Location: der Festsaal Kreuzberg. „Er passt augenscheinlich nicht zur Zielgruppe, kam aber sehr, sehr gut an“, erzählt Kirchner. „Raus aus der Hotelatmosphäre fand diese einen anderen Raum für Diskussionen.“  KERSTIN WÜNSCH
 

https://verbaendekongress.de
„Der Verband ist ein Sargnagel für Innovation, wenn man sein Regelwerk und seine Strukturen sieht.“
Jörg Müller, Geschäftsführer von NeulandQuartier, auf dem Deutschen Verbändekongress 2018
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