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MESSEN IM WANDEL

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Die Messe, ein geschlossener Ort für Fachbesucher? Mitnichten. Viele Veranstaltungen erweitern ihr Konzept und tragen das Messegeschehen in die Stadt: Von „Leipzig liest“ bis zur Luminale in Frankfurt. Anknüpfungspunkte für Planer von Konferenzen.

K
ai Hattendorf besucht in seiner Eigenschaft als Managing Director des weltweiten Messeverbands UFI viele Veranstaltungen. Sehr viele. Und doch gibt es Veranstaltungen, die auch den UFICEO überraschen. Zum Beispiel das South by Southwest (SXSW) in Austin, das Festivals, Konferenzen und Ausstellungen in den Bereichen Musik, Film und neue Medien vereint. In den sozialen Medien beschreibt er seine SXSW-Eindrücke, etwa die der eigens für das Festival in die Wüste verlegten „Westworld“ (eine amerikanische Science-Fiction- Serie, in der von künstlicher Intelligenz angetriebene Roboter eines Western-Vergnügungsparks ihr eigenes Leben entwickeln). Die Veranstalter haben vier Monate gebraucht, um ein zweistündiges Erlebnis auf die Beine zu stellen, in der die Besucher selbst zu Akteuren der Show wurden. Die Mittel: Professionelle Schauspieler und 440 Seiten Skript.

Hattendorf zeigt sich als Freund von Veranstaltungen wie SXSW, TED, Vivid Sydney oder C2 Montréal, weil sie kreative Komponenten mit inspirierenden Sessions mit Blick über den Tellerrand verbinden, um Besucher aller Art anzuziehen. „Initiativen wie das ,Westworld‘-Erlebnis fesseln die Zuschauer genauso wie die Podiumsgespräche auf der Konferenz. Darüber hinaus stärken sie das Image von Face-to- Face-Events als relevante Marketingoption im digitalen Zeitalter, insbesondere weil sie auch ein jüngeres Publikum ansprechen“, erklärt Hattendorf. „Gleichzeitig sind sie eine Herausforderung an unsere Kernkompetenz als Branche – wir müssen die Art und Weise, wie wir Veranstaltungen organisieren, durchführen und unterstützen, weiterentwickeln und modernisieren.“

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Die Luminale trägt die Fachmesse Light + Building aus dem B2B-Areal der Messe in die Frankfurter Innenstadt.
FOTO: RALPH LARMANN

Ein Rollenmodell für die Messen der Zukunft? Ein Blick in die Messen der Gegenwart zeigt Ansätze, die mit einer reinen Produktpräsentation auf einer bestimmten Grundfläche nicht mehr viel gemein haben. So trägt beispielsweise die Luminale als „Festival der Lichtkultur“ die Fachmesse für Beleuchtungstechnik Light + Building aus dem geschlossenen B2B-Areal der Messe Frankfurt in die Frankfurter Innenstadt und erreicht eben viel mehr als den geneigten Fachbesucher der Messe. Während des Festivals werden Frankfurter Wahrzeichen wie der Römer, die Europäische Zentralbank und die Alte Oper in Lichtkunstwerke verwandelt, aber auch Orte wie den Ben-Gurion-Ring in ein neues Licht getaucht. Besonders der „Light Walk“ in der Frankfurter Innenstadt zieht die Besucher an.

Insgesamt 149 Projekte, Lichtinstallationen, Performances und Diskussionsrunden – in einem umfangreichen Rahmenprogramm diskutieren Fachexperten und Künstler gesellschaftliche, soziale, ökologische, technologische und künstlerische Aspekte moderner urbaner Entwicklungen – locken zwischen 18. und 23. März 2018 etwa 240.000 Besucher zu den Spielstätten. Und das trotz eisiger Temperaturen. „Die thematische Überschneidung der Light + Building mit dem Festival ist eng – Digitalisierung, Vernetzung, Sicherheit und Energieeffizienz im urbanen Raum standen sowohl im Fokus von Künstlern als auch von Ausstellern und Experten aus aller Welt“, sagt Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt. „Als Begründerin der Luminale sind wir dem Festival natürlich eng verbunden und werden weiterhin unseren Teil dazu beitragen, dass es sich erfolgreich weiterentwickelt.”

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Mit „Prowein goes city“ holt die Messe Düsseldorf die Fachmesse Prowein gemeinsam mit Destination Düsseldorf in die Innenstadt.
FOTO: PROWEIN



Die Messe Düsseldorf holt die Fachmesse Prowein jedes Jahr gemeinsam mit Destination Düsseldorf, einer Vereinigung zum Standort-Marketing, bei der Initiative „Prowein goes city“ in die Stadt. Dabei kommen Endverbraucher bei genussreichen Abendevents auf ihre Kosten, während die Messe dem Fachpublikum vorbehalten ist. „Die Vielschichtigkeit und Qualität des Angebots bei ProWein goes city stießen auf sehr positive Resonanz. Vom exquisiten Wein-Degustationsmenü über kostenfreie Winzer-Weinproben bis hin zu Bottle Partys: Hier konnte jeder ‚seine’ Veranstaltung finden“, sagt Boris Neisser von der Destination Düsseldorf. Insgesamt besuchen vom 16. bis 20. März 2018 rund 10.000 Weinliebhaber 110 Veranstaltungen bei 65 Partnern aus Hotellerie, Gastronomie und Fachhandel. Die größten Einzelveranstaltungen mit jeweils über 1.000 Gästen sind die Weinpräsentation der bestprämierten italienischen Weine („Tre Bicchieri“) im CCD Congress Center Ost und die „Big Bottle Party“ des Magazins Falstaff im „Boui Boui“ mit 150 internationalen Winzern. Während die Düsseldorfer Weinliebhaber außerhalb der Messe angesprochen werden, sind es in Nürnberg die Freunde von Bio- Lebensmitteln. Und zwar zur Messe Biofach. Unter der Überschrift „Biofach trifft Nürnberg“ organisiert der gemeinnützige Verein Bluepingu bereits zum achten Mal ein Begleitprogramm zur Weltleitmesse. 2018 zählen dazu der Malwettbewerb „Aus gutem Grund…Bio!“ für Grundschüler der vierten Klasse, ein Saatgutfestival und der Event „FAIRänderung jetzt! – Zukunftsfähig Wirtschaften, aber wie?“ Nach Impulsvorträgen von Vandana Shiva, Quantenphysikerin, Umweltschützerin, Feministin und Bürgerrechtlerin und zudem Vorstandsmitglied im Weltzukunftsrat und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, der Grünen-Politikerin Renate Künast und Prof. Dr. Markus Beckmann vom Lehrstuhl für Corporate Sustainability Management im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften FAU Erlangen Nürnberg diskutieren die Besucher diese Zukunftsfrage. Insgesamt erreicht die Biofach gemeinsam mit der Vivaness (Messe für Naturkosmetik) über 50.000 Besucher zwischen 14. und 17. Februar 2018.

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„Leipzig liest“, parallel zur Leipziger Buchmesse, ist Europas größtes Lesefest.
FOTO: LEIPZIGER BUCHMESSE

Parallel zur Leipziger Buchmesse, vom 15. bis 18. März 2018 mit 271.000 Besuchern, findet jährlich gar Europas größtes Lesefest statt. Während alleine 197.000 Bücherfreunde auf dem Leipziger Messegelände die Neuerscheinungen der 2.635 Aussteller feiern, ziehen beim Lesefest „Leipzig liest“ 3.400 Veranstaltungen das Publikum in die Stadt. Dabei präsentieren 3.600 Mitwirkende ihre aktuellen Werke an den unterschiedlichsten Orten – vom Café und Bibliothek über Museum und Bücherhandlung bis hin zu Theaterbus und Kindertagesstätte – und entführen die Besucher in fantastische, spannende oder unterhaltsame Welten ein. Zudem gibt es Stadtführungen, Konzerte, Filmvorführungen oder Diskussionen.

„In den letzten vier Tagen sind wir Büchern und Büchermachern um die ganze Welt gereist, sind Teil intensiver Begegnungen geworden und haben anregende Debatten geführt. Dabei waren wir auch politisch wie noch nie zuvor. Schon im Vorfeld wurde das Thema Meinungsfreiheit intensiv diskutiert. Die friedlichen, wenn auch lautstarken Protestaktionen waren ein Zeichen dafür“, berichtet Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, am Ende der Veranstaltung. „Das geschriebene und gesprochene Wort entfaltete seine ganze Kraft zur Leipziger Buchmesse, die sich auch in Zeiten hitziger politische Debatten und kontroversen Diskussion als Hort des friedlichen Diskurses und der Meinungsfreiheit zeigte“, bekräftigt Martin Buhl-Wagner, Geschäftsführer der Leipziger Messe.

In Hannover geht die Deutsche Messe mit der Cebit neue Wege und wirft ihr über Jahre gültiges Konzept über den Haufen. 2018 wird aus der einstmals größten IT-Messe der Welt ein Innovationsfestival, ein New-Tech-Event mit Konferenz und Networking in neuen Formaten. Das neue Cebit-Konzept gliedert sich in vier Bereiche: „d!conomy“ soll das Leitevent für die digitale Transformation in Unternehmen werden, bei „d!talk“ sollen internationale Sprecher und Visionäre „die digitale Agenda von morgen“ setzen und „d!tec“ soll Entscheider, Kreative und disruptive Technologien zusammenführen. Das Herz der Veranstaltung schlägt auf dem „d!Campus“ in der Mitte des Messegeländes in Hannover. Das Programm mit Livemusik, DJs, digitalen Inszenierungen und Essen und Trinken in Lounge- Atmosphäre bietet für Hannover einen neuen Anziehungspunkt. Jan Delay, Digitalism und die Giant Rooks gehören beispielsweise zu den Bands, die bereits verpflichtet wurden.



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Unter der Überschrift „Biofach trifft Nürnberg“ gibt es ein Begleitprogramm zur Weltleitmesse.
FOTO: BIOFACH

Und wenn am 11. Juni 2018 auf dem Messegelände in Hannover die neue Cebit startet, wird die ganze Stadt zur Cebit-City. „Zusammen mit vielen Partnern werden wir die Stimmung, die Atmosphäre und die Themen der Cebit mitten in die Stadt tragen“, sagt Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG. „Wir haben die unterschiedlichen Akteure an einem Tisch versammelt und in vielen kreativen Gesprächen entwickelt, was wir gemeinsam für die Hannoveraner auf die Beine stellen wollen“, erklärt Frese. „Gemeinsam ist ein Programm mit Hannover, für Hannover und insbesondere auch in Hannover entstanden.“

So sei das Programm auf dem d!campus im Herzen des neuen Messegeländes auch mit Blick auf Hannover gestaltet worden. „Mit dem Abendticket für die Cebit und einem starken, abwechslungsreichen und überraschenden Programm öffnen wir die Cebit für viele neue Besuchergruppen – insbesondere für digital interessierte Besucher aus Stadt und Region Hannover“ so Frese. Das Ticket gilt ab 17 Uhr. Am Abend können die Besucher dann rund um das Expo-Holzdach feiern.

Die Cebit soll aber auch in der Innenstadt unübersehbar werden. Zusammen mit der City-Gemeinschaft wird am Wochenende vor der Messe das „Digital Street Cafe“ am Kröpcke eröffnet. Dort können Besucher in der Veranstaltungswoche auf Bildschirmen das Bühnenprogramm auf dem Messegelände verfolgen. Zudem werden aktuelle Themen der Digitalisierung mit konkretem Blick auf Hannover beim täglichen „HAZ-Talk zur Cebit“ aufgegriffen. City- Gemeinschaft und Deutsche Messe loben zur Cebit auch den Schaufenster-Wettbewerb „Digital Window“ für den Handel in der Innenstadt aus. Oberbürgermeister Stefan Schostok: „Die Landeshauptstadt sieht in der engeren Zusammenarbeit eine große Chance, von der wir alle nur profitieren können. Wir zeigen daher gern Flagge und bringen uns ganz praktisch in das Geschehen ein.“ Ob das Kai Hattendorf wohl überrascht? CHRISTIAN FUNK
 

www.sxsw.comwww.ufi.orgwww.luminale-frankfurt.dewww.leipziger-buchmesse.dewww.biofach.dewww.prowein.dewww.cebit.de
„Als Begründerin der Luminale sind wir dem Festival natürlich eng verbunden.“
Wolfgang Marzin, Messe Frankfurt
„Wir waren politisch wie noch nie zuvor.“
Oliver Zille,
Leipziger Buchmesse
„Wir tragen die Themen der Cebit mitten in die Stadt.“
Oliver Frese, Deutsche Messe
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