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CSR UND KONGRESSZENTREN

„300 Worte Deutsch und Spaß anzupacken!“

Gelebte CSR in Kongresszentren bedeutet für Joachim König wirtschaftlichen Nutzen. Im tw-Interview fordert der EVVC-Präsident, Geflüchtete mit einfachen Mitteln für Hilfsjobs fit zu machen, von den Behörden allgemein mehr pragmatisches Vorgehen.

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ie Flüchtlingskrise stellt die Kommunen und öffentliche Betriebe bis heute vor große soziale Herausforderungen. Das 
Hannover Congress Centrum
 könnte nun den bestens integrierten, aus der Elfenbeinküste vor dem Bürgerkrieg geflohenen Moustapha Sanogo verlieren. Der in der Setup-Crew beschäftigte 35-Jährige droht ausgewiesen zu werden (siehe Bericht ab Seite 92), weil er auf seiner Flucht zuerst im EU-Land Bulgarien registriert wurde. Dem begegnet Joachim König mit Unverständnis. Gesetze und Behörden haben den Interessen der Bürger zu dienen, nicht umgekehrt, findet er.

tw: Seit Flüchtlinge aus den Krisengebieten in großer Zahl in Deutschland angekommen sind, stellt sich die Frage nach Integration und Teilhabe auch in Hannover. Gelingt es Ihnen, geflüchtete Menschen als Arbeitskräfte zu gewinnen, und welche Hindernisse stehen dem entgegen?
Joachim König:
Es macht sehr großen Sinn, diese Menschen nicht jeden Tag in Zeltstädten auf eine Zeltwand starren zu lassen, weil wir dann selbst die Terroristen der Zukunft züchten. Wer monatelang sinnlos ohne Aufgabe den Tag verbringen muss, kann, wenn es unglücklich läuft, auch in eine solche Richtung abdriften. Es ist eine zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft zu verhindern, dass es dazu kommt. Gleichzeitig suchen wir aber händeringend Personal für nachgeordnete Tätigkeiten. Wir finden demographisch und gesellschaftlich bedingt überhaupt keine Leute mehr, die diese Jobs stundenweise oder auf Basis von Minijobs machen wollen. Wenn wir weiterhin Geld verdienen wollen, brauchen wir Manschen, die diese Jobs machen wollen. Ich frage mich: Warum hat diese Win-win-Situation nicht bereits zu einer viel größeren Dynamik geführt? Warum bewegt sich die Politik nicht viel schneller? Als ob sich die Probleme nach den Verwaltungsabläufen und -strukturen richten würden. 

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Konzentration auf den praktischen Nutzen von Integration für Arbeitgeber und Geflüchtete fordert Joachim König von den Behörden.
FOTO: IBTM WORLD/RTE

Das tun sie nicht! Das sehen wir gerade bei Moustapha Sanogo, der voll integriert ist, jetzt aber Gefahr läuft, ausgewiesen zu werden. Er hat hervorragende Deutschkenntnisse, ist voll im Team angekommen, ist sozial vernetzt. Er ist einer der Flüchtlinge, die über Bulgarien nach Deutschland kamen. Wir weisen eventuell jemanden, der als Vorzeigebeispiel für die Integration von Geflüchteten gelten könnte, aus Deutschland aus. Und zwar, weil ihm dummerweise an der falschen Seite Europas die Flucht gelungen ist. Das ist doch nicht nachvollziehbar! Mir braucht auch keiner die juristischen Gründe dafür darzulegen, die mir im Innenministerium genannt werden, wenn ich dort nachfrage. Da bekomme ich einen anderthalbstündigen Vortrag über die geltende Gesetzeslage, und dann sage ich: Ist die Gesetzeslage denn ein Naturgesetz? Ändert dann doch bitte die Gesetze in einer Weise, dass sie in einem praktischen Sinne funktionieren und unserem Bedarf an Arbeitskräften und unseren Vorstellungen von Integration entgegenkommen. Es gibt ja eine generelle Einigkeit über diese Themen, scheint mir, der Handlungsbedarf diesbezüglich wird von allen Seiten anerkannt.

Ändert alles, was der Tatsache im Wege steht, dass diejenigen die wollen, das bekommen, was ihnen zustehen sollte: Maximale Förderung, maximale Integration, damit wir sie in unsere Gesellschaft aufnehmen, damit aus ihnen Einzahler in unsere Sozialkassen werden und keine Empfänger von Transferleistungen. Nur so kann es vernünftig weitergehen. Und da soll mir bitte keiner erzählen, welche Bestimmungen im Weg stehen. Wir kommen nicht mit Bürokratie um der Bürokratie willen weiter, sondern nur mit praktischen Lösungen!



Was vermissen Sie, was muss besser werden, um Geflüchtete ohne Deutschkenntnisse zu beschäftigen?
In unserer Branche muss es für Aushilfen ohnehin Schulungen geben, zu Sicherheit und Hygiene etwa, auch für deutschsprachige Studenten zum Beispiel. Da sowieso permanenter Schulungsbedarf herrscht, müssen wir es schaffen, auch geflüchteten Menschen etwa in sechs Wochen einfach die dreihundert Worte Deutsch beizubringen, die sie für ihre tägliche Arbeit wirklich brauchen. Warum organisieren wir hierzulande behördlich aber nur Deutsch-Kurse, die so tun, als würden die Teilnehmer anschließend im Goethe-Institut arbeiten? Das macht die Politik im Augenblick. Es werden unglaublich viele Maßnahmen auf die Beine gestellt, die Sprachkompetenz mit einem Ziel definieren, das nie erreicht werden kann, das den Tätigkeiten, die infrage kommen für die Zielgruppe, überhaupt nicht angemessen ist.

Bei den nachgeordneten Hilfsarbeiten, die man ehrlich auch so nennen sollte, könnte unglaublich viel mehr passieren, weil an vielen Stellen im ganzen Dienstleistungsbereich ungeheurer Bedarf ist, zum Beispiel bei Reinigung, Aufbau, Abbau, Setup, Stagehands und Gastronomie. Hier haben wir einen War for Talents, allerdings nicht für Angestellte mit intellektuellem Hintergrund, sondern mit Spaß daran anzupacken, dabei sein zu wollen, stabil genug zu sein, um den körperlichen Anforderungen standzuhalten. Die müssen nur arbeiten wollen und brauchen 300 Worte Deutsch, mehr Anforderungen gibt es hier gar nicht. Der Rest passiert bei der täglichen Arbeit im Betrieb! Das ist unser Ziel.  
INTERVIEW: FRANK WEWODA
 

„Deutsch-Kurse, als würden die Teilnehmer anschließend im Goethe-Institut arbeiten.“
Joachim König,
EVVC-Präsident

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